Gentrifizierung und Sexarbeit

Das Thema „Recht auf Stadt“ hat in den letzten Jahren insbesondere in Hamburg eine große Verbreitung erfahren, zahlreiche Initiativen – von bedrohten Kleingärten bis zum besetzen Haus – versammeln sich unter diesem Slogan, um sich bestimmten Stadtentwicklungsprozessen, die oft mit Vertreibungen einhergehen, entgegen zu setzen. Geschlechterfragen waren in diesem Zusammenhang bisher kaum Thema, so sind denn auch die Schnittstellen feministischer Politik mit Gentrifizierungskritik bisher kaum sichtbar. Das soll sich jetzt ändern: Unter dem Slogan „Recht auf Straße – gegen Repression und Kriminalisierung in St. Georg“ rufen die Gruppen purl & diss_ zu einer Kundgebung am Samstag, dem 9. Juli auf, die die Forderungen nach der Abschaffung von Sperr- und Gefahrengebieten, nach gesichertem Aufenthaltsstatus und Entkriminalisierung von Sexarbeit und Drogen mit dem Aufruf zur Dekonstruktion von Geschlechterverhältnissen verbinden will.

recht auf straße

Hintergrund ist, dass sich in dem Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg, das quasi traditionell ein Ort der Prostitution ist, eine Koalition aus Anlieger_innen und Politik gebildet hat, die die Sexarbeit aus dem Viertel vertreiben möchte, um stattdessen eine so genannte Aufwertung des Stadtteils voranzutreiben.

Teils organisiert in Stadtteilinitiativen, wird nun von Anwohner_innen eine Hetzkampagne gegen die Sexarbeiter_innen angetrieben, um den „Strich“ nach Rothenburgsort zu verlagern. Gleichzeitig wird von exekutiver Seite die Sperrgebietsverordnung in St. Georg konsequenter durchgesetzt, was sich unter anderem an der eklatanten Erhöhung der Bußgelder für Sexarbeiter_innen zeigt.

Zwar ist Prostitution generell als legale Dienstleistung anerkannt, doch eben nicht für alle und überall. Gerade in St. Georg erschweren bzw. verbieten diese „Sperrgebietsverordnung“ und die Einrichtung eines so genannten „Gefahrengebiets“ die Ausübung von Sexarbeit. Illegalisierung aufgrund von Aufenthaltsstatus und Kriminalisierung aufgrund von Drogenkonsum verschärfen die Situation für die Betroffenen noch weiter: „Durch die Kriminalisierung aufgrund der gegenwärtigen Gesetzeslage bedeutet Vertreibung für die Sexarbeiter_innen jedoch auch Inhaftierung und Abschiebung.“

Dagegen setzen die Autor_innen des Aufrufs ein „Recht auf Stadt bedeutet auch ein Recht auf Straße!“ und möchten einen breiten „Widerstand formieren, der diese Verhältnisse angreift und sich gegen Repression und Kriminalisierung stellt.“

Die Gegner der Prostitution in St. Georg argumentieren, dass diese nicht freiwillig verrichtet werde. An der entsprechenden Argumentation der so genannten“Hansaplatz-Initiative“ kritisieren purl & diss_ , dass davon auszugehen, dass alle Migrant_innen in der Sexarbeit per se Opfer von Menschenhandel seien, genauso diskriminierend sei wie es beschönigend sei, immer von einer frei gewählten Beschäftigung auszugehen. Dem entgegnen sie:

Sexarbeit ist demnach als Arbeit anzuerkennen, die aufgrund unterschiedlichster Motive oder eben auch Zwangslagen – jenseits von Menschenhandel – ergriffen wird. Wer die Frage nach der Freiwilligkeit von Sexarbeit aufwirft, muss sich aber auch der Frage nach einer Freiheit der Wahl bezüglich der Lohnarbeit im kapitalistischen System widmen. Jenseits der vermeintlich „freien Berufswahl“ steht Lohnarbeit an sich überhaupt nicht zur Diskussion. Es entsteht ein gesellschaftlicher Zwang, welcher Lebensentwürfe jenseits von Lohnarbeit unmöglich macht.
Entscheiden sich nun Menschen für Sexarbeit als Erwerbstätigkeit – analog zum Zwang zur Lohnarbeit –, wird trotzdem ihre subjektive Handlungsfähigkeit als Lohnarbeiter_innen in Frage gestellt und ihnen als Sexarbeiter_innen per Definition die Rolle des Opfers zugeschrieben. Dies entzieht den Betroffenen die Macht über die eigene Definition und reproduziert das zugeschriebene passive Rollenbild. Die Sexarbeiter_innen sind NICHT per se Opfer, sondern in ihrer spezifischen Arbeitssituation lediglich vulnerabler als andere.

Der Aufruf bezieht sich außerdem auf bisherige innerfeministische Diskussionen:

In feministischen Debatten hierüber kommt es immer wieder zu Diskussionen, die sich um die Frage der Reproduktion von geschlechtlichen Machtverhältnissen in der Sexarbeit drehen. Dem Konzept der Sexarbeit liegt die Wirkmächtigkeit der Geschlechterverhältnisse zugrunde, in welchen sich in Reproduktion bestimmter Machtstrukturen eine Nachfrage entwickelt. Hier wird sichtbar, dass eine Kritik nicht an Sexarbeit selbst anzusetzen ist, sondern in dem gesellschaftlichen Verhältnis, aus welcher sie ent- und besteht.

So kommen sie zu dem Schluss, dass sich solidarisch auf die Sexarbeiter_innen bezogen und gegen die fortwährende Stigmatisierung gekämpft werden muss, um sie in ihrer Handlungsfähigkeit gegen Ausbeutung und Abhängigkeit zu unterstützen. Die Kundgebung am 9. Juli ist der erste Schritt in diese Richtung.

Der gesamte Aufruf (aus dem auch alle Zitate hier entnommen wurden) ist sehr lesenswert und kann online gelesen oder als layoutetes Flugblatt heruntergeladen werden.


12 Antworten auf “Gentrifizierung und Sexarbeit”


  1. 1 leonie 03. Juli 2011 um 10:40 Uhr
  2. 2 linda 03. Juli 2011 um 12:46 Uhr

    kleiner Fehler im vorletzten Absatz?
    „Die Kundgebung am 9. Juni ist der erste Schritt in diese Richtung.“
    Auf dem Flyer steht 9.Juli, oder?

  3. 3 Steffi 03. Juli 2011 um 13:21 Uhr

    Feindliteratur…

    Manchmal ist’s ganz hilfreich, auch die Gegenseite zu verstehen: Hab hier ’ne ziemlich wirre Diskussion gefunden – wahrscheinlich Leutem die nicht mal englische Muttersprachler sind.

    Inhalte: Geschlechtskrankheiten, Vergewaltigung,Menschenhandel … Ist schon lesenswert!

    :-?

  4. 4 pia 03. Juli 2011 um 15:14 Uhr

    danke linda, ist korrigiert!

    Steffi, ich verstehe nicht ganz, worauf du mit deinem link hinaus willst.

    und danke leonie für die ergänzung!

  5. 5 NoKa 04. Juli 2011 um 1:20 Uhr

    auch in Dortmund wurde der strassenstrich vor ca. einem monat geschlossen: http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/Sperrbezirk-in-Dortmund-ausgeweitet-Strassenstrich-wird-geschlossen-id4612422.html

    anscheinend wird auch in recklinghausen darüber nachgedacht: http://www.derwesten.de/staedte/recklinghausen/Sperrbezirk-gewuenscht-id4827372.html

    das scheint eine breitere bewegung zu sein… ich dachte zuerst an ein scheeball phänomen innerhalb des ruhrgebietes, aber auf hamburg und wien kann das wohl nicht zutreffen.

  6. 6 Keylogger 04. Juli 2011 um 5:47 Uhr

    Wenn Strassen-Striche oder Bordelle geschlossen werden, dann werden neuerdings Escortservice-Agenturen oder FKK-Erotik-Oasen entstehen/gegründet und die Mädels zu höheren Preisen nur für die gutbetuchte Kundschaft anbieten!
    Diese Entwicklung sieht man auch in U.S.A. und auch in Europa immer weiter voranschreiten!
    Zum Teil ist es schon Realität in Großstädten wie Frankfurt am Main.

  7. 7 Männlich 05. Juli 2011 um 5:19 Uhr

    Kann mir mal jmd. bitte erklären, was an dem Ganzen feministisch oder antisexistisch ist? (also an dieser Forderung, s. vorletzter Abschnitt dieses Comments)

    diesen abschnitt fand ich ja schon ganz gut:

    An der entsprechenden Argumentation der so genannten “Hansaplatz-Initiative“ kritisieren purl & diss_ ,
    (…)
    sind NICHT per se Opfer, sondern in ihrer spezifischen Arbeitssituation lediglich vulnerabler als andere.

    (also stimme ihm zu)

    Aber: hier geht es lediglich um die Forderung: „Lasst uns unseren Körper verkaufen“ (Wenn auch nicht so formuliert), und einer solchen Forderung kann ich mich einfach nicht anschließen. nicht dass ich dafür wäre was da geschieht, aber mich auf die andere (Forderungs-) Seite stellen kann ich einfach nicht.

    Btw: mir sind jetzt während des Schreibens des letztens Abatzes (über denselben) Zweifel gekommen, trotzdem lass ich das mal hier so stehn.

  8. 8 Virginia Craven 10. Juli 2011 um 12:30 Uhr

    Finde ich super, dass ihr den Slogan „Recht auf Strasse“ aufgegriffen habt. Das „Recht auf Stadt“ definiert sich von den Rändern her, da wo das Recht z.B. seinen Lebensunterhalt zu verdienen, von den Kräften in Frage gestellt wird, die mit Geld, Eigentum oder anderen gesellschaftlichen Privilegien Dominanz über den städtischen Raum ausüben.

  9. 9 Sexarbeiterinnen-Protest 09. August 2014 um 8:59 Uhr

    Wir möchten die Gelegenheit hier nutzen, um auf die Artikel von

    - Einige protestierende Sexarbeiterinnen „Protestierende Sexarbeiterinnen ausgesperrt – Arbeitskampf bei einem großen deutschsprachigen Portal für sexuelle Dienstleistungen“

    bei labournet (von Dienstag):

    http://www.labournet.de/branchen/dienstleistungen/sex/protestierende-sexarbeiterinnen-ausgesperrt-arbeitskampf-bei-einem-grosen-deutschsprachigen-portal-fur-sexuelle-dienstleistungen/

    und

    - Paula Pervers „Mit harten Bandagen: Kaufmich.com holzt gegen Sexarbeiterinn“

    bei indymedia Schweiz (von Freitag):

    http://ch.indymedia.org/de/2014/08/92996.shtml

    hinzuweisen.

    {{ Interner Hinweis @ Redaktion:

    Leider haben wir auf unsere beiden Nachrichten [Artikel-Angebot] von Dienstag und Donnerstag, die wir über euer Kontaktformular schickten, keine Antwort erhalten.

    Kamen die Nachrichten an? Oder wurden die von irgendeinem [Spam]-Filter oder so aussortiert?

    Falls ihr unseren Text nicht veröffentlicht mögt, würden uns auch freuen, wenn wir selbst einen Artikel mit eigenen Gedanken zur Problematik schreiben würdet. }}

  10. 10 dodo 13. August 2014 um 18:13 Uhr

    Hallo liebe Sexarbeiter_innen;
    wegen Wetter und Faulheit hat wohl einfach niemand in der Moderationsschleife/dem Mailverteiler geschaut.
    Einfach Geduld.
    Sorry

  1. 1 blog von Kersten Artus, MdHB Trackback am 05. Juli 2011 um 8:43 Uhr
  2. 2 Städtische Aufwertungspolitiken und Sexarbeit « from town to town Pingback am 05. Juli 2011 um 23:10 Uhr

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