Wie wollen wir die nächsten Generationen haben?

Inzwischen hat nun wirklich jede_r von dem „Barbie Dreamhouse“ in Berlin mitgekriegt. Und von dem Protest dagegen. Und natürlich von den erwartungsgemäß auftretenden Nörglern, die den Prostest überzogen finden.
Aber wieso eigentlich? Es kommt daher als ein Protest der Erwachsenen, die sich über Grundsatzfragen wie Lookismus, Geschlechterrollen und kapitalistisches Marketing streiten.

Barbie's Naked Face
in Berlin wird Barbie so wohl nicht auftreten

Dabei wird immer mehr übersehen, daß das „Barbie Dreamhouse“ ja eigentlich auf die Kinder, insbesondere die weiblichen*, abzielt. Wegen denen steht das Ding da.
Es geht dabei also nicht um eine theoretische Grundsatzdebatte, sondern um die ganz deutliche und praktisch orientierte Frage: ist diese rosa Monstrosität mit allem, was sie repräsentiert, wirklich das, was man seinem Kind mitgeben will?

Silke Burmester bringt es auf den Punkt:

Sie haben das Haus gar nicht für Erwachsene errichtet, sondern für Mädchen. Die sollen dort träumen lernen von einem Leben zwischen Kosmetik, Ken und Cupcake-Küche. Gerade so, wie Barbie es lebt. Um in Barbie, ähnlich wie in Heidi Klum, ein Vorbild zu finden, das die jungen Dinger in ein Leben einführt, in dem sich alles einzig und allein um die Frage dreht: „Sehe ich gut aus?“ und in der der Körper zur Währung wird.

Und mal ehrlich: wollen wir wirklich, daß sich die nachfolgenden Generationen in so einer Welt wiederfinden? Ist es das, was wir ihnen zu bieten haben? Das haben sie nun wahrlich nicht verdient!

Wenn die NPD immer mehr BDM-artige Ferienlager organisiert, wird auch protestiert. Zu Recht. Weil man es nicht gut findet, wenn Kinder mit Werten indoktriniert werden, die man – gelinde gesagt – zutiefst mißbilligt. Weil man keine folgende Generation will, die sich in eine derart verkehrte Richtung entwickelt.
Und da trifft man mit seinem Protest auch auf breites Verständnis.

Aber wenn gegen das „Barbie Dreamhouse“ protestiert wird, gilt das als übertrieben. Die übliche Beschwichtigung „ist doch nur nicht ernstzunehmender Spaß“ taucht unvermeidbar auf. Und der immer noch allerorts tief verankerte Sexismus tut sein übriges (denn „ist doch auch wirklich so, daß alle Frauen/Mädchen von einem begehbaren Kleiderschrank und einer unendlichen Schuhsammlung träumen“ usw.,… Danke Mario Barth…).

Aber trotzdem (oder gerade deswegen!) sollte sich jede_r ehrlich fragen: wollen wir unsere Kinder, unsere zukünftige Generation wirklich so haben?

Das ist nicht nur so ne „linke Feminismus-Frage“: auch die Herren und Damen Maskulist_innen sollten sich doch eigetnlich fragen: will ich wirklich, daß die Träume meiner Töchter sich darauf beschränken, einen Barbie-Kleiderständer-Körper zu bekommen, Cupcakes zu backen und hunderte Schuhe zu horten?
Wäre es nicht irgendwie wertvoller für den Nachwuchs, wenn man ihm stattdessen beibringt, oberflächlichen Äußerlichkeiten im Leben nicht so viel Wert beizumessen (was ja nun wirklich konträr zur „Barbie-Dreamhouse“-Welt verläuft). Sollte man seine Kindern nicht eben gerade vermitteln, daß diese ganze Fashion/Beauty/Auftakel-Nummer nichts ist, worüber sie sich identifizieren müssen? Wer will denn eigentlich schon, daß sich sein Kind zu einem schuhbesessenen, hohlen Fashion Victim entwickelt, dessen ultimativer Lebenstraum ist, sich von Heidi Klum in Fernsehen schikanieren zu lassen?

Es sollte doch egentlich für jede_n selbstverständlich sein, warum so viele Menschen gegen dieses „Barbie Dreamhouse“ Strum laufen- hier werden unseren Kindern Werte vermittelt, die einfach nicht okay gehen. Denen Kinder nicht ausgesetzt sein sollten. Auf den ganzen Rattenschwanz hinweisen, der an dem vermeintlich harmlosen Barbie-Spaß dranhängt.
Silke Burmester richtet klare Worte an Christoph Rahofer, den Erbauer der pinken Monstrosität:

Das „Barbie Dreamhouse“ vermittle ein unrealistisches und verkitschtes Rollenbild sagen seine Kritiker, die ihr Kommen zur Eröffnung am 16. Mai in Berlin angekündigt haben. Spaßbremsen und Spielverderber, ganz klar. Aber ich frage Sie, Herr Rahofer, wie viele Männer, die eben nicht ein richtiger Mann sind wie Sie, ließen sich nicht doch von solchen Worten einschüchtern? Sie aber, Herr Rahofer, lassen sich von Ihrem Barbie-Traum nicht abbringen. Sie bauen Ihr Haus! Und zwar so, dass Sie es auch noch in anderen Städten aufstellen können. Sie, Vater von zwei Töchtern, halten die Kritik für „total unnötig“.

Dass sich in Deutschland laut einer Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO (2012) jedes zweite 15-jährige Mädchen zu dick fühlt, 16 Prozent aller Elfjährigen bereits eine Diät hinter sich haben und jede Vierte im Alter von 11 bis 17 Jahren das Geschenk einer Schönheits-OP annähme (Dr.-Sommer-Studie, 2009) und bereits Achtjährige wegen Magersucht in eine Klinik müssen, das liegt ja nicht in der Verantwortung einer Plastikpuppe oder in der von Heidi Klum.


9 Antworten auf “Wie wollen wir die nächsten Generationen haben?”


  1. 1 whocar 14. Mai 2013 um 13:03 Uhr

    „Das ist nicht nur so ne „linke Feminismus-Frage“: auch die Herren und Damen Maskulist_innen sollten sich doch eigetnlich fragen: will ich wirklich, daß die Träume meiner Töchter sich darauf beschränken, einen Barbie-Kleiderständer-Körper zu bekommen, Cupcakes zu backen und hunderte Schuhe zu horten?“

    Äh, der Muskulismus ist die Gegenbewegung zum Feminismus. Natürlich wollen die das.

  2. 2 Maria 18. Mai 2013 um 13:39 Uhr

    In Berlin gibt es nicht nur das Barbie Dreamhouse. Es gibt auch Häuser voller Barbies. Die bezeichnet mann dann als Laufhaus. So haben alle ihren Spaß. Kleine Mädchen und große Jungs. Auch Feminist_in/n/en haben ein bisschen Spaß, wenn sie darüber schreiben. Am Ende sind hoffentlich alle glücklich.

  3. 3 Jun 23. Mai 2013 um 21:28 Uhr

    Fand aber eine Antwort einer Demonstrantin auf die Frage, ob Barbie verboten werden sollte, cool. Nämlich:“Nein, Barbie sollte endlich mal gefüttert werden!“

    Aber ok, es hängt mehr an der Barbiethematik als das Dünnsein, das stimmt.

  4. 4 stadtmädchen 26. Mai 2013 um 19:09 Uhr

    Aber wer zwingt euch denn, Barbie zu mögen? Aber lässt doch auch die Mädchen in Ruhe, die vielleicht gerne einem Plastikpuppenideal nachlaufen, die Pink lieben und sich gerne total kitschig, nach dem klassischen Rollenbild weiblich fühlen. Wozu bin ich den ein Mädchen wenn ich mich wie ein Junge verhalten soll? Ich möchte vielleicht Jungs dafür bewundern können, dass sie so unglaublich stark sind(okay vielleicht manchmal auch nur zu tun als ob). Außerdem liebe ich es mich morgens zu Schminken sowie stundenlang shoppen zu gehen. Zudem meine ich, das Frauen heutzutage oft schon viel zu sehr wie Männer behandelt werden. Was auch viel akzeptierter in der Gesellschaft ist, als Männer,
    welche sich in gewisser Weise weiblich verhalten (oder wie oft siehst du Männer in Röcken?). Wahrscheinlich wirst du das alles jetzt nur darauf beziehen, dass ich ja dem Druck der Gesellschaft erliege. Aber wäre dein „Ideal“ nicht auch ein „Ideal“ dem man erliegen könnte? Wo ist da das mehr an Freiheit/Selbstbestimmung ?
    BTW Respekt an alle die meinen kompletten Kommentar gelesen haben ;)

  5. 5 @ stadtmädchen 27. Mai 2013 um 13:00 Uhr

    wie schön das du dir gefällst. noch besser, das du die ökonomischen mittel hast, deine interessen zu verwirklichen (schminken, stundenlang shoppen) wobei ich wetten würde, das sie so unbegrenzt nicht sind. Das sind sie systematisch bei sehr vielen menschen auf jeden fall, denen ist es sehr absolut verwehrt „barbie“ zu werden!
    Warum frauen sich zunehmend „männlich“ verhalten, und männer weniger „weiblich“ (im folgendem spare ich mir die “ hier, ist klar wie’s gemeint ist) hat nichts mit deren geschlechtsteilen, sondern alles mit der staatlich organisierten, gewaltvoll durchgesetzten eigentumsordnung zu tun. Wer im Kapitalismus erfolg haben will braucht „ellbogen“, also durchsetzungsvermögen, muss schon mal härter arbeiten und braucht in manchen positionen führungsqualität. Mit wimpernschlagen und emotionalem gesäusel läßt sich nur in wenigen sparten geld verdienen. Der hauptgrund ist jedoch, das es im Kapitalismus auf das funktionieren für seinen arbeitsplatz ankommt, und für eben diese tätigkeit ist es sehr egal wie man aussieht oder mit wem man gerne ins bett geht, darum kommt es ja auch zu immer mehr vermischungen in den „geschlechtsspezifischen“ Arbeitsfeldern. Dadurch ist aber wirklich ein scheißdreck gewonnen: das sich alle jetzt in allen Feldern der Konkurrenz betätigen dürfen ist die denkbar schlechteste alternative dazu, die konkurrenz abzuschaffen.
    Also: Männer s i n d nicht einfach stärker, das hängt immer davon ab was sie (und das gleiche gilt für schwache wie starke frauen) den ganzen tag lang machen. Logischerweise ist der chef von mercedes benz nicht so stark wie die hafenarbeiterin. Training macht sich bezahlt, aber was das mit geschlecht zu tun haben soll bleibt mir verborgen.
    [bis hierher beziehe ich mich übrigens nicht auf den „druck“ der gesellschaft, sondern auf die real existierenden gewaltverhältnisse]

    Zusammengefasst lässt sich meine kritik am „barbietum“ zum einen darauf beschränken, das in dieser gesellschaft menschen systematisch davon ausgeschlossen sind ein solches Ideal zu verwirklichen, also eigentlich ein argument gegen diesen laden hier, auf der anderen sind ideale nur die kompensation für die materiellen schäden die hier erzeugt werden und dazu ist es schlichtweg nicht bessonders geistreich den ganzen tag mit schminken und shoppen zu verbringen. Das finde ich dann wenig attraktiv, aber gibt ja genug leute die‘ s geil finden mit solchen austauschbaren hüllen durch die fussgängerzone zu steppen.
    Nebenbei: man kann auch gut aussehen & was im kopf haben, aber davon ist barbie nunmal so ziemlich sehr weit entfernt…
    Ansonsten habe ich den artikel nicht mal gelesen und einfach drauflosgeschrieben, hoffe es ergibt sinn
    BTW dein respekt bringt niemandem was :)

  6. 6 SaSo 31. Mai 2013 um 19:01 Uhr

    Also mal abgesehen davon wie bescheuert dieses Haus ist…ist es auch doof die Barbiedebatte auf ihr Äußeres, Shoppen und Backen etc. zu beschränken. Ich bin zwar schon länger aus dem Barbiealter raus, weiss aber noch, dass Barbie für mich nicht nur kämmen, Schönheit, etc. war. Barbie war für mich (und ich war ein echtes Barbiekind, dass kann auch eine kritische, linke Feministin als toll erlebt haben) eine Frau die sich ein Wohnmobil kauft, dass ihr gefällt, ein Haus einrichtet, dass ihres ist. Eine Frau die mal Lehrerin war, mal Sektrtärin, mal Astronautin und sogar mal ihr eigenes Großraumbüro geleitet hat. Klar haben alle diese Dinge was mit Kapitalismus zu tun, aber welche 6jährige hat schon Marx gelesen? Barbie hatte für mich auf jeden Fall einiges im Kopf und hat gemacht worauf sie Bock hatte. Ich glaube es darf nicht unterschätzt werden welche Phantasie Kinder aufbringen können, was sie noch an Plus in ihre Barbie projezieren. Klar habe ich mit meiner Barbie auch Mutter-Vater-Kind gespielt und auch an Schönheitswettbewerben hat die viel zu dünne Frau teilgenommen, aber das habe ich auch ohne Barbie mit Freund*innen auf dem Spielplatz gespielt. Wichtig ist wie Barbie besetzt wird, mit was Barbie verbunden wird und das sie eben nicht auf cupcakes reduziert wird. Das soll keineswegs den Schönheitsdiskurs an den Rand drängen, nur noch mal zeigen wie man* Kindern die auf Barbie stehen eben auch mehr vermitteln kann…..und…frau* kann durchaus auf shoppen, backen und schminken stehen undtrotzdem was im kopf haben, ob man* die Idee von regelmäßigem, übermäßigen Shoppen und Schmincken teilt ist dann eine andere Frage.

  7. 7 Dummerjan 03. Juni 2013 um 15:55 Uhr

    Mein Sohn liebt es.

  8. 8 Zitterkatze 08. Juli 2013 um 20:24 Uhr

    slightly off-topic: Ich find das „Barbie ohne Make-up“-Bild doof! Hätte man der Puppe nur die Augenschminke, den Lippenstift und die Grundierung weggenommen, wäre es wohl nicht mehr schön plakativ geworden, oder was? Nein, man musste ja auch noch den Haaransatz dunkler machen, die Haare unten struwweliger, ein paar Falten im Gesicht ergänzen, die Zähne gelb färben, eine Zahnspange ergänzen… Was lernt der aufmerksame Beobachter daraus? Ohne Make-up sieht Barbie noch immer fast genauso super aus, wie mit Make-up? Erst wenn man sie massiv entstellt, wird sieht weniger attraktiv? Soll das etwa die Botschaft sein? Hoffentlich nicht…

  1. 1 Fragewürdige Ermittlungen gegen Teresa Z., Geschlechtsselektion & Menstruationstabu « Reality Rags Pingback am 13. Mai 2013 um 12:45 Uhr

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