rum-schieben

Reisen ist nicht nur wunderbar um viele neue Orte und Städte zu erkunden, sondern die Zeit die man mit Warten auf verschiedene Verkehrmittel aufwendet, kann auch gleich dazu genutzt werden, seine Mitmenschen zu beobachten.

So saß ich also am Flughafen müde auf meinem Gepäck und wartete bis mein Check-In-Schalter öffnet, als mir eine zwischenmenschliche Geste besonders auffällig und negativ ins Auge stach – Männer die ihre Frauen in die richtige Richtung schieben. Die Sache sieht ungefähr so aus: Mann und Frau gehen nebeneinander, soblad sich aber ein Richtungswechsel abzeichnet legt der Mann „sachte“, aber doch mit Druck, die Hand auf den Rücken der Frau und verleiht der eingeschlagenen Richtung mit einem leichten Schieben Ausdruck. Die Geste ist zwar nicht wirklich aggressiv und ist dem Handelnden in dem Moment sicher nicht immer bewusst aber trotzdem passiert sie.Und trotzdem zeigt sie wie die Rollen so verteilt sind.
Diese Geste findet sich nämlich außerhalb der Heterobeziehung noch bei Eltern die mit ihren kleinen Kindern unterwegs sind. Im Gegensatz zum diesen bräuchte die Frau diese „Hilfe“ aber gar nicht. Weder am Flughafen, noch auf der Straße, wo besorgte Liebende ihre Angebetete gerne von Autos wegschieben, die diejenige auch ohne ihr zutun nicht im geringsten gestreift hätten.
Der Mann ist also als Beschützer überall vor Ort (ob bewusst oder unbewusst) und weiß dank ausführlichem Studium des Heldentum wie er im Beisein seiner Liebsten zu handeln hat. Immerhin könnte die wehrlose Frau ja im Dschungel des internationalen Luftverkehrs verloren gehen. Von den vielen gefährlichen „unbeaufsichtigten Gepäckstücken“ will ich gar nicht erst anfangen. Wie gut, dass der Mann genau auf diese Situation vor tausenden von Jahren durch andauerndes Jagen von Mammuts evolutionär bestens ausgestattet ist. (Haha ,Achtung Ironie)

Hier zeigt sich also, dass dieses Beschützertum nur ein weiteres antrainiertes Klischee ist, dessen wir uns gut und gerne entledigen können, wenn wir wirklich gleichberechtig auf das falsche Gate zusteuern wollen.


12 Antworten auf “rum-schieben”


  1. 1 Liz 21. Mai 2011 um 10:22 Uhr

    Sorry aber das hat (meiner meinung nach) nicht wirklich was mit mann oder frau sein und rollenverteilung und machtgehabe zu tun. ich (frau) habe auch schon bemerkt, dass wenn ich zB mit freunden unterwegs bin und weiß wir haben es super eilig und meine freunde wollen aber trotzdem lieber hier noch mal und dort noch mal stehen bleiben, dann ist es schon vorgekommen, dass ich meine freunde sachte „geschoben“ habe. das meine ich dann auch nicht bösartig oder will meine macht präsentieren! es geht einfach darum, dass wir spät dran sind und ich freunde habe, denen es egal ist zu spät zu kommen. es gibt auch erwachsene menschen, die genau wie kleine kinder alle 10 meter stehen bleiben, weil sie irgendwas gesehen haben, das genauer inspiziert werden muss.

  2. 2 Lucie 21. Mai 2011 um 12:07 Uhr

    Diese Beobachtung hab ich auch schon oft gemacht! Noch schlimmer finde ich, wenn die Hand nicht an den Rücken, sondern in den Nacken gelegt wird. Es wirkt dann immer so, als wäre es auch irgendwie zärtlich gemeint, hat aber etwas unverhohlen besitzergreifendes und „steuerndes“ (und erinnert mich an junge Hunde, die im Nacken gefasst und herumgetragen werden).

  3. 3 schorsch 21. Mai 2011 um 18:13 Uhr

    Spannend! Ich finde, dass sich grade in so Detailbeobachtungen beinah mehr zeigt als in verschiedenen wissenschaftlichen Großuntersuchungen. Grade in dieser Alltagsmikrologie wird sexistische Herrschaft reproduziert – eben weil sie so unverdächtig erscheint. Leider denken viele oft, diese Alltagsphänomene seien irgendwie subjektive Einbildung und nicht zum Gegenstand reflektierter kritischer Beobachtung qualifiziert. Ich finde man müsste sich solchen Phänomenen noch noch viel öfter, ja vielleicht systematisch widmen.

  4. 4 kim 21. Mai 2011 um 22:50 Uhr

    Schorsch, das mit dem systematisch widmen haben übrigens schon Leute gemacht. Ich kann da Bücher von Gitta Mühlen Achs empfehlen, die geschlechtsspezifische Körpersprache und Darstellung und Performance von Geschlecht untersucht und dazu Bücher veröffentlicht hat.

  5. 5 schorsch 22. Mai 2011 um 10:32 Uhr

    Danke für den Hinweis, kim, das klingt interessant. Was ich zu dem Thema kenne hat grade die Spezifik die in Gesten usw. steckt immer recht schnell übergangen, das scheint bei ihr ja anders.

  6. 6 »Paula« 22. Mai 2011 um 12:56 Uhr

    Sicherlich trifft dieser Aspekt oft zu, aber ich schiebe meinen Freund genauso oft irgendwo hin wie er mich und halte ihm am Arm fest, wenn ich sehe, wie ein Auto kommt und er es (in meinen AUgen) nicht registriert. Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass dies nur und immer mit Beschützerinstinkt zu tun hat, sondern zusätzlich auch mit einer Mischung aus Dominanzverhalten, Rechthaberei und Ungeduld.

  7. 7 Tuttle 23. Mai 2011 um 14:57 Uhr

    Ich mag dieses Geschiebe nicht und mache es auch nicht. Ich bekam deshalb aber schon mal eine Beschwerde von meiner Ex-Freundin (also weil ich es nicht gemacht habe), weil sie sich ohne in Menschenmengen nicht sicher fühlte.

  8. 8 Luna 23. Mai 2011 um 16:06 Uhr

    Ja, manchmal ziehe ich Mitmenschen von der Gehsteigkante auch weg, wenn reele Chancen bestehen, dass diese überfahren werden. Ist das wirklich soo schlimm?

    Aber interessante Beobachtung.

  9. 9 mensch im mohn 24. Mai 2011 um 17:06 Uhr

    > Im Gegensatz [zu kleinen Kindern] bräuchte die Frau diese „Hilfe“ aber gar nicht.

    Bitte nicht die Dominanzverhältnisse gegeneinander ausspielen. Dieses Schiebeverhalten ist auch gegenüber anderen diskriminierten Gruppen (zum Beispiel Kindern) fragwürdig.

  10. 10 abc 25. Mai 2011 um 12:04 Uhr

    die hand auf dem nacken kenne ich und ich hasse es und fühlte mich immer bescheuert, wenn das mein freund gemacht hat und deshalb die hand abgeschüttelt. ich finde es gut das mal jemand drüber schreibt.

  11. 11 Marcie 25. Mai 2011 um 14:42 Uhr

    Wer hat die Kofferkarren geschoben und welche tieferen Schlüsse zieht Ihr daraus?

  12. 12 petr 28. Mai 2011 um 20:48 Uhr

    @Kim(und natürloich @all, ist ja öffentlich):
    -Die in den Büchern als Genderspezifische Gesten deklarierten Gesten haben wenig mit der Realität zutun.
    --Mimik und Gestik sind individuell… Im Zeitraum vor der Pubertät sind dabei Erziehungsstile, also eventuell auch Geschlecht des Kindes, verantwortlich für die Gesten des Kindes. Im fortgeschrittenem Alter ist jedoch jeder Mensch in der Lage sein Handeln zu reflektieren und jeglicher Geschlechts-Zusammenhang geht verloren.
    @mensch im Mohn():
    -Ein fürsorgliches Verhalten von Eltern gegenüber Kindern ist zwar in Bezug auf die Individualisierung des Kindes zu hinterfragen, vor der Pubertät ist sie jedoch gerechtfertigt und ist lediglich Ausdruck der Zuneigung von Eltern zu Kindern. Nach der Pubertät ist der Jugendliche in der Lage einen Eingriff in sein Handeln zu regulieren.
    @Artikel selbst:
    -Die ganze Sache wird im Artikel doch sehr verallgemeinert betrachtet. So ist zu unterscheiden, ob dieses Schieben dazu dient, wie bereits von Liz beschrieben, jemanden an eine Verpflichtung zu erinnern, ob es Teil eines gespielten Dominanz-Verhältnisses ist oder ob es dazu dient den Willen einer Person zu beugen.
    -Die Beobachtung von Tuttle ist durchaus berechtigt
    -Die Wahrnehmung dieses Verhaltens ausschließlich bei Männern ist eine Fehl-Wahrnehmung. Ich selbst (männlich) lasse mich sehr gerne hin und her schieben und nach hi und da ziehen. Ich denke aus Eigenerfahrung, dass dieses Verhalten meist in beidseitigem EInverständniss ist und von Gruppe zu Gruppe differenziert. Ich selbst (tagtraumgeschädigt) würde mich in Menschenmengen in manchen Momenten ohne ziehende Person nicht zurechtfinden.

    @Thema: Hier kam mal was von „Schieben im Straßenverkehr“…
    …dieses Verhalten ist lediglich durch die Zuneigung zum anderen Teil der Gruppe bedingt und ist bei allen Geschlechtern und Orientierungen vorzufinden.

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