Die Ehe bröckelt, die Familie wächst

Jetzt, da sogar die CDU sich zähneknirschend mit der Gleichstellung Homosexueller befassen muß, ist die Ehe anscheinend die nächste Bastion, die fallen wird. Dennoch tun sich einige Konservative mit dem abrupten Kurswechsel sehr schwer, insbesondere beim Thema Ehe.

Nun kann man einerseits sicher argumentieren, daß es keine besonders wichtige Errungenschaft ist, wenn Schwule und Lesben sich nun eben auch in einem tendenziell arg patriarchalen Konstrukt ganz öffentlich und mit Staatsvertrag wiederfinden dürfen.
Aber da liegt der Hase im Pfeffer: weil gerade die Ehe das Symbol für Heteronormativität ist – was bedeutet es dann, wenn plötzlich auch Nicht-Heteros zum Klub gehören sollen?

Der erste Reflex von CSU & Co. ist es, zum altbewährten Argument „Familie“ zuflucht zu nehmen, denn da befindet man sich auf sicherem Terrain. So ließ Horst Seehofer vernehmen:

Die CSU wolle auch in Zukunft Ehe und Familie „in besonderer Weise schützen und unterstützen“.

Es ist bezeichnend, daß in dieser so häufig auftretenden Argumentation gegen eine „Homo-Ehe“ die Begriffe „Ehe“ und „Familie“ in einen Topf geworfen werden. In den konservativen Köpfen hat eine Heirat stets die Gründung einer Familie zum Ziel – nein, anscheinend wohl eher die Kinderproduktion, und zwar gefälligst eine „natürliche“. Bei der nach der Hochzeit der Papa seinen Schneppes in die Mama usw. und dann 9 Monate später ein Baby da ist.

Dieser Gedankenwelt entspringen auch die Aufschreie, man dürfe einem Kind nicht wahlweise den Vater/die Mutter vorenthalten. Es wird so getan, als sei das heterosexuell-monogame Ehemodell ein seit der Steinzeit auf der ganzen Erde verbreitetes Erfolgskonzept, also das allein Seligmachende für Mama, Papa, Kind und Hund. Was, gelinde gesagt, einfach nicht der Fall ist.
Die momentane gesellschaftliche Realität ist auch eine völlig andere.
Auch bei der traditionellen Ehe gibt es einige kinderlose Ehen, gewollt oder durch medizinische/soziale/finanzielle/… Umstände. Ehe bedeutet also eigentlich keineswegs automatisch Nachwuchs.

Und auch Familie bedeutet schon lange nicht mehr Ehe: alleinerziehende Elternteile, Patchworkfamilien oder auch schlichtweg unverheiratete Väter und Mütter, ungeachtet ihrer sexuellen Ausrichtung. Denn auch Homosexuelle können Kinder zeugen, nur halt nicht mit ihrem Partner/ihrer Partnerin. Es gibt diverse Konstellationen, in denen ein Kind mal eben ohne einen Vater oder eine Mutter aufwächst. Dennoch sind die Kinder nicht abgeschottet, sie finden dann eben unter Bekannten oder anderen Familienangehörigen das fehlende männliche oder weibliche Vorbild und Role Model, wenn sie einem bedürfen.
Aber dennoch, die Kinder! Müssen doch leiden unter der Homosexualität ihrer Eltern! Werden bestimmt in der Schule gehänselt und sind sicher in ihrer sexuellen Identitätsfindung beeinträchtigt, wünschen sich heimlich wahrscheinlich eine „normale Familie“.
Die fragt man nur meistens nicht, die Kinder. Tut man es doch mal, muß man feststellen, daß diese Kinder mit ihrer Familie eigentlich ganz zufrieden sind und sich nicht benachteiligt oder mehr als andere verspottet fühlen:

Mia: Kinder nehmen das alles total normal auf. Wenn, dann waren es immer die Eltern, die damit ein Problem hatten. Es gab ein Mädchen, das durfte ich deswegen nicht mehr treffen. Die Mutter kam aus Osteuropa und fand Nell und mich keinen guten Umgang. Malte: Ich habe schon ab und zu doofe Sprüche gehört, weil ich der Sohn von zwei Frauen bin. Aber in der Schule hört man sich doch alles Mögliche an, egal ob man zwei Mütter hat oder eine komische Frisur.

Wer aber Ehe immer mit heterosexueller Reproduktion gleichsetzt, dem wird natürlich Angst und Bange. Denn aus ihrer Sicht höhlt die gleichgestellte Ehe von Homosexuellen sehr wohl die Ehe aus – sie kann dann nicht mehr so leicht als biologische Keimzelle der Familie vor sich her getragen werden. Was bleibt dann noch, was ist Ehe dann noch, wenn sich eigentlich nicht mehr mit der Familie argumentieren läßt? Die Gleichstellung nimmt den Konservativen die Deutungshoheit darüber, was „Ehe“ ist, was „Familie“ ist.
Und während das traditionelle Bild von Ehe als heterosexuelle Fortpflanzungsgemeinschaft gerade schwer bröckelt und mehr und mehr an Substanz verliert, wird der Begriff „Familie“ weiter gefasst, wird inklusiver.

Eine vom Bundesministerium der Justiz in Auftrag gegebene Untersuchung („Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften“, herausgegeben von Marina Rupp) hat sehr klar festgestellt: Für das Wohlbefinden von Kindern ist nicht die sexuelle Orientierung der Eltern maßgeblich, vielmehr kommt es darauf an, wie viel Liebe, Zuneigung, Anregung und Lebensorientierung sie von diesen erhalten.

Die „Familie“ wächst, könnte man sagen. Ihr gehören irgendwie viel mehr Leute an als früher: am besten alle, die einem „ Liebe, Zuneigung, Anregung und Lebensorientierung“ geben.


4 Antworten auf “Die Ehe bröckelt, die Familie wächst”


  1. 1 Michaela 04. März 2013 um 10:56 Uhr

    Das Schlußwort des Beitrages gefällt mir sehr gut und ich wünsche mir, daß dies immer mehr Menschen so sehen werden :)

  2. 2 femiversum 20. März 2013 um 1:15 Uhr

    Sehr schöner Artikel! Hoffen wir, dass auch CSU/CDU das bald mal erkennen!

  3. 3 @femiversum 20. März 2013 um 20:45 Uhr

    Wie auch immer dein Name gemeint ist: Die CDU gehört ganau wie alle anderen Partein abgeschhafft, einleuchten soll denen gar nichts!

  4. 4 Sandra 22. März 2013 um 14:08 Uhr

    Wenn man bedenkt, dass die monogame Paarehe/-familie ein Produkt/Konstrukt und zugleich wesentliche tragende Säule der Klassengesellschaft ist, nachdem die Menschen zuvor in den Gentil-(Ur-)Gesellschaften überwiegend in egalitären Gruppen gelebt hatten, die alles – auch die Versorgung von Kindern – gemeinschaftlich erledigten

    (obgleich es auf Grund der Produktionsweise ebenfalls zu einer Arbeitsteilung kam, Jagen/Sammeln, Ackerbau/Viehzucht, die wesentlich die zweigeschlechtliche Einteilung/Ordnung begründete und auf der dann die systematische Unterdrückung von Frauen in den sich entwickelnden Klassengesellschaften aufsetzte)

    ist es nur zu begrüßen, dass endlich wieder eine „Erweiterung“ gegenüber der bürgerlichen Familienideologie stattfindet. Nicht mehr „mein Kind“ – „dein Kind“, sondern „unsere Kinder“, für deren glückliches Aufwachsen und gleiche Lebensrechte wir alle gemeinschaftlich – als Gesellschaft, die nicht mehr auf Profit, Gier, Konkurrenz im Interesse einiger Weniger, sondern auf Assoziation, Solidarität und Gleichberechtigung Aller beruht – Verantwortung tragen. So wenig ökonomische und soziale Abhängigkeit, so wenig Ausgeliefertsein und Autoritätsgehabe – kurzum so wenig die Selbstentfaltung Hemmendes, das dann u. a. Heerschaaren von Psychiatern und Psychologen beschäftigt – wie nur irgend möglich.

    Dass das Produkt/Konstrukt der bürgerlichen Familie auch ganz besonders der Ort ist, an dem geschlechtliche Rollenzuweisungen von kleinauf reproduziert werden, ist ohnehin klar.s

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