Roooosa

Pink Grrrl Heart
Charlott hat sich auf der Mädchenmannschaft Gedanken über das „Phänomen Pink“ gemacht.
Das hat auch mich zum Überlegen gebracht – wie war das bei mir? In meiner Kindheit/Jugend in den 80ern/90ern war die Farbe definitiv uncool. Sogar die Barbiehäuser und -utensilien tendierten immer mehr zu babyblau. Von den genähten Tüllröckchen für die Mutter-Kind-Turnen-Aufführung wollte keins der Kinder das rosafarbene haben. In pink gekleidete Leute erweckten irgendwie immer den Eindruck, sie seien kindisch-kitschig. Und wer einen großen Bruder hatte (wie ich), dem ist die Kritik an der Farbe rosa erst recht noch entgegengeschlagen.
Auch ansonsten war ich nicht sonderlich begeistert von dieser Farbe – im Kindergarten hatte ich mir in den Kopf gesetzt, im Fasching als Burgfräulein zu gehen (in meiner Vorstellung war das sozusagen die weibliche Form eines Ritters, nur mit hübscherem Gewand – Prinzessin wollte ich nämlich auf keinen Fall sein!) und da einem in den einschlägigen Geschäften bei Mädchenkostümen das Rosa nur so entgegenschlug, mußte die Oma ran, die mir dann extra ein Kleid geschneidert hat. Eins, das nicht rosa war.
Auch in meinem gesamten Umfeld war keine_r auch nur im leisesten verdächtig, diese Farbe zu mögen. Pink war eine „Un-Farbe“ irgendwie. Sogar in typischen Mädchenpublikationen wie „Wendy“ war rosa und Mädchenkitsch ein absolutes No-Go.
Als 14-jähriger Teenie hab ich mich persönlich irgendwie angefreundet mit dieser Frabe. Gerade wegen der Klischees, die dran hingen, war das Potential groß, den Spieß umzudrehen.
Courtney Love war hier eine wichtige Inspiration. Sie nahm den rosa Kleidchen-Puppenstil und verwandelte ihn in einen anarchisch-verratzen Riot-Stil. So hatte ich die Verwendung der Farbe noch nie gesehen. Die ironische Verwendung einer unbeliebten Klischeefarbe! Herrlich!
Das resultierte dann darin, daß die verratzen Grungehosen mit Omas rosa Spitzeblüschen kombiniert wurden, etc. Das absolute Kleidungsstück entdeckte ich in einem Laden, der hauptsächlich so Raverklamotten á la Love Parade verkaufte. Dort sah ich meine neue Liebe, für die ich doch tatsächlich 200 DM ausgab: ein Monster von einem rosa Plüschmantel.
Ich liebte dieses Teil. Es war perfekt für einen Teenager mit Revolutionsbedürfnis und dem Hang zu schockieren. Und das hat auch wunderschön funktioniert: man konnte damit nämlich ALLEN ans Bein pinkeln, ALLE haben sich von diesem Mantel irgendwie provoziert gefühlt: die Spießer, die Punks, die Hippies, alle. Mission erfüllt!
Was mir, die ich mich bis dahin von allem, was rosa oder irgendwie „mädchenhaft“ war, weeeeit distanziert hat, irgendwie einen gewissen Frieden mit der Farbe rosa oder „Mädchenkram“ gegeben hat. Die Erkenntnis, daß sich mit diesem Kram eben auch was cooles anfangen läßt, nur mußte man es eben anders benutzen, als die Klischeewelt es von einem erwartet. Ich entdeckte gerade die „Mädchenseite“ der coolen Welt! Nicht nur über Rosa, sondern auch RiotGrrrl und, und, und. Ich entdeckte die Tatsache, daß auch Mädchen/Frauen und deren spezifischen Belange durchaus dieselbe Coolness und Wichtigkeit hatten, wenn auch in gewisser anarchischer Form, die dem Mainstream à la Spice Girls nicht entsprach. Daß man diese Farbe, die bisher nur dazu benutzt wurde, Genderrollen festzuschreiben, auch anders verwendet werden konnte!
Eine Freundin sagte damals, daß man einfach nicht erwartet, daß jemand wie ich in so einem pinken Monsterplüschmante steckt. Man erwartete eher einen Raver Emma Bunton-Style mit der Aussage „Ich bin so süß, rosa, kuschlig und harmlos“. Und anscheinend war es irritierend, daß jemand anderes da drin steckt, bestückt mit Nieten, verrupften Hosen und Grufti-Wave-Make-Up. Irritation? Yes! Genau das, was ich wollte!
Und auch, als der Mantel nicht mehr passte (lustigerweise war ich allein durch dieses Kleidungsstück schulbekannt, auch noch, als mein Abi ne ganze Weile hinter mir lag…), hab ich diesen Stil eine ganze Weile weitergeführt. Nicht mehr so auffällig, wie ein gigantischer rosa Plüschmantel. Aber das klassische Grunge-Punk-Outfit wurde immer noch regelmäßig mit „Mädchensachen“ kombiniert. Von rosa Plastikblümchen über rosa Totenköpfen und was einem sonst noch einfiel.
Was mir daran gefiel, war die Ironie. In die eher männlich konzipierte Alternativszene was aggressiv weibliches reinzuschmuggeln. Und das „Frauen/Mädchenbild“ etwas durcheinanderbringen: statt den „männlichen“ Kodex (verranzte Jeans, weite Band-T-Shirts, Flanellhemd) nachzuahmen und dabei alles, was „weiblich“ (=uncool) war möglichst weit weg zu halten, gefiel es mir, gerade diese weiblich konnotierten Dinge provozierend miteinzubeziehen. Zu Zeigen, daß hinter rosa Püppchen mehr steckt, als das, was ihm gemeinhin zustand!!
Aber all good things have endings… Irgendwann wurde ein Trend draus. Auf einmal wurden überall „süße rosa Punksachen für Mädchen“ verkauft. Ballerinas und Haarspängchen mit rosa Totenköpfen überschwemmten alles. Ramones-Taschen wurden im H&M verkauft und ein punkig-alternativer Kleidungsstil garniert mit „Niedlichem“, am besten in Rosa.
Da wollt ich dann nicht mehr mitmachen. Die ganze Ironie war verloren, man konnte nicht mehr sarkastisch-provozierend pink tragen, weil’s ja jetzt Mainstream war. Meine subversive Teenie-Taktik war jetzt fürn Arsch. Mit der Punk-Rosa-Kombination konnte man nun niemanden mehr schockieren, irritieren, oder zu Denken bewegen.
Es war eher so, wie wenn der Markt entdeckt hatte, daß sich auch immer mehr Mädels für eher alternative Szenen und deren Kleidungsstil interessierten – und da Mädchen/Frauen ja gerade im Bekleidungssektor eine große Einnahmequelle darstellen, ja, dann versorgt man sie eben auch mit „Alternativklamotten“, und zwar „mädchengerecht“ mit rosa und Schleifchen und allem Rosa-Mädchenkitsch. So nach dem Motto: jetzt, wo wir das alles „Mädchengerecht“ gestalten, „dürft“ ihr auch zu den Coolen/Alternativen/wasweißich gehören.
Und das war so gar nicht, was ich mir unter der Verwendung von Rosa vorgestellt habe. Sämtliche augenzwinkernde Ironie dieser Farbe war nun am Arsch. Der Mainstream hat meine diesbezügliche kleine Teenierevolution regelrecht versaut.
Und rosa war nun überall. Fiel gar nicht mehr auf.
Ich hab mich davon irgendwie distanziert. Ein Rosa-Hass à la Pink Stinks ist nicht daraus geworden. Klar trag ich immer noch irgendwas mit rosa, wenn’s mir grad in den Kram paßt. Ich hab mit der Farbe Frieden geschlossen und irgendwie mag ich sie noch immer sehr.
Andererseits ist das eben auch Luxus. Liegt wohl an meiner Generation – als Kind wurden wir weitaus nicht so dermaßen Hardcore mit Pink bombadiert wie die heutigen Kinder (Stichwort Barbiehaus am Alex). Meine Kinderbücher waren Trixie Belden, die rote Zora und ähnliches. Aber wie ist es, wenn man stattdessen als Kind schon mit Prinzessin Lillifee aufwächst? Einem „hübschen Mädchen“-Klischeebild, das sich nicht dreckig macht und – wenn man ehrlich ist – nicht wirklich irgendwas erlebt. Wer als Kind solche „Heldinnen“ präsentiert kriegt, hat wohl auch automatisch einen anderen Bezug zu rosa. Es ist nun keine Farbe mehr, mit der man als Mädchen irgendwie subversiv-kreativ gestalten kann. Alle Konnotationen zu „rosa“ sind nun fremdbestimmt. Es ist nun schwer diese Farbe zu benutzen, ohne irgendwann bei Lillifee und Konsorten zu landen. Anscheinend hat fast jedes kleine Mädchen irgendwann eine Rosa-Phase, was man so hört und liest. Und mir alter Kuh kommt das alles irgendwie fremd und irrsinnig vor..
Aber wer weiß. Vielleicht steht irgendwann eine neue Courtney Love auf der Bühne im Lillifeekostüm und brüllt radikalfeministische Texte ins Mikro.


2 Antworten auf “Roooosa”


  1. 1 Lady Lukara 13. April 2013 um 18:21 Uhr

    Schon krass…
    ich bin offensichtlich jünger als du, denn wenn ich so an meine Teenyjahre zurückdenke, also da hatte die „Pinkifizierung“ schon längst (wieder) eingesetzt. Daher find ich es eigentlich recht interessant, dass es da irgendwie wohl ein Zeitfenster in den Neunzigern gab, in dem man die Farbe auch irgendwie subversiv „einsetzen“ konnte.
    Und eigentlich bin ich ja auf der Pink=BähIgitt-Seite, wenn man mich so spontan fragt.
    Andererseits…. wenn Pink/Rosa oder allgemein Farben (oder, weiter gefasst, alle Dinge), die in unserem Denken ganz eng mit dem Begriff „Mädchen“ verbunden sind, (wieder) abgewertet werden (siehe „Pink Stinks“, auch wenn ich ja weiss, dass die das jetzt anders meinen), dann beschleicht mich schon so ein komisches Gefühl. Das wird ja auch oder gerade unter FeministInnen gemacht. Also gerade, was pink angeht.
    Irgendwie wäre es ja schon schön, wenn (und darum geht’s ja beim Feminismus, wenn ich mich nicht irre) Wahlfreiheit und Deutungsvielfalt auch hier gelten würden, also dass pink nicht nur als reaktionär-antifeministisch gesehen/genutzt werden kann/könnte, sondern auch irgendwie, ich weiss ja nicht, emanzipatorisch-positiv, das müsste doch gehen. So wie die Femen (ich weiss ja, ganz ganz schlechtes Beispiel) weibliche Nacktheit aus dem Pornokontext rausholen und zu was politischem benutzen (auch wenn ich das „Wie“ dieser Gruppe nicht befürworten kann, aber mir fällt spontan kein besserer Vergleich ein). Oder, dass Pink auch einfach mal neutral sein kann! Also einfach nur eine Farbe unter vielen.
    Man mag ja denken, eine Diskussion über irgendsone bescheuerte Farbe ist überflüssig (und das sollte es ja eigentlich auch sein), aber wenn man bedenkt, was f+r eine enorme Symbolwirkung sie immer noch hat, dann merkt man erst, wie sehr dieses Pink=Mädchen=igitt immer noch gilt. Da kann man das „Pink“ in der Gleichung auch weglassen, dann bleibt ja immer noch das „Mädchen=igitt“, und das geht halt mal so gar nicht!!!!!

  1. 1 Street Harassment, Kosmetiklügen und die Farbe Pink « Reality Rags Pingback am 13. April 2013 um 17:15 Uhr

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