Rezension: Ein Reader „Gender Studies“ für Bachelor und Master

Franziska Bergmann, Franziska Schößler, Bettina Schreck (Hg.): Gender Studies. (Transcript Verlag, Mai 2012, 320 S., 24,80 €, ISBN 978-3-8376-1432-9)

Cover Buch Gender Studies

Der von Franziska Bergmann, Franziska Schößler und Bettina Schreck herausgegebene Band „Gender Studies“ – erschienen in der Einführungsreihe Basis-Scripte – wartet mit einer sehr guten Textauswahl auf, die einen guten Einstieg in das mittlerweile breit aufgefächerte Gebiet der Geschlechterforschung ermöglicht. Einige Texte liegen nun erstmals in einer deutschen Übersetzung vor.

Es werden klassische Texte vorgestellt, die die Entwicklung der Gender Studies aus heutiger Perspektive beflügelt haben. Ausgehend von einer kurzen Darstellung bürgerlicher Geschlechterhierarchien werden in einem ersten Kapitel einflussreiche Texte vorgestellt, in denen die zurückgesetzte Position von Frauen thematisiert wurde. Aufgenommen wurden Texte von Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Christa Rohde-Dachser, Silvia Bovenschen und Hélène Cixous. In der Abfolge der Auszüge wird die gesellschaftliche Position von Frauen in der bürgerlichen Herrschaftsordnung deutlich und werden die Positionen abgesteckt, mit denen Frauen für mehr Rechte und Möglichkeiten stritten. Die Auswahl aus den oft umfangreichen Arbeiten ist dabei gelungen – die_ Leser_in wird mit Auszügen von jeweils etwa zwanzig Seiten an die Arbeiten herangeführt. Das weckt Interesse an den gesamten Werken und eignet sich – aus Sicht von Seminarleiter_innen – überdies gut für die Planung von einzelnen Seminarsitzungen. Bereits durch die Eingrenzung auf fünf Texte wird aber auch die für einen solchen Überblicksband notwendige Beschränkung deutlich: Frühe Autorinnen aus dem 17. (etwa Barre, Gournay, Fonte), 18. (etwa Leporin, Astell, Wollstonecraft, Gouges) oder 19. Jahrhundert (etwa Dohm, Bebel) haben in den Band keinen Eingang gefunden, obgleich auch sie weitreichenden Einfluss hatten und die Debatten um Geschlecht bis heute prägen. Ebenfalls keinen Eingang fanden Arbeiten aus den sozialistischen Ländern, in denen sich die Geschlechterverhältnisse unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen als im kapitalistischen Block entwickelten, so dass ein Vergleich lohnen könnte. Erinnert sei nur an das in der DDR veröffentlichte Werk von Maxie Wander „Guten Morgen, du Schöne“, dass in DDR und BRD auflagenstark war und bedeutende Impulse für die BRD-Frauenbewegung gab.

Das zweite Kapitel leitet zu dekonstruktivistischen Ansätzen über. Ausgehend von Auszügen von Michel Foucault und Judith Butler wird die Neuausrichtung der Gender Studies deutlich gemacht, in der von festgefügten Identitäten und feststehenden Gewissheiten abgegangen wird. An diese geläufigen Arbeiten, die in einem das Kapitel eröffnenden Beitrag kritisch eingeordnet werden, schließen sich Texte an, die sich explizit der Konstruktion von Männlichkeiten zuwenden (R. W. Connell, Judith Halberstam) und dabei davon abgehen, dass Männlichkeiten stets mit einer bestimmten Anatomie und Physiologie in Zusammenhang stehen müssten. So rücken mit dem Beitrag von Judith (Jack) Halberstam auch weibliche Maskulinitäten in den Blick. Abgeschlossen wird das Kapitel mit einem Text-Auszug Lee Edelmanns.

Das dritte Kapitel eröffnet, ausgehend von den Gender Studies, Wege in angrenzende Gebiete und klassische Disziplinen. So wird im Beitrag von Gayatri Gopinath exemplarisch deutlich, dass die Verbindung von postkolonialen und queer-feministischen Kritiken notwendig ist und es wird ein Zugang eröffnet, von dem aus dies gelingen kann. Mit den sich anschließenden Beiträgen von Donna Haraway, Regine Gildemeister / Angelika Wetterer, Eve Kosofsky Sedgwick und Laura Mulvey werden Zugänge von Seiten der Gender Studies zu den Naturwissenschaften, der Soziologie, der Literaturwissenschaft und der Filmwissenschaft skizziert. Die Betrachtung der Bedeutung der Geschlechterverhältnisse hat in die wissenschaftlichen Disziplinen – wobei die in den Band aufgenommenen exemplarisch sind – bisher kaum Einzug gehalten. Die ausgewählten Beiträge zeigen an, wie produktiv der noch ausstehende geschlechtersensible Blick sein kann, um sowohl gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsstrukturen, als auch Leerstellen in der Forschung thematisieren zu können.

Der Band mit Grundlagentexten der Gender Studies ermöglicht damit genau das, was man von einem Band dieses Genres erwartet: Er führt von verschiedenen Positionen in zentrale Fragen der Gender Studies ein und ist dabei zugleich Grundgerüst, von dem ausgehend es sich gut weiterlesen lässt.


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