Lieber Sprachdschungel als Betonphrasen

http://www.flickr.com/photos/glans/2449390199/ Leider ist nicht alles so schön leicht verständlich

In der taz wird berichtigte Kritik am feministischen Diskurs geübt, der leider viel zu oft durch unnötig „akademische“ Ausdrucksweise diejenigen ausschließt, deren Alltagssprache eben nicht von Haus aus nach Simone de Beauvoir klingt:

Allzu oft fielen in der Debatte Sätze wie „bildet euch doch“ oder „lies doch mal dieses oder jenes Buch“. In feministischen Onlineforen würden Neulinge auf diese Weise schnell mundtot gemacht (…).

Aber zwischen „Feminism rocks“ und Judith Butler liegt eine riesige Bandbreite an Ausdrucksweisen, aus denen wir wählen können (eigentlich so viele Ausdrucks- und Verständnisformen wie Menschen) – die Menschheit ist unglaublich vielfältig, und je vielfältiger unsere Kommunikation wird, desto besser erreichen wir alle einander.
Oder einfacher gesagt: Man sollte möglichst so reden, daß alle Leute, die es angeht, es auch verstehen können. Sicher ist das nicht immer möglich – wenn sich beispielsweise irgendwelche Computernerdgrrrls untereinander in „ihrer Sprache“ unterhalten, versteh ich auch nicht so viel, als daß ich groß mitkommen würde. Trotzdem sind deren Diskussionen untereinander deswegen nicht weniger wichtig, müssen trotzdem geführt werden. Auch das ist Vielfalt.
Aber sollte die gesamtgesellschaftliche feministische Diskussion dann nicht in einer „Mainstreamsprache“ geführt werden, oder anders ausgedrückt:

„Die Leute, die gegen den Feminismus ‚bashen‘, haben wohl die richtigen Worte gefunden“, sagt eine Teilnehmerin. Eine Andere pflichtet ihr bei: „Wir müssen unsere feministischen Anliegen mehr an die Menschen herantragen“.

Und weiter oben wird von der taz als Beispiel für die falsche Vorgehensweise angeführt:

Männer kommen vom Mars und Frauen von der Venus – solch platten Weltsichten überzeugen offenbar viele Menschen. Der gleichnamige Beziehungsratgeber von Therapeut John Gray erreichte eine Millionenauflage. (…)
„Das Unbehagen der Geschlechter“ der US-amerikanischen Theoretikerin Judith Butler findet demgegenüber ein eher kleines Publikum.

Mal abgesehen davon, daß der Vergleich sowieso etwas gewagt ist, aber – soll das heißen, der Feminismus solle jetzt auf dieses MarsVenus-Niveau runter, damit das dumme (Weibs-)Volk auch kapiert, um was es geht? Ach nööö…
Ich möcht jetzt ganz laut „SPALTER!“ schreien… woher dieses trennende Weltbild? Einerseits hier die akademisierten Mittelstandsfeminist_innen, auf der anderen Seite die „einfache Frau vom Lande“, die nix als Bildzeitungsrhetorik kapiert. Juhu, schon wieder ne Schublade!! Als hätten wir davon nicht schon genug…
Tatsache ist, daß Feminismus ALLE Menschen etwas angeht. Es geht um die Gleichberechtigung von Menschen, mehr Mainstream geht ja wohl nicht. Selbst wenn man’s auf „Frauen“ reduzieren wollte, 50% der Menschheit ist immer noch pretty mainstream.
Und diese 50-100% der Menschheit lassen sich nunmal nicht in Schubladen stecken. Und ihre Ausdrucksformen – sprachlich oder sonstwie – sind weitaus vielfältiger und gehaltvoller als es der taz-Artikel und die dort beschriebene Diskussionsrunde ihnen anscheinend zugestehen möchte. Ganz zu schweigen von ihren Verständnisformen…
Der Kritikpunkt, daß Bemühen um für alle verständliche Kommunikation notwendig ist, ist vollkommen berechtigt.
Aber die Schlußfolgerung ist nicht, effekthascherische Vereinfachung zu betreiben. Damit erreicht man im PR-Sinn vielleicht mehr Leute, klar – aber einen großen Erkenntnisgewinn können wir uns gegenseitig so nicht vermitteln. Wie auch.
Warum nicht lieber auf unser aller Stärke setzen,auf unsere Vielfalt? Und eine größere Vielfalt und Flexibilität in unseren Ausdrucksweisen anstreben. Uns auf alle mögliche Arten bemerkbar machen, die Form variieren – und nicht den Inhalt vermurksen.
In diesem Sinne erstmal: Feminism rocks.


7 Antworten auf “Lieber Sprachdschungel als Betonphrasen”


  1. 1 gtz 08. Oktober 2012 um 15:25 Uhr

    „bildet euch doch“ oder „lies doch mal dieses oder jenes Buch“

    schreckliche forderung. das kann ja nun wirklich niemand erwarten. himmel.

  2. 2 Zucchini 10. Oktober 2012 um 12:08 Uhr

    Wenn Feminismus dann allerdings tatsächlich auf einem niedrigeren sprachlichen / inhaltlichen Niveau ausgedrückt wird, wird genau dieses niedrige Niveau schnell zum Angriffspunkt gemacht. Die Variante wäre dann also auch wieder nicht recht.

    Es ist nunmal ein an den Argumenten vorbei gehender Fehlschluss, wenn man lediglich das Ausdrucksniveau zum Thema macht – passiert häufig, wenn dem Diskussionspartner die Argumente ausgehen.

    Allerdings ist es meiner Meinng nach schon sinnvoll, zu versuchen, das sprachliche Niveau in der Argumentation dem Zielpublikum anzupassen – auch einem Nichtakademiker kann man Butler verständlich erklären – wenn man weit genug ausholt (z.B. philosophische Grundlagen auf denen die Position beruht erklärt) und nur einzelne wesentliche Aspekte auswählt statt das gesamte System zu vermitteln.

    Zwischen platten Kneipensprüchen und philosophisch verpackten Uni-Sätzen liegt ein sehr großes Spektrum – in jeder Situation die richtige Mitte zu finden, sollte das Ziel sein.

  3. 3 Sabine Eva Rädisch 11. Oktober 2012 um 12:24 Uhr

    Ja, offenbar bleibt es schwierig. In meinem Beruf als Bauingenieurin sind wir bei solchen Feinheiten noch gar nicht angekommen, und ich zucke zusammen, wenn weibliche Kolleginnen sich als „Ingenieur“ bezeichnen. Doch das plakative Vermännlichen einer weiblichen Person kann auch mal aufrütteln. – Wenn jemand dann einmal doch die Sprache so gebraucht, dass beide Geschlechter sich angesprochen fühlen, empfinde ich das als sehr wohltuend. Aktuelles Beispiel: Eine Fortbildung vergangenes Wochenende über Themenzentrierte Interaktion, wo der männliche Leiter unsere Gruppe ganz zwanglos mal mit „er“ oder „sie“ – Beispielen titulierte. Es kam so selbstverständlich rüber, dass es den meisten vielleicht nicht einmal aufgefallen ist. Eine Kunst, die auch ein wenig Übung erfordert – und dann auch weder als zu hochgestochen noch zu primitiv herüberkommt.

  4. 4 dodo 13. Oktober 2012 um 16:20 Uhr

    gtz schrieb

    „bildet euch doch“ oder „lies doch mal dieses oder jenes Buch“

    schreckliche forderung. das kann ja nun wirklich niemand erwarten. himmel.

    (Voraus ne Entschuldigung – ich bin übelst erkältet und mien Sprachgebrauch daher auch nicht so tiptop – man sehe es mit bitte nach ;) )
    Darum geht es doch nicht. Jemandem ein Buch zu empfehlen oder der Rat, sich zu bilden, ist an sich ja ganz bestimmt nicht falsch.
    Aber ein „weniger belesener Mensch“ sag ich mal(oft kann man ja schon froh sein, wenn wer die Emma durchblättert) in einer Diskussionsrunde dabei ist und eigentlich viel zu sagen hätte, dann sind Sätze wie „Lies erst mal Judith Butler!“ alles andere als konstruktiv; im Gegenteil, sowas spaltet und demotiviert noch mehr.
    Es geht hier ja nicht um eine wohl gemeinte Buchempfehlung.
    Sondern darum, jemanden iner Diskussion abzuwürgen.

    Alsoähmmm, Fallbeispiel:
    Wenn (Achtung, tiiiiefer Griff in die Klischeekiste mit teilweisen Übertreibungen! Ach, ihr wißt, wie ich’s mein ;) ) jetzt ne eher weniger literaturinteressierte Aldi-Mitarbeiterin mit Hauptschulabschluß zu nem feministischen Treffen über, sagen wir, „Frauenausbeutung im Arbeitsmarkt“ geht (also ein Thema, das sie direkt betrifft!) und sie da, weil sie vielleicht erstmal nicht ganz mitkommt bei den geübteren „Gendersprachler_innen“ und dann (berechtigte) Fragen stellt und ihre Meinung/Erfahrung/Kritik zum Ausdruck bringt, dann wird sie zwar verflucht genau wissen, was es bedeutet, als Frau in der Arbeitswelt ausgebeutet zu werden – wird aber vielleicht nur teilweise verstehen, was die anderen, „gebildeteren Leutz“ über „feminine Suppression im patriarchalisch-kapitalistischen Produktionsverhältnis-Kontext“ reden. Und wenn sie dann nicht auf scheues Reh/passive Zuhörerin macht, sondern (GO GRRRL!) das, was sie versteht, kritisiert/lobt, in ihren eigenen Worten, dann unterlaufen ihr womöglich auch noch „Fehler“ im Wortgebrauch (wer sich mit Gendertheorie etc. nicht auseinandergesetzt hat, begeht fast zwangsläufig verbale Faux-pas bezüglich feministischer Correctness usw.) und DANN wer daherkommt mit nem Spruch à la „Mädel, bilde Dich und lies erst mal Judith Butler/Beauvoir/Goldman/…, und dann reden wir weiter!“, der würgt die Diskussion schlichtweg ab. Was will die Aldi-Kassiererin auch zu Butler, Beauvoir und Co. sagen? Hat sie vielleicht nicht gelesen und die Schwarzer kennt sie vielleicht nur aus der Feldbusch-Debatte. Ankommen tut das „Lies erst mal …“ dann weniger als Ermutigung, sich weiter für die Sache zu begeistern. Ganz zu schweigen von dem „Bilde Dich doch!“ – tja, leichter gesagt, als getan!!!!
    Und schwups, ist der Diskussionsbeitrag dieser Frau deskriditiert und schlichtweg abgewürgt. Vielleicht etwas überzogen formuliert, aber so mag es ankommen: „Schätzelein, Du bist uns zu ungebildet und Deine Sprache zu ungehobelt – komm wieder, wenn Du sachverständig und belesen bist; ansonsten kannste gleich heimfahren.“
    Und da verpaßt man dann soooo viele produktive Gelegenheiten!! Nicht nur verpaßt die bei Aldi kassierende Frau einen Austausch, der ihr mit ziemlicher Sicherheit einige Erkenntnisse gebracht hätte, Selbstbestätigung und Selbstbewußtsein (so à la „Hah! Ich WUßTE doch, daß das, was die hier abziehen, nicht ganz koscher ist! Da muß man sich wehren – nur wie??“ – was schon die näxte Frage aufwirft, die aber schon vorher abgewürgt wurde…) und eine weitere Mitstreiterin für Geschlechtergerechtigkeit wäre verloren.
    Auch die „akademisierte“ Diskussionsseite erleidet einen Verlust – nämlich eine (nur eine?) Mitstreiterin, die direkt betroffen ist und der „studiert/kultivierte Hälfte“ die konkrete Arbeitssituation, die konkreten Probleme und Potentiale/Möglichkeiten darlegen könnte!
    Die aber wurde regelrecht aufgrund fehlender „Gelehrtheit“ zum Schweigen gebracht. Und das endet dann wieder nur in einer (privilegierten) Billdungsmittelstandsdebatte, die zwar sicher auch Erkenntnisse bringt (schließlich gibt es ja auch genügend emanzipierte Student_innen, die beim Aldi arbeiten(müssen)) – aber es ist doch noch ein gewaltiger Unterschied, ob man so nen Job betreibt, um sein Studium zu finanzieren – oder ob das dann halt Alltag ist, aus dem es erstmal kein Entrinnen gibt…
    Es ist einfach ein grandioser Unterschied, on ich den Satz „Bilde Dich erst mal und lies XY – dann kannste (darfste?) mitreden“ zum verbalen Abwürgen (damit die ach so viel mehr emanzipierten und beleseneren Menschen endlich weiterdiskutieren können!) nutze – oder die Diskussion (mit der jeweiligen „Sprache“ der weniger „akademisierten“ Betroffenen) als etwas Hilfreiches erkenne (wie auch immer geäußert – mit etwas gutem Willen kapiert man da schon!!!) und hinterher sowas sag wie „Hey – fand Deinen Diskussionsbeitrag echt gut! Da gibt’s so ein paar Bücher, von denen ich denke, die würden Dir gut reinlaufen; ich denk, wenn Du die lesen tätst, würdest Du Dich nicht nur bestätigt fühlen, sondern auch neue Ideen kriegen.“
    Das wär dann NICHT diskussionsabwürgend…
    Und deswegen schätze ich auch „flapsiger“ geschriebene Feminismusbücher, die von Jessica Valenti beispielsweise (leider nicht auf deutsch erschienen, soweit ich weiß…), da diese JEDE_N irgendwie ansprechen – und da seh ich dann auch über Oberflächlichkeiten hinweg, ganz einfach deshalb, weil es erst mal die „Alltagsprobleme“ anspricht. (Ohne Mars/Venus-Kacke…)

    …weißt Du, wie ich meine? „Bildung und Büchern empfehlen“ ist prinzipiell ne tolle Sache! Aber nicht, um jemand zum Schweigen zu bringen.
    Wer jemandem Bildung und Bücher empfiehlt, sollte das aus ehrlichem Wohlwollen tun – und nicht (wie es leider allzuoft geschieht!!), um Menschen auszugrenzen, nur damit man seine alltagsgewohnte „Gendersprache“ treu bleiben kann und sich um Gottes willen nicht auf eine andere (vermeintlich „unwürdiges“/“rückschrittliches“) Sprachebenen begibt und damit „effektiv absteigt“ (was eh Bullshit ist).
    Wenn wir Feminist_innen uns nicht zusammenraufen und für jede_n verständliche Didkurse etablieren, bleiben wir weiter „alleine“ und erreichen nur Bröckelchen statt Felsen!
    Der sozusagen „ungebildete“ Diskurs ist grad genauso wichtig wie der „akademische“.
    Es geht nun nur darum, uns als Einheit zu erkennen (deswegen auch meine Kritik an der „die akadmischen da oben“ vs. „die doofen da unten“- Einstellung) und ALLE Sprachen und Ausdrucksformen zu respektieren und zum Ziel der Geschlechtergerechtigkeit zu nutzen!!

  5. 5 lala 31. Oktober 2012 um 2:28 Uhr

    ich pflichte dodo da völlig bei und finde, dass wir natürlich erstmal alle eine sprache sprechen: Alltagssprache. Es ist ja nicht so, dass ich als studentin mich nur noch mit „fremdwörtern“ ausdrücken kann…und ich finde es ist ein gutes argumentationstraining judith butler auch mal auf alltagssprache zusammenzufassen…es ist schon klar, dass manche diskurse mit manchem vokabular geführt werden müssen, aber dafür gibt es ja die uni: das ist der ort um unglaublich zu theoretisieren. so wie die special nerdplena die orte zum informatikkram machen sind…nicht die allgemeinplena, wo wir mit vielen frauenlesbentrans* reden wollen…neinnein, das ist nicht der feminismus!

  6. 6 roke 07. November 2012 um 13:29 Uhr

    natürlich macht es wenig sinn zu kommunizieren, wenn absender und empfänger sich nicht verstehen können. ich muss aber gestehen, dass es mir zum teil wirklich schwerfällt, diskussionen zu führen, die ich mitunter schon seit jahrzehnten x-mal von a bis z durchgekaut habe.

    hinter dem vorwurf, akademisch-unverständlich zu sprechen, steckt manchmal auch schlicht intellektuellenfeindlichkeit. die forderung, etwas verständlich zu formulieren bedingt eben auch die bereitschaft auf der anderen seite, etwas verstehen zu wollen.

    der akademische diskurs spricht nicht wie er spricht, um unter sich zu sein, vielmehr geht es um eine möglichst genaue begrifflichkeit. gerade in der feministischen theorie ist das bemerkenswert: die debatte ist sehr viel exakter als es in anderen politiktheoretischen bereichen üblich ist.
    natürlich muss auch diese art des sprechens kritisiert werden, aber das ist dann eine wissenschaftskritische auseinandersetzung.

    lies erstmal das buch – ausdruck argumentativer schwäche, okay. genau diese empfehlung hab ich aber auch schon oft geben müssem, allein um mein nervenkostüm zu schonen. im übrigen auch schon oft auf diese weise ein buch in die hand gedrückt gekriegt: es kommt dann immer aufs buch an.

  1. 1 Zwangsprostitution, Männeraufklärung & musikalische Lebensstationen « Reality Rags Pingback am 10. März 2014 um 21:57 Uhr

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