Archiv für März 2012

Rausch, Angst und Herrschaft

In dem Buch, das bei mir gerade entsteht, soll es um Rausch gehen, also nicht nur um dessen Auslöser (Substanzen, Handlungen), sondern um diesen Zustand, diesen Prozeß selbst, um dessen Funktion, Rolle und Veränderungspotential sowie um seine Unterdrückung und Verwaltung als wesentliche Bestandteile von Klassen- und Geschlechterherrschaft bis in die Gegenwart.

Die mit dem Rausch einhergehende Änderung von Wahrnehmung, Fühlen, Erleben wird vom beherrschten und sich selbst beherrschenden Menschen als Kontrollverlust erlebt. Wie sehr, scheint eng mit dem Ausmaß an Angst in der jeweiligen Person zusammenzuhängen, die denn auch als Angst vor Kontrollverlust in den meisten Schilderungen von Rauscherlebnissen oder Vorstellungen von unerprobten Räuschen vorkommt.

Diese Angst ist – abhängig von der realen Bedrohung – völlig berechtigt und in dieser grundsätzlich gewaltförmigen und übergriffigen Gesellschaftsordnung, in der die veränderten, berauschten Sinne als Kontrollverlust gelten, Kontrollverlust als Schwäche und Schwäche wiederum als Anlaß für Stärkedemonstration, Ausnutzung und Angriff, in fast jedem Menschen anzutreffen. Nicht nur werden solche „Anlässe“ ständig übergriffig ausgenutzt, auch der Rausch selbst ist ein anderer und gefährlicherer, wenn die Angst überwiegt. Rausch kann Angst weiter verstärken und zum psychisch bedrohlichen „bad trip“ werden.

Besonders ausgeprägt müßte die Angst vor Kontrollverlust bei besonders stark bedrohten Menschen in besonders gewalttätigen oder konkurrenzintensiven Lebensumständen sein; nochmal spezifisch stärker je nach dem Grad der Ohnmacht und Entwaffnung in diesen Umständen; und nochmals spezifisch stärker bei denen, für die aufgrund ihrer sozialen Rolle gerade Situationen von Vergnügen, Lust, Verbindung und Entspannung Situationen des größten Angriffs- und Übergriffsrisikos darstellen.

Dirndlverfütterung

Aus der Erfahrung mit berauschten (unzurechnungsfähigen, entgrenzten) Über- und Angreifenden und mit der vorgesehenen Rolle als berauschtem (wehrlosem, mitspielendem oder stillhaltendem) Opfer resultiert oft eine Abwendung und Ablehnung von Rausch, mit der sich jedoch das Subjekt in Angst auch die lustvollen und persönlichkeitsverändernden Möglichkeiten des Rauschs vorenthält und somit Ausschluß, den Herrschaft und Rollenzuweisung betreiben, selbst reproduziert und erweitert.

Da ich Rausch auch positiv in seinem Potential für individuelle und kollektive Veränderung fassen möchte, stehen diese Verdopplung des Ausschlusses vom Erkenntnis- und Lustpotential des Rauschs sowie Strategien zu ihrer Vermeidung/Überwindung mit im Zentrum meiner Überlegungen. Ich bin an Kommentaren, Anregungen und Kritik dazu (wie überhaupt zum Thema Rausch) sehr interessiert, auch an Literaturhinweisen innerhalb und außerhalb des Netzes.

Outside the bubble

Outside the bubble

Ich lebe in einer queeren Bubble. Schön ist es hier. Ich habe einen queeren Freundekreis, eine queere Beziehung, gehe auf queere Partys, bastel an queeren Performances, lese queere Bücher, höre queere Musik, gehe zu queeren Ausstellungen, ich organisere feministische Demos und Events, mein Neffe trägt am liebsten Lila, ich lese queere Zines, queere Internetblogs,meine Nachbarin ist queer, ich gehe auf queere Konzerte, ich habe queere Patches auf den Klamotten, ich gehe in queere Bars, mein Zahnarzt ist schwul, meine Frauenärztin lesbisch, meine Theatergruppe queer, meine Friseurin queer; ich diskutiere über Grenzüberschreitung, Diskriminierung in der Szene, Nacktheit auf der Bühne und sprachliche Feinheiten. Kontakte, die nicht reinpassen, werden in der bubble weitesgehend gestrichen. So schön glitzert dann die Seifenblase, kuschelig. Aber täglich zerplatzen diese Selbstverständlichkeiten an der Realität. Täglich muss ich raus aus der bubble, bin die, die anders ist. Muss jedesmal abwägen zwischen Verstecken, Verschweigen, lautstarkt auftreten und verteidigen, geduldig erklären und ganz viel Müll runterschlucken. Meine bubble ist nicht die ganze Welt.
Schwulenwitze hier und da, keine_r, die sich darüber Gedanken macht, ich als Queerulantin, „was regt die sich denn schon wieder auf?!“ (mehr…)

Diskussion über Femme-inismus nach der zweiten Berliner Femme-Show

Zweite Femme Show Berlin Am 15.3.2012 fand die zweite Berliner Femme-Show im Lido statt. Mit vielen tollen Live-Acts und rund 600 Gäst_innen war es gerappelt voll und geklatscht und gejubelt wurde viel. Leider gab es nach der Show auch Kritik, die in den Kommentaren des nach der Show veröffentlichten Artikels in der Siegessäule geäußert wurden: „Femme Show im Lido war großartig“ auf Siegessaeule.de.

„Wo waren bitte die Auftritte mit Anspruch, Intellekt und vor allem politischer Aussage? Bezeichnenderweise haben ‚leider‘ mal wieder die Männer den einzigen Beitrag mit einem klaren politischen Statement dargeboten (Männerpaar mit Videoinstallation).“ fragt rosa in den Kommentaren und scheint damit die meisten der Performances nicht verstanden zu haben (mal abgesehen von dem falschen Gendering). „Also ich habe – wütende Statements gegen Femininitätsfeindlichkeit, – ironische, wütende und traurige Auseinandersetzungen mit Körpernormierungen, – gewitzte Angriffe gegen Fat-Phobia, – Liebeserklärungen an femme-positiven Queerfeminismus, – Sex-Work-Positive-Empowerment, – augenzwinkernden Burlesque, und vor allem eine dem Namen der Veranstaltung – The Berlin Femme Show – entsprechende Veranstaltung gesehen.“ hilft lisalotta p. weiter. Die weiteren Kommentare drehen sich im Grunde genommen um diese Konfliktlinie und arten am Ende (leider) in eine Schlammschlacht aus.

Die gefrustete Lipstick Terrorist schreibt in ihrem Blog über die harsche Kritik an der Show: „Trolls Attack the Berlin Femme Show“. Auch, wenn ich persönlich denke, dass es eher „normale“ Kritik und kein Trollversuch war, und die Verwendung mancher Schimpfwörter echt nicht sein muss, kann ich den Ärger doch sehr gut nachvollziehen. Femme organisiert ein riesiges tolles Event, um die Sichtbarkeit von Femmes und Femme-initäten zu stärken, und bekommt doch nur den (schlechten) alten Sexismus um die Ohren gehauen. Weiblichkeiten auf der Bühne werden nach wie vor nicht ernst genommen, als unpolitisch wahrgenommen und mit Verniedlichungen abgetan.

Der Abend an sich war keinesfalls perfekt, aber welche Show ist schon perfekt? Bei einer „stinkenormalen“ Queer-Show hätte sich niemand an einem nicht hundert Pro perfekten Abend gestört, aber wenn queere Weiblichkeiten auf der Bühne sind und gar ein paar Kleidungsstücke fallen, wird direkt eine Weltverschwörung gegen den Feminismus gewittert. Aber darum geht es nicht, denn Laura sagt so schön in den Kommentaren in den Kommentaren auf Siegessäule: “ Being naked does not mean you are buying into objectification. Queer burlesque is about claiming our own sexualities in a world which says they are wrong and it is empowering.“ – BAM! Dem und dem Jubel des gefühlt zu 90% aus FLTI* bestehenden Publikums habe ich nichts mehr hinzuzufügen!

Für mehr Femme-Solidarität!

Links:

„Wir Frauen – Das feministische Blatt“

„Wir Frauen“ kommt in diesem Frühjahr mit einer äußerst spannenden Ausgabe daher. Schwerpunkt ist Publizistik – und dieser wird gründlich entwickelt. Aber die schöne Randbemerkung zuerst: Allein schon durch die kleinen Leseempfehlungen der einzelnen Redakteurinnen ergibt sich ein wunderbarer Blick über die feministische Medienlandschaft, von Das Argument über Die Krake bis hin zur Schlangenbrut. Gründlich angegangen wird das Thema aber auch deshalb, weil in kurzweiligen Artikeln ein Überblick über die Anfänge der Frauen-Zeitschriften in Deutschland, über die von Clara Zetkin geprägte „Die Gleichheit“ bis hin zu den aktuellen Medien und der Unterrepräsentierung von Frauen dort gegeben wird. Auch Hedwig Dohms zeitloses Werk „Die Antifeministen“, das nach wie vor begeistert, wird gewürdigt, immerhin jährt sich die Veröffentlichung zum 110. Mal. Hier ist es übrigens online. Aber auch Frauen im Widerstand während der Nazi-Herrschaft werden thematisiert – lesenswert, weil sie all zu oft vernachlässigt wurden und die als weiblich eingeordenten Widerstandsformen nicht selten verniedlicht wurden und vernachlässigt wurde, dass diese Frauen ihr Leben riskierten. Ich bin von der aktuellen Ausgabe begeistert und empfehle daher hier die Lektüre.

Rezi: „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“ oder: …die erfolgreiche junge Frau (und der erfolgreiche junge Mann) als Maß.

Nach dem ersten Aufschrei nach dem Herauskommen des rassistischen Buches von Sarrazin sind die Debatten mittlerweile wieder leiser geworden. Nichts mehr davon hören zu müssen erscheint gut, aber das Problem bleibt virulent, verstärkt sich und kommt möglicherweise in immer krasseren Schüben.

Das zeigen einige Publikationen, die herausarbeiten, dass der Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft kommt und weit verbreitet ist. Nicht zuletzt geht das aus den Studien der Bielefelder_innen zum Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hervor. Eine gute Bestandsaufnahme leistet nun auch der von Sebastian Friedrich herausgegebene Sammelband „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“.

Der Band präsentiert das Problem des in der Bundesrepublik verbreiteten Rassismus komplex und zeigt auf, dass es sich keineswegs nur um ein Überbleibsel der Nazi-Zeit handelt, sondern dass der Rassismus neben alten auf ganz neuen Füßen zu stehen beginnt. So zeigen sich selbst in sich als emanzipatorisch ausweisenden Diskursen Problematisierungen von Migration, die den dominanten Diskursstrang fortsetzen. Es wird versucht, die Stigmatisierung von Migrant_innen zurückzuweisen, indem auf Menschen mit Migrationshintergrund verwiesen wird, die ganz dem Klischee bürgerlicher Kleinfamilie entsprechen. Erfolgreich im Job, am besten Mitglied in einem Verein, ein Häuschen, eins, zwei Kinder… Paradox. (mehr…)

Der Internationale Frauentag – Heute immer noch nötig?

Ist schon wieder Frauentag? Dieses seltsame sozialistische Relikt aus grauer Vorzeit? Muss das denn heute wirklich noch sein? Jetzt, wo doch alle gleichberechtigt sind und Frauen sich nur noch in ihrer großen Gemeinsamkeit des Schuhe- und Begehbare-Kleiderschränke-Liebens als Gruppe erkennen? Und natürlich im Beschweren über „den zu soften Mann“, den „machohaften Mann“ und den „Mann der keine Kinder haben möchte“.

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