Archiv für Februar 2013

Keine Opfer zweiter Klasse

Bei den Tätern ist man sich schnell einig, daß deren Verhalten (z. B. bei häuslicher Gewalt, Belästigung, etc.) falsch ist, daß es verurteilt gehört. Daß die Verurteilungen aber auch vor den Opfern dieser Zustände nicht halt macht, ist auch bekannt – zu kurzer Rock, zur falschen Zeit allein unterwegs,… die übliche Victim Blaming – Palette, die jede_n trifft.
Und dennoch werden Unterschiede unter den Opfern gemacht – besonders, wenn es sich um Leute handelt, die nicht dem gewünschten Opferklischee mit „passendem Verhalten“ handelt.
Das konnte man schon gut bei Natascha Kampusch sehen, die sich eben nicht als das schwache, demütige Opfer vermarkten ließ, sondern in die Offensive ging und sich lieber selbst vermarktet, als das anderen zu überlassen.
Solche Opfer sind unbequem – es ist für viele leichter, einem verschüchterten, rettungsbedürftigen Hascherl Mitleid und Solidarität entgegenzubringen, als einer Frau, die sich eben nicht als gebrochen, sondern als starke Persönlichkeit präsentiert.
Viruletta spricht noch andere Betroffene an, die eben nicht in das Opferklischeebild passen. Beispielsweise Prostituierte, die zwar überdurchschnittlich oft sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, aber kaum Solidarität erfahren, sei es doch „milieubedingt“. In anderen Worten, da geht es irgendwie okay. Sind ja nur Sexarbeiterinnen. Die müssen doch mit sowas rechnen. Und irgendwie „sind sie ja auch dazu da“, so die nicht allzu seltene Meinung – ein Klassiker“argument“ für Prostitution ist immer noch „Ist doch besser, sie gehen zu Professionellen und leben da ihre Triebe aus, als daß sie wen vergewaltigen!“
Es wird ein Graben aufgemacht zwischen „guten Opfern“, die ins Bild passen, und „schlechten Opfern“, die irgendwie selbst daran schuld hätten, unserer Unterstützung nicht „würdig“ seien, „Schmuddelopfer“ sozusagen.
Die „selber schuld“-Klatsche kriegen vor allem auch die Betroffenen von häuslicher Gewalt zu spüren, die sich erstmal nicht vom Täter trennen, sondern bei ihm bleiben. Da können wir uns noch so sehr wünschen, sie würden ausbrechen aus dem gewalttätigen Umfeld – viele tun es nicht. Wegen der Kinder, wegen oft jahrelang aufgebauten (psychischen oder finanziellen) Abhängigkeiten, aus Liebe, aus vielen Gründen. Und verhalten sich dabei nicht so, wie man das gerne hätte.
Doch auch diese Opfer verdienen genauso viel Solidarität, schließlich sind ihre Gewalterfahrungen deswegen nicht minder schlimm. Sie brauchen genauso viel Unterstützung und eben auch die Zusicherung, daß NICHTS von dem, was sie getan haben oder tun, Gewalt an ihnen rechtfertigt:

Solidarität darf nicht dort aufhören, wo die Betroffenen eigenmächtige Entscheidungen treffen. Auch wenn sie den Unterstützenden missfallen. (…) Kein einziger davon muss den Unterstützenden logisch erscheinen. (…) Wichtig ist, dass die Betroffenen trotzdem weiterhin auf Unterstützung zählen können. Dass sie weiterhin über die Gewalt reden können, ohne dafür sanktioniert zu werden. Dass ihnen weiterhin bewusst gehalten wird, dass die Schuld für die Gewalt nicht bei ihnen liegt. Und zwar unter keinen Umständen.

Die Täter*innen bleiben Täter*innen. Die Gewalt, die sie ausüben wird nicht weniger schlimm, je länger sie ertragen wird. Dass sie ertragen wird, entschuldigt oder verharmlost das gewalttätige Verhalten in keinster Weise.

Anne Wizorec in der taz

Die taz widmet Anne Wizorec einen Artikel, deren #aufschrei-Initiative immerhin zu neuem Bewußtsein bei sexistischen Übergriffen geführt hat:

Erste, zarte Veränderungen zeichnen sich bereits ab. Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind seit Januar deutlich mehr Fälle sexueller Belästigung gemeldet worden. Offenbar hat der #aufschrei manche Frauen ermutigt sich zu wehren. „Da ist ein Funke gezündet worden“, sagt Anne Wizorek.

…und was ist mit den Tätern?

Sandra Charlotte Reichert hat einen sehr engagierten und interessanten Blick auf die rape culture geworfen: jede_r kennt Opfer von Vergewaltigungen und sexualisierten Belästigungen, persönlich oder durch Geschichten, die Presse, you name it. Nicht erst seit #aufschrei weiß man, daß insbesondere Frauen in hohem Maße betroffen sind. Auch, daß der Täter in den allermeisten dieser Fälle aus dem engen Umfeld kommen.
Doch wenn jede_r irgendwie irgendwo ein Opfer von Belästigung oder gar Schlimmerem kennt – wo sind dann die Täter, die sich doch in unserem Umfeld befinden müßten? Zu jedem bedrängten Opfer gehört ein Täter, zu jeder Vergewaltigung ein Vergewaltiger.

(…)rapists are somewhat of a unicorn: everybody has heard of them, but nobody has ever met one. But maybe we only think that we never met one, because many of them who are don’t seem to know they are one themselves.
(…)
But again, when you ask mothers, sisters, aunts, girlfriends, wives: none of them thinks they are related to rapists or men who assault women. Ask your dad, your brother, your uncle, your boyfriend, your husband, your neighbor. Nobody seems to know a rapist, let alone be one. Nobody seems to know a man who would push a woman’s boundaries, who would use his position to abuse her, her trust.

Sandra kritisiert, daß es unter Männern oft selbstverständlich ist, vermeintliche „Grauzonen“ auszunutzen: (Triggerwarnung) (mehr…)

Sookee über One Billion Rising

Jungle World hat Sookee zu One Billion Rising interviewt

Sookee über Sexismus

Der Tagesspiegel interviewt Sookee zum Thema Sexismus:

Es gab da eine Schlüsselszene vor einigen Jahren. Ich stand auf der Bühne und rappte, auf einmal sprang ein Typ zu uns hoch, zog sich erst das Hemd, dann die Hose aus und stand am Ende komplett nackt da. Alle fanden das richtig geil, feierten diesen Punkrock-Moment. Nur ich hatte Gewaltfantasien. Komm mir bloß nicht zu nah, dachte ich. Er hat das gemacht, weil er es konnte. Männer ziehen ihre Hemden aus, wenn ihnen heiß ist. Eine nackte Frau würde einfach als durchgeknallte Schlampe abgestempelt.

#Aufschrei als politisch-gesellschaftlicher Diskurs

Antje Schrupp analysiert den #aufschrei und was er nun genau bewegt hat oder bewegen könnte.

Dear Nice Guys

In der aktuellen Sexismusdebatte melden sich viele Stimmen: Artikel von Journalist_innen, zigtausend Tweets bei #aufschrei sowie eine beträchtliche Anzahl an Kommentator_innen. Nicht nur weibliche Stimmen sind dabei, auch Männer diskutieren kräftig mit.
Und zwar nicht nur die, die sich jetzt in ihrer Lebensqualität eingeschränkt fühlen, weil ihnen durch die Debatte klargemacht wurde, daß es eben nicht ihr gutes Recht ist, einer Frau in den Ausschnitt zu fallen. Auch die „nice guys“, die schon längst kapiert haben, daß „Sie könnten auch ein Dirndl ausfüllen“ nichts mit normalem, respektvollen Flirten zu tun hat, diskutieren mit; teilweise schockiert von dem, was Frauen auf twitter unter #aufschrei und alltagssexismus.de berichten, weil ihnen das Ausmaß des Problems nicht bewußt war; teilweise aber auch verunsichert, wie man sich jetzt verhalten soll. Was man tun kann.
Das ist generell ja zu begrüßen – ansonsten wird allzuoft über die Köpfe der vom Sexismus betroffenen (und ja, das sind nicht nur Frauen) hinwegdiskutiert wird, anstatt zu fragen, wie es denn anders, sexismusfrei(er) gehen könnte.
Also: an all die Männer, die sich ihren Mitmenschen (dazu gehören ja auch Frauen) gegenüber wirklich respektvoll verhalten: Juhu! Prima, daß es Euch gibt! Und ich kann versichern: Ihr werdet bei dieser Debatte nicht an den Pranger gestellt. Sondern die Männer, die sich daneben benehmen. (mehr…)