Ja, ja, auch hier in diesem Blog kommen wir nicht drumrum: Charlotte Roches Roman „Schoßgebete“…hat ja jetzt ne Weile gedauert, bis hier was zu dem Buch geschrieben wird, nachdem an anderen Stellen schon die Wellen hochschlagen.
Aber im Gegensatz zu vielen anderen lese ich das Buch gern vorher (damit meine ich nicht Schwarzer).
Nett zum Beispiel ein Zitat aus dem Spiegel-Online-Forum, das über Roche als die personifizierte Übersexualisierung der Gesellschaft herzieht:
Hauptsache Spaß und jeden Tag ganz viel Sex mit möglichst vielen Partnern, weil das noch mehr Spaß macht.
Klingt zwar gar nicht so schlecht an sich, hab ich in dem Buch aber nicht gelesen. Zudem ein Kommentar vom 09. 08. – erschienen ist das Buch erst am 10.
Trotzdem ein nettes Beispiel dafür, wie die Persona Roche nicht nur ein Mischgebilde aus Romanfigur und echtem Menschen ist, sondern offensichtlich auch prima Projektionsfläche für sämtliche Erwartungshaltungen.
Die Erwartung obigen Kommentators war wohl ein schmutziges Schweinigelsexbuch. Ist es das? Waren eigentlich schon die Feuchtgebiete nicht. Noch viel weniger sind drastische Sexbeschreibungen das eigentliche Thema bei Schoßgebete.
Schwarzer hingegen hatte wohl ein feministisches Manifest erwartet, anders ergibt ihre Kritik nicht viel Sinn:
Eines allerdings wäre fatal: Wenn deine Leserinnen deine verruchte Heimatschnulze über Sex & Liebe für ein Rezept halten würden. Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem.
Hätte Roche die Romanfigur Elizabeth Kiehl als neue Ikone des Feminismus schildern wollen, okay, dann schon. Dann big fail.
Aber wie kommt man auf so eine Idee? Das Buch ist im Prinzip eine einzige Therapiesitzung, es wird also recht klar aufgezeigt: diese Frau ist nicht perfekt.
Oft denkt man sich bei Elizabeths Ansichten „Ach du grüne Neune!“ und die innere Feministin schreit ganz laut „Aua!“ Bis man dann irgendwann entdeckt, daß so manche grüne Neune auch irgendwie auf einen selber zutrifft und dann macht sich die innere Feministin augenverdrehend vom Acker und einer etwas nachdenklicheren Stimmung Platz.
“Ja, willst du denn große Brüste haben, damit jeder Mann dich geil findet? Reicht das nicht, dass ich dich geil finde? Warum hast du so eine Angst davor, dass du bei manchen Arschlochmännern durchs Raster fällst?“
„Nein, es geht doch nicht darum, dass mich jeder geil finden soll, aber hübsch wäre ganz gut Und ich habe von klein auf gelernt, dass man nicht hübsch gefunden wird, wenn man nicht eine gewisse Oberweite hat Ich fühle mich nicht gewollt, nicht geliebt, nicht hübsch, wertlos, ich dreh darüber durch. Ich kann es nicht erklären. Es ist einfach so.“
Zugegeben – meine spießigen 50ies-perfect-woman – Neurosen weichen von denen Roches ab. Aber trotzdem: immer wieder mal schuldig im Sinne der Anklage. Unsicherheit, überholte patriarchale Gedankengänge, auch bei mir, würdig einem Heimchen am Herd.
Und wer ist da ganz unschuldig? Nie irgendwie an so antifeministische/heteronormative Gemeinplätze geglaubt wie „Wenn der Sex schlecht/selten wird, ist auch die Beziehung bald am Ende“ oder die Befürchtung, man könne sich irgendwie „perfekt“ machen, wenn man’s nur wollte, nie gedacht und es, wenigstens in diesem Moment geglaubt „okay, mit DIESER Person will ich unbedingt alt werden“, oder was von dem anderen ganzen Kram??
Schließlich sind das ja auch zum Teil klassische Komplexe unserer Mütter, willentlich oder auch unwissentlich durch Verhalten und Erziehung auf uns übertragen:
Es ist mir zwar immer peinlich, als Frau in die Pornoabteilung zu gehen. Ich fühle mich dann aber auch sehr machtvoll. Ich könnte Buh! machen, dann würden alle verklemmten Männer, die da rumstehen und normal tun, weglaufen. Gleichzeitig höre ich auch meine Mutter, die auf meiner Schulter sitzt und rumnervt: Aha, guck mal, die arme, unterdrückte Frau muss mit ihrem Unterdrückermann Unterdrückerfilme ausleihen, sonst verlässt er sie. Das denke ich alles, wenn ich da rumlaufe und nach dem Cover gute Filme aussuche.
Und gerade hier tut das Buch halt auch ein bißchen weh.
Andererseits baut es auch auf: ich finde es verdammt mutig. Könnte ich so offen über meine Komplexe schreiben? Nie und nimmer! Umso besser tut es, zu lesen, daß jemand es doch wagt.
Was Roche alles vorgeworfen wird, ist vom Prinzip her nicht neu. Über die versaute Jugend hat man sich schon im alten Rom beschwert, wer Roche für sauigelig und empörend hält, hat nie Henry Miller gelesen und Tabus brechen und über intime weibliche Befindlichkeiten sprechen steht in bester feministischer Tradition; vielleicht sind anarchisch-leicht verschweinte Romane das Spekulum des 21. Jahrhunderts, notwendige Nabelschau weiter drinnen.
Denn wie eine Pussy aussieht, wissen wir inzwischen alle. Wenn’s sein muß, aus der Bravo oder dem Internet. Aber die inneren Konflikte, auch und gerade die mit feministischem Engelchen auf der einen, Teufelchen auf der anderen Schulter, sollten wir ruhig noch weiter beleuchten.
Denn von unseren „VorgängerfeministInnen“ haben wir sehr viel gelernt, aber der Prozess ist noch lange nicht zu Ende. Wir schlagen uns nicht nur mit unserem innerlichen patriarchalen Weibchen rum, das uns Angst macht, wir wären nicht mehr begehrenswert, müßten uns anpassen,… wir sind auch immer im Konflikt mit der Gesellschaft und ihren frauenfeindlichen Normen:
Dass ich meine Haare nicht färbe, ist für Cathrin der Horror. Hilfe! Alter, Tod. Sie hat mir mal erzählt, dass eine alte amerikanische Feministin sagt: Die beste Erfindung für Frauen, noch besser als die Pille, sei Haarfärbemittel, weil man nämlich unsichtbar wird für Männer, wenn man grau wird. Ich kann es nicht akzeptieren, dass es feministisch sein soll, so lange wie möglich für Männer jung auszusehen. Nur der Mann ist ein guter Mann, der mich mit all den grauen Haaren und Falten akzeptiert, die zu mir gehören.
Und auch der im Buch beschriebene, von Roche wirklich erlebte Unfall ihrer Familie, vom Boulevard ausgeschlachtet, hat seinen Platz in dem Buch. Und ich fand es auch mutig, daß sie auch hier ihre Gefühle klar schildert.
Letztendlich ist es immer, für alle, ein Drahtseilakt, eine Balance zu finden zwischen der Gesellschaft, den eigenen Ängsten, Ansprüchen, Idealen und Unzulänglichkeiten. Und das ist der Kern des Buches und hier sind Roches Wortwahl und Schreibstil ungemein passend – sie hat das Talent, alles so zu beschreiben, daß man es nachvollziehen kann und vielen kleinen „Teufelchen“ und „Engelchen“ aus der eigenen Erfahrung begegnet.
Zitate aus „Schoßgebete“ von Charlotte Roche, Piperverlag, München 2011.
Gefällt mir sehr gut, deine Rezension. Finde es v.a. cool, dass der Mädchenblog sich auch dazu meldet
Habe auch schon einige andere Rezensionen gelesen, u.a. von der Mädchenmannschaft: http://maedchenmannschaft.net/an-charlotte-roche-und-gegen-den-unwillen-zum-wissen/
Fand die aber grottig. Weil das keine feministische Perspektive, sondern nur eine literaturwissenschaftliche(?) bot, und wir wissen alle, dass die Literaturklassiker von Männern dominiert und ,,gute Literatur“ lange Zeit männliche Literatur war. Ich werde das Buch auf jeden Fall mal lesen, freu mich drauf.
also ich fand ja die renzension (besser: den Verriss
) aus der JW ganz gut 
gute Zitate:
Vater, Mutter, Sex
jungle-world.com
Claire Horst: Charlotte Roche nervt mit ihrem Roman »Schoßgebete«
achso, @Mod, hier der link zu letzt. komm., vllt setzt du ihn einfach dazu: http://j-ref.com/eCr
eine sehr schöne und reflektierte buchbesprechung. danke.
Weil die Kritik hier nicht so scheiße herablassend wie anderswo ist möchte ich gern meinen Senf dazu geben:
Ich hab erst ein Viertel des Buches durch, und es geht wirklich kaum um Sex. Trotzdem: Die Sexscene am Anfang macht mich fertig. Elizabeth bedient da ihren Mann nach Strich und Faden und redet davon er würde das ja auch für sie tun. Dann, wenn er dran ist, besteht sein Bedienen darin sich von ihr eine Sexshow vorführen zu lassen bei der sie sich für ihn selbstbefummelt und er sie anschließend kurz penetriert weil sie sofort kommt – ihm ist es in 8 Jahren nur 3 mal passiert vor ihr zu kommen, da musste er sich hinterher um sie kümmern. Er lässt ihr immer den Vortritt beim kommen, natürlich ihr zu Liebe. So hat die anderen 3000 mal die Elizabeth sich hinterher um ihn kümmern müssen – mit einem Körperteil seiner Wahl.
Das ist so krass wie Elizabeth sich so vorkommt als würde sie ihm das Vergügen das er ihr schenkt nie zurückzahlen können. WTF? Er ist im Himmel!
Noch krasser finde ich aber all die KritikerInnen die nicht schnallen das Charlotte durchaus schnallt was Elizabeth nicht schnallt.