Der wahre Facebook-Skandal (Triggergefahr!)

Seitdem Facebook vor ein paar Tagen ein weiteres Mal seine Nutzungsbedingungen zugunsten des Profits und zum Nachteil der Nutzer*innen verändert hat, schreiben sich Journalist*innen auf der ganzen Welt die Finger wund, um darüber zu sinnieren, ob Facebook sich diesmal nun doch ein bisschen zu weit aus dem Fenster gelehnt hat oder nicht.

Dass parallel dazu ganz andere Petitionen gegen Facebook ins Leben gerufen worden sind, darüber berichten nur eine Hand voll englischer Medien und auf deutscher Seite gerade mal die österreichische „dieStandard“ und die Mädchenmannschaft. Die Petitionen beziehen sich darauf, dass Facebook sich weigert, Seiten vom Netz zu nehmen, die sexualisierte Gewalt verherrlichen bzw. verharmlosen. Gruppen wie „You know shes playing hard to get when your chasing her down an alleyway“ („Du weißt, dass sie gerne die Unnahbare spielt, wenn du sie durch eine dunkle Gasse jagst“) mit aktuell 194.277 „Gefällt mir“-Angaben, bestehen nach wie vor und erfreuen sich grotesker weise großer Beliebtheit. Genauso unerklärlich ist es, dass Gruppen wie diese oder auch „I love raping bitches out in the cool night air, don‘t complain sluts or your (sic) next“ („Ich liebe es, Schlampen draußen in der kühlen Nachtluft zu vergewaltigen, beschwert euch nicht ihr Nutten, oder ihr werdet die Nächsten sein“) offensichtlich nicht gegen die Facebook-Nutzungsbedingungen verstoßen, in denen zum Thema „Schutz der Rechte anderer Personen“ geschrieben steht: „Du wirst keine Inhalte auf Facebook posten oder Handlungen auf Facebook durchführen, welche die Rechte einer anderen Person oder das Gesetz verletzen.“, und zum Punkto Sicherheit : „Du wirst keine Inhalte posten, die: verabscheuungswürdig, bedrohlich oder pornografisch sind, zu Gewalt auffordern oder Nacktheit sowie Gewalt enthalten.“. Gewalt gegen Frauen wird also offentsichtlich ebenso wenig als solche gewertet, wie Frauen als Personen wahrgenommen werden – anders jedenfalls ist die Weigerung Facebooks, die besagten Seiten vom Netz zu nehmen, nicht zu erkären. Die britische „Guardian“ verfasste hierzu einen Artikel mit dem treffenden Titel: „Facebook is fine with hate speech, as long as it’s directed at women“ („Für Facebook ist Hassrede* in Ordnung, solange sie sich auf Frauen bezieht“). Und davon weicht Facebook auch nicht ab, nachdem bereits mehr als 176.000 Menschen die amerikanische und knapp 4.000 Menschen die britische Petition unterzeichnet haben:

Genauso wenig wie ein geschmackloser Witz dafür sorgen wird, dass du aus einer Kneipe hinausgeworfen wirst, wird er dafür sorgen, dass du aus Facebook hinaus geworfen wirst.
(„Just as telling a rude joke won‘t get you thrown out of your local pub, it won‘t get you thrown off Facebook.“)

Frauenverachtende und gewaltverherrlichende Aussagen werden somit auf den Status harmloser Stammtischparolen hinunter gespielt. Jane Osmond sagte hierzu im Namen der UK-Kampagne:

Ich empfinde es als sehr verstörend, dass Facebook offensichtlich keinen Zusammenhang zwischen diesen Seiten und der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Rape Culture** erkennt.
(„I find it very disturbing that Facebook don‘t appear to see the connection between pages such as this and the prevailing rape culture we have in our society.“)

Und auch Cath Elliot betont in ihrem Artikel in der Guardian, dass Menschen nunmal nicht aus dem Nichts heraus zu Vergewaltigern werden. Vergewaltiger unterscheiden sich im Grunde genommen nicht wesentlich von dem Durchschnittsmenschen auf der Straße; sie sind weder besonders bösartig oder pervers noch sonstwie abnormal. Und die beiden haben Recht; Menschen werden zu Vergewaltigern, weil diese Gesellschaft es ihnen so leicht macht. Weil sie Übergriffe immer wieder verharmlost, weil sie die Grenzen zwischen Sexualität und sexualisierter Gewalt verwischt, weil sie suggeriert, dass auch ein „Nein!“ noch einen Interpretationspielraum offen ließe. Weil Gerichte im Zweifelsfall für den Täter entscheiden und weil Vergewaltiger eine viel zu große Chance haben, mit ihrer Tat durchzukommen. Weil die meisten von ihnen sich selber gar nicht als Vergewaltiger sehen würden. Weil es Gruppen wie diese auf Facebook gibt und Menschen, die diese verteidigen. Weil sexualisierte Gewalt gesellschaftlich toleriert und frauenverachtendem Gedankengut Raum gegeben wird. Weil Vergewaltigungen ein integraler Bestandteil unserer Kultur sind – und Skandale wie diese deshalb noch nichtmal groß in den Medien auftauchen.

*Hate Speech/ Hassrede bezeichnet laut Wikipedia „sprachliche Ausdrucksweisen, die zur Ausgrenzung oder Benachteiligung von bestimmten Personen oder Personengruppen, oder sogar zur Gewalt gegen diese, anreizen sollen.“.

**Rape Culture (übersetzt etwa: „Vergewaltigungskultur“) beschreibt eine Kultur, in der Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt gegen Frauen toleriert und durch bestimmte Verhaltensweisen, Normen oder auch Medien verharmlost und gefördert werden.


4 Antworten auf “Der wahre Facebook-Skandal (Triggergefahr!)”


  1. 1 Anna-Sarah 05. Oktober 2011 um 13:00 Uhr

    Zum Kotzen.

    Übrigens: Dass auf deutschsprachiger Seite nur dieStandard berichtete, ist nicht ganz richtig, wir hatten auch einen Beitrag dazu :) http://maedchenmannschaft.net/gegen-vergewaltigungsverharmlosungen-auf-facebook/

  2. 2 viruletta 05. Oktober 2011 um 13:15 Uhr

    Vielen Dank für die Ergänzung! :) Habs verbessert.

    Barbara Hannah Gruffermann von der Huffington Post setzt diese Seite in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext: Solche “Spaß”-Seiten sind nur möglich, weil wir in einer so genannten culture of rape bzw. rape culture (“Vergewaltigungs­kultur”) leben, in der vergewaltigungs­verherrlichende Seiten ohne Sanktion von offizieller Seite (in diesem Fall: Facebook) existieren können und kontinuierlich zu deren Normalisierung beitragen.

    Schön, dass ihr auch nochmal darauf hingewiesen habt, dass Facebook die Vergewaltigungskultur nicht nur reproduziert, sondern dadurch auch gleichzeitig stützt und fördert.

  3. 3 viruletta 09. Oktober 2011 um 17:35 Uhr

    derFreitag legt nach: Vergewaltigung 2.0 – Verscherzt.

  4. 4 lanu 10. Oktober 2011 um 12:12 Uhr

    „You know shes playing hard to get when your chasing her down an alleyway“
    Dass das Zitat als Kritik an dem Abqualifizieren von Abfuhren als „playing hard to get“ gemeint sein könnte, weil es diese Phrase auf ein eindeutiges (und clichéhaftes) Vergewaltigungsszenario anwendet, ist euch noch nicht in den Sinn gekommen?

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