Der Internationale Frauentag – Heute immer noch nötig?

Ist schon wieder Frauentag? Dieses seltsame sozialistische Relikt aus grauer Vorzeit? Muss das denn heute wirklich noch sein? Jetzt, wo doch alle gleichberechtigt sind und Frauen sich nur noch in ihrer großen Gemeinsamkeit des Schuhe- und Begehbare-Kleiderschränke-Liebens als Gruppe erkennen? Und natürlich im Beschweren über „den zu soften Mann“, den „machohaften Mann“ und den „Mann der keine Kinder haben möchte“.

Immerhin entstand der Internationale Frauentag ja aus der amerikanischen Bewegung für ein Frauenwahlrecht und fand vor über hundert Jahren erstmals in den USA statt. Das ist nun wirklich lange her und mittlerweile dürfen Frauen ja sogar auch wählen. Nun ja, in Deutschland jedenfalls.

Und außerdem ist doch auch dieser Tag mittlerweile ein kapitalistisch okkupiertes Event, an dem es vor allem darum geht, Männern einzureden, sie müssten jetzt doch aber auch einen Tag mal an „ihre“ Frauen denken, sie respektieren, wertschätzen und sich für alle ihnen entgegengebrachten Mühen bedanken – mit einem möglichst großen (und daher teuren) Strauß Blumen.

Und schließlich – ein weniger sexistisches und ignorantes Argument – führt nicht die Zelebrierung eines „Frauentages“ wiederum zu einer Unterstützung der Geschlechterdichotomie, die doch eigentlich die Wurzel aller Differenzierung, aller Diskriminierung, allen Übels ist? Sollten wir uns nicht bewusst von der Kategorie „Frauen“ (und „Männer“) abwenden, um eine neue, geschlechtergerechte Gesellschaft zu ermöglichen, die von Abwertung, Stereotypisierung und Rollenerwartung frei ist?

Ja. Und nein. In all diesen Aussagen mögen Wahrheiten stecken. Tatsächlich aber sieht es so aus (Informationen aus den jährlich erscheinenden Weltbevölkerungsberichte der Vereinten Nationen (insbesondere 2008 und 2011) sowie aus Ockrent: Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen. (2007).) :

Das Frauenwahlrecht – 1909 der Anlass für die Begründung des Frauentages – gibt es noch immer nicht in allen Länder: In Bhutan hat jede Familie nur eine Stimme, in Brunei haben Frauen gar kein Stimmrecht, ebenso im Staat Vatikanstadt, wo der Papst als Staatsoberhaupt nur von männlichen Kardinälen gewählt werden darf, im Libanon dürfen Frauen nur bei Nachweis eines gewissen Bildungsgrades wählen (Männer müssen einen solchen Nachweis nicht erbringen). Saudi Arabien hat angekündigt, das Frauenwahlrecht für 2015 einzuführen. Nicht erlaubt sein soll Frauen dort aber weiterhin der Erwerb eines Führerscheins.

Frauen sind in vielen Teilen der Erde noch immer unfreier als Männer: Sie unterliegen besonderen Kleidungsvorschriften und Benachteiligungen im Erbrecht. Sie sind in ihrer Freizügigkeit oft stark eingeschränkt und haben kein Mitspracherecht bei der Wahl ihres Ehepartners; oft werden sie schon in sehr jungen Jahren verheiratet (in Mosambik fast jedes dritte Mädchen bevor es 15 Jahre alt ist) – meistens an einen deutlich älteren Mann.

Vor allem in den Entwicklungsländern haben Frauen schlechteren Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Weltweit stirbt jede Minute eine Frau an den Folgen von Schwangerschaft oder Geburt, 99 Prozent davon in den Entwicklungsländern. Das sind ungefähr 536.000 Frauen im Jahr, von denen die meisten durch eine bessere Gesundheitsversorgung gerettet werden könnten. Trotz entgegenstehender internationaler Abkommen werden jedes Jahr etwa drei Millionen Mädchen beschnitten – ein Vorgang der mit unsäglichen Qualen, manchmal auch dem Tod einhergeht und zu lebenslangen Einschränkungen und Schmerzen führt. Insgesamt sind weltweit etwa 140 Millionen Mädchen und Frauen an ihren Genitalien verstümmelt, in Ägypten, Guinea und im Sudan sind es zwischen 90 und 96 Prozent aller Frauen. Ein ebenfalls zunehmend weibliches Problem ist HIV: In Afrika südlich der Sahara haben junge Frauen zwischen 15 und 24 Jahren ein drei Mal höheres Infektionsrisiko als Männer der gleichen Altersgruppe; derzeit sind dort über 59 Prozent der HIV-Infizierten Frauen.

70 Prozent der 130 Millionen Kinder ohne Schulbildung sind Mädchen. Zwei Drittel von den 960 Millionen erwachsenen Analphabeten sind Frauen. Sie sind überdurchschnittlich im Niedriglohnsektor vertreten und bekommen häufig für die gleiche Arbeit weniger Geld als Männer. Ungefähr 60 Prozent der ärmsten Milliarde der Weltbevölkerung sind Frauen und Mädchen. In Asien sind Jungen schon als Ungeborene und Babys mehr wert als Mädchen: Durch illegale geschlechtsselektive Abtreibungen und tödliche Vernachlässigungen von Mädchen nach der Geburt kommt es daher mittlerweile zu einem deutlichen Ungleichgewicht beim Geschlechterverhältnis.

Überall auf der Welt werden Frauen vergewaltigt und als sexuelle Objekte für die männliche Triebbefriedigung missbraucht – insbesondere auch innerhalb ihrer eigenen Familie. Es sind vor allem Frauen, die ihren Körper zum Zwecke der Prostitution und des Sextourismus verkaufen; und sie tun es oft nicht freiwillig: Frauenhandel nutzt Armut, Verzweiflung und Unwissenheit von Frauen und jungen Mädchen aus und zwingt sie in moderne Sklavenverhältnisse, aus denen sie sich kaum selbst befreien können. Dieser „Wirtschaftszweig“ bringt heute mehr ein als der Drogen- oder Waffenhandel. Auch sind es überwiegend Frauen, die von Vergewaltigung als Kriegswaffe betroffen sind oder in muslimischen Ländern aus Gründen der (männlichen) Familienehre gesteinigt, verbrannt oder ermordet werden.

Und auch in Deutschland ist die Gleichstellung noch lange nicht so weit voran geschritten, wie manche gerne glauben möchten: Gerade hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mitgeteilt, dass Deutschland, was die Anzahl von Frauen in Führungspositionen betrifft, im internationalen Vergleich weit abgeschlagen ist. Auch sind die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen mit knapp 22 Prozent so hoch wie in keinem anderen europäischen Land. Noch immer sind hier die Frau für die Kindererziehung und der Mann für die Ernährung der Familie zuständig.

Sexismus zu verneinen führt nicht dazu, dass es ihn nicht gibt. Und auch, wenn wir die Geschlechterdichotomie verwünschen und uns die genderoffene, queere Gemeinschaft herbeiträumen: Heute und hier gibt es die soziale Gruppe „Frauen“, gibt es Diskriminierung von Menschen aufgrund der Zuordnung zu dieser Gruppe.
Also: Vergesst die Blumen und geht in euch oder auf die Straße! Erinnert euch und andere daran, dass Sexismus überall auf der Welt in zum Teil erschütterndem, unvorstellbarem Ausmaß noch immer existiert und dass all jene, die das schon (fast) vergessen haben, unglaublich privilegiert sind.


16 Antworten auf “Der Internationale Frauentag – Heute immer noch nötig?”


  1. 1 Sabrina 08. März 2012 um 11:53 Uhr

    Zusammenhänge sind wohl auch ein Relikt aus alten staubigen Zeiten, in denen Journalismus noch als solcher bezeichnet werden konnte, während heute einfach jeder an die Tasten darf. Ich jedenfalls vermag hier überhaupt keine Zusammenhänge zu erkennen. Mir fehlt höchstens noch die zusätzliche Statistik, dass 100% der Todesfälle bei Schwangerschaft und Geburt Frauen ereilen. Aber Hauptsache die böse Geschlechterdichotomie wird angeprangert, und gleich zweimal, für den doppelten Brechreiz. Gähn.

  2. 2 Marcie 08. März 2012 um 12:13 Uhr

    Ah, endlich wieder Internationaler Frauentag.
    Meine Bingo-Karte liegt bereit, und ist dank obigem Artikel schon fast vollständig abgehakt.

  3. 3 Marén 08. März 2012 um 12:32 Uhr

    Danke, danke, danke!

  4. 4 berit 08. März 2012 um 13:34 Uhr

    Liebe Sabrina, der Zusammenhang lautet: Frauen sind überall auf der Welt benachteiligt.

  5. 5 bossanova 08. März 2012 um 19:34 Uhr

    „Also: Vergesst die Blumen und geht in euch oder auf die Straße! Erinnert euch und andere daran, dass Sexismus überall auf der Welt in zum Teil erschütterndem, unvorstellbarem Ausmaß noch immer existiert und dass all jene, die das schon (fast) vergessen haben, unglaublich privilegiert sind.“

    yo, ganz genau !
    und zwar mE und mEn j e d e n t a g.

    „Solange es keine wirkliche gesellschaftliche Gleichstellung von uns Frauen gibt, ist es keine Gesellschaft sondern nur ein Konstrukt für männliche Interessen.“

    (zitat von hier :
    http://women-web.blogspot.com/

  6. 6 Maya 09. März 2012 um 20:05 Uhr

    Wunderbar

  7. 7 laluna 10. März 2012 um 0:50 Uhr

    ja, ich möchte diesem privileg das ich in form
    von selbstbestimmtheit erfahren + leben durfte
    noch ein grosses DANKE.SCHÖN an all die frauen
    richten, die dazu begetragen haben.

  8. 8 mitternacht 10. März 2012 um 21:33 Uhr

    „Solange es keine wirkliche gesellschaftliche Gleichstellung von uns Frauen gibt, ist es keine Gesellschaft sondern nur ein Konstrukt für männliche Interessen.“

    bitte was sind männliche Interessen?
    Ja, natürlich werden Frauen fast überall auf der Erde benachteiligt oder diskriminiert, das liegt aber nicht an „männlichen“ Interessen sondern an verblendetem Egoismus. Zu glauben es gäbe ein „männliches Interesse“ Frauen zu unterdrücken, der glaubt vermutlich auch, dass Männer grundsätzlich gefühlskalte Penisanhängsel sind. Sexismus lässt grüßen oder so….

    „Weltweit stirbt jede Minute eine Frau an den Folgen von Schwangerschaft oder Geburt, 99 Prozent davon in den Entwicklungsländern. Das sind ungefähr 536.000 Frauen im Jahr, von denen die meisten durch eine bessere Gesundheitsversorgung gerettet werden könnten“
    Armut ist für 70-80% der Sterbefälle in Entwicklungsländern verantwortlich.
    http://www.omnia-verlag.de/weltimwandel/php/start.php?id=1924&bc=-1454-1924
    Das Problem ist nicht, dass Schwangere Mütter keine medizinische Versorgung bekommen, sondern das in Entwicklungsländern faktisch niemand medizinische Versorgung bekommt. Es handelt sich in keiner Weise hier um Diskriminierung von Frauen, sondern von Menschen, die am falschen Ende der Welt geboren wurden, aber Statistiken klingen ja immer erstmal gut, nich?
    von daher: hier besteht kein zusammenhang…

    „als sexuelle Objekte für die männliche Triebbefriedigung“ es gibt keine „männliche Triebbefriedigung, jeder Mensch ist nur er selbst! Nutzt das Wort „Egoismus“, denn das ist das Problem, nicht dass es „männliche“ Menschen gibt.

    „Auch sind es überwiegend Frauen, die von Vergewaltigung als Kriegswaffe betroffen sind oder in muslimischen Ländern aus Gründen der (männlichen) Familienehre gesteinigt, verbrannt oder ermordet werden.“
    Das ist einfach falsch, in den meisten scheinmuslimischen Ländern werden Frauen zwar als minderwertig gesehen, aber genau das schützt sie vor harten Strafen… Todesstrafen für Frauen sind sehr selten. Es ist in manchen scheinmuslimischen Staaten sogar so, dass Straftaten gegen Frauen fast grundsätzlich mit dem Tod verurteilt werden (Bsp. Saudi Arabien (siehe Wikipedia))

    „Dieses seltsame sozialistische Relikt aus grauer Vorzeit?“
    Immer druf auf den Sozialismus, shit egal worums dieser Ideologie überhaupt geht.

    „auch dieser Tag mittlerweile ein kapitalistisch okkupiertes Event“ Jetzt noch den kapitalismus baschen, dann brauch man sich ja zu keiner Alternative zu bekennen. Wo solls eigentlich mal hingehen?

  9. 9 berit 12. März 2012 um 11:07 Uhr

    „„Dieses seltsame sozialistische Relikt aus grauer Vorzeit?“
    Immer druf auf den Sozialismus, shit egal worums dieser Ideologie überhaupt geht.
    „auch dieser Tag mittlerweile ein kapitalistisch okkupiertes Event“ Jetzt noch den kapitalismus baschen, dann brauch man sich ja zu keiner Alternative zu bekennen. Wo solls eigentlich mal hingehen?“

    > das sind behauptungen, von denen ich mich später distanziere. mir liegt es fern, in einem satz pauschal den kapitalismus zu kritieren, darum ging es hier auch nicht schwerpunktmäßig. und erst recht nicht kritisieren wollte ich den sozialismus.

    zum rest: ich wollte hier keine dissertation über benachteiligung von frauen und die gründe dafür schreiben. mein anliegen war nur,anlässlich des internationalen frauentages aufzuzeigen, dass frauen überall auf der welt benachteiligt sind. dass muss im fall von müttersterblichkeit nicht am sexismus liegen – habe ich so auch nicht behauptet. da du es aber schon ansprichst: wenn frauen in entscheidungsgremien schlechter vertreten sind, werden zwangsläufig auch ihre interessen schlechter vertreten sein – was in entwicklungsländern sicher nicht gerade zu einer sensibilisierung für das problem müttersterblich und damit einer verbesserung der situation führt.

    wo soll es mal hingehen? für mich in eine gesellschaft, in der geschlecht weder rechtlich noch sozial eine rolle spielt. in der alle unabhängig sind von rollenerwartungen. in der alle einzigartig sein dürfen und sich und andere in dieser einzigartigkeit respektieren.

  10. 10 mitternacht 12. März 2012 um 15:17 Uhr

    @berit:
    „ich wollte hier keine dissertation über benachteiligung von frauen und die gründe dafür schreiben“
    tut mir leid, wenn meine erwartung so rüber kam, ich wollte nur deutlich machen, dass Vorurteile wie: es existiert ein „Männliches Interesse“ oder „muslimische Staaten behandeln Frauen immer schlechter als Männer“ hinterfragenswürdig sind. (Ich sage damit nicht, dass Frauen in „muslimischen“Staaten nicht unterdrückt werden)

    grüße

  11. 11 Maria 12. März 2012 um 15:28 Uhr

    „mir liegt es fern, in einem satz pauschal den kapitalismus zu kritieren.“

    Was n nun? Sozialismus oder Kapitalismus bashen?

    Außerdem verstehe ich nicht wie du zu der Aussage kommst, der Frauentag habe erstmals in den USA stattgefunden und das Event sei dort initiiert worden. Quellen?

    Habe leider das Gefühl dass Menge und Qualität der Artikel hier stark sinken.

  12. 12 berit 13. März 2012 um 9:58 Uhr

    @ mitternacht:
    den ausdruck „männliches interesse“ habe ich nicht benutzt, der kam hier in der diskussion. „muslimische Staaten behandeln Frauen immer schlechter als Männer“ habe ich so auch nicht gesagt, sondern dass Frauen, … in muslimischen Ländern aus Gründen der (männlichen) Familienehre gesteinigt, verbrannt oder ermordet werden. unabhängig davon, wie oft es vorkommt: es kommt vor. und mehr habe ich nicht sagen wollen. dass frauen auch noch milder bestraft werden, weil es ja „nur frauen sind“, ist für mich im übrigen nicht gerade ein beispiel für bessere behandlung, sondern vor allem eines für ungleichbehandlung. und letztlich läuft auch diese vordergründig bessere behandlung letztlich wieder auf eine beanchteiligung raus: frauen werden noch nicht einmal so ernst genommen, dass sie auch gleich bestraft werden.

    @ maria:
    ich wollte hier gar nichts bashen. die einleitung meines artikels besteht aus phrasen, die gegen den frauentag in anschlag gebracht werden könnten und zum teil auch werden. ich distanziere mich im folgenden (zumindest teilweise) davon, lasse es dann aber bewusst dahin gestellt, weil die aussage letztlich lautet: JEDENFALLS geht es frauen aus verschiedensten gründen auf dieser welt schlecht. und allein das ist ein grund, den frauentag zu begehen.

    dass die idee für den frauentag (so hieß er dort 1909) aus den usa kam, von der US-Amerikanerin May Wood-Simons zur zweiten
    internationalen sozialistischen frauenkonferenz nach Kopenhagen mitgebracht wurde und dort als beschluss von clara zetkin und käte duncker forciert wurde, lässt sich in fast jedem Werk nachlesen, dass sich eingehender mit frauengeschichte oder dem internationalen frauentag an sich beschäftigt.

  13. 13 Tina 05. April 2012 um 17:04 Uhr

    Ich denke, dass es nicht schlecht ist, den Frauentag auch heute noch aufrecht zu erhalten – im Bezug auf den Lohn und Karrieredinge werden Frauen ja noch immer nicht wirklich gleich behandelt. Von daher: dafür :)

  14. 14 Iris 30. Januar 2013 um 10:40 Uhr

    Nötig vlt. nicht, aber drauf Aufmerksam machen wieso nicht :d

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