Care-Work in der Femina Politica

Rezension von:
FEMINA POLITICA
Heft 1/2013 (ISSN: 1433-6359)
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Die „Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft“ ist seit mehr als zwei Jahrzehnten eine verlässliche Größe in Bezug auf aktuelle Debatten. Kapitalismuskritik und Postkoloniale Theorie spielen von Anfang an zentrale Rollen. Mit dem aktuellen Heft – 1/2013 – liegt eine weitere Ausgabe mit ökonomischem Schwerpunkt vor. Daneben finden in den Rubriken „Forum“ und „Tagespolitik“ Beiträge zu aktuellen Debatten und politischem Aktivismus Platz. In dieser Ausgabe werden so unter anderem die „deutsche Beschneidungsdebatte“, das Streiten der österreichischen Flüchtlinge und die Position der Minenarbeiterinnen bei den Streiks in Südafrika diskutiert. Aktuelle „Kurznachrichten“ mit Konferenzeinladungen sowie „Rezensionen“ runden den Band ab.

Care-Work in den Blick nehmen
Der aus acht Beiträgen bestehende Schwerpunktteil „Für das Politische in der Politischen Ökonomie“ lässt sich als Bestandsaufnahme feministischer Kritiken an Leerstellen marx’scher Theorie lesen. Diese Kritiken, die insbesondere seit den 1970er Jahren laut wurden, basierten auf einer radikalen Kritik an den bestehenden kapitalistischen Verhältnissen. Auf dieser – oft explizit marxistischen – Grundlage wurde die Ignoranz von Karl Marx gegenüber Reproduktionsarbeit und ihrer geschlechtlich ungleichen Verteilung problematisiert. Gabriele Michalitsch fasst die Debatten in ihrem Beitrag „Das Geheimnis der Gouvernementalität: Der maskulinistische Ökonomie-Begriff und die verdrängte Reproduktion“ knapp zusammen. Sie schreibt: „Die geschlechtliche Arbeitsteilung stellt einen wesentlichen Anker der herrschenden binär-hierarchischen Geschlechterordnung dar. In der Moderne als ‚natürliche weibliche Bestimmung‘ und ‚Liebesdienst‘ definiert, wird Reproduktionsarbeit dem bürgerlichen Ideal folgend Frauen zugewiesen, während Erwerbsarbeit, als zivilisierte Form des Kampfes gedeutet, zur männlichen Pflicht bestimmt wird. Um gesellschaftliche Anerkennung unbezahlter, ‚privater‘ Güter- und Leistungsproduktion als Arbeit wird seit dem 19. Jahrhundert gerungen.“ (S. 20) Anschließend fokussiert Michalitsch den Ökonomie-Begriff Adam Smiths, der in Abkehr von dem zeitgenössischen Verständnis häusliche Ökonomie und häusliches Wirtschaften nicht mehr als ‚Ökonomie‘ betrachtet habe, sondern ‚Ökonomie‘ ausschließlich auf öffentliche Bereiche – ‚Marktwirtschaft‘ – und etwaige gesetzgeberische Regelungen einschränkte. Mit dieser „Redefinition von Ökonomie“ seien „Männlichkeit und Weiblichkeit neu bestimmt“ worden (S. 23). Dabei sei es insbesondere um eine Neubestimmung von Männlichkeit gegangen, die nun auch den Handel einschloss: „Verbindungen von Kommerz und Sanftheit wurden positiv gewendet, maskuline Ideale von Stärke, Mut und Kampf in das Gebäude der kommerziellen Welt integriert. […D]er Handel [avancierte] zum Motor der Zivilisation und der Verfeinerung von Sitten, zum Friedensbringer. Diese Deutung des Handels als Triebkraft von Zivilisation und Mittel der Pazifizierung menschlicher ‚Natur‘ bildete ein wesentliches ideologisches Fundament der Durchsetzung von Kapitalismus“ (S. 24). Michalitschs These ist interessant und gilt es weiter zu verfolgen, gibt es doch aus der Friedens- und Konfliktforschung die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinende Auffassung, die die militärische Orientierung von Jungen und Männern auf denselben Zeitraum legt. Mut, Wut und Kampf waren letzterer Auffassung nach nicht etwas, was bereits als ‚männlich‘ galt, sondern auch die ‚aggressive Männlichkeit‘ habe sich erst in der Moderne etabliert. Gleichwohl wird Michalitschs These etwa durch Christoph Kucklicks Band „Das unmoralische Geschlecht“ (Frankfurt/Main 2008: Suhrkamp) gestützt. Kucklick arbeitet dort heraus, dass bestimmte Eigenschaften, wie ‚Triebhaftigkeit‘, in der bürgerlichen Gesellschaft als ‚männlich‘ eingeordnet und als problematisch markiert wurden – die kapitalistische, bürgerliche Ordnung bedurfte offenbar der klaren Einordnung ‚erwünschter‘ geschlechtlicher Merkmale, bei Abtrennung ‚unerwünschter‘. Zu untersuchen, wie sich bürgerliche Männlichkeit(en) aus partiell widersprechenden Anteilen, möglicherweise auch verschieden je nach gesellschaftlichen Bereichen, herausbildete(n), erscheint als lohnende Forschungsperspektive.

Beatrice Müller nimmt in ihrem Beitrag „Wert-Abjektion als konstruierende und strukturierende Kraft von Care-Arbeit im patriarchalen Kapitalismus“ Reproduktionsarbeit selbst deutlicher in den Blick und zieht ebenfalls die Verbindung zur kapitalistischen, bürgerlichen Ordnung: Erst „die Entstehung des Kapitalismus [bewirkte] die Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre“ (S. 33). In ihrem Beitrag schlägt sie vor, von dem aus ihrer Sicht unspezifischen Begriff der „Abspaltung“ der so genannten „Wertabspaltungstheorie“ abzugehen und stattdessen den Begriff „Abjection“ – für Verworfenheit, dt. Abjektion – zu nutzen. Er ermögliche die Verbindung zu psychoanalytischen Perspektiven und insbesondere die theoretische Anbindung an die Arbeiten von Julia Kristeva Der Vorschlag ist insofern interessant, als klarer in den Blick kommen könnte, dass Kapitalismus „auf der Exklusion und Verdrängung des Nicht-Einheitlichen, Unstrukturierten und Unsauberen“ aufbaut (S. 36). Die Funktionalisierung von Menschen zu Arbeitskraft, ihre klare Einordnung und Unterscheidung nach Geschlecht, Klasse und rassistisch, bei Verhinderung und Verfolgung kapitalistisch ‚nicht-arbeitsfähiger‘ oder zu widerständiger Menschen – teilweise sogar ihrer Ermordung – kann so analysiert werden. Wichtige Anregungen zur intersektionalen Analyse, auch im deutschsprachigen Raum kamen schon seit den 1980er Jahren aus der Schwarzen deutschen Frauenbewegung. Empfohlen seien etwa: Katharina Oguntoye, May Opitz (Ayim) und Dagmar Schultz, „Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ (Frankfurt/Main 1992 [1986]: Fischer Verlag) und Martha Mamozai, „Schwarze Frau, weiße Herrin: Frauenleben in den deutschen Kolonien“ (Reinbek bei Hamburg 1989 [1982]: Rowohlt).

Kommen in dieser Ausgabe der Femina Politica in den Beiträgen zum Schwerpunktthema internationale und postkoloniale Perspektiven etwas kurz, wird zumindest in dem Aufsatz von Anna-Lisa Gann deutlich, wie inspirierend diese Perspektiven für die – real werdende – Utopie einer gerechten Gesellschaft sein können. Sie beleuchtet „Das Konzept des Buen Vivir in der ecuadorianischen Verfassung aus feministischer Perspektive“. „Die Erlangung des Buen Vivir [eines ‚guten Lebens für alle‘, Anm. HV] ist in der Verfassung Ecuadors als oberste Priorität des Staates festgelegt.“ (S. 82) Gann führt das Konzept des Buen Vivir ausführlich – und nah an der Quelle – aus und erläutert die Anknüpfungsmöglichkeiten auch für feministische und marxistische Positionen aus dem deutschsprachigen und europäischen Raum. So würden mit dem Buen Vivir die „Entfaltungsmöglichkeiten“ der Menschen und ihre „Bedürfnisse“ (S. 82f) zentral gesetzt und gehe damit auch eine Neubewertung von „Arbeit“ einher, die mehr als Tätigkeit von Menschen gedacht werde und somit auch Reproduktionsarbeit einbeziehe. Schließlich hält Gann fest: „Der Staat fördert jene Formen von Produktion, die ein gutes Leben (Buen Vivir) der Bevölkerung sichern, nicht aber solche, die gegen ihre Rechte oder die Natur verstoßen.“ (Artikel 319, nach: S. 87) Das Buen Vivir gesteht damit auch ‚Natur‘ Verfassungsrecht zu – und es wendet sich gegen „hegemoniale Entwicklungshilfe“ und neokoloniale Rohstoffpolitik (S. 82f).

Tagespolitik: Aktuelle Debatten und politische Kämpfe
Gibt der Schwerpunkt einen guten Einblick in die derzeit in der Bundesrepublik geführten Debatten um Reproduktionsarbeit, so ermöglicht die lobenswerte Rubrik „Tagespolitik“ auch thematisch anders aufgestellte aktuelle Diskussionen in den Blick zu rücken. Zunächst würdigt Ingrid Kurz-Scherf die Wissenschaftlerin und Aktivistin Annemarie Tröger, die am 18.2.2013 gestorben ist. Irmgard Diewald lässt kritisch die „Männerpolitik unter der schwarz-gelben Regierung“ Revue passieren. Sie zweifelt an, dass die gerade auf Männer zielende Gleichstellungspolitik der Regierungskoalition hilft, dem Ziel einer „geschlechtergerechten Gesellschaft“ näher zu kommen (S. 131).

In dem daran anschließenden Beitrag zur Ende Juni 2012 aufgekommenen deutschen Beschneidungsdebatte arbeitet Antke Engel heraus, wie die Debatte von Seiten der christlich-säkularen Mehrheit von „Okzidentialistischen Überlegenheitsphantasien“ (S. 133) geprägt war. Es habe sich um eine „forcierte Debatte“ (ebd.) gehandelt, in der sich Mehrheitsdeutsche einer vermeintlichen eigenen ‚Überlegenheit‘ versichern wollten, wohingegen Menschen aus jüdischen und muslimischen Familien als ‚anders‘ und ‚archaisch‘ markiert wurden; die rassistische und antisemitische Diskriminierung in der deutschen Gesellschaft wurde erneuert. Engel erweitert die Diskussionen der bisher erschienenen Beiträge um einen genauen Blick auf die im Dezember vom Bundestag beschlossene rechtliche Regelung und im Hinblick auf heteronormative Geschlechter- und Sexualitätsverständnisse, die weitgehend unreflektiert geblieben seien (S. 137f).

Besonders wichtig ist auch der Beitrag von Sabine Gatt, der die Flüchtlingsproteste in Österreich aufnimmt. Gatt erläutert die österreichische ausschließende Asylpolitik, in der Integration als einseitiges Projekt gedacht wird, die von Flüchtlingen – und insgesamt Menschen mit Migrationshintergrund – zu erbringen sei. Nationalität werde dabei besonders über Sprache her- und Flüchtlinge als defizitär dargestellt. Auf diese Weise werde von der österreichischen Regierung die „Einführung von Sprachstanderhebungen vor Zuzug“ (S. 142) gerechtfertigt. Das auf Sprache basierende „Nationsnarrativ“ werde „durch ein Emanzipationsnarrativ“ (S. 141) ergänzt: Patriarchat würde ‚andere Kulturen‘ kennzeichnen und Bildungszwang (etwa „Sprachstanderhebungen“) zuwandernden Frauen einen Ausweg aus patriarchalischen Strukturen eröffnen. Gatt hierzu: „Über die binäre und hierarchisierende Konstruktion von eigener und fremder Kultur dient die Externalisierung des Patriarchats dazu, die eigene Kultur davon freizusprechen.“ (S. 142) Gatt arbeitet die Interessen österreichischer Politik heraus und wie sie Flüchtlinge marginalisiert und zum Schweigen bringt.

Mit einem lesenswerten Beitrag von Asanda Benya zu südafrikanischen Bergwerksarbeiterinnen und warum sie bei den Protesten nach außen kaum sichtbar wurden, schließt die Rubrik „Tagespolitik“ und folgen aktuelle Nachrichten aus dem Wissenschaftsbetrieb sowie Rezensionen.

Fazit
Die Femina Politica ist auch im 22. Jahrgang eine wichtige Lektüre, in der Debatten eine wissenschaftliche Konsolidierung erfahren, bei gleichzeitiger inhaltlicher Weiterentwicklung. Zudem finden aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen Eingang. Das Heft 1/2013 bietet sich als überblick über die aktuellen bundesdeutschen feministischen Debatten über Care-Work an. Allerdings sollte in folgenden Heften – wie auch bei anderen emanzipatorischen Zeitschriften – darauf geachtet werden, dass auch die jeweiligen vorliegenden Arbeiten von People of Color in den eingereichten und publizierten Aufsätzen ausreichende Berücksichtigung finden und das People of Color stärker selbst zu Wort kommen.


2 Antworten auf “Care-Work in der Femina Politica”


  1. 1 Scully 09. September 2013 um 9:21 Uhr

    Klingt ganz gut. Werd ich wohl lesen.
    Merci für die detaillierte Rezension

  1. 1 Diätblocker, Alltagsrassismus & Geburtsorgasmen « Reality Rags Pingback am 09. September 2013 um 8:30 Uhr

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