XXS

„XXS“ von Kim Caspary. Und das heißt: Ja, schon wieder eine Buchbesprechung. Diesmal aber etwas ganz anderes: am Titel kann man schon recht treffsicher erraten, um was es sich handelt: um Magersucht. Das Cover (seht ihr weiter unten im Text. Uuuuh, Spannung!!) weist dann auch auf die Richtung hin – hübsches Mädchen, schwarzweiße Fotographie, traurig guckend. Also: kein Selbsthilfebuch, sondern ein Roman, was auch deutlich unter dem Titel steht.

Eigentlich hatte ich ja nicht vor, das Ding zu lesen, aber mir sind bei einem Besuch bei meinen Eltern die Bücher ausgegangen und das hier lag halt irgendwo rum. Denn so wild bin ich auf das Thema eigentlich nicht, aus Mangel an Selbstidentifikation – Eßstörungen und der ganze Rattenschwanz, der da mit dranhängt, ist für mich sowieso immer ein bißchen verwirrende terra incognita.

Und man kennt derartigen Kram ja auch eigentlich auch noch aus der eigenen Teeniezeit, aus dieser unsäglichen Phase, in der man auf diese Art schlechte Bücher geradezu abgefahren ist, weshalb auch immer. Da gab’s ja dann auch so ganze Betroffenheits-Buchreihen; so Romane für Jugendliche, in denen es immer, immer wieder um so „typische Probleme der heutigen Jugend“ geht. Die Art von Konflikten und Gefahren, die früher im Fernsehen in jeder einzelnen Staffel von „Unser Lehrer Dr. Specht“ und Konsorten nochmal von Neuem aufgerollt wurde, irgendwie so die zeitlose Variante halt: Sekten, Drogensucht, Sex, Alkoholismus, Mobbing, Rassismus, zwangsverheiratete Muslima, Satanismus – und eben auch Eßstörungen, insbesondere Magersucht.

Zudem auf dem Klappentext der Hinweis, die Autorin (Kim Caspary) habe unter einem Pseudonym geschrieben, sei beim Schreiben selbst noch Teenager gewesen: so wird XXS als „beeindruckendes Debüt“ bezeichnet und überhaupt sei der Roman „zutiefst authentisch“.

Da hab ich, ehrlich gesagt, Vorurteile. Meiner Erfahrung nach bin ich normalerweise nie sehr begeistert von diesen Autoren-Junggenies, als die sie immer angepriesen wurden und die natürlich allein schon aufgrund ihres Alters auch alle als „zutiefst authentisch“ galten. Na gut, vielleicht bin ich ja auch nur neidisch, kann auch sein. Sei es jetzt Stuckrad-Barre oder Hegemann, ich find’s langweilig. Auch das verfilmte „Crazy“ war imho schlichtweg überbewertet…

Aaaaber (jaja, so bald steigt man wieder von seinem hohen Ross!) es kam, wie es kommen mußte, ich hab die 320 Seiten in anderthalb Tagen regelrecht verschlungen!!!!

Tja, und so komme ich hier zu ein bißchen Teenie(bücher)-Blogging, auch mal wieder nett.

Und die Heldin des Buches, Sophia, ist großartig. Zwar auch irgendwie total daneben (wer ist das als Teenager nicht?) und möchtegern-cool („das Gras war so phat, daß wir hinterher total prall waren“ und ähnlicher grauslicher Jugend-Slang, brrrrr!), aber auch verdammt zäh, ehrlich und originell. Nicht zu vergessen: kritisch, klug und mit einer herrlich lockeren Selbstironie!!!
Keine dieser oberflächlichen Foto-Love-Story-Charaktere, deren gesamte „Persönlichkeit“ sich darauf konzentriert,
eine möglichst typische Magersüchtige abzugeben, am besten mit allen Klischees drum und dran, was dann natürlich auf Kosten der Hauptperson und somit der ganzen Geschichte ginge. Und schließlich dann auch alle (eßgestörten) LerserInnen auf diesen stereotypen Querschnitt zu reduzieren, ihnen letztendlich nicht viel mehr Tiefe bieten als ein Infoblatt über Anorexie vom Gesundheitsamt.

Stattdessen hat Sophia ihren eigenen Kopf, und erst recht ihre eigene Geschichte!

Einzelkind. Mutter säuft sich aus der Realität und zieht irgendwann so gefühlte Anfang/Mitte des Buches aus, verpißt sich eigentlich ganz aus Sophias Leben. Vater schrecklich träge und erfolglos und verzweifelt genug, um sich auf schweinegefährliche und zwielichtige Geschäfte einzulassen, ohne Sophia aber hier den Plot zu stehlen ;-).

Auch hier zeigt sich die Stärke von Caspary, den Figuren einen komplexen und eigenwilligen Charakter zu verleihen: der Herr Papa darf eben etwas mehr sein als nur der Asi-Alte, der zusammen mit seiner Frau durch schlechtes Elternsein die Tochter zur Magersucht hin verkorkst hat.
Sympathisch ist er nicht. Aber nachdem er allein mit Sophia ist, seine Frau bereits ausgezogen, gibt er nie auf, startet ständige Versuche, – wenn auch keine sehr plan- oder sinnvollen – die Gesamtsituation in den Griff zu bekommen und dem Guten zuzuwenden, auch seiner Tochter aus der Magersucht und anderem Scheiß zu helfen. Und ist dabei selbst so hilflos und unsicher, daß diese Versuche anfangs gar nicht erkannt oder als solche gewertet werden. Eigentlich scheitert er dabei stets. Und doch, hin und wieder – ob aus Glück oder irgendeiner unterbewußten Intuitiuon heraus – kommt manchmal was ganz Brauchbares dabei rum.

Währenddessen schwimmt Sophia gegen ihre Pubertät an.

Und eigentlich gehen diese Magersucht-Paradegeschichten imnmer nach Schema F vor: Mädel war mal gesund, beliebt und glücklich, wurde dann Außenseiterin, depri und anorektisch, wird irgendwie „erwischt“ und von den Eltern ine Kur oder zumindest Selbsthilfegruppe geschickt, wo dann ganz liebe und engagierte ÄrztInnen und Mitleidende (evtl. noch ein knuddeliger Pfleger oder Zivi Marke Patrick Bach) ihr so langsam den Weg zum Licht zeigen, natürlich ein ganz schwerer und schrecklich anstrengender Heilungsprozeß und alles. Eventuell dann noch ein Rückfall nach der Entlassung, dann echte Einsicht auch ihrerseits, wieder zurück zu den netten Leuten in der Klinik oder Gruppe, die ihr alle helfen wollen, und sie will jetzt auch echt gesund werden – und dann endet das Buch mit irgendnem möchtegern-philosophischen Quark wie „Sie stand am Fenster und schaute in den herbstlichen Klinikpark und sie wußte, es war noch ein harter und langer Weg bis zu ihrer Genesung – aber sie war sich sicher, sie würde es schaffen! Ganz bestimmt!“ – Tadaaa, The End.
Und das findet sich in zig Büchern, Foto-Love-Storys und Kurzgeschichten. Weil das ja ein ganz heikles Thema ist, blooooß nix falschmachen, auf jeden Fall pädagogisch vorgehen: die Figuren und Ereignisse nicht nur hip und cool machen, sondern auch so hohl und flach wie nur möglich, damit sie maximale Projektionsfläche für die betroffene Leserin sein können; die Story soll nichts verklären und deutlich machen, daß es sich hier um eine ernstzunehmende und sehr gefährliche Krankheit handelt; daß die Genesung schwierig, unangenehm und langwierig ist, mit einer hohen Rückfallquote; daß man aber unbedingt dranbleiben muß, sich auf jeden Fall Hilfe holen soll bei erfahrenen Fachleuten, denen man vorbehaltlos vertrauen soll, da man selbst ja unzurechnungsfähig ist und man Hilfe annehmen soll, wenn man welche braucht; und daß es die Mühe wert ist und man, wenn man lange genug kämpft (und dabei nicht vollends abstürzt oder gaga wird), als bessere, neue Person da rauskommt.

Das funktioniert aber mit Sophia nicht so 100%ig.
Und die Arme wird nun aber auch wirklich ständig durch die Scheiße geschickt. Nicht nur, daß ihre Lebenssituation alles andere als 1a ist. Zweimal hintereinander stirbt im Flugzeug wer, als sie die ersten Male in ihrem Leben überhaupt in einem Flieger sitzt; irgendwie hat sie immer das Pech, sich in sexistische Arschgeigen zu verknallen; schlechte Pilztrips; Zoff mit der besten Freundin; Selbstmordversuche; und viele Dinge mehr, die sonst nur Donald Duck passieren. Ach ja, und die Magersucht. Aber dennoch ist ihr stets der Beistand ihrer FreundInnen gewiß. Denn in deren Leben ist auch nicht gerade eitel Sonnenschein.

Anfangen tut die Story eigentlich noch ganz klassisch: nachdem Sophia, bereits stark abgemagert, im Sportunterricht in Ohnmacht fällt, fliegt die Sache auf und sie landet in der Psychiatrie. Generell gefällt es ihr hier – natürlich den Umständen entsprechend – und während des Aufenthalts spürt sie auch, daß ihr vieles guttut und ihr körperlicher Zustand prima Fortschritte macht.
Dennoch läßt sich die rebellisch-kritische Eßgestörte nicht vom optimistisch-professionellen Schwarzwaldklinikflair einlullen. Detailliert wird der tägliche Stundenplan der PatientInnen abgedruckt, die strengen Regeln, die regelrechte Knastatmosphäre, in welcher Selbständigkeit und Selbstrespekt eingeübt werden sollen.
Auch wenn der ihr zugeteilte Therapeut anscheinend mehr auf dem Kasten hat und sie mit ihm besser zurechtkommt wie zunächst befürchtet, traut sie ihm nicht so weit über den Weg, ganz einfach, weil es ihr unmöglich scheint, ihn so ganz ernst zu nehmen. Doof ist Sophia nicht.

[Herr Dr. Novak] stellte mir die dümmste Frage, die mir jemals einer gestellt hat. Selbst Frau Dr. Achdumeinegütes Fragen waren dagegen harmlos. Ich sollte ihm sagen, was für Idole ich habe und welche Poster an meiner Wand hängen. Natürlich wollte dieser Möhrenputzer hören, dass ich irgendein magersüchtiges Model zum Vorbild habe. Doch da war er bei mir an der falschen Adresse, denn ich durchschaute ihn sofort. Ich sagte, ich sei mein eigenes Idol und dass ich nicht anders sein will, als ich bin. Basta.

1
Aber Sophia ist schon in der Klinik klar, daß ihr Aufenthalt hier nichts ändern wird, daß Abnehmen das erste sein wird, das sie nach der Entlassung in Angriff nehmen wird.

Sie entwickelt zusätzlich zu ihrer Magersucht auch noch Bulimie und nimmt in der Zeit „wieder draußen“ bis zu ihrem zweiten radikalen Therapieversuch wieder enorm ab, verlebt eine äußerst turbulente Zeit (unter anderem in Australien), die Situation wird immer verschwurbelter, der Drogen- und jetzt auch Alkoholkonsum steigen, Jungs kommen und gehen und irgendwann ist alles so verkorkst und Sophia steht am Ende einer Sackgasse.

Sie entschließt sich zu einer betreuten Wohngruppe, diesmal mit dem festen Vorsatz, hart an ihrer Genesung zu arbeiten, ihr Leben umzukrempeln und Ordnung und Perspektive um sich zu schaffen.
Aber mal wieder hat die Heldin des Buches die Arschkarte gezogen. Hin- und hergerissen zwischen dem gestillten Bedürfnis an Disziplin und gleichzeitig einem starken Gefühl des Eingeengtseins und die LeserInnen erfahren, wie gewisse psychologische Manipulationen, auch die subtilsten, großen Schaden anrichten können. Denn letztendlich handelt es sich ja um therapeutische Fachkräfte, die ihre Kenntnis und Macht mißbrauchen, um auf egoistischste Art einen sehr verletzbaren, verstörten, regelrecht von ihnen abhängigen Haufen Jugendlicher zu manipulieren. Nach und nach offenbaren sich die ganz klar sektenartigen Strukturen der betreuten Wohngruppe, in der das Selbstbewußtsein der Teenager systematisch untergraben und jegliches zaghafte Versuchen, Selbständigkeit zu erlernen verhindert wird.

Aber clever wie Sophie ist, läßt sie das irgendwann nicht mehr mit sich machen. Sie packt die Koffer und zieht zu ihrem leider wieder etwas seltsamen Freund, kehrt der WG den Rücken und nimmt den Kampf um das Ordnen und Selberkontrollieren ihres Lebens ein weiteres Mal auf.
Und zäh, wie Sophia ist, wird sie das schon irgendwie schaffen. Man ist beruhigt.

  1. Kim Caspary, XXS, München 2004, Goldmann-Verlag, S. 45/46 [zurück]

5 Antworten auf “XXS”


  1. 1 femi 16. Oktober 2011 um 1:04 Uhr

    Klingt äuszerst lesenswert. :) Und ich (als Frau mit Anorexie) kann nur sagen, dass diese Rezension schon nach mehr Wahrheit klingt, als sämtliche Bücher/Filme/Reportagen/whatever zum Thema, die ich mir bisher zu Gemüte geführt habe. Thanks a lot!

  2. 2 Katja 17. Oktober 2011 um 16:39 Uhr

    Ich kann da nicht mitreden aber meine Freundin hat die Krankheit. Sie gibt es zwar nicht zu aber sie hat es wirklich. Vielleicht sollte ich ihr das Buch mal schenken. Sie kann sich damit bestimmt gut identifizieren. Ich hab bloß Angst, dass sie das als Beleidigung auffasst. hm…

  3. 3 Charlotte 17. Oktober 2011 um 17:25 Uhr

    Klingt ziemlich spannend. Wollte schon lange mal ein Buch zu diesem Thema lesen. Und was du sagst hört sich an, als wäre es ein Stoff, der durchaus tiefer geht und nicht nur an der Oberfläche kratzt! Danke für die Empfehlung!

  4. 4 lena odenthal 18. Oktober 2011 um 19:26 Uhr

    achso, die rezension gefällt mir aber auch sehr gut! :-)

  5. 5 yaeli 20. Oktober 2011 um 3:24 Uhr

    ich lese den maedchenblog nicht so haeufig und bin auch nicht so ein mensch was irgendwelche kommentare schreibt eigentlich – ABER dieser mist um „anorexia/magersucht“ regt mich komplett auf! das ist nach meiner meinung keine KRANKHEIT – sondern eine strategie mit diversen erfahrungen einen umgang zu finden, ebenso wie andere formen von selbstverletzung, komsum von was auch immer, etc. diese pathologisierungen helfen niemandem!!! vielmehr manifestieren sie die ideen von „krank“ und „gesund“ und vertuschen by the way komplett die erfahrungen und umstände, die all dem (möglicherweise)zugrunde liegen. scheisse das!

Antwort hinterlassen

:) :( :d :"> :(( \:d/ :x 8-| /:) :o :-? :-" :-w ;) [-( :)>- more »

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


vier + = zwölf