Sich bewegende Verhältnisse in Bewegung halten – Heinz-Jürgen Voß (2012): Intersexualität – Intersex. Eine Intervention. Münster.


Quelle: Ankündigungsseite des unrast-Verlages

Heinz-Jürgen Voß veröffentlich mit dem Band eine Replik auf die ‚Stellungnahme Intersexualität‘ des Deutschen Ethikrates zur Situation intergeschlechtlicher Menschen in Deutschland vom Februar 2012. Umfassend, dadurch sehr dicht, und parteilich mit den betreffenden Personen zeigt Voß, dass die Zurichtungen intergeschlechtlicher Körper ihren Ursprung in der gesellschaftlichen Vorstellung von Geschlechtlichkeit und ihrem Wandel seit der Aufklärung haben, dass die Forderungen des Ethikrates entscheidende Lücken in der Rezeption des (medizinkritischen) Diskurses in Form von Outcome-Studien aufweist und auch deshalb weit hinter den Forderungen der Inter*-Bewegung zurückbleiben muss. Die Veröffentlichung ist ein Beitrag, diese Lücke rechtzeitig zu schließen, um damit – hoffentlich – in weitere politische Entwicklungen zu intervenieren. Die Rezension nimmt neben einer ausführlichen Darstellung und Einordnung der Arbeit eine vorsichtige kommentierende Ergänzung des umfangreichen Inhalts vor.

Im Februar diesen Jahres Am 25. Juni 2012 fand im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine öffentliche Anhörung unter der Überschrift „Grundrechte für intersexuelle Menschen“ statt. Die Expert_innen aus der Rechtswissenschaft, Medizin, Selbsthilfevereinen und dem Deutschen Ethikrat waren sich einig, dass die operativen Eingriffe an intergeschlechtlichen Menschen vor Erreichen der Volljährigkeit einen Eingriff in die Grundrechte darstellen. Die Anhörung war die politische Reaktion auf die Stellungnahme des Ethikrates1 vom Februar 2012, in der der Ethikrat unter anderem festgestellte, dass

Irreversible medizinische Maßnahmen zur Geschlechtszuordnung bei DSD-Betroffenen … einen Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität und das Recht auf eine offene Zukunft und oft auch in das Recht auf Fortpflanzungsfreiheit dar[stellen]. Die Entscheidung über solche Eingriffe ist höchstpersönlich und sollte daher grundsätzlich von den entscheidungsfähigen Betroffenen selbst getroffen werden.
(Stellungnahme des Ethikrates S. 174)
Voß‘ hier vorgestellte Veröffentlichung im unrast-Verlag (Band 1 einer neuen Reihe geschlechterdschungel) kann und sollte als eine kritische Replik auf diese Empfehlungen gelesen werden und schließt an jene im Februar an, die auf Voß‘ Blog kurz nach Erscheinen der Stellungnahe erschien:
In der Stellungnahme wird nahtlos an die umstrittene medizinische Terminologie angeschlossen, in der Intersexualität oft im Sinne einer Krankheit beschrieben wird. Von Intersexen wird hingegen seit längerem gefordert unparteiisch und nicht-wertend von Varianzen beziehungsweise Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung zu sprechen. Um einer Überparteilichkeit nahe zu kommen und einen ethisch geprägten Beitrag zur Diskussion zu leisten, wäre es nötig gewesen, schon auf der Ebene der Begrifflichkeiten den Positionen der streitenden Parteien gleichberechtigt Rechnung zu tragen.
(Quelle)

In „Intersexualität – Intersex. Eine Intervention“ führt Voß diese Kritik fort: Outcome-Studien (evaluierende Studien bspw. zur ‚Behandlungszufriedenheit‘) seien nicht berücksichtigt worden, eine grundsätzliche Kritik an den medizinischen Zugriffen auf intergeschlechtliche Menschen werde nicht gewagt. Insgesamt sei den „zentralen Forderungen des Intersex-Verbände nach dem Ende der chirurgischen und hormonellen medizinischen Eingriffe[n]“ (S. 6) nicht gefolgt worden. Voß zieht hier nun als Reaktion auf diese Versäumnisse des Ethikrates die Ergebnisse jener Studien zur Zufriedenheit intergeschlechtlicher Personen mit medizinischen Zugriffen zur Normierung ihres Geschlechts heran (vgl. S. 7) und zeichnet die Entwicklung dieser Zugriffe auf intergeschlechtliche Körper seit der Aufklärung nach um zu zeigen, dass die derzeitige Behandlungspraxis, immer noch stark getragen von der gender-imprinting-theory der Forscher_innen John Money, Joan Hampton und John Hampton aus Baltimore (s.u.), nicht „vom Himmel gefallen“ (S. 8) ist. Im Gegenteil beabsichtigt Voß die Darstellung der Verknüpfung von Gesellschaft und Medizin (verstanden als exklusiver und exkludierender Diskurs), indem er die Entstehung der europäischen Geschlechterordnung nachzeichnet und zeigen möchte, dass das „medizinische Einschneiden in den Körper … sich damit als direkte Fortsetzung zweigeschlechtlicher gesellschaftlicher Norm“ erweist (S. 8).

Schon mit der Begriffsentwicklung über die letzten Jahrhunderte lässt sich eine Engführung des Hermaphroditismus als eigenständiges Phänomen mit eigenständiger Terminologie hin zu Disorders of Sex Development (DSD) als ‚Störung‘ der eigentlich ‚gesunden‘ Geschlechtsentwicklung männlich/weiblich nachzeichnen (vgl. S. 9-12). Ließ Intersexualität noch ein ‚dazwischen‘ zu, festigt DSD nun die Pathologisierung aller Geschlechtsentwicklungen jenseits der gültigen. Einzig Voß‘ Entscheidung, im Folgenden neben Intersex (in Abgrenzung zur Intersexualität) „die übergreifende Bezeichnung uneindeutiges Geschlecht“ (S. 12; Herv. i. O.) zu verwenden, stößt hier auf: Die Bezeichnung ‚uneindeutig‘ unterstellt, dass es eindeutige Geschlechter gibt. Voß selbst hatte in seiner Dissertation Making Sex Revisited (Rezension auf dem mädchenblog) gezeigt, dass dem nicht so ist und bedient mit diesem Vorgehen hier implizit gesellschaftliche Ansichten zur Zweigeschlechtlichkeit.

Die Art und Weise medizinischer Zugriffe zur Normierung der Geschlechtskörper wurden den betreffenden Personen in verschiedener Weise verschwiegen. Diese Verheimlichung ihrer eigentlichen Geschlechtlichkeit führte in den 1990er Jahren sowohl in den USA als auch im deutschsprachigen Raum zur Formierung eines Widerstandes betreffender Personen. (Vgl. 15 ff.) Mit dem Aufkommen des Internets wurde es erst möglich, andere intergeschlechtliche Personen auszumachen und sich zu vernetzen. Der Widerstand ist heute, gemessen an der öffentlichen Diskussion im Ethikrat und dem o.g. Ausschuss des Bundestages, zu einem gesellschaftswirksamen und politisch relevanten Widerstand gewachsen. Die medizinische Vorgehensweise wird mittlerweile zumindest diskutiert – Voß fordert für eine angemessene und im Sinne intergeschlechtlicher Personen ausgerichtete Vorgehensweise ein „Moratorium der aktuellen Behandlungspraxis“ (S. 21). Eine Bekräftigung findet diese Forderung gerade in den von ihm dargestellten und systematisierten Ergebnissen der Outcome-Studien (S. 50-65). Diese stützen die Beschreibungen medizinisch manipulierter intergeschlechtlicher Menschen: Die Manipulation an intergeschlechtlichen Genitalen führte häufig zu wiederholten chirurgischen Eingriffen. Diese medizinischen Zugriffe auf die Geschlechtlichkeit wiederum führen zu einer häufigeren Unsicherheit in sozialen und sexuellen Interaktionen, auch, weil die Empfindsamkeit der primären Geschlechtsteile kaum oder gar nicht vorhanden ist. Voß bemerkt, dass es „zumindest einen ersten Hinweis darauf [gibt], dass es den Patient_innen die keiner feminisierenden chirurgischen Behandlung unterzogen wurden, sogar besser geht als denen, die operiert wurden“ (S. 64; Herv. i. O.).

Warum dann also die Manipulation intergeschlechtlicher Körper? Voß liefert die Antwort, indem er die Genese des medizinischen Zugriffs und die gesellschaftlichen Entwicklungen im Bereich der Geschlechtsunterscheidung nachzeichnet. Die Ursprünge für diese Begründung der Zurichtung intergeschlechtlicher Körper und deren gesellschaftliche Verankerung sieht Voß im aufkommenden Christentum des 19. Jahrhunderts: Die Regulierung der Sexualität und neue moralische (heteronormative) Wertungen regulieren indirekt auch die Geschlechtszuschreibung; das Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft konkretisiert Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen zu sein haben. (Vgl. S. 26 f.) Medizinische Entwicklungen im Bereich der Anatomie und Chirurgie erlaubten es, immer kleinere Einheiten des Körpers zur Entschlüsselung des ‚eigentlichen‘ Geschlechts heranzuziehen. Trat die Vererbungstheorie im 18. Und 19. Jahrhundert zunächst zurück, etablierten sie sich mit entdecken von Zellen und Chromosomen wieder. (Vgl. S. 31) Einen (vermeintlich) theoretisch-psychologisch begründeten Endpunkt und entscheidenden Wandel dieser Geschichte stellt das oben bereits erwähnte Baltimorer Behandlungskonzept dar. Während Voß das Konzept in der Vermeidung eines „uneindeutigen Erscheinungsbildes des Genitals“ begründet sieht, „um Erwartungen, Druck und Diskriminierung von den Betroffenen Menschen zu nehmen“ (S. 67), handelt es sich m.E. mit Lena Eckert (2010) um eine (fehlerhafte) Auslegung der Freudschen Überlegungen zur Bisexualität (vgl. dies. S. 27): Die gender-imprinting-theory, Grundlage des Behandlungskonzepts, besagt, dass die Genitalien notwendiges Zeichen für die geschlechtliche Interaktion der Eltern mit dem Säugling sind und nur mit unzweifelhaft einlesbaren männlichen oder weiblichen Genitalen eine gesunde Geschlechtsidentität entstehen könne. (Ulrike Klöppel hat in ihrer Dissertation XXOXY ungelöst von 2010 u.a. diese Theorie und deren kritische Implikationen umfassend und nachvollziehbar dargestellt).

Jenseits solcher den universitären Diskurs betreffenden Details handelt es sich bei Voß‘ Veröffentlichung um eine Streitschrift, die sich unbedingt eignet, die Auseinandersetzung um die Menschenrechte auch für intergeschlechtliche Menschen zu bereichern. Zudem bietet das Bändchen einen kursorischen, aber nicht minder informativen Überblick über die Ereignisse und Entwicklungen um die medizinische Zurichtung intergeschlechtlicher Körper und den Widerstand dagegen. Es bleibt die Hoffnung, dass das Bändchen auch von betreffenden Politiker_innen entscheidender Ausschüsse gesehen wird…

  1. Zur kritischen Kommentierung der Stellungnahme vgl. die Pressemitteilung der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen[zurück]

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