Rezi: „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“ oder: …die erfolgreiche junge Frau (und der erfolgreiche junge Mann) als Maß.

Nach dem ersten Aufschrei nach dem Herauskommen des rassistischen Buches von Sarrazin sind die Debatten mittlerweile wieder leiser geworden. Nichts mehr davon hören zu müssen erscheint gut, aber das Problem bleibt virulent, verstärkt sich und kommt möglicherweise in immer krasseren Schüben.

Das zeigen einige Publikationen, die herausarbeiten, dass der Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft kommt und weit verbreitet ist. Nicht zuletzt geht das aus den Studien der Bielefelder_innen zum Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hervor. Eine gute Bestandsaufnahme leistet nun auch der von Sebastian Friedrich herausgegebene Sammelband „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“.

Der Band präsentiert das Problem des in der Bundesrepublik verbreiteten Rassismus komplex und zeigt auf, dass es sich keineswegs nur um ein Überbleibsel der Nazi-Zeit handelt, sondern dass der Rassismus neben alten auf ganz neuen Füßen zu stehen beginnt. So zeigen sich selbst in sich als emanzipatorisch ausweisenden Diskursen Problematisierungen von Migration, die den dominanten Diskursstrang fortsetzen. Es wird versucht, die Stigmatisierung von Migrant_innen zurückzuweisen, indem auf Menschen mit Migrationshintergrund verwiesen wird, die ganz dem Klischee bürgerlicher Kleinfamilie entsprechen. Erfolgreich im Job, am besten Mitglied in einem Verein, ein Häuschen, eins, zwei Kinder… Paradox.

Insgesamt ist in dem Rassismus das Moment der Ökonomisierung stark – auch bei Sarrazin, aber eben allgemein im Diskurs. Einigermaßen leben können sollen nur diejenigen, die für bessere Erwerbsarbeiten tauglich sind. Dabei schreitet allerorten die Prekarisierung fort und gilt mehr denn je die Devise „wie die Eltern, so dass Kind“ – also Kinder aus wohlhabendem Elternhaus haben eine Perspektive auf einträgliche Beschäftigung, die anderen sollen bleiben, wo sie sind. Das trifft damit fast alle Menschen – Menschen mit Migrationshintergrund auf Grund der Verschränkung der Diskriminierungsformen aber härter.

Entsprechend gilt es aufzupassen. Auch popfeministisch wird nicht selten mit erfolgreichen und zumeist jungen Frauen argumentiert. Es ergäben sich neue Möglichkeiten – nur schnell gerät aus dem Blick, dass viele der Umgebenden diese Möglichkeiten nicht haben und auch die eigenen vielleicht nur ein vorübergehendes Ereignis sind. Es gilt daher gründlich zu durchdenken und zu reflektieren, wo mensch selbst an den Strukturen mittut, die basal für Rassismus und insgesamt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sind. Dies zu durchdringen, dafür eröffnet „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“ neue Perspektiven, etwa zu verstehen, warum die einfache Abschaffung der Unterhaltszahlung an die geschiedene Ehepartner_in im Jahr 2009 keineswegs die Umsetzung feministischer Forderungen ist (S.143).


2 Antworten auf “Rezi: „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“ oder: …die erfolgreiche junge Frau (und der erfolgreiche junge Mann) als Maß.”


  1. 1 Little Red Riding Ho 18. März 2012 um 0:56 Uhr

    Find ich gut, dass das auch hier mal angesprochen wird.

    …am schlimmsten bei der ganzen Debatte find ich, dass viele Leutz ganz offen sagen „Ja, die Migranten/Moslems/…. sind halt so/blah/*rechtes Klischee einsetz*“, sich aber trotzdem nicht für „rechts“ halten.
    Sie denken, um „rechts“ oder „ausländerfeindlich“ oder „rassistisch“ zu sein, müsse man gleich ein Asylantenheim anzünden oder so. Aber diese ganzen Sarrazinschen Humbugthesen werden angenommen und weiterverbreitet, ohne zu erkennen, dass man damit eben AUCH rassistisch ist! Also oberflächlich gesagt: ganz viele Leutz (gerade die à la Sarrazin und gerade auch die, die scheints in dem von Dir vorgestellten Buch erwähnt werden) SIND rassistisch, halten sich aber für super demokratisch, aufgeklärt und antirassistisch. Weil sie den Rassismus halt nicht mit Glatze/Springerstiefel/etc. ausdrücken, sondern dem einen „bürgerlichen“ Anstrich geben. Sozusagen: sie SIND Nazis, merken es aber nicht!
    Und da find ichs immer ganz schwer zu diskutieren… wie soll man die Leutz davon überzeugen, dass Rassismus scheiße ist, wenn sie doch davon überzeugt sind, sie seien gar keine Rassist_innen und ja auch behaupten, Rassismus sei scheiße. Nur, ohne zu kapieren, daß ihr „salonfähiger“ Rassismus eben auch Rassismus ist!
    Es ist ja an und für sich ne prima Sache, dass (gerade in Deutschland) eigentlich gesellschaftlicher Konsens ist, daß Rassismus bekämpft werden muss. „Rassist!“ gilt fast überall ganz klar als Schimpfwort. Nur: deshalb will sich keine_r eingestehen, dass er/sie Rassist ist. Jemand sagt was rassistisches, ist voll davon überzeugt, und wenn man drauf hinweist, dass das Nazikackscheißgeschwätz ist, wird paradoxerweise argumentiert „was – ich, ein Rassist? Ein Nazi? Nie und nimmer!!! Und weil ich kein Rassist bin, kann meine Aussage ja auch gar nicht rassistisch sein!“ – auch, wenn die Aussage eben doch rassistisch war!
    Rassistische Denkweisen sind soooo verbreitet – aber „Rassist“ will sich dann doch keine_r nennen lassen.
    Man muss bei ner Diskussion also nicht nur die rassistischen „Argumente“ widerlegen, sondern zusätzlich den Leutz erstmal klar machen, was Rassismus überhaupt ist! Puh…
    Aaaach, sorry… musste mich einfach grade aufregen. Zurück zum Thema: Danke für die Rezension, das Buch klingt gut. Ich finde es toll und sehr, sehr wichtig, dass mal aufgezeigt wird, wie der Kapitalismus und die Leistungsgesellschaft sich so gut in diese Nazi-Denke einfügt. Der Mensch als Objekt, statt Subjekt. Der „Herrenmensch“, dargestellt in seiner vermeintlichen Überlegenheit, eben nicht nur als „völkisches Role Model“, sondern auch als ökonomisch „verwertbarer“ Faktor. Irgendwie erschreckend…

  2. 2 amy 18. März 2012 um 16:22 Uhr

    interessanter lesetipp, danke!

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