Archiv für September 2011

„Look good in all you do“

Der obige Titel findet sich seit einiger Zeit als Überschrift zu einem Foto der Werbekampagne eines Friseur_innensalons in Canada. Auf dem Bild ist eine „perfekt“ frisierte und gekleidete Frau zu sehen (wobei perfekt, als den heteronormativen Vorstellungen folgend gemeint ist). Doch eins stört: unsere schöne weiße ZisFrau hat ein blaues Auge. Hinter ihr steht ihr Mann in patriarchaler Pose. Wir befinden uns offensichtlich in einer Szenerie häuslicher Gewalt. Doch wen stört dass solange Frau „schön“ ist? Wen interessieren die Schläge und Erniedrigungen, solange die Frisur sitzt? Der Glamour hält Einzug in den Kontext gewalttätiger Beziehungen. Statt sich gegen Gewalt zu wehren, sollte Frau von heute lieber den schönen Schein wahren. Würde erhält Frau durch Styling, nicht durch Selbstbestimmung. Die Fotografin Sarah Cameron sieht ihr Bild als einen Akt der Kunst, der Grenzen verschiebt. Die Frage ist in welche Richtung? Aus einem kapitalistischen Blickwinkel betrachtet hat sie ein Ziel erreicht: Der Friseur_innensalon ist in aller Munde.
Einige Stimmen in Kanada verstehen die Aufregung von feministischer Seite nicht. Es könnte genauso gut das Bild einer Aufklärungskampagne sein, sagen sie. Nur dann wäre die Message eine andere. Vielleicht, dass auch eine vermeintlich „perfekte“ Frau mit einem genauso „perfekten“ Leben das Opfer häuslicher Gewalt werden kann und es wichtig ist Augen und Ohren diesbezüglich offen zu halten.

Look good in all you do

Das scheue Reh und der böse Wolf

Dass Kleinkinder-Kleidung je billiger desto gegenderter ist, finde ich zwar schlimm, aber ist nun leider auch nichts Neues. Lidl setzt in seinem neuem Wochen-Angebot „Kitz & Wolf“ jedoch neue Maßstäbe in Sachen subtiler Rollenzuweisung: Nicht mehr nur das klassische Pink-vs.-Blau-Schema, gerne angereichert durch Prinzessinnen und Autos, markiert hier das Geschlecht der Kinder, sondern es ist das scheue, niedliche, beschützenswerte (Reh-)Kitz, das ausnahmslos auf den für „Mädchen“ ausgewiesenen Kleidungsstücken prangt und der böse, angsteinflößende und draufgängerische Wolf „für Jungen“.

Die Text-Aufdrucke lösen zumindest bei mir weiteres Kopfkino in Sachen Doing Gender aus: „I love nature“ sagt das „Mädchen“-Shirt – die „Frau“ ist eben Natur (im Gegensatz zur Kultur des „Mannes“). Auf den „Jungen“-Hemden heißt es neben „Big Wolf“ oder „Super Wolf“ in einer Sprechblase „Hey, how are YOU?“ – schließlich wird von den „Jungs“ ja später auch erwartet, dass sie das „Anbaggern“ übernehmen.
Abgesehen davon, dass das Tierreich ja durchaus auch männliche Rehkitze und weibliche Wölfe kennt, rege ich mich über diesen Fall deshalb so auf, weil hier mit so scheinbar „neutralen“ Tierbildern Geschlecht gemacht wird, und einem als aggressiv und aktiv geltenden Tier ein als verletzlich und passiv geltendes gegenüber gestellt wird. Der Wolf jagt das Rehkitz, Opfer und Täter, ganz natürlich, oder?

Umfrage zur Mädchenblog-Nutzung

Eure Meinung ist gefragt: Laura Gruber von der Uni Salzburg führt eine kleine Befragung im Rahmen eines Forschungsprojektes zu feministischen Öffentlichkeiten im Internet durch und möchte dafür Antworten u.a. von euch, den Leser_innen des Mädchenblogs. Hier könnt ihr teilnehmen und eure Erfahrungen und Wünsche bezüglich der Nutzung unseres Blogs loswerden. Da wir die Ergebnisse auch bekommen werden, könnt ihr die Umfrage auch als anonymen Feedback-Kanal dem Mädchenblog selbst gegenüber nutzen!

Call for Abstracts

Das Hamburger Zentrum Genderwissen sucht Beiträge zu „Bin ich schön? Schönheit / Körper / Werbung / Medien“. Band 4 ihrer Reihe erscheint im Frühjahr 2012: Call for Abstracts

Dienen und Versorgen

,,Die Magd hat keinen Namen“ Über bezahlte und unbezahlte gesellschaftliche Arbeit hier

Rezensiert: „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule’“

Buchcover: Karriere eines konstruierten Gegensatzes

Der Band „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule’“ wendet sich den, seit dem 11. September 2001, verschärften Debatten in der Bundesrepublik Deutschland um „den Islam“ zu. Häufig wird hierbei die Emanzipation von Schwulen als die Nagelprobe für „den Islam“ angeführt, Muslim_innen – und allgemein Migrant_innen und Menschen mit Migrationshintergrund – wird unterstellt homophober als der Rest der Bevölkerung in der BRD und als „der Westen“ zu sein. Für „Schwule“ könnte im Titel des Buches auch „Frauen“ eingesetzt sein. Denn während sich die mehrheitsdeutschen Frauen zunehmend als individuell und vielfältig, queer-, femninistisch, popfeministisch oder antifeministisch erkannt wissen wollen und sich viele Debatten um diese Verortungen drehen, bleibt diejenige Frau, die als „Migrantin“ und insbesondere „Muslimin“ angesehen wird, nur eins: Migrantin / Muslimin. Sie wird bemitleidet und ihr unterstellt, dass sie grundlegend leide – unter einer patriarchalen, rückständigen, zu zivilisierenden „migrantischen Community“ oder gleich „dem Islam“. Ihre individuelle Geschichte will niemand hören. Wird sie doch gefragt, so richtet sich die Frage darauf, wo sie herkomme, weil mehrheitsdeutschen Frauen oft als undenkbar erscheint, dass auch dunkelhaarige Menschen in der BRD geboren werden. Sineb El Masrar hat in ihrem Bestseller-Buch „Muslim Girls: Wer wir sind, wie wir leben“ diesen mehrheitsdeutschen Mangel prononciert geschildert.

So werden Rassismus, Homophobie und Sexismus als Probleme „ausgelagert“: Sie erscheinen nicht mehr als Probleme, die in der BRD entstehen und dort zu behandeln wären. Stattdessen wird die BRD als emanzipiert westlich hergestellt und einem zu zivilisierendem Anderen entgegengestellt. (mehr…)

Was du nicht sehen willst, ist trotzdem da – oder: Warum Postgender im Falle der Piratenpartei antifeministisch ist

Wer sich nicht in die mediale Isolation begeben hat, wird in den letzten Tagen um die folgende Nachricht kaum drumherum gekommen sein: die Piraten sind in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen. Mit überraschenden 8,9 Prozent darf die junge Partei ganze 15 Sitze bekleiden. Böse Zungen mögen behaupten, die Piratenpartei sei nicht nur jung, sondern auch noch recht inhaltsleer; in jedem Fall lässt sie sich aber bisher schwer einordnen. So wird überall wild darüber spekuliert, ob die Piraten nun rechts oder links, die neuen Grünen oder die neuen Linken sind. Und ein weiterer Punkt spielt irgendwie auch immer mit rein: Unter den 15 Abgeordneten ist nur eine Frau. (mehr…)

Fight back


(nur mal so)

Gegen sexualisierte Gewalt — NONABSOLVIMUS VOS – WIR VERGEBEN EUCH NIX

Achtung! Auftaktkundgebung ist vom Brandenburger Tor zum Potsdamer Platz verlegt!

Aufruf zum: „Block der Gesichtslosen – gegen sexualisierte Gewalt“ auf der
Demo gegen den Papstbesuch am 22.09.2011 um 16h am Potsdamer Platz (achtet auf
Änderungen)

\\\"block der gesichtslosen

Am 22./23. September 2011 kommt Papst Benedikt XVI nach Berlin. Er wird vom Bundestag als Staatsgast empfangen werden und vor Tausenden von Menschen im Olympiastadion eine öffentliche Messe halten. Diesen Anlass werden wir gemeinsam mit anderen nutzen, um unseren Unmut über die Institution der katholischen Kirche auf die Straße zu tragen.

Gegen patriarchale und hierarchische Strukturen
Gegen das Wegschauen und Vertuschen bei sexueller Gewalt gegen Kinder
Gegen das Decken von Gewalttätern durch die Kirche
Gegen dogmatische Denkstrukturen

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Nichts Neues unter der Sonne: Maskulinisten

frauen
(Quelle: flickr)
(Diese Vorstellung ist nicht ganz so neu …)

Es scheint: Jedes Mal, wenn Frauen erstarken, glauben manche Männer sich in ihren Menschenrechten beschnitten. So auch in der Zwischenkriegszeit, wie die Historikerin Anna Maria Sigmund in ihrem Buch: ,,Das Geschlechtsleben bestimmen wir“. Sexualität im Dritten Reich herausgearbeitet hat. Ein parteiübergreifender ,,Bund für Männerrechte“ wurde in Wien gegründet, um die männlichen Interessen zu wahren. Dazu schrieb eine Zeitung im März 1926 in einem Stil, der uns heute nur allzu vertraut ist:

,,Genug der Schmach der Weiberherrschaft, der Frauendiktatur, es lebe der Bund für Männerrecht! Da die Despotie des weiblichen Geschlechts einfach nicht mehr auszuhalten war, da die Männer seit Tag und Jahr geächzt haben unter dem Joch der weiblichen Cäsaren, da das starke Geschlecht nur noch der Sklave des schwachen war, der reine Niemand, … ist nun endlich eine befreiende Tat gesetzt …“

1

Die zum Bund gehörige Zeitschrift hieß ,,Notwehr“ und wetterte gegen die ,,Versklavung der Männer durch feministische Gesetze“. Bereits im selben Monat der Gründung durfte der Verein eine Rede im Parlament halten über die ,,auf die Spitze getriebene Frauenemanzipation“. 2
Wirkungsvoll die Reaktion der Frauen: Aus allen Parteien wehrten sich Parlamentarierinnen gegen die frauenfeindlichen Vorwürfe und entkräfteten sie anhand von Daten und Fakten. Die Männerrechtler, die stur an ihren Behauptungen festhielten und auf die Erläuterungen der Frauen nicht eingingen, wurden mit der Zeit nicht mehr wahrgenommen und in der Berichterstattung nicht mehr thematisiert. 3

Vieles abgeguckt haben sich die Wiener übrigens von dem ,,Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“, der bereits 1912 gegründet wurde mit dem Slogan: ,,„Echte Männlichkeit für den Mann, echte Weiblichkeit für die Frau“. Als trotz den im Gegensatz zu den Österreichern sehr viel erfolgreicher geführten Kampagnen Frauen im November 1918 wählen durften, hieß es: ,,Das männlichste Volk dieser Erde, das deutsche, [muss] die Schmach erleb[en], von seinen Weibern dem Verfall entgegengeführt zu werden.“4 Ein Viertel der Vereinsmitglieder waren Frauen, die zum größten Teil interessanterweise genauso häufig einem Beruf nachgingen wie die von ihnen verachteten Feministinnen.

  1. Anna Maria Sigmund: ,,Das Geschlechtsleben bestimmen wir“. Sexualität im Dritten Reich, Wilhelm Heyne Verlag München 2008, S.37 [zurück]
  2. Martina Nußbäumer über Gabriela Hauchs: Frauen bewegen Politik. Österreich 1848-1938 (Quelle) [zurück]
  3. ,,Wollen Sie ein Mann sein oder ein Weiberknecht?“. Zur Männerrechtsbewegung in Wien der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit von Kerstin Christin Wrussnig an der Universität Wien (Quelle) [zurück]
  4. (ebd.) S.86-88 [zurück]

Schoßgebete

Ja, ja, auch hier in diesem Blog kommen wir nicht drumrum: Charlotte Roches Roman „Schoßgebete“…hat ja jetzt ne Weile gedauert, bis hier was zu dem Buch geschrieben wird, nachdem an anderen Stellen schon die Wellen hochschlagen.
Aber im Gegensatz zu vielen anderen lese ich das Buch gern vorher (damit meine ich nicht Schwarzer).
Nett zum Beispiel ein Zitat aus dem Spiegel-Online-Forum, das über Roche als die personifizierte Übersexualisierung der Gesellschaft herzieht:

Hauptsache Spaß und jeden Tag ganz viel Sex mit möglichst vielen Partnern, weil das noch mehr Spaß macht.

Klingt zwar gar nicht so schlecht an sich, hab ich in dem Buch aber nicht gelesen. Zudem ein Kommentar vom 09. 08. – erschienen ist das Buch erst am 10.
Trotzdem ein nettes Beispiel dafür, wie die Persona Roche nicht nur ein Mischgebilde aus Romanfigur und echtem Menschen ist, sondern offensichtlich auch prima Projektionsfläche für sämtliche Erwartungshaltungen.
Die Erwartung obigen Kommentators war wohl ein schmutziges Schweinigelsexbuch. Ist es das? Waren eigentlich schon die Feuchtgebiete nicht. Noch viel weniger sind drastische Sexbeschreibungen das eigentliche Thema bei Schoßgebete. (mehr…)

Sexismus und Tiere essen, die Zweite.

Operation Beautiful


Eines Tages, als Floridian Caitlin Boyle an einem stressigen Tag in einer öffentlichen Toilette stand, hatte sie das Bedürfnis, jemandem irgendwas gutes zu tun – und zog kurzerhand einen Zettelblock raus, schrieb „You are beautiful“ drauf und klebte ihn an die Klowand.
Daraus wurde zunächst ein Aufruf, dann ein Blog: sie stellte ein Bild davon online und rief dazu auf, es ihr nachzutun und ein Foto davon an sie zu schicken. Die Mission:

The goal of the Operation Beautiful website is to end negative self-talk or “Fat Talk.” If this little blog only does one productive thing, I hope it helps readers realize how truly toxic negative self-talk is — it hurts you emotionally, spiritually, and physically.
Through my own experiences fighting Fat Talk, I’ve realized the power behind an anonymous act such as Operation Beautiful. When I post a note, I’m saying, “I CHOOSE to be positive!”

Auf die Frage, welche Reaktion für sie am eindrucksvollsten war, sagt sie in „Bust“ Oct./Nov 2010:

It was an E-Mail from a bulimic teen.“She was goinge to purge,“ says Boyle. „She had closed the bathroom stall, and then saw this Operation Beautiful note that someone had left there and that told her that she was good enough and that she was beautiful just the way she was. She said that it really felt like it was a message from the universe that she needed to change her behavior. It wish it was more sociall acceptable to talk about how awesome we all are!“

Femizid in Mexiko jetzt ein Verbrechen

Femizid ist nun illegal in Mexiko City.

(Danke an Sandra)

Trisomie 21-Bluttest

Annette Schavan hat risikoarme Gentests für Schwangere gefordert –
und dafür Anschiss kassiert.

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, warf ihr im Tagesspiegel vor, ihr Haus habe „Behinderten-Diskriminierung in der schlimmsten Form“ unterstützt.

Konkret geht es um die Entwicklung eines Schwangerentests mit dem ohne Risiko für die werdende Mutter mit hoher Treffersicherheit festgestellt werden kann, ob das heranreifende Kind ein Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, hat.(…)
Schätzungen gehen davon aus, dass rund 90 Prozent der Föten, bei denen eine Trisomie 21 diagnostiziert wurde, abgetrieben werden.

Daß hier Kritik angebracht ist, versteht sich von selbst. Allerdings weniger an der Mutter, die Trismoie 21 als Abtreibungsgrund sieht, sondern an einer Gesellschaft und Politik, die es Menschen mit Down-Syndrom alles andere als leicht macht im Leben. Und deren Eltern natürlich genausowenig.
Würde sich hier etwas ändern, dann wahrscheinlich auch bei den zitierten 90%.
Und die verbliebenen 10% können sich so immerhin auf die Ankunft eines Kindes vorbereiten, das nicht nur mehr an Fürsorge braucht, sondern viele andere Dinge müssen auch noch organisiert werden.
Ganz zu schweigen davon, daß den Frauen ohne risikoarme Schnelltests noch ganz andere Probleme begegnen können:

Die bisher eingesetzten Trisomie-21-Tests sind entweder sehr ungenau oder sind mit dem Risiko verbunden, dass ein Schwangerschaftsabbruch ausgelöst wird.

Und wenn das nicht sein muß, warum sie dann so einem Risiko aussetzen? Um sie von dem Test abzuschrecken und ihnen dann sozusagen doch das ein oder andere Kind mit Down-Syndrom „unterzuschieben“, sie werden schon damit klarkommen, wenn’s mal da ist? Diese Einstellung fördert nun aber auch nicht gerade das Miteinander zwischen Menschen mit und ohne Trisomie 21.
Letztendlich ist doch auch hier sinnvoll, was bei Abtreibungen allgemein gelten sollte: es ist die informierte Entscheidung der betroffenen Schwangeren und alles sollte so risikoarm und professionell wie möglich ablaufen. Denn auch in diesem Fall sehe ich hier keinen Grund, davon abzuweichen.

(Bild von Markus Keuler, auf www.21hoch3.de)