Keine Opfer zweiter Klasse

Bei den Tätern ist man sich schnell einig, daß deren Verhalten (z. B. bei häuslicher Gewalt, Belästigung, etc.) falsch ist, daß es verurteilt gehört. Daß die Verurteilungen aber auch vor den Opfern dieser Zustände nicht halt macht, ist auch bekannt – zu kurzer Rock, zur falschen Zeit allein unterwegs,… die übliche Victim Blaming – Palette, die jede_n trifft.
Und dennoch werden Unterschiede unter den Opfern gemacht – besonders, wenn es sich um Leute handelt, die nicht dem gewünschten Opferklischee mit „passendem Verhalten“ handelt.
Das konnte man schon gut bei Natascha Kampusch sehen, die sich eben nicht als das schwache, demütige Opfer vermarkten ließ, sondern in die Offensive ging und sich lieber selbst vermarktet, als das anderen zu überlassen.
Solche Opfer sind unbequem – es ist für viele leichter, einem verschüchterten, rettungsbedürftigen Hascherl Mitleid und Solidarität entgegenzubringen, als einer Frau, die sich eben nicht als gebrochen, sondern als starke Persönlichkeit präsentiert.
Viruletta spricht noch andere Betroffene an, die eben nicht in das Opferklischeebild passen. Beispielsweise Prostituierte, die zwar überdurchschnittlich oft sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, aber kaum Solidarität erfahren, sei es doch „milieubedingt“. In anderen Worten, da geht es irgendwie okay. Sind ja nur Sexarbeiterinnen. Die müssen doch mit sowas rechnen. Und irgendwie „sind sie ja auch dazu da“, so die nicht allzu seltene Meinung – ein Klassiker“argument“ für Prostitution ist immer noch „Ist doch besser, sie gehen zu Professionellen und leben da ihre Triebe aus, als daß sie wen vergewaltigen!“
Es wird ein Graben aufgemacht zwischen „guten Opfern“, die ins Bild passen, und „schlechten Opfern“, die irgendwie selbst daran schuld hätten, unserer Unterstützung nicht „würdig“ seien, „Schmuddelopfer“ sozusagen.
Die „selber schuld“-Klatsche kriegen vor allem auch die Betroffenen von häuslicher Gewalt zu spüren, die sich erstmal nicht vom Täter trennen, sondern bei ihm bleiben. Da können wir uns noch so sehr wünschen, sie würden ausbrechen aus dem gewalttätigen Umfeld – viele tun es nicht. Wegen der Kinder, wegen oft jahrelang aufgebauten (psychischen oder finanziellen) Abhängigkeiten, aus Liebe, aus vielen Gründen. Und verhalten sich dabei nicht so, wie man das gerne hätte.
Doch auch diese Opfer verdienen genauso viel Solidarität, schließlich sind ihre Gewalterfahrungen deswegen nicht minder schlimm. Sie brauchen genauso viel Unterstützung und eben auch die Zusicherung, daß NICHTS von dem, was sie getan haben oder tun, Gewalt an ihnen rechtfertigt:

Solidarität darf nicht dort aufhören, wo die Betroffenen eigenmächtige Entscheidungen treffen. Auch wenn sie den Unterstützenden missfallen. (…) Kein einziger davon muss den Unterstützenden logisch erscheinen. (…) Wichtig ist, dass die Betroffenen trotzdem weiterhin auf Unterstützung zählen können. Dass sie weiterhin über die Gewalt reden können, ohne dafür sanktioniert zu werden. Dass ihnen weiterhin bewusst gehalten wird, dass die Schuld für die Gewalt nicht bei ihnen liegt. Und zwar unter keinen Umständen.

Die Täter*innen bleiben Täter*innen. Die Gewalt, die sie ausüben wird nicht weniger schlimm, je länger sie ertragen wird. Dass sie ertragen wird, entschuldigt oder verharmlost das gewalttätige Verhalten in keinster Weise.


4 Antworten auf “Keine Opfer zweiter Klasse”


  1. 1 leave 27. Februar 2013 um 11:42 Uhr

    Absolut d‘accord.

    Ich frage mich aber, ob das Feindbild tatsächlich folgende Aussage ist: „Wenn ich als erwachsene und erfahrene Frau im Minirock nachts durch eine verrufene Gegend der Großstadt gehe, ist das Risiko größer, dass mir etwas passiert, als wenn ich in einer weiten Jeans tagsüber über den belebten Marktplatz meiner Heimatkleinstadt spaziere.“
    Diese Aussage gehört doch vielmehr in die Kategorie „traurig aber wahr“. Aus ihr darf natürlich keinesfalls der Schluss gezogen werden, dass ich selber Schuld bin, wenn ich mich so verhalte. Es folgt auch keinesfalls daraus, dass der Täter gar nicht anders konnte. Es handelt sich doch lediglich um eine Beobachtung. Wenn jemand aus der Beoabchtung bestimmte Schlüsse zieht, kann man sich mit denen auseinandersetzen. Die Beobachtung selbst bleibt aber doch unantastbar. Sie kann höchstens als Lüge enttarnt werden oder durch Gegenbeobachtungen als Einzelfall an Relevanz verlieren. Oder?

    Es ist schlimm, dass mir überhaupt etwas passieren kann. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. Den Opfern muss alle erdenkliche Hilfe zukommen. Aber in einer Beobachtung (und damit zumindest angedacht werfreien Aussage) wie der oben geschriebenen grundsätzlich eine Schuldzuweisung in Opferrichtung zu sehen bringt doch irgendwie nichts.

    Nur so ein Gedanke. Vielleicht seh ich das auch total falsch…

  2. 2 fyrecrotch 01. März 2013 um 19:25 Uhr

    @leave:
    ich denke, dass die erwähnung „kurzer rock, blah“ allein schon bei den meisten artikeln/gesprächen blanker unsinn ist und subtil auf die „selberschuld“-argumentation verweist – denn weshalb sollte man die kleidung eines opfers überhaupt erwähnen?

    abgesehen davon werden nicht nur leute in „sexy kleidung“ belästigt oder mehr! ich selbst wurde im dezember massiv begrabscht, als ich in alten jeans und xl-kapu unterwegs war.

    die kleidung des opfers ist bei übergriffen absolut irrelevant – es sei denn, man will damit andeuten, diese habe den täter animiert, also eben victim blaming. ansonsten gibt es doch echt keinen grund, die kleidung zu erwähnen! deshalb finde ich es richtig, wenn die erwähnung kritisiert wird.

    außerdem werden die meisten vergewaltigungen von leuten begangen, die aus dem nahen umfeld kommen, wie bekannte und familie – da ist es besonders bekloppt, immer wieder die klischees (frau in kurzem rock läuft nachts durch neukölln und ein fremder hüpft hinterm baum hervor usw.) in die köpfe weiter reinzubrennen. was dazu führt (da hat sich ja auch der vorherige post auf dem mädchenblog damit beschäftigt), dass viele opfer übergriffe als solche gar nicht wahrnehmen, weil’s ja der eigene freund/vater/onkel/… war, der die grenzen überschritten und ignoriert hat und eben keine der angeblich „klassischen“ situationen à la fremder läuft nachts kurzberockter frau hinterher. das ist auch derailing, dass man sich in der diskussion nur auf diese klischeesituation-einzelfälle konzentriert statt auf die große masse der vorfälle, die eben NICHT so ablaufen. mit konzentration auf die klischees (die so gut in unser patriarchales weltbild passen) bleiben die echten ursachen der rape culture dann allzuoft undiskutiert oder gehen schnell wieder unter.

    und mit der ständigen erwähnung von „falscher kleidung“ wird zusätzlich in die köpfe gehämmert, dass kleidung irgeneine rolle spielte, man mit „richtiger kleidung“ (am besten burka?) „geschützt“ wäre, was aber nicht der fall ist.
    diese ganzen klischees am besten weg aus der debatte!

  3. 3 Anonym 18. März 2013 um 20:31 Uhr

    @leave:

    „Wenn ich als erwachsene und erfahrene Frau im Minirock nachts durch eine verrufene Gegend der Großstadt gehe, ist das Risiko größer, dass mir etwas passiert, als wenn ich in einer weiten Jeans tagsüber über den belebten Marktplatz meiner Heimatkleinstadt spaziere.“

    Ich weiß, dass dieses Argument verlockend ist. Es zeigt sich jedoch, dass auch Frauen, die alles „richtig“ gemacht haben, immer wieder von sexuellen Übergriffen betroffen sind. Auch unauffällig gekleidete Frauen können betroffen sein; mir ist da mal was im Schulbus passiert, und das obwohl in unserer Privatschule eine ziemlich strenge Kleiderordnung herrschte und ich mich nicht umgezogen hatte. Ich sah ganz brav aus. Es half nicht.

    Das Schlimme ist: Wenn sich Leute nur einmal auf eine solche Argumentation eingelassen haben, überprüfen sie bei jedem Bericht von sexuellen Übergriffen, ob das Opfer auch alles richtig gemacht hat und viele unterstellen implizit, dass das wohl nicht so war. Da du als Opfer oftmals nur ganz schlecht nachweisen kannst, dass du alles richtig gemacht hast, wird deine Erfahrung oft verharmlost.

    Ich gebe zu, dass ich selbst vorsichtig bin. Aber ich musste auch schon mal nachts am Bahnhof auf einen Zug warten; das war zwar unvorsichtig, aber ich hatte keine Wahl. Auch wenn wir noch so vorsichtig sind, kommen wir in die Lage, dass wir etwas „Unvorsichtiges“ tun müssen. Es darf keine Akzeptanz dafür geben, dass uns das im Fall sexueller Übergriffe zum Vorwurf gemacht wird.

  4. 4 leave 20. März 2013 um 14:48 Uhr

    @fyrecrotch und @Anonym: Vielen Dank für Eure Antwort auf meinen Kommentar! Es tut mir sehr leid, dass Ihr schon so schlimme Erfahrungen machen musstet. Eure Argumentation klingt für mich absolut überzeugend. Mensch (in diesem Fall ich) lernt nie aus. :-)
    Liebe Grüße!

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