taste of witch blood

“We got the taste of blood – witch blood – and we haven’t stopped since.” Das ist die Quintessenz der Splatter-Adaption von Hänsel und Gretel, die ich mir vor Kurzem anschaute. Diese Aussage, die Inszenierung und der Verlauf der Geschichte regte mich auf, denn für mich propagieren sie bloß eines: Hexenverfolgung! Vernichtung von Frauen, Unterdrückung weiblicher Freiheit und Stärke und Stärkung patriachaler Strukturen; und folglich auch in heutigem Kontext Verdrängung des Feminismus durch Verteufelung ihrer Errungenschaften.

Lassen wir die These mal stehen und fangen wir beim Auslöser dieser Gedanken an: In dem letzten Jahr wurden unsere Kinos von Verfilmungen der Kinder- und Hausmärchen (KHM) von den Gebrüdern Grimm nahezu überflutet. Zuerst Schneewittchen, dessen inhaltliches Ziel mit Eliminieren der bösen Stiefmutter aka Hexe zusammenfassen zu wäre. Obwohl die Stiefmutter einen Wandel zur hexenhaften, evil queen vollzog, bleiben ihr auch in den Verfilmungen der Schönheitswahn und die Machtgier als charakteristische Merkmale.
Klar und einfach ist immer noch die Trennung von Gut und Böse und dem finalen Sieg des Guten über das Böse. Dies funktioniert in den KHM ebenso eindrucksvoll wie in den heutigen Mären der Hollywood-Filme und noch besser in Blockbuster-Märchen. In den Märchen der Grimmschen Sammlung ist das Böse oft weiblich und als nationale Eigenheit eine Hexe. Erst durch ihre Vernichtung wird die bürgerliche Ordnung wieder hergestellt. Die Dualität von Gut und Böse findet sich auch im Frauenbild der Märchen, welches auf mythologische Wurzeln zurückgreifen kann. Denn hier stehen sich zwei scheinbar gegensätzliche Eigenschaften der Frauen gegenüber: Sinnlichkeit, Leidenschaft, Sexualität und Mütterlichkeit, Bescheidenheit, Folgsamkeit.
Diese Gegensätzlichkeit findet sich überraschender Weise auch in der filmischen Neubearbeitung, denn den Hexen der schwarzen stehen die der weißen Magie, u.a. Gretel, gegenüber. Im Kontrast zu den bösen Frauen sind diese — ähnlich der Eva — dem dominanten Mann, Hänsel, willig ergeben und aufopfernd. So tritt die Magie als Unterscheidungskriterium zurück und über bleiben die Boshaftigkeit, Wissen, Machtgier, Verlockung und weibliche Unabhängigkeit als Eigenschaften des Bösen. Entzieht man dieses weibliche Streben nach Macht und Unabhängigkeit seinem märchenhaften Kontext, eröffnet sich ein Parallele zur feministischen Emanzipation und auf einmal ist alles nicht mehr so fiktiv und gewinnt an Aktualität.

Heute blicken wir auf eine feministische Entwicklung zurück, die gegen diese Diskriminierungen und Rollenbilder ankämpfte und in westlichen Kulturen meiner Meinung nach (nahezu) eine Gleichstellung der beiden Geschlechter erreichte. Etwas vermessen würde ich behaupten die westliche Gesellschaft ist am Höhepunkt dieser Emanzipation angelangt. Die heutigen Tendenzen wirken für mich eher rückläufig: Die feministischen Forderungen werden zunehmend abstrakter, in Diskussionen ins Lächerliche gezogen, wie zum Beispiel das generische Femininum, oder als Fehlentwicklung abgetan, wie Karrieremütter, Vorgesetzten oder Quotenfrauen. Über Medien vermittelte Rollenbilder, z.B. in Topmodel-Serien, und die Modezwänge werden immer konservativer und frauenfeindlicher. Gestern war ich zum Beispiel auf einer Party und war erschrocken, als frisch-operierte Barbies in masochistisch-hohen Schuhen und Porno-Kleidchen vorbei wackelten (und nicht falsch verstehen ich trage selbst hin und wieder gern sexy Kleider und Stilettos). Außerdem diskutiert man mehr eine Re-Emanzipation der verlorenen Männlichkeit — weg vom Metrosexuellen zum Nerd, Moustache und karierten Hemden.
So komme ich nun auch auf meine Grundthese zurück und stelle fest, dass die Wiederaufnahme des Hassbildes der Hexe die emanzipierten Frauen mit all ihrer Intelligenz, Macht, Freiheit und ihrem Selbstbewusstsein angreifen. So wurde aktuell vor einer Woche die verstorbene Margaret Thatcher als wicked witch aus Zauberer von Oz in einem Youtube-Video dargestellt. Diese Filme wiederholen, was der Religion und Gesellschaft bisher nicht vollständig gelang, die Diskriminierung dieser Frauen und Protektion des konservativen Frauenbildes.
Natürlich kann man einwerfen, dass diese Blockbuster in erster Linie — und wahrscheinlich auch einziger — Geld bringen sollen, und das tun sie auch. Doch ob absichtlich gewollt oder nicht, bergen sie eine Gefahr: Denn wie bereits bei den KHM und deren Adaptionen werden unterbewusst alte Klischees bestätigt und Hassbilder des kulturellen Gedächtnisses durch leicht-verständliche, bekannte Formen und Inhalte wieder aufgebaut.

Abgesehen von einzelnen positiven Veränderung des heutigen Hexenbild, muss ich doch zusammenfassend ein negatives Bild zeichnen:
Die Hexendarstellung in den populären Filmen und Serien der letzten Jahre sind von einem Kampf um Gut gegen Böse, Konvention gegen Emanzipation geprägt. Mit einem klaren Sieg der patriarchalen Konvention! Klischées werden aktualisiert und den bluttriefenden Wurzeln entfremdet, doch letztlich bleibt das Hassbild der Hexe bestehen und wirkt weiterhin auf unsere Gesellschaft ein.
(Näheres findest du unter patmin.blog.com)


5 Antworten auf “taste of witch blood”


  1. 1 Honey Badger 20. April 2013 um 11:03 Uhr

    Ähnliches Thema: Die „evil demon seductess“ in der Popkultur

    https://www.youtube.com/watch?v=_VeCjm1UO4M

  2. 2 patmin 20. April 2013 um 15:08 Uhr

    Vielen Dank für die Verlinkungen und vor allem den Link zu dem genialen Video. Obwohl die Hexen in die Trope der dämonischen Verführerin hinein fallen können, gibt es zwischen diesen und den Vamps, Sirenen und insektenartigen, übernatürlichen Gegnerinnen: Die Hexen sind nicht nur Geschöpfe der Fantasie und Fiktion, sondern ein historisches Phänomen. Auch heute noch (!) werden Frauen der Hexerei beschuldigt und umgebracht, während zum Beispiel Vampirismus (abgesehen von den esoterischen Energievampiren) wohl immer ein Mythos bleibt.

  3. 3 Eule 25. April 2013 um 14:54 Uhr

    Mir ging’s genauso, als ich den Film sah. Ich liebe Action-Filme – je mehr Explosionen desto besser. Aber Identifikationsfiguren? Fehlanzeige. Bei Hänsel und Gretel durfte zwar zur Abwechslung auch eine Frau (Gretel) Actionheldin spielen, das wurde für mich aber durch die unterwürfige und auch sexuell sich (an Hänsel) andienende „gute“ Hexe wieder zunichte gemacht.
    Interessant fand ich auch Deinen Gedankengang, das Märchen wie eine Folie abzuziehen – übrig bleibt, dass unterwürfige Frauen bei den Guten akzeptiert werden, machtstrebende Frauen bei den „Bösen“ einsortiert werden.

  1. 1 Hexen, BHs und Spirale « Reality Rags Pingback am 16. April 2013 um 16:53 Uhr
  2. 2 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Schminkkatastrophen und ein DOVE-Werbespot – die Blogschau Pingback am 20. April 2013 um 11:50 Uhr

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