Rezensiert: „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule’“

Buchcover: Karriere eines konstruierten Gegensatzes

Der Band „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule’“ wendet sich den, seit dem 11. September 2001, verschärften Debatten in der Bundesrepublik Deutschland um „den Islam“ zu. Häufig wird hierbei die Emanzipation von Schwulen als die Nagelprobe für „den Islam“ angeführt, Muslim_innen – und allgemein Migrant_innen und Menschen mit Migrationshintergrund – wird unterstellt homophober als der Rest der Bevölkerung in der BRD und als „der Westen“ zu sein. Für „Schwule“ könnte im Titel des Buches auch „Frauen“ eingesetzt sein. Denn während sich die mehrheitsdeutschen Frauen zunehmend als individuell und vielfältig, queer-, femninistisch, popfeministisch oder antifeministisch erkannt wissen wollen und sich viele Debatten um diese Verortungen drehen, bleibt diejenige Frau, die als „Migrantin“ und insbesondere „Muslimin“ angesehen wird, nur eins: Migrantin / Muslimin. Sie wird bemitleidet und ihr unterstellt, dass sie grundlegend leide – unter einer patriarchalen, rückständigen, zu zivilisierenden „migrantischen Community“ oder gleich „dem Islam“. Ihre individuelle Geschichte will niemand hören. Wird sie doch gefragt, so richtet sich die Frage darauf, wo sie herkomme, weil mehrheitsdeutschen Frauen oft als undenkbar erscheint, dass auch dunkelhaarige Menschen in der BRD geboren werden. Sineb El Masrar hat in ihrem Bestseller-Buch „Muslim Girls: Wer wir sind, wie wir leben“ diesen mehrheitsdeutschen Mangel prononciert geschildert.

So werden Rassismus, Homophobie und Sexismus als Probleme „ausgelagert“: Sie erscheinen nicht mehr als Probleme, die in der BRD entstehen und dort zu behandeln wären. Stattdessen wird die BRD als emanzipiert westlich hergestellt und einem zu zivilisierendem Anderen entgegengestellt. Und hier mischen selbst Blätter wie „Emma“ und Organisationen wie „Terre des femmes“ mit: Seit Jahren wenden sie sich nicht mehr den institutionalisierten Unterdrückungsmechanismen in der BRD zu, verkennen wie über 25 Prozent der Frauen in der BRD körperliche und sexualisierte Gewalt erfahren. Stattdessen wählen die dort tätigen Frauen eine rassistische Perspektive: Das patriarchale und unterdrückende Andere sei woanders zu suchen, sei bestenfalls in die BRD eingeschleppt. Der Spielraum, um in der BRD für Emanzipation zu streiten, wird verkleinert.

„Schwul“ verläuft es nicht anders. Aus dem Beitrag von Zülfukar Çetin, der sich in seiner – Anfang 2012 im Transcript-Verlag erscheinenden – Dissertation mit Rassismus, Islamophobie und Homophobie am Beispiel binationaler schwuler Partnerschaften befasste, geht dies plastisch hervor: „Obwohl Arda und Can mit dem Islam nichts ‚zu tun haben’ werden sie als praktizierende Muslime betrachtet, und ihnen werden negative bzw. exotisierende Merkmale zugeschrieben. Auf Grund islamfeindlicher Einstellungen in der Aufnahmegesellschaft befinden sich die Interviewpartner in einer Situation sozialer Verunsicherung. Wie der biologistische Rassismus bildet auch der antimuslimische Rassismus eine Barriere, die die Interviewpartner daran hindert, in der Aufnahmegesellschaft soziale, kulturelle und wirtschaftliche Netzwerke aufzubauen. In dieser Hinsicht sind sie von Bildungs-, Arbeits- und politischen Ressourcen ausgeschlossen.“ (S. 108) Can wird nicht selten „’zurück’ in die Türkei verwiesen […], obwohl er in keiner biographischen und institutionellen Verbindung zur Türkei steht“, sondern in der BRD geboren und aufgewachsen ist. (S.108)

Ganz konkreten Menschen werden in diesem Land Probleme gemacht, weil sie immer als „der Türke“ erkannt und angesprochen werden, wenn bei Mehrheitsdeutschen die „Vorurteilshamster in den Köpfen auf Hochtouren“ laufen (in „Muslim Girls“, S. 16) Die Vorstellungen, die dabei im Westen über „den Islam“ existieren, knüpfen nahtlos an kolonialistische Vorstellungen an. Auch im 19. Jahrhundert galt es als notwendig, andere Länder zu zivilisieren und die dortigen Frauen von ihren „patriarchalen Männern“ zu befreien. Neben dieser Überhöhnung des Eigenen und Abwertung des Anderen und der Angst vor dem Anderen spielen auch Sehnsüchte – insbesondere sexuelle – eine zentrale Rolle. Im Band werden beide Seiten prägnant vorgestellt: Während mehrheitsdeutsche Schwule und Lesben sich eine eigene Angst erstellen (die nicht einmal durch eigene rassistisch motivierte Studien gerechtfertigt werden kann – wie Dirk Ruder in einer Auswertung der Ergebnisse des Opfertelefons „Maneo“ in seinem Beitrag „Opferlotto“ im Band herausarbeitet), spielt auf der anderen Seite die Sehnsucht nach „dem Unzivilisertem“ im Bett eine zentrale Rolle. Nachdem durch die Initiativen von Volker Beck und Bündnis 90 / Die Grünen schwuler und lesbischer Sex abschließend in der Eingetragenen Lebenspartnerschaft eingehaust wurde, anstatt generell zu kritisieren, dass sich der Staat anmaßt, die Lebensweisen und Beziehungsverhältnisse von Menschen zu kartieren, wird vermehrt der begehrte, nicht-zugerichtete Sex woanders gesucht. Der Escort Cem Yildiz machte das in seinem Erfahrungsbericht „Fucking Germany“ für schwule Freier deutlich, die besonders den „wilden, gewalttätigen Ali“ (vgl. Rezension von „Fucking Germany“, S. 47) nachfragten.

Der Band „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule’“ führt das für die Debatte unentbehrliche Wissen prononciert zusammen. Er vereinigt Beiträge seit 2003, die neu abgedruckt wurden, und eigens für diesen Band verfasste. Es werden historische Traditionen herausgearbeitet, die im Kolonialismus wurzeln. Es kommen konkrete Erfahrungsberichte und quantitative Auswertungen vor. Und es wird vor allem nachgezeichnet, wie verstärkt seit 2001 – aber auch bereits zuvor – rassistische Entwicklungen in lesbischen und schwulen mehrheitsdeutschen Communities um sich griffen, wie CSDs mittlerweile zu „White Prides“ verkommen, bei denen man sich westlich der vermeintlichen eigenen Überlegenheit und der vermeintlichen Unzivilisiertheit „des Anderen“ versichert. „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule’“ ist eine Aufforderung, das zu reflektieren und gegen Rassismus und Heterosexismus (!) unter mehrheitsdeutschen Lesben, Schwulen und Queers zu intervenieren.

„Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule’“
2011, broschiert, 210 Seiten, 5 EUR, im Selbstverlag erschienen
zu bestellen unter: http://yilmaz-gunay.de bzw. E-Mail: Koray(ät)Yilmaz-Gunay.de .


8 Antworten auf “Rezensiert: „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule’“”


  1. 1 oli wer 25. September 2011 um 14:30 Uhr

    Denn während sich die mehrheitsdeutschen Frauen zunehmend als individuell und vielfältig, queer-, femninistisch, popfeministisch oder antifeministisch erkannt wissen wollen […]

    das möchte ich aber mal ganz scharf bestreiten. klar, ist sicher eine frage des blickwinkels, denn die meisten „mehrheitsdeutschen frauen“, die ich so kenne, wissen gerade mal den begriff „feminismus“ noch als etwas fraulich politisches einzuordnen, mit dem sie sich aber nicht identifizieren können, schließlich sehen die meisten gar keine geschlechterspezifische benachteiligung oder nehmen sie als gottgegeben hin. von „queer“ bspw. haben die allermeisten noch nie etwas gehört, da der begriff fast nirgends auftaucht, wo kein akademisches oder nicht-heteronormatives klima herrscht.

  2. 2 deltarocker 04. Oktober 2011 um 16:43 Uhr

    unsere gesellschaft braucht dringend mehr wissenschaftliche untersuchungen in und aus diesen richtungen, um den stetig wachsenden phobien vor minderheiten und andersartigkeit sowie
    dem europäischen kulturalismus entgegen zu wirken.

  1. 1 Buchtipp: Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre „Muslime versus Schwule“ « Infoladen Daneben blogt Pingback am 27. September 2011 um 0:31 Uhr
  2. 2 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Feminism lesen und gucken: Die Blogschau Pingback am 01. Oktober 2011 um 10:01 Uhr
  3. 3 Rezension von „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule‘“ auf Mädchenblog « Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht. Pingback am 07. Oktober 2011 um 11:20 Uhr
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