Deserteure, Wehrkraftzersetzer – und Männlichkeiten

Ralf Buchterkirchen gelangt in seinem aktuellen Buch „…und wenn sie mich an die Wand stellen…“ auf einem ganz anderem Weg zum Thema Desertion als sonst üblich. Er wählt den Ausgangspunkt Männlichkeitsentwürfe und macht deutlich, wie anknüpfend an Drangsalieren von jungen Männern in Preußen, im Nationalsozialismus „Manneszucht“ zentral gesetzt wurde. „Moral, Disziplin und Kameradschaft“ wurden unter dem Begriff „Manneszucht“ zusammengedacht, Militär, Männlichkeit und Bürgerrechte eng miteinander verzahnt.

Zentral bei der Verfolgung von Deserteuren und Fahnenflüchtigen war es so, dass der Verurteilte aus der Männergesellschaft ausgeschlossen wurde. Das geschah über die Aberkennung der „bürgerlichen Ehrenrechte“ und der „Wehrwürdigkeit“ und durch das Abreißen der Rangabzeichen vor der Hinrichtung. Er sollte so noch vor der Ermordung gedemütigt und aus der Männergesellschaft ausgeschlossen werden.

Buchterkirchen leitet das sehr anschaulich her. Und auch die weiteren Beschreibungen sind sehr lohnenswert – so wurde zum Beispiel in der Wehrmacht oft über die Konsequenzen von Desertion und Fahnenflucht aufgeklärt, offensichtlich weil man damit einschüchtern wollte. Und auch die Anzahl der Verfahren gegen Soldaten war enorm – so landeten fast 20% der Soldaten irgendwann während der kurzen und schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus vor einem Militärgericht, allerdings nicht nur wegen Desertion und Fahnenflucht, sondern insbesondere wegen „kleiner Vergehen“. Und auch die zögerliche Aufarbeitung und Rehabilitierung der Deserteure in DDR und insbesondere BRD wird von Buchterkirchen erläutert. Erst 2009 wurden so in der BRD auch die letzten Opfer der NS-Militärjustiz rehabilitiert.

Und ein weiterer Gesichtspunkt ist interessant: Wurden auch unter linken, emanzipatorischen Leuten sonst oft nur Deserteure gewürdigt, die „aktiv politischen Widerstand“ leisteten und die übrigen selbst hier als „Drückeberger“ stigmatisiert, verfällt Buchterkirchen nicht in dieses Raster. Stattdessen macht er an Schicksalen aus Hannover die Vielfalt der Beweggründe der Deserteure deutlich – viele konnten einfach das Leid nicht mehr sehen oder wollten zu Freunden, Bekannten zur Familie. Buchterkirchen würdigt diese Entschlüsse für das Leben, bei den drohenden Gefahren. „Das Leben hat das Recht“, wie Robert Gauweiler kurz vor der Hinrichtung in einem Abschiedsbrief an die Familie schrieb: „Weine Dich nur richtig aus und behalte mich im guten Angedenken und dann fange wieder an zu leben, denn das Leben hat das Recht.“ (S.84)

Einfühlsam und kompetent. Lesen!


13 Antworten auf “Deserteure, Wehrkraftzersetzer – und Männlichkeiten”


  1. 1 Ein Mann 05. Januar 2012 um 16:19 Uhr

    Das war ja nicht nur bei den Deutschen so…wieviel Franzosen wurden im ersten Weltkrieg von ihren eigenen Leuten an den Wand gestellt, wieviele Sowjetbürger von den Politkommisaren von hinten erschossen?

    Aber nicht nur Männer haben Männer aus der Gesellschaft ausgeschlossen weil sie nicht morden oder ermordet werden wollten.

    Die Frauenbewegung weiße Feder hat sich hier besonders in England und Australien hervorgetan, Männer auf gesellschaftlichem Wege zum Wehrdeinst zu pressen in dem sie jeden „Verweigerer“ mit eine rweißen Feder, ein Zeichen der Feigheit, gezeichnet haben-

    Wird gerne, gerade von den achso pazifistischen Feministinnen „vergessen“.

    Ein wenig selbstkritik würde hier ganz gut tun.

  2. 2 Männlich 06. Januar 2012 um 15:13 Uhr

    da gibts auch ne buchvorstellung davon in ludwigsburg – Freitag 13.01.2012, 20.00 Uhr
    http://www.demoz-lb.de/program.html#prog

  3. 3 dertypausderdrittenreihe 06. Januar 2012 um 15:46 Uhr

    „Ein wenig selbstkritik würde hier ganz gut tun.“
    Weil Feminstinnen sich für alles rechtfertigen sollen, was ‚Frauen‘ angestellt haben? In diesem Falle auch noch für die Reproduktion von Männlichkeit?

  4. 4 Eine Frau 06. Januar 2012 um 16:38 Uhr

    Wie konnten die achso pazifistischen Feministinnen DAS nur vergessen ?

    EINE Frauenbewegung, die nicht der „Norm“ entspricht …

    Ach, jetzt schäm ich mich aber.

  5. 5 querelle 06. Januar 2012 um 19:00 Uhr

    na ihr,
    die kommentare sind aber schon gerade ein wenig flach. ich finde eine auseinandersetzung mit dem buch extrem spannend, weil damit klar wird, dass männlichkeiten sehr vielfältig sind, das buch toll lesbar ist und weil ralf buchterkirchen wichtigen problemen nicht ausweicht (rezeption unter linken, bei denen auch oft nur explizite wderstandskämpfer was taugten; die massive fortwirkung der gleichen leute aus der nazi-militärjustiz, die bis in die 1970er/80er jahre in der bundesrepublik deutschland tätig waren und auch die ‚rechtsprechung‘ über deserteure bestimmten).
    etwas mehr niveau bitte in der diskussion!

  6. 6 in_kogni 08. Januar 2012 um 14:03 Uhr

    da fuehlt sich ein mann in seiner identitaet angegriffen und muss mit dem finger auf andere zeigen, „aber die haben doch auch“ und die nebenan im thread ala die nazis waren ja gar nicht so boese und die deutschen als opfer „sog. befreier“ die andern haben ja auch und maenner naja aber maenner leiden doch auch vor allem die feminist*innen und frauen sind doch auch sexistisch und einfach so ne revanchistische kackscheisse und du veroeffentlichst das und fragst dann nach niveau in der diskussion.
    ich kann das alles nicht mehr hoeren.
    und vielleicht andere auch nicht und haben keine lust sachlich darauf zu reagieren…

  7. 7 Marc-Andre 12. Januar 2012 um 16:07 Uhr

    @dertypausderdrittenreihe
    willkommen in der Welt des Mannes. Als Mann darfst du dich 24/7 für die Taten anderer Männer rechtfertigen. :-w

  8. 8 Eine Frau 13. Januar 2012 um 22:34 Uhr

    @ Marc-Andre

    Na, dann weißt Du ja, wie es den meisten Frauen geht. Das sollte Dich doch jetzt auf die nächste Verständnisebene heben.

    Und nur für den Fall: das ist NICHT sarkastisch gemeint.

    Gruß,
    Trip

  9. 9 Ein Mann 14. Januar 2012 um 16:56 Uhr

    @ InKogni

    Die einzige die hier nicht sachlich diskutiert bist du.

    Legst mir Sachen in den Mund die ich so gar nicht gesagt habe.

    Was soll das???

    Ausserdem ist es doch genau umgekehrt. Die Verbrechen an! den Deutschen werden doch immer mit Verbrechen der! Deutschen gerechtfertigt.

    Zum Anderen: Macht ihr Frauen erstmal einen Krieg mit, dann reden wir weiter.

    Die Männer sind die, die diese Kriege NICHT wollen, von einigen wenigen, die im sicheren Bunker sitzen mal abgsehen. Denn sie sind es, die getötet werden oder als Krüppel zurückkommen, denn Krieg kennt keine Gewinner…

    Und noch vor die Wahl gestellt, zu kämpfen oder zu gleich an die Wand gestellt zu werden.

    Ausser die, die sich damit eine goldene Nase verdienen.

    Ihr Frauen macht es euch ziemlich leicht, weil ihr das Elend nicht sehen müsst.

  10. 10 Neo R. 17. Januar 2012 um 16:08 Uhr

    Ich kann in_kogni sehr gut verstehen. Querelle, warum schaltest Du so einen Schrott denn frei? Findest Du solche Beiträge sind von der netiquette gedeckt?

  11. 11 Neo R. 17. Januar 2012 um 16:12 Uhr

    Anmerkung: Ich finde Deinen Beitrag toll, querelle und stehe dabei voll hinter dir, aber bitte nimm auch Rücksicht auf andere LeserInnen hier wenn du beiträge freischaltest. Denn wenn du das tust, dann beschäftige dich zumindest mit ihnen und lass das nicht so unkommentiert stehen. Bitte.

  12. 12 Eine Frau 17. Januar 2012 um 20:23 Uhr

    @ ein Mann

    Das ist neu: Frauen machen am Krieg NICHT mit … Wer sind denn die Hauptleidtragenden eines jeden Krieges – Frauen und Kinder. Und wer räumt nachher den ganzen Mist auf ???

    Und Frauen müssen das Leid nicht sehen ? Kriegen es nicht mit ?

    Und NATÜRLICH sterben Männer im Krieg. Frauen werden ja „bloß“ vergewaltigt und dürfen dann zusehen, wie es einigermaßen „normal“ weitergehen soll. Vielleicht mit einem Kind – dann gerne „Bastard“ genannt. Ist ja alles nicht so schlimm.

    Sorry, aber das ist echt starker Tobak, den Du hier verzapfst.

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