Rezension und Diskussionbeitrag zu: Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter (2013): Queer und (Anti-)Kapitalismus

queer und (anti-)kapitalismus
Quelle: Ankündigungsseite des Verlags

Seit relativ kurzer Zeit findet im Rahmen einer grundsätzlichen kritischen Reflexion von ‚queer‘ neben der Auseinandersetzung mit bspw. critical whiteness, fat pride oder Femme-Kritiken an der genderqueer-Norm innerhalb der Bewegung auch die Rückbindung der Diskussionen und Politiken an kapitalismuskritische und Kapitalismus verneinende Positionen statt. Es gab dazu bisher kaum explizite und die komplette Diskussion umfassende Literatur – bis jetzt: Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter legen „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ vor, das vor wenigen Tagen im Rahmen der theorie.org-Reihe erschienen ist.

Einige Bemerkungen zum Inhalt und Aufbau des Buches
Mit ihrer Veröffentlichung möchten die beiden Autor_innen ergründen, …

… wie Geschlecht und Sexualität – stets verwoben mit Rassismus – im Kapitalismus bedeutsam sind, sogar dort erst aufkommen oder funktional werden. Theoretisch, historisch und immer mit Blick auf Praxis untersuchen wir die Veränderungen der Geschlechter- und sexuellen Verhältnisse der Menschen unter zeitlich konkreten kapitalistischen Bedingungen.
(Ankündigungsseite des Verlags)

Dazu finden sich im Buch zwei Teile, der erste verfasst von Wolter, der zweite von Voß, die sich dem Thema analytisch, also insbesondere über theoretische Positionen und die Einordnung historischer Ereignisse nähern, sowie ein dritter Teil, in dem Voß ein Fazit formuliert. Voß wie Wolter gehen davon aus, dass die Abwertung all jener Existenzen, die nicht weiß, männlich, heterosexuell und christlich waren (und sind!), gleichursprünglich mit dem Entstehen der kapitalistischen Verhältnisse ist und die Ausbreitung jener Diskriminierungsmechanismen parallel zur Entwicklung des Kapitalismus hin zum globalen Gesellschaftssystem geschieht. Sie beschreiben insbesondere die Entwicklung der ‚Homosexualität‘ als medizinisches Phänomen und den daraus folgenden (queer)politischen Entwicklungen. Während Wolter stärker auf (kapitalismus-)theoretische Positionen abstellt, liegt der Fokus von Voß auf den Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse und des Sexualitätsdiskurses. Nichtsdestotrotz doppeln sich einige Ausführungen und es wird am Ende der Lektüre nicht vollkommen klar, warum diese zwei Teile so nebeneinander stehen, statt sich stärker aufeinander zu beziehen und die Erkenntnisse des anderen Teils für den eigenen zu nutzen. Warum beispielsweise findet sich in beiden Teilen die Überschrift „Erfindung der Homosexualität“, ohne dieses Vorgehen zu erläutern oder die Überschriften mit einer Nummerierung (I,II) auch sichtlich, nicht nur inhaltlich voneinander abzugrenzen? Sicher, es handelt sich dabei um je unterschiedliche Standpunkte, von denen aus diese Diskursentwicklung betrachtet wird; nichtsdestotrotz bestärken die Doppelung ebenso wie die Ausführungen zum Kapitalismus(begriff) das Gefühl, die beiden Teile stehen eher neben- denn miteinander in diesem Buch – das ändert nichts an der grundsätzlichen Tatsache, dass beide Ausführungen wichtige Beiträge zur aufkeimenden und sich immer weiter entwickelnden Diskussion sind.

Diskussionsangebot
Beide Autor_innen nehmen insbesondere jene Gruppe kritisch in den Blick, die von den queeren Kämpfen der letzten Jahrzehnte besonders profitiert hat: Weiße, schwule Männer der Mittelklasse. Das ist Gewinn wie Manko des Buches zugleich, und der Anlass für die Rezension, aus einer queerfeministischen Perspektive die Ausführungen im Sinne einer Bereitstellung von entsprechend provokant formulierten Thesen einmal ‚von den Füßen auf den Kopf zu stellen‘ und zur stärkeren Diskussion auch der Verschränkung von Feminismus und queer anzuregen, die aus Sicht der feministischen Theorie durchaus als eine sinnlogisch aufeinander folgende Diskurslinie gelesen werden kann – und sollte.
Es wirkt in dem Bändchen, als hätten Voß wie Wolter beizeiten vergessen, dass es gerade die FrauenLesbenBewegungen des letzten Jahrhunderts war(en), die erst den Raum erkämpft haben, in dem eine, ihre, kritische Perspektive auf Rassismus innerhalb der Bewegung, Heterosexualität, Männlichkeit(en) und – letztendlich – Zweigeschlechtlichkeit eingenommen werden kann. Im deutschsprachigen Raum war nicht, wie vielfach angenommen, die Theorie von Judith Butler Auslöserin für die Diskussion um Zweigeschlechtlichkeit und (Zwangs)Heterosexualität. Die queer politics in Deutschland lassen sich natürlich, wie es im Buch geschieht, an die politischen Entwicklungen in den USA zurückbinden. Gleichzeitig, und das wird hier in keiner Wiese rezipiert und zeitigt dadurch stellenweise eine lückenhafte Darstellung, die die Perspektive der FrauenLesbenforschung unterschlägt, entwickelt sich in Deutschland zu Beginn der 1970er Jahre und im Zuge der Zweiten Frauenbewegung die Lesbenforschung außerhalb der Hochschulen, in den 1980er Jahren erhält die Auseinandersetzung mit und Thematisierung von Zwangsheterosexualität bzw. Heterozentrismus in der Lesbenforschung einen höheren Stellenwert: Der Zusammenhang von „Heterosexualität als Herrschaftsform, als persönliche Eigenschaft und als sexuelle Praxis“ (Hacker 1987: 35, zitiert nach Hark 2004) und der Zusammenhang zwischen Begehren (desire) und Geschlechtsverständnis (der kulturellen Zweigeschlechtlichkeit) wird herausgestellt. Das alles geschieht vor queer und – überspitzt gesagt – jenseits schwuler Politiken. All das wird im Buch nicht dargestellt. Statt Hark, wichtigste Forscherin dieser Disziplin und paradigmatisch für die Entwicklungen der queer studies im deutschsprachigen Raum, wird ausschließlich Woltersdorff zitiert, auch die oben genannte Hacker oder weitere kritische Lesbenforscherinnen jener Zeit tauchen nicht auf. Sicher: Es sollen vor allem intersektionale Verschränkungen in den Blick geraten, die bis dato unberücksichtigt geblieben sind. Die Theorie-Entwicklung der Vergangenheit aber kaum auf die Entwicklungen der Frauen- und Geschlechterforschung zu beziehen, ist beizeiten irritierend.

Fazit
Formulierungen wie

Auch hier [in der FrauenLesbenBewegung] zeichnete sich insbesondere seit den 1980er Jahren eine Abkehr von radikalen Forderungen an Staat, seinen Institutionen und Kategorien ab und setzten sich Positionen durch, die eine Integration der Forderungen der Frauen/Lesben in die hegemoniale staatliche Politik favorisierten. (S. 138)

dokumentieren, dass die Diversität innerhalb dieser Bewegung zugunsten der Darstellung der Disversität in anderen Feldern unterschlagen wird. Und insbesondere die Analyse, die Bewegung habe sich von der Kritik an der gesellschaftlichen Kategorien abgewendet, stimmt so einfach nicht: Stattdessen hatte der paradigmatische Wandel hin zur Betrachtung von Geschlecht als sozial hergestellte Analysekategorie und die dadurch motivierte systematische Kritik an den Folgen geschlechtlich zugeschriebener Eigenschaften gerade erst begonnen. Die kämpfenden und denkenden Frauen waren nicht nur gut situierte Menschen der Mittelklasse, sondern haben explizit aus einer marginalisierten, ökonomisch abhängigen und rechtlich an den (Ehe)Mann gebundenen Position heraus für FrauenRechte gekämpft. Und auch wenn der §179 vor allem auf Schwule angewendet wurde: Betroffen waren die Lesben davon letztlich auch. Lesben werden seit jeher unsichtbar gemacht und ihre Sexualität verharmlost. Das heißt jedoch nicht, dass die Diskriminierung gegen sie nicht vorhanden war: Sie nahm andere Formen an. Und ebenso wenig, wie es den Schwulen oder dien queeren Menschen gibt, gibt es die Frau oder die Lesbe.

Zum Abschluss des Buches formuliert Voß einen der aus meiner Sicht wesentlichsten Aspekte der queeren Politiken – die Brisanz der unterschiedlichen sozialen Herkünfte innerhalb der Bewegung:

Während sich Menschen aus ökonomisch abgesicherten Verhältnissen, wenn die Auseinandersetzungen erfolglos sind, oft und weitgehend gefahrlos in bürgerliche Sicherheit zurückziehen können, gilt das nicht für viele Menschen der Arbeiterklasse, Trans* und Queers of Color. Sie haben keine solche Rückzugsmöglichkeit und die Kämpfe sind für sie oft aufgrund einer existentiell unerträglichen Situation Notwenigkeit. (S. 143)

Das stimmt in vielerlei Hinsicht sehr und das Buch ist insbesondere dazu geeignet, eben jene klassizistischen Praktiken der Linken im Allgemeinen und er queer-Bewegung im Speziellen sicht- und streitbar zu machen, die unter anderem dazu führen, dass die wichtigen, gewaltvollen Kämpfe von marginalisierten Personen innerhalb der Bewegung oft verschwiegen und deren Erfolge sich selbst auf die Fahnen geschrieben werden.

Insgesamt liegt hier ein Buch vor, das dem Anstoß der Reflexion dient – und ja ganz offensichtlich bereits im Rahmen dieser Rezension erste kritische Thesen provoziert. Das kann nur ein h´gutes Zeichen für den Anstoß zu einer umfassenden Reflexion und Standortbestimmung der queer politics im deutschsprachigen Raum dienen! Und jenseits aller wiederum positionsbedingter Kritiken schaffen es die Autor_innen in jedem Falle, die für sie erkenntnisleitende Frage zu beantworten:

Wem nützen die geschlechtlichen und sexuellen Zurichtungen der Menschen im Kapitalismus, und was lässt sich aus den historischen und aktuellen Kämpfen für queere Kapitalismuskritik lernen?
(Ankündigungsseite des Verlags)

Weißen, männlichen Schwulen der Mittelklasse. Das zu ändern mit entsprechenden auch theoretischen Reflexionen, dazu trägt diese Auseinandersetzung mit dem Thema als eine der ersten in jedem Falle bei.


3 Antworten auf “Rezension und Diskussionbeitrag zu: Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter (2013): Queer und (Anti-)Kapitalismus”


  1. 1 Heinz-Jürgen Voß 01. September 2013 um 18:29 Uhr

    Vielen Dank für die Besprechung! Ich bin allerdings von ihr etwas überrascht, da die zentralen Akteur_innen des Bandes (der nicht im Rahmen der theorie.org-Reihe erschienen ist) überhaupt nicht vorkommen. Es sind gerade die Kämpfe und Arbeiten von Frauen of Color, Trans* und Queers of Color und der Schwarzen deutschen Frauenbewegung zentral. Und es wird herausgearbeitet, wie sie von weißen Männern und von weißen Frauen (!) unter anderem in der akademischen Literatur systematisch unsichtbar gemacht wurden und werden. Gayatri Chakravorty Spivak, Angela Davis und Kimberlé Crenshaw haben stets Rassismus, Geschlechter- und Klassenunterdrückung im Kontext betrachtet – ebenso gilt es für die Arbeiten im deutschsprachigen Raum, u.a. aus dem Umfeld von FeMigra. Hier knüpfen wir für unsere Darstellungen an – nicht an Sabine Hark. Und wir versuchen mehr Dimensionen in den Blick zu nehmen, als sie derzeit unter den Stichworten ‚Care work‘ und ‚sexuell Arbeiten‘ verhandelt werden: Es gilt grundlegend die aktuellen Herrschaftsverhältnisse zu verstehen und Wege in eine gerechte und damit zwingend nicht-kapitalistische Gesellschaft zu erarbeiten.

  2. 2 utrumque 02. September 2013 um 11:41 Uhr

    Lieber Heinzi,

    Danke für die schnelle und irritierte Rückmeldung! :)

    Das Folgende ist nicht als ablehnende Erwiderung auf Deine Kritik zu verstehen, sondern der Versuch, die Stoßrichtung der Rezension zu erklären: Ich habe versucht, einen Aspekt rauszugreifen, der mit aufgefallen ist; ich sehe, dass möglicherweise Hark an bestimmten Stellen nicht zwingend zitiert werden müsste, als eine Art „Diskursbereiterin im deutschsprachigen Raum (s.o.) kommt sie abr eben gar nicht vor, das hat mich irritiert. Insgesamt, das ist eben dieser eine Aspekt, der mir ins Auge sprang, sind jene weißen Frauen, die Du jetzt im Kommentar benennst, unterrepräsentiert im Buch. Aus meiner Perspektive ist aber eben jene Auseinandersetuung mit der Diskurslinie keinesfalls zu vernachlässigen, weil sie, gehen wir nur ein kleines bisschen zeitlich zurück, auch die Auseinandersetzungen um den black feminism im deutschsprachigen Raum reinholen würde. Wo sind Audre Lorde, Teresa de Laurentis, bell hooks? Das ist eben auch eine Linie des black feminism, der bspw. von Benhabib aufgegriffen wurde, in postmodernen wie postkolonialen Theorien eine Repräsentation findet und in eben jener Tradition steht, die ich oben genannt habe. Was mir fehlt, ist eine Begründung für die Theorieentscheidungen, also euren Standpunkt (auf einer bestimmten Ebene ist die Verortung der eigenen Person eben doch notwendig, nicht nur ‚identitär‘, sondern auch theoretisch) und soll keine grundsätzliche Ablehnung eurer Herangehensweise sein. Der Kommentar ist hiermit auch zu verstehen als eine sinnvolle wie notwendige Ergänzung zum obigen Text, den ich an eben jenen Stellen stärker auf die von Dir genannten Perspektiven zuschneiden hätte müssen.

    Liebe Grüße!

  1. 1 Erste Rezensionen von „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ – fortlaufend aktualisierte Rezensionsübersicht | Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht. Pingback am 02. September 2013 um 8:55 Uhr

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