Archiv für Juni 2012

photoshop-girls im visier

Seit heute läuft im Netz die „Keep it real Challenge“: mittels Twitter-Botschaften (#KeepItReal), Blogbeiträgen und Instagram-Bildern sollen – bisher vor allem US-amerikanische – (Mädchen- und Frauen-)Magazine massiv dazu aufgefordert werden, pro Ausgabe mindestens ein digital unbearbeitetes Foto abzudrucken, um die auf gefakten Bildern basierenden Schönheitsideale und den daraus resultierenden Druck auf junge Mädchen (und andere) etwas einzudämmen. Unterstützt werden soll damit auch die entsprechende Petition der 14-jährigen Julia Bluhm, „Give Girls Images of Real Girls!“.

Laut der KeepItReal-Kampagne haben 80 Prozent aller 10-jährigen Mädchen in den USA bereits mit Diäten experimentiert. Vanesa von Feministing kommentiert dazu:

The industry’s message that cis, white, thin and able-bodied women continue to be the “ideal” is a direct contribution to the dissolution of girls’ and women’s self worth, and it can’t be ignored anymore. And they hold the power to change it, but we need to hold them to it.

Bei den Photoshop-Techniken geht es nicht nur darum, die Models noch dünner, ihre Brüste noch runder und ihre Haut noch reiner darzustellen, sondern die vermeintliche Attraktivität wird auch durch („natürliches“ oder gephotoshoptes) Weißsein dargestellt. Das Video von dem Projekt Sisters Action Media stellt hier die Bildersprache des „Seventeen Magazine“ in Frage, welches sich selbst darauf beruft, „reale, authentische“ Mädchen und Diversity abzubilden:

Liebe Bahn und alle anderen Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht!

Wie Mainstream Anti-Abtreibungsrhetorik geworden ist, zeigt uns die Deutsche Bahn. Diese unterstützt eine Veranstaltung des Bundesverbands Lebensrecht mit verbilligten Fahrkarten. Der Bundesverband Lebensrecht setzt einen Abbruch mit „Mord“ gleich und nutzt massiv frauenfeindliche Rhetorik.
Wer aber denkt, der Meinung Frauen dürften nicht selbst über ihren Körper entscheiden, magelt es an Unterstützung und der Kampf für Abtreibung ist schon längst gewonnen, wird durch fogende Diskussion hoffentlich umgestimmt.

Menschenverachtend und verstörend ist vor allem die Rhetorik der Abtreibungsgegner_innen.
Was dieser Rhetorik vorausgeht ist die Jahrhunderte alte Vorstellung der weibliche Uterus ist losgelöst von der jeweiligen Frau zu betrachten. Er ist Allgemeinwohl und soll auch zum Wohl der Allgemeinheit eingesetzt werden. Deshalb werden Frauen eingeschüchtert, sich ihrer Reproduktionsorgane selbst zu bemächtigen und bei keinen anderen Körperteilen findet eine solche Fremdbestimmung statt, wie bei Gebärmutter, Vagina und Eierstöcken.
Der Gedanke eine Frau entscheidet selbst und ohne schlechtes Gewissen über ihre Fortsplanzung löst bei einigen Menschen aber immer noch Panik aus. Da ein Abbruch zwar immer noch eine Straftat ist, jedoch unter bestimmten Umständen starffrei ist, können Gegner_innen sich nicht mehr auf das Gesetz berufen und eigenwillige Frauen wegsperren, sondern bedienen sich der „Moral“. Frauen werden mit Worten und einem schlechten Gewissen davon abgehalten, sich der Freiheit zu bedienen, die sie sich erkämpft haben.
Aber ein Abbruch ist kein „Mord“, sondern eine Entscheidung, ob eine Frau will, dass ihr Uterus eine bestimmte Funktion erfüllt oder nicht.
Eine Entscheidung die jede Frau, frei von der Rhetorik irgendwelcher Vollidioten treffen können sollte.

Internet vs. sexistische Kackscheiße

Hier entsteht ein Frauenbild, nach dem Frauen sich über ihre Männer definieren, keine eigenen Interessen oder Aufgaben im Leben und kein eigenes Geld haben.

Anatol Stefanowitsch über die neue Liebesbrief-Partnercard-Kampagne der Lufthansa. Antje Schrupp berichtet über die Reaktionen, die nach einem Tag bereits zur Einstellung der Kampagne führten.

Studie zu Gewalt- und Mehrfachdiskriminierungserfahrungen

LesMigraS hat erste Ergebnisse der bisher umfangreichsten Studie zu Gewalt- und Mehrfachdiskriminierungserfahrungen von lesbischen/bisexuellen Frauen und Trans* vorgestellt. Aus der Pressemitteilung:

Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist die relativ hohe Wahrnehmung an Diskriminierungen in den Bereichen Bildung und Arbeit. Etwa ein Drittel der Befragten gibt an, mindestens einmal am Arbeitsplatz gemobbt worden zu sein. Weiterhin geben 72,6% der Studienteilnehmer_innen an, dass ihre Leistungen im Bildungsbereich aufgrund ihrer lesbischen/bisexuellen Lebensweise vergleichsweise schlechter bewertet wurden. „Die überwältigende Mehrheit hält es nach wie vor für notwendig, dass im Bildungsbereich mehr über vielfältige sexuelle Lebenseinen Auszugweisen aufgeklärt werden sollte“ sagte Saideh Saadat-Lendle, Projektleiterin von LesMigraS.

Interessant sind auch die Ergebnisse, die bezüglich Diskriminierungen im Bereich Ämter und Behörden sowie im Gesundheitswesen gemacht wurden. So geben mehr als ein Viertel der Studienteilnehmer_innen an, dass sich ihre lesbische oder bisexuelle Lebensweise negativ auf ihre Chancen auswirkt, von der Polizei geschützt zu werden. Des Weiteren haben etwa 20% respektlose Behandlung durch medizinisches Fachpersonal erfahren.

Eine relativ hohe Anzahl der Befragten hat den Bereich des Fragebogens ausgefüllt, der sich ausdrücklich an Trans* richtete. Die bisherige Auswertung zeigt hier, dass vornehmlich Diskriminierungserfahrungen bei Ärzt_innen und Ämtern gemacht wurden und damit strukturelle Diskriminierung deutlich wahrgenommen wird.

einen Auszug
Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist unter anderem auch die Erkenntnis, dass die scheinbare Nichtübereinstimmung des Ausdrucks einer Person (Kleidung, Gestik etc.) mit der gesellschaftlichen Vorstellung einer Frau oder eines Mannes in vielen Fällen als problematisch erfahren wird. „Diskriminierungen und Gewalt aufgrund von Abweichungen von normativen männlichen oder weiblichen Geschlechterrollen stellen uns weiterhin vor Herausforderungen, mit denen wir uns in der Beratungsarbeit konfrontiert sehen“, so Claudia Apfelbacher, Geschäftsführerin der Lesbenberatung Berlin. Auch Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, sieht darin eine der zentralen Herausforderungen.

„Es ist die vermeintliche gesellschaftliche Vorstellung von Norm oder Normalität, die viele Menschen ausgrenzt“, sagte Lüders. Sexismus und Rassismus gehörten dabei zu den nach wie vor stärksten Ausgrenzungsmechanismen.

Sehr aufschlussreich sind auch erste Ergebnisse zum Thema Mehrfachdiskriminierung. Von denjenigen Teilnehmer_innen, die mehrfachzugehörig sind, geben 78,2% an, aufgrund von Mehrfachzugehörigkeiten in der Öffentlichkeit mindestens einmal diskriminiert worden zu sein. Mehr als die Hälfte von ihnen empfindet es als schwer, sich zu wehren, weil oft unklar ist, um welche Art der Diskriminierung es sich jeweils handelt, beispielsweise durch eine Beschimpfung wie „Sprich gefälligst Deutsch, du scheiß Lesbe“.