Outside the bubble

Outside the bubble

Ich lebe in einer queeren Bubble. Schön ist es hier. Ich habe einen queeren Freundekreis, eine queere Beziehung, gehe auf queere Partys, bastel an queeren Performances, lese queere Bücher, höre queere Musik, gehe zu queeren Ausstellungen, ich organisere feministische Demos und Events, mein Neffe trägt am liebsten Lila, ich lese queere Zines, queere Internetblogs,meine Nachbarin ist queer, ich gehe auf queere Konzerte, ich habe queere Patches auf den Klamotten, ich gehe in queere Bars, mein Zahnarzt ist schwul, meine Frauenärztin lesbisch, meine Theatergruppe queer, meine Friseurin queer; ich diskutiere über Grenzüberschreitung, Diskriminierung in der Szene, Nacktheit auf der Bühne und sprachliche Feinheiten. Kontakte, die nicht reinpassen, werden in der bubble weitesgehend gestrichen. So schön glitzert dann die Seifenblase, kuschelig. Aber täglich zerplatzen diese Selbstverständlichkeiten an der Realität. Täglich muss ich raus aus der bubble, bin die, die anders ist. Muss jedesmal abwägen zwischen Verstecken, Verschweigen, lautstarkt auftreten und verteidigen, geduldig erklären und ganz viel Müll runterschlucken. Meine bubble ist nicht die ganze Welt.
Schwulenwitze hier und da, keine_r, die sich darüber Gedanken macht, ich als Queerulantin, „was regt die sich denn schon wieder auf?!“
Zusammenarbeit mit rassistischen Kolleginnen. Da kann ich nicht weglaufen. „Ach, das ist ja mal wieder typisch für die Russen!“ Kommentar, dagegen halten. Manchmal fehlt mir die Kraft dazu.
Outing, outing, immer wieder outing. Nicht nur für eine Sache, gleich für mehrere, und ich kann die Fragen nicht mehr hören.
Schiefe Blicke. Ich bin die andere- die, nicht mit F r e u n d. Muss ich mich jedesmal erklären?
„Wer von euch ist denn die Frau und wer der Mann?“, stößt mich die Frage vor den Kopf, die ich doch schon tausendmal beantwortet habe und jetzt Durchatmen, Geduld, ich erkläre es n o c h m a l.
Dann mit Nazis zusammenarbeiten, die für ihre Gewaltverbrechen jahrelang gesessen haben. „Das wird mir doch nicht zum Nachteil?“ fragt er. „Nein,“ sage ich und innerlich schreit alles vor Wut.
„Wer aus Liebe heiratet, ist eine Schlampe“. Okay, reeeeewind. Es ist aber kein Platz da, jetzt in diesem verworrenen Konzept noch zu erklären, wie der Schlampenbegriff definiert ist, ich muss mich darum kümmern, dass die Kleine sich nicht mehr ritzt.
Familie, von der immer wieder schiefe Blicke auf die Uhr kommen---wann sucht sie sich denn nun einen Mann?
Kids, die Bushido lieben, Jugendliche, die sich an kleinen Kindern vergehen und Leute zusammen schlagen- meine Diskussionen über Grenzüberschreitung, was bringen mir die hier? Ein Hagel aus sexistischen Schimpfwörtern aus den Mündern 5Jähriger. Okay. Hier einfach Stopp. Als Einzelkämpferin kann ich nicht gegen die 99,9 % ihrer Umwelt anhalten. Es nochmal versuchen. Vielleicht.
Ich bin nicht als Genderbeauftragte unterwegs. Sobald ich an der Oberfläche einer Sache kratze, tut sich ein anderer Schauplatz von Diskriminierung auf. Es fehlt an Zeit, denn dafür bin ich offiziell nicht da.
Lichtblicke gibt es. Wenn das Mädchen, dass sonst nur die Nazilieder der Eltern hört, plötzlich „Pro Homo“ gut findet. Wenn die Kollegin sagt „na gut, auch die Deutschen bauen Mist“. Wenn der Kleine statt „Pimmellutscher“ „Arschloch“ sagt. Oder wenn einfach mal kein Kommentar kommt, wenn ich von meiner Partnerin spreche.
Ich gehe jeden Tag in die andere Welt, jeden Tag zerplatzt die bubble. Ich bin froh, am Feierabend wieder zurück zu kommen. Und trotzdem möchte ich die Realität nicht missen, denn die treibt mich an, immer weiter zu kämpfen. Denn Handlungsbedarf gibt es noch- ohne Ende.


13 Antworten auf “Outside the bubble”


  1. 1 Miss Tand 22. März 2012 um 14:45 Uhr

    Manchmal denke ich mir, genauso wie deine oder meine Bubble platzt, wenn man mit solchen Aussagen oder Erfahrungen konfrontiert wird, platzt auch deren Bubble wenn sie mit unseren Aussagen und Geschichten angekratzt werden. Und manchmal merkt man, wie eine ruhig gesprochene Erklärung, die im ersten Augenblick absolut sinnlos erscheint auf einmal Wochen oder Monate später doch noch Früchte trägt, weil sie sich irgendwie ihren Weg gebahnt hat…

    Bubbles sind zum platzen da!

  2. 2 Bäumchen 23. März 2012 um 22:16 Uhr

    Sehr schöner Post. Muss aber sagen, dass ich Bubbles gut finde und es gut finde, dass es eine Art Zuhause gibt, in der mensch Halt, Akzeptanz und Liebe findet. Eben nicht, um sich sein Leben lang in dieser Blase zurückzuziehen. Aber um die Kraft zu bekommen, so wie du nach außen zu treten und für diese Überzeugungen zu kämpfen. Wo ich besonders mitfühlen kann, ist diese Fast-Erschöpfung in der mensch sich da befindet. Es zerrt sehr an einen, in so verschiedenen Welten ein- und auszugehen.

  3. 3 Lena 24. März 2012 um 11:43 Uhr

    Danke. Dieser Eintrag entspricht genau in diesem Moment meinen Gedanken. Nur, dass meine Energie zeitweise verschwindet. Ein hoch auf die kleinen und großen schützenden Blasen.

  4. 4 Susanne_M 24. März 2012 um 14:37 Uhr

    Schiefe Blicke sind wirklich eine ganz, ganz schlimme Sache!

  5. 5 LisaCalisa 02. April 2012 um 13:23 Uhr

    Ja, ich bin auch sehr gerne in der bubble. denn da bin ich wirklich ich. und vielleicht kratzen wir wirklich ein bisschen an den anderen bubbles, auch wenn diese mir manchmal stärker vorkommen. auch spannend- was passiert, wenn die bubbles an manchen stellen nicht mehr trennbar sind..

  6. 6 LisaCalisa 02. April 2012 um 13:26 Uhr

    @susanne- falls ich dein kommentar richtigerweise ironisch lese- schiefe blicke ist symbolisch gemeint- mehr muss und will ich in diesen text nicht reinpacken, denn es könnte viele triggern.

  7. 7 Lucia 10. April 2012 um 8:32 Uhr

    Auch ich fühle zurzeit sehr oft genauso, meine bubble platzt in lezter zeit eigentlich immer, nur wenn ich mal daheim entspannen kann ist sie da.
    Ich kann Rassismus auf den Tod nicht ausstehen und doch werde ich jeden Tag damit Konfrontiert. Manchmal wes ich echt nichtmehr weiter, aber dann komm ich heim und da ist alles wieder gut(:

  8. 8 Oro 05. Mai 2012 um 11:57 Uhr

    Als heterosexueller Kerl hat ich in dem Bezug noch keine Probleme…leicht nachvollziehbar oder^^
    Aber als Medienkritischer Politik verurteilnder Interessierte werd ich oft in die VErschwörungstheortiker KAtegorie gepackt.
    Als jemand der gerne Goth und Metal hört und sich üblich recht dunkel anzieht bin ich oft genug Gruftie oder Satanist genannt worden.
    Als jemand der lieber einen Joint mal raucht statt sich in nen Filmriss zu saufen wurde ich schnell als Kiffer getauft.
    Als jemand der lieber Schoki isst als harte Drugs probiert war ich eher der feigere und übergewichtigere Teen zur Schulzeiten und auf sowas reduziert worden.
    Als Informatiker und Internetliebhaber wurde ich ganz häufig zum Kellerkind oder Nerd.

    Es gibt da draußen nunmal viel zu viele von den Menschen, die snobs sind oder nur nicht so sehr intolerant, als dass man sie soch bezeichnen möchte. Es gibt da draußen noch mehr Menschen, die alles was sie wahrnehmen irgendwo einkategorisieren müssen und noch mehr, die sich einfach nicht von Klischees und Pauschalisierierungen lösen können.
    Ich glaube nicht, dass mit der immer schlechteren Bildung, den immer krasseren Scheiss in den Medien, und dieser ganze sinnlose Kampf zwischen den gendern,subkulturen, religionen oder Hautfarben bald aufhören wird.

    Es wird immer Leute geben die den Juden, den Kerlen, den schwarzen, den rechten oder linken oder den Hiphopper oder Punk die Schuld an etwas geben werden. Sad but true.

    Einen Klassenkampf haben wir ztwar wirklich oder brauchen ihn, aber only in der Hinsicht arm – reich . Schade, dass man die grundlegenden Probleme oder Auslöser nicht sieht, solang man nur die ganzen Auswirkungen vor Augen hat als auch die anderen Idioten, die für welchen Gesellschaftsteil auch immer, Paradebeispiele für negative Klischees darstellen(z.b. hopper die bushido hören und nacheifern, Kerle mit extremen machogehabe, Gläubige die zu Fundamentalisten werden, Links/rechts denkende die zu Extremisten werden) .

  9. 9 Adeodata 21. Mai 2012 um 21:12 Uhr

    Schön von einer zu lesen, die eine Blase ihr eigen nennen kann, wie eine Plattform, von der man immer wieder auszieht, und zu der man zurückkommt. Ich vermisse diese Blase, das einzige, von dem ich ausziehen kann, ist meine Überzeugung. Die Blase platzt also gewissermaßen auch dann, wenn man eigentlich keine hat, bzw. die Blase ist im eigenen Kopf, und versucht sich auszubreiten. Ein Abkapseln ist gar nicht möglich (mal davon abgesehen auch nicht sinnvoll!!), sobald man die Augen aufmacht ist es da. Ich bin auch nicht queerfeministische Genderbeauftragte, aber wie will man still stehen angesichts dessen, was einem begegnet?

    Auf die Frage, wer denn in der Beziehung Mann oder Frau sei, empfehle ich ein anderes Vorgehen: laut lachen. (Zumindest, wenn ein erwachsener Mensch das gefragt hat.) Man kann wenigstens so tun, als ob man von gewissen Dingen einfach ausgehen könnte. Schön finde ich auch: „Sie sollten ihre Kriterien überdenken.“

  10. 10 Ginko 26. Juni 2012 um 20:03 Uhr

    Vielen Dank für diesen Text. Besonders dass bei blöden Kommentaren manchmal die Energie zum Dagegenhalten fehlt, kenne ich sehr gut.

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Eine explizite Blogschau: Sex, Begehren und Schönheitsbilder Pingback am 24. März 2012 um 10:57 Uhr
  2. 2 Notwendigkeit von und Kritik an „Bubbles“ (Revolution statt Seifenblasen) | GenderCamp Blog Pingback am 02. März 2013 um 17:51 Uhr
  3. 3 Notwendigkeit von und Kritik an „Bubbles“ (Revolution statt Seifenblasen) | GenderCamp Blog Pingback am 02. März 2013 um 17:51 Uhr

Antwort hinterlassen

:) :( :d :"> :(( \:d/ :x 8-| /:) :o :-? :-" :-w ;) [-( :)>- more »

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


eins × = drei