Proteste nach Vergewaltigung in Indien

(Triggerwarnung)
Nach einer brutalen Vergewaltigung gab es Ausschreitungen bei Massenprotesten in Neu-Delhi:

Die Polizei setzte am Samstag Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke gegen die Demonstranten ein, die zu Tausenden auf den Präsidentenpalast zumarschierten.
(…)
Die junge Frau war vor einer Woche fast eine Stunde lang von mehreren Tätern missbraucht und anschließend aus einem fahrenden Bus auf eine belebte Straße in der indischen Hauptstadt geworfen worden. Sie kämpft im Krankenhaus ums Überleben. Fünf Menschen wurden festgenommen. Die Demonstranten, die meisten von ihnen Studenten, forderten die Todesstrafe für die Beschuldigten und verschärfte Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz von Frauen.

Nun, die Todesstrafe wird wohl kaum zu einem frauenfreundlichen Umfeld und der Umkehrung der rape society führen… und „verschäfte Sicherheitsmaßnahmen“ klingen irgendwie gruslig, da hilft der Zusatz „zum Schutz von Frauen“ auch nicht mehr viel… was für Bullshit wurde schon „zum Schutz der Frauen“ aus paternalistischen Gehirnen gequält: Burka schützen ja angeblich auch vor unbändigem männlichem Sexualtrieb, kein Rezept für die Pille danach soll frau vor sich selbst schützen und weiterer Murks, Beispiele gibt’s genug.
Aber immerhin haben sich zig Leute offen gegen Vergewaltigungen positioniert und da besteht doch die Hoffnung auf fruchtbare Diskussionen, Projekte, etc., die wirklich etwas ändern!

Und hierzulande? Wo bleiben die Proteste? Die Demos? Anlässe gibt’s genug, rape culture haben wir auch hier. Nachdem Kachelmann und neue Freundin von „Opfer-Abo“ und ähnlichem Käse sprachen, haben sich vor dem Gericht immerhin so einige Leute eingefunden, um das nicht unkommentiert stehen zu lassen.
Aber muß erst ein derartiges Drama wie der Kachelmannprozeß mit all seinen Winkelzügen und unschönen Mediensperenzchen mit zusätzlichem Zurückschießen daherkommen, damit protestiert wird? Sind die großen Medienspektakel und Celebrityskandale die einzigen Motivationsanfacher für Aktionen gegen sexualisierte Gewalt?
Schließlich gibt es (leider) genügend weniger spektakuläre Prozesse (von der Dunkelziffer gar nicht zu sprechen!), Vergewaltigungsopfer, deren Umfeld und Trauma eben nicht so viel hergeben für die Presse. Warum nicht da genauso protestieren, aktiv werden, informeren,… alle Vergewaltigungsopfer, jedes einzelne, sollte einen anspornen, die unsägliche rape culture -Situation aus der Welt schaffen zu wollen – statt auf der nächsten großen Empörungswelle einfach mitzusurfen, bis diese wieder abebbt. Denn eine rape culture zu Fall zu bringen, ist kein einzelnes, großes Projekt, geleitet von irgendeiner Gallionsfigur. Es sind auch vieleviele kleine Projekte nötig, von Selbstkritik, Flyern, Diskussionsgruppen, am besten nie endend, bis es in den Köpfen der Leute endlich angekommen ist, daß Vergewaltigung nichts ist, was in einer Gesellschaft toleriert werden darf.


11 Antworten auf “Proteste nach Vergewaltigung in Indien”


  1. 1 anthraxit 23. Dezember 2012 um 1:38 Uhr

    Es gibt aus Indien auch noch bessere Beispiele, wo gegen rape cultur nicht nur Protest, sondern Widerstand aufgebaut wird. So gibt es zum Beispiel maoistische Verbände wo sich (sic!)Frauen selbst ermächtigen sich zu wehren, indem sie sich kollektiv bewaffnen und somit Gegengewalt zu den patriarchalen Strukturen schaffen, in denen sie leben.
    Habe eben auf die Schnelle leider keine Quelle mehr aufgetrieben, aber ich meine das waren Gruppen, die der CPI(M) nahe stehen.
    Das gute daran ist, dass dies gleich ein mehrfaches Austreten aus den patriarchalen Strukturen ist. Erstens wehren sie sich gegen Vergewaltigung, und zweitens tun sie dies eigenmächtig, sind also Subjekt ihrer Befreiung.

  2. 2 katrin 23. Dezember 2012 um 12:02 Uhr

    Ich finde den Vergleich völlig unzulässig. Die Zustände in Delhi sind nicht mit der rape culture “hier“ zu vergleichen. Vielleicht über die drastische Situation erstmal informieren bitte. danke.

    edit:Entschuldige, ich war pampig. Ich möchte nichts herunterspielen. Jedoch trauen sich indische Freundinnen nach Anbruch der Dunkelheit ohne Begleitung nicht aus dem Haus, fahren nicht Zug und und und. Deshalb hat mich der Vergleich erbost.

  3. 3 Miria 25. Dezember 2012 um 1:19 Uhr

    Ich muss Katrin zustimmen! Auch ich war im ersten Moment geschockt davon, dass die Proteste und die Situation in Indien dazu genutzt werden, das auf Deutschland zu übertragen.
    Ich habe bereits in den Nachrichten von der Situation in Indien erfahren; dort wurde eine Frau über Stunden von mehreren Männern In einem Bus vergewaltig. Niemand hat eingegriffen. Im Gegensatz zu Indien ist die Vergewaltigung in Deutschland keinesfalls vom Großteil so akzeptiert!
    Es ist wunderbar, dass es in Indien diese mutigen Frauen und auch Männer gibt, die protestieren und etwas ändern möchten.
    Aber dieser Text ist meiner Meinung nach herabwürdigend gegenüber den Menschen in Indien!
    Nicht, dass wir in Deutschland keine Probleme haben, natürlich haben wir die Probleme die du hier ansprichst, aber warum nicht als eigener Text? Warum sind die Zustände in Indien nichtmal ein eigener Text wert? Bei mir kommt der Eindruck, dass diese hier als Aufhänger benutzt werden…

  4. 4 dodo 26. Dezember 2012 um 14:11 Uhr

    Ich will ganz bestimmt nicht „nur“ einen Aufhänger; im Gegenteil, ich wollte die indischen Proteste eher als Inspiration zeigen. Denn einen Wettbewerb aufzumachen, wo Vergewaltigung schlimmer ist (es ist immer, überall und jedesmal schlimm, deshalb sollte man auch überall was dagegen zu tun versuchen, nicht nur bei krassen Fällen wie diesem) halte ich nicht für sinnvoll.

  5. 5 onyx 29. Dezember 2012 um 14:18 Uhr

    Die junge Frau ist jetzt übrigens an den Folgen der Verletzungen im Krankenhaus gestorben.
    http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article112286892/Inderin-nach-Massenvergewaltigung-gestorben.html

  6. 6 lee_a 30. Dezember 2012 um 14:23 Uhr

    kann mich katrin & miriam da nur anschließen, ziemlich undifferenzierter text z.T. sexualisierte gewalt in indien, rape culture heisst eben nicht überall das selbe! das hat nichts mit einer wertung „vergewaltigung in indien ist schlimmer als in deutschland“ zu tun, sondern mit dem gesellschaftlichen umgang damit, und der ist in den verschiedenen gesellschaftlichen kontexten offensichtlich unterschiedlich.
    ich habe leider nicht viel ahnung von rape culture in indien, aber einen gewissen hinweis auf eine größere verbreitung von schuldumkehr & bagatellisierung fällt ja doch ins auge -
    sexualisierte belästigung gegen frauen sind in indien dermaßen in der alltagskultur verankert, dass es einen bezeichnenden spezialausdruck dafür gibt, „eve teasing“
    http://en.wikipedia.org/wiki/Eve_teasing
    in dem text hier wurde sich null mit dem hintergrund der proteste & der situation von frauen in indien und warum ausgerechnet dieser „fall“ zu einer solchen empörung geführt hat auseinandergesetzt. schade auch

  7. 7 katrin 30. Dezember 2012 um 14:49 Uhr

    Hallo dodo, es geht nicht um einen Wettbewerb (finde diesen Vorwurf etwas unfair) sondern um Verhältnissmäßigkeit. Bei Polizeigewalt hier von iranischen Zuständen zu sprechen fänd ich auch nicht richtig. Jede einzelne Vewaltigung ist schlimm, egal wo. Trotzdem sind die Situationen denen Frauen* auf der Welt unterworfen sind nicht gleich. Ich bitte das zu respektieren.

  8. 8 dodo 03. Januar 2013 um 19:04 Uhr

    „rape culture heisst eben nicht überall das selbe!“
    stimmt, das wurde auch nie behauptet und sollte auch keinesfalls so rüberkommen.
    „in dem text hier wurde sich null mit dem hintergrund der proteste & der situation von frauen in indien und warum ausgerechnet dieser „fall“ zu einer solchen empörung geführt hat auseinandergesetzt.“
    ich wollte auch keinen hintergrundbericht schreiben; ich wollte mich eher mit dem Revolutionären, das diese massiven Proteste in sich haben, befassen (also einen Teilaspekt aus diesem Gesamtbild herausnehmen).
    Ich wollte eigentlich ausdrücken: Nach Indien hinschauen, die nehmen’s nicht länger hin, was die da gegen die rape culture machen, sollte uns inspirieren, uns dem Thema auch mal wieder zuzuwenden und vor der eigenen Haustüre kehren. Da mag’s nicht so sein wie in Indien, aber auf Lorbeeren kann man sich hierzulande auch nicht gerade ausruhen.

  9. 9 wichtig 07. Januar 2013 um 0:48 Uhr

    „Es ist wunderbar, dass es in Indien diese mutigen Frauen und auch Männer gibt, die protestieren und etwas ändern möchten.“
    Mal logisch deduziert: Super, da ist es in einem Teil der Welt so, das Vergewaltigungen stattfinden. Es währt sich sogar jemand dagegen. Wunderbar!
    Ja, absichtlich falsch verstanden. Lieber einfach erstmal den gegenstand der Kritik kritisieren und nicht ein loblied auf Menschen singen, die „etwas“ ändern wollen. Die wollen nämlich die Verfassung (oder ähnlichen schwachsinn, den ich für grundlegend schädlich halte) ändern. Eine blöde Idee. Da halte ich es doch lieber mit anthraxits Kämpfern…

    „Aber dieser Text ist meiner Meinung nach herabwürdigend gegenüber den Menschen in Indien!“
    Nein sowas aber auch. Die haben sich doch ihre Würde verdient! Toll, diese Inder, vor allem als Mensch. Nun ist die Würde weg, einfach futsch!? Wie kann das ein Mensch nur tun?
    Im ernst: Das Leid der Vergewaltigten kann und will ich nicht ermessen. Aber das ist dann auch der ganze Grund zur Klage: Das Leid der Opfer. Und dafür kann man sich den ganzen Quark mit humanistischem BlaBla sparen. Bitte danke

    @ dodo: Naja, revolutionär ist dass, was in Indien passiert nicht gerade. Aber es passiert einiges, das stimmt.
    Andererseits wäre es auch interessant, was die leute sich alles gefallen lassen, nicht nur, was sie sich nicht gefallen lassen.

  10. 10 Herr* Dummkopp 09. Januar 2013 um 3:30 Uhr

    Als ein Gespräch mit mir bekannten Menschen inhaltlich zu den Geschehnissen in Indien führte, und eine jener Personen etwas derartiges „Ich finde beeindruckend, dass die Indien jetzt zu zigtausenden gegen Vergewaltigung demonstrieren.“ gesagt wurde, fühlte ich mich zu dem Einwurf bewogen, man könne nicht gegen Vergewaltigung demonstrieren. Womit ich natürlich nicht meine, dass man das prinzipiell nicht kann, sondern dass es lediglich unsinnig sei. Prompt wurde ich mit lauter Stimme und harschen Worten kritisiert. Dass ich darauffolgend nur mit Mühe gegen die Stimmen vieler ergänzen konnte, dass man gegen und für alles demonstrieren könne, aber dass es doch darum gehe gegen rape culture, für oder gegen einen bestimmten gesellschaftlichen Umngang, für oder gegen ein bestimmtes Verständnis von Übergriff etc. demonstrieren, ging in der energischen Antihaltung erboster Köpfe unter.
    Nur bleibt meine Frage:
    Ist meine Aussage „Ich finde, gegen Vergewaltigung zu demonstrieren unsinnig.“ prinzipiell falsch? Wie seht ihr das?
    Ist die Analogie „Wenn das Wasser schmutzig ist, könne man GEGEN die VERSCHMUTZUNG von Gewässern oder FÜR die KLÄRUNG des Wassers, nicht jedoch GEGEN dreckiges Wasser?.“ zulässig?
    Oder ist das alles in euren Augen linguistische Pedanterie?

  11. 11 Jein 10. Januar 2013 um 13:41 Uhr

    Dein bsp ist nicht ganz gut, aber es reicht: Beide, Wasser und Vergewaltiger*, lassen sich nicht durch eine Demonstration beeinflussen. Das Bsp ist deswegen etwas schlecht, weil das eine ein objekt, und das andere ein subjekt ist. Wahrend man dreckigem Wasser nur mit Klärung kommen kann, kann man mit Vergewaltigern (zum Teil, und man muß auch überhaupt nicht) versuchen zu reden. Aber zwischen Reden und Demonstration ist ein gewaschener Unterschied, mit dem einen kann man wirklich an Menschen rankommen, das andere läuft nur gröhlend an einem Vorbei. Also sinnlos gegen Vergewaltigung zu Demonstrieren.
    Gegen den Einwand, es würde wenigstens eine gesellschaftliche Diskussion hervorrufen, würde ich sagen: Ja, vlt, aber dann kommt es schon stark auf das Ergebnis und die Diskussion an, nicht darauf, dass es sie einfach nur gibt. Weil daraus können die dümmsten Dinge folgen…
    Was, zumindest habe ich das meine ich auch rausgehört, bei den Demos in Indien gemacht wird ist z.B FÜR Rechtsschutz o.Ä. einzutreten. Das ist allerdings eine grundfalsche und idealistische Stellung zum Recht. Denn das regelt NUR die Zwecke der staatlichen Herrschaft, und ebendiese sind nicht sehr angenehm. Wobei man sagen muß, dass es auch nicht im Interesse des Staates ist, Vergewaltigungen im Land zu haben. Menschen mit Trauma sind so blöde unproduktiv für das Kapital!
    Hoffe das hilft ein wenig :)

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