„Ist das unrecht?“

Abtreibung, Vergewaltigung – und die männliche als auch die weibliche Hilflosigkeit bei beiden, wenn darüber gesprochen wird: ein Dialog aus Minette Walters‘ Roman „Die Schandmaske“ zwischen dem Künstler Jack, der mit der Ärztin Sarah verheiratet ist, und der 17 Jahre jungen Ruth, die ungewollt schwanger geworden ist:

„Sarah ist die vernünftigste Ärztin, die ich kenne. Sie wird Ihnen helfen, sich zu entscheiden, was Sie tun wollen, und dann alles für Sie tun. Sie wird Sie nicht zwingen, das Kind zu bekommen, und sie wird Sie auch nicht zwingen, es nicht zu bekommen.“
Die Tränen begannen wieder zu fließen. „Ich will es nicht.“ Sie ballte ihre Hände. „Ist das unrecht?“
„Nein, das glaube ich nicht“, sagte er aufrichtig. „Ich an Ihrer Stelle würde es auch nicht wollen.“
„Aber ich hab’s doch gemacht. Es war meine Schuld.“
„Kinder machen kann man nur zu zweit, Ruth, und ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihr Freund über ein schreiendes Baby sehr begeistert wäre. Es ist Ihre Entscheidung, nicht seine. Sperma ist billig, und das meiste wird im Waschbecken runtergespült. Gebärmütter und ihre Föten sind eine teure Angelegenheit. Sarah hat recht, wenn sie von lebenslanger Verurteilung spricht.“
„Aber ist es denn nicht lebendig? Begehe ich nicht einen Mord?“
Er war ein Mann. Wie hätte er auch nur im entferntesten die Qualen verstehen sollen, die Frauen leiden, weil ihnen durch einen biologischen Zufall die Macht über Leben und Tod gegeben ist? Er konnte nur ehrlich mit ihr sein. „Das weiß ich nicht, aber ich würde sagen, im Moment ist es nur lebendig, weil Sie lebendig sind. Es hat kein eigenes Leben als Individuum.“
„Aber es könnte ein eigenes Leben haben – wenn ich es zuließe.“
„Natürlich. Aber so gesehen hat jedes Ei, das eine Frau produziert und jedes Samenfädchen, das ein Mann produziert, ein Potential zu eigenem Leben, und niemand beschuldigt junge Männer des Mordes, wenn sie ihren Samen hinter dem Fahrradschuppen auf die Erde vergießen. Ich denke, für jeden von uns hat das eigene Leben Priorität vor dem potentiellen Leben, das in uns ist. Ich will keinesfalls behaupten, daß es eine leichte Entscheidung ist, daß es da nur Schwarz oder Weiß gibt, aber ich glaube, daß Sie selbst in diesem Moment wichtiger sind als ein Leben, das nur erwachen kann, wenn Sie bereit sind, dafür zu bezahlen, in emotionaler, körperlicher, sozialer und finanzieller Hinsicht. Und Sie werden diese Kosten ganz allein tragen, Ruth, denn die Wahrscheinlichkeit, daß Hughes1 etwas dazu beitragen wird, ist gleich null.“
„Er wird sowieso sagen, daß es nicht von ihm ist.“
Jack nickte. „Ja, manche Männer tun so was leider. Sie haben es leicht. Es ist ja nicht ihr Körper, den es erwischt hat – “
Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht. „Sie verstehen nicht.“
Sie legte ihr Arme um ihren gesenkten Kopf. Um sich zu schützen? Um sich zu verstecken? „Es kann einer von den anderen gewesen sein. Ich mußte – er hat mich gezwungen – o Gott, ich wollte –“ Sie fuhr nicht fort, krümmte sich nur zusammen und schluchzte.
Jack fühlte sich völlig hilflos. Ihre Qual war so heftig, daß sie ihn überschwemmte. Er konnte nur in Gemeinplätzen denken – es gibt Schlimmeres… auf die Nacht folgt immer der Tag –, doch was halfen Gemeinplätze einem Menschen, der sein Leben in Scherben vor sich liegen sah? Unbeholfen legte er ihr seine Hand auf den Kopf. Es war eine instinktive Geste des Trosts, ein Echo priesterlicher Segnung. „Erzählen Sie mir alles“, sagte er. „Vielleicht ist es nicht so schlimm, wie Sie glauben.“
Aber es war noch schlimmer. Was sie ihm im Ton tiefsten Entsetzens berichtete, erschütterte die Grundfesten seines eigenen Menschseins. Er war so schockiert, daß ihm regelrecht schlecht wurde.

  1. Der Name von Ruths Freund [zurück]

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Zitat aus „Die Schandmaske“ von Minette Walters, erschienen beim Goldmann Verlag, München 1996


3 Antworten auf “„Ist das unrecht?“”


  1. 1 Sebamax 06. Oktober 2011 um 23:57 Uhr

    “ Sperma ist billig, und das meiste wird im Waschbecken runtergespült. Gebärmütter und ihre Föten sind eine teure Angelegenheit“

    Na klar…der Mann ist minderwertig..was sonst.

    “ und niemand beschuldigt junge Männer des Mordes, wenn sie ihren Samen hinter dem Fahrradschuppen auf die Erde vergießen“

    Was für ein Vergleich!!!

    Beleidigung wurde wegeditiert – dodo

  2. 2 dodo 08. Oktober 2011 um 4:24 Uhr

    1. da steht nicht, der Mann sei billig (oder minderwertig), sondern Sperma. Ein Mann ist doch mehr als ein bißchen Sperma, meinst Du nicht auch?
    Und er hat da schon recht: Sperma (oder meinetwegen auch eine Eizelle, wenn Du unbedingt einen Vergleich mit weiblicher Biologie brauchst) ist erstmal nichts unersetzbares oder wertvolles (jetzt mal abgesehen von Leuten mit Kinderwunsch, deren Spermien/Eizellen dafür nicht so gut taugen… aber hier geht es ja um Abtreibung, nicht um unerfüllten Kinderwunsch). Beides kommt immer wieder, man kann damit „verschwenderisch umgehen“ und beides landet in den meisten Fällen im Waschbecken, Tempotaschentüchern oder auch Binden/OBs etc.
    Eine Gebärmutter (auch ohne Fötus) hingegen gibt’s in jedem Körper nur einmal. Da kommt keine neue nach. Da muß man schon ein bißchen mehr drauf aufpassen.
    Was das alles mit „der Mann ist minderwertig“ zu tun haben soll…?? Im Gegenteil würd ich eher sagen, einen Mann auf sein Sperma zu reduzieren (wie Du es, absichtlich oder nicht, in Deinem Post eben getan hast), ist saumäßig sexistisch Männern gegenüber!

    2. Was ist denn so schlimm an dem Vergleich? Wenn befruchtete Eizellen als potentielles Leben gelten, weil ein Kind daraus werden könnte – dann kann man genauso Spermien als potentielles Leben bezeichnen, da potentiell auch aus ihnen ein Mensch entstehen kann.
    Doch auch mal abgesehen davon, ob man den Vergleich nun mag oder nicht: die Romanfigur ist kein politisch korrekter und ausgebildeter Dr. Sommer. Sondern ein Mann, der mit einer nach einer Vergewaltigung ungewollt schwangeren 17jährigen über ein sehr heikles Thema spricht, ohne darauf vorbereitet gewesen zu sein.
    Und es steht doch klar und ausdrücklich dran, daß es sich hier um einen Romanausschnitt handelt, nicht um einen Paradetext aus ner pro familia-Broschüre oder so. Oder hast Du das überlesen?

    Was hättest Du denn zu dem Mädchen gesagt? Ganz ernsthaft jetzt, würde mich interessieren! Vielleicht hast Du ja eine bessere Idee.
    Wäre dann aber nett, wenn Du in Zukunft vulgäre Beleidigungen wie die von mir bei Deinem Post wegeditierte einfach sein läßt. Sonst kommst Du normalerweise auch gar nicht durch die Moderation. Es empfiehlt sich generell, vor dem Schreiben die Netiquette zu lesen. Und wer sich daran hält, was dort drinsteht, wird auch freigeschalten. Ohne editiert zu werden.

  3. 3 bigmouth 08. Oktober 2011 um 11:20 Uhr

    völlig am rande: frage mich gerade, ob sich walters roman auch im original so hölzern liest, oder ob die übersetzung nicht viel taugt.

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