Kopftuch. Und so.

Auf Tea-riffic zerlegt und kommentiert Heng recht geduldig einen weinerlichen Eintrag eines Menschen, der nach einem (vermeintlichen?) Flirt auf der Straße eine Nummer gekriegt hat, mit der man(n) bei wem ganz anderen landete.
Und der ein schöner Beleg dafür ist, mit welcher Sorte Typen sich die Frauen*welt so im Alltag rumschlagen muß.
Irgendwie hat frau (hallo Sozialisation!) bei sowas dann auch schon automatisch Street Harassment und Stalker im Hinterkopf.

In einem der Kommentare wird was Interessantes angesprochen: die Verfasserin des Kommenatrs schildert, daß sie vor ständigem Angesprochenwerden weitgehend geschützt ist, seit sie das Kopftuch trägt.
Nur hin und wieder rassistische Kommentare, aber wenigstens kein massives Anbaggern mehr. Tja… sie hat sich einfach auch damit auseinandersetzen müssen, was „aushaltbarer“ ist.

Und das muß eigentlich nunmal jede für sich entscheiden.
Der Fokus liegt hier übrigens auf den Worten „jede für sich“.

Dieser Aspekt wird viel zu oft vergessen. Die Welt denkt noch sehr patriarchalisch und redet erstmal über Terrorismus und „drohende Islamisierung“. Manche wiederum reden oder schreiben zwar eigentlich genauso über „drohende Islamisierung“ et. al.; aber immerhin konzentriert man sich hier recherchetechnisch sehr bemüht auf die Komponente „Kopftuch als Unterdrückungsinstrument“; wogegen erstmal echt nichts zu sagen ist, im Gegenteil: es ist wichtig, daß man auf diese brennende Thematik auch ein scharfes Auge wirft, keine Frage! Aber nur allzugern wird dann halt sehr vom individuell-persönlich-vielfältigen arg wegabstrahiert; es redet und schreibt sich nunmal oft auch leichter und unkomplizierter über die Theorie und das vermeintlich „große Ganze“ oder so statt sich mit der vllt. anderen Weltsicht eines Menschen auseinanderzusetzen, der vom Kopftuchtragen nun mal „betroffen“ ist und evtl. eine ganz andere Sicht auf die ganze Problematik hat. Könnte ja womöglich interessant werden, oder lehrreich oder bereichernd oder sonstwas. Ja, weshalb auch nicht?
Aber das ist (wer hätt’s gedacht?) eben nicht die einzige Betrachtungsweise des doch recht komplexen Streitpunkts „Kopftuch“.
Zudem ist die Betrachtungsweise Nichtbetroffener durch die „biodeutsche Brille“ gefärbt.
„Betroffene“ (also Kopftuchtragende) kommen selbst nicht sehr häufig zu Wort. Ihre Sichtweise/n ist/sind nicht unbedingt sehr präsent. Vorsichtig ausgedrückt.

Vielleicht ist es ja doch auch irgendwie ein Generationending – denn ich gehöre aufgrund meines Alters zu denen, die mit der „nächsten Generation Fremdstämmiger“ aufgewachsen sind. Soll also heißen: mit den Kindern, deren Eltern einst nach Deutschland eingewandert sind, selbst aber in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Für mich war es als Kind eine Normalität, daß da eben auch türkische Mädchen mit Kopftuch rumlaufen, die waren eigentlich genauso wie die anderen, mit eigenem Kopf und durchaus kritikfreudig/hinterfragend an allem, wie der Rest der Kinder. Waren ja eigentlich eh alles „Deutsche“, so what. Genauer: es waren halt alles Individuen…
Man hat miteinander gespielt, ein großer Unterschied wurde eigentlich nicht wirklich gemacht (subtile, evtl. auch unbeabsichtgte Alltagsrassismen sind mir als (weißes/deutsches/eben privilegiertes Kind aber womöglich auch entgangen). Wozu aber auch groß nen Unterschied machen, das hat man uns erst später so richtig beigebracht…
Und aufgrund dieser Erfahrungen empfinde ich beispielsweise einige Kopftuch tragende Emanzen als nicht gerade unterdrückt, sondern als versiert feministisch und finde die Kombi „Kopftuch und trotzdem Feministin“ jetzt auch nicht sonderlich überraschend: betroffen vom Patriarchat sind wir alle, insbesondere eben auch Frauen*, und deshalb finden halt auch die verschiedensten Frauen zum Feminismus. Vielfalt. Eigentlich erstmal immer gut.

Also alles Achtung, mindblowing Fact:
moslemische Mädchen und Frauen leben nicht nur „im Islam“. Sie leben auch im Patriarchat. Wurden/werden diesbezüglich von der Gesellschaft also möglicherweise doppelt beschissen/diskriminiert.

Soweit ich weiß, geht die Kopftuch-These ja grob gesagt so: die Frauen sollen das Haar (bzw. bei manchen auch mehr, Burka etc.) verstecken, damit es die Männer nicht reizt, sie in irgendeiner Form abschleppen zu wollen.

Und hallo, da liegt halt der Hund begraben – anscheinend funktioniert das berühmt-berüchtigte Kopftuch hier in Deutschland ja diesbezüglich ganz hervorragend Man knnte jetzt darüber spekulieren, ob die „deutsche Gesellschaft“ wirklich weniger patriarchalistisch ist als „der Islam“, aber das ist jetzt zu OT ;)
Tja, und die, die gegen wirklich gegen Kopftuchdiktat u. äh. mit Tuchablegen protestiert, kriegt scheints auch die ganzen Baggerheinis inklusive. Wohl halt auch noch andere Unannehmlichkeiten, und ich mein hier gerade nicht elterliche Kontrolle und moslemische Community…

Was mir schon bei dem Urteil zum Schwimmunterricht langsam aufging.
Abgesehen davon, daß ich selbst den Schwimmunterricht gehasst habe… immerhin hatte ich nach Geschlechtern™ getrenntes Schwimmen.
Klar, aus erwachsener Sicht (Schwimmunterricht ist ja schon ne Weile her, die damaligen „Schamgefühle“ sind so ja jetzt Gott sei Dank nicht mehr da wie im Teenageralter, ist woh bei allen so) würd ich jetzt erstmal sagen, es ist kein Problem, wenn’s gemischten Schwimmunterricht gibt.
Damals war ich aber darüber auch echt froh. Bzw. fand das selbstverständlich. Denn das war auch in allen anderen Schulen der Gegend Usus.
Mein damaliges Ich war nämlich, wie wohl fast alle Teenager, etwas verunsichert gegenüber dem „anderen Geschlecht“. Im Schullandheim hatte ich allerdings auch kein Problem, beim Schwimmausflug im selben Becken rumzuhüpfen wie die Jungs. Das wäre gar nicht das Problem gewesen.
Aber ich bin keine gute Schwimmerin. Damals sogar übelst scheiße. Ich kann unter Wasser einfach nicht die Augen aufmachen und beim Kraulen blind schwimmen erzeugt mehr oder weniger regelmäßige Zickzacklinien durchs Becken.
Das war demütigend genug. Noch demütigender war’s, als die Lehrerin meinte, eine schnellere Schwimmerin würde mich beim Benotungs-Vorschwimmen „mitziehen“. Das sah dann so aus, daß nur ich und die Meisterschwimmerin (die sich zurückhielt, aber sowas von) im Becken waren und alle anderen drumherum standen. Und die sahen dann zu, wie ich zickzwack durchs Becken schwamm, die andere Meilen voraus und sich wohl auch fürs „Publikum“ sichtbar zurückhaltend.

Und wären da noch Kerle anwesend gewesen, mein Teenager-Ich wär gestorben vor Scham
. Oder abgesoffen.

Wie gesagt. Der Schwimmunterricht hat mir auch so ein Minitrauma verpaßt.
Ich bin bestimmt nicht die einzige. Mädchen (das meiste gilt bestimmt auch für Jungs in dem Alter btw) mit nicht normschöner Figur, Akne auf dem Rücken oder einfach großer Scheu vor Jungs geht/ginge es wohl recht ähnlich.
Fair wäre es, wenn die Schüler_innen anonnym abstimmen könnten, ob gemischter Schwimmunterricht okay für sie ist oder so. Die, die das nicht gut finden lassen, werden sich wohl in mehr als einer Klasse finden und es wären dann vllt. auch genug Schüler/innen, um diese zu einem gesonderten, geschlechtergetrennten Schwimmunterricht zusammenzulegen. Zu viel organisatorischer Aufwand? Möglich. Andererseits hat die Schule auch nicht ohne Grund die Pflicht, den Schüler_innen (und zwar auch wieder möglichst allen) ein gutes Lernumfeld zu bieten, indem diese sich sicher genug fühlen können, um den Anforderungen eines Unterrichts überhaupt gewachsen zu sein.
Keine Ahnung, denkt Euch was aus, liebe qualifizierten Pädagog_innen! Evtl. reicht es ja auch, wenn die Betroffenen eine geschlechtergetrennte Schwimm-AG belegen, deren Hauptziel es ist, allen einfach erstmal (gut) zu schwimmen beizubringen, das ist schließlich das Wichtigste. Und für diese doch eher niedrigen Anforderungen könnte sich doch irgendein_e Sportlehrer_in 1x die Wochen erbarmen.
Noten könnte man da auch geben, schließlich wäre das Lernumfeld jetzt (hoffentlich) so, daß die AG-Teilnehmer_innen sich auf das Erlernen von Schwimmen konzentrieren können. Das wären wesentlich fairere Vorraussetzungen.
Und, liebe deutsche Lehrerkollegien: sollte Ihre Schule eher klein sein und der gemischte Schwimmunterricht daraus resultieren, daß man keine Sportlehrerinnen einstellen wollte, ja, dann haben Sie definitiv ein Problem. Karma’s a bitch. Mal wieder.

Ihr seht, ich hab auch viel Verständnis für die Klägerin.

Natürlich ist es ein wichtiges Signal, daß religiöse Einschränkungen dieser Art nicht wichtiger genommen werden dürfen als die für alle geltenden Gesetze, kein Thema.

Nur.
Wenn ich mir vorstelle, daß ein Mädchen von anscheinend sehr religiösen Eltern erzogen wurde und möglicherweise entsprechend sowieso viel (mehr) Scheu vor Jungs hat – wenn der erstmal gesagt wird, sie habe doch bitte in Badekleidung mit den Jungs ihrer Klasse in einem Becken zu schwimmen (Noten gibt’s ja auch noch für die Performance), dann ist es für mich kein Wunder, wenn sie sich dagegen wehrt.
Und so ist das für sie auch sicher kein angemessenes Lernumfeld, in dem sie sich halbwegs entspannt dem „Stoff“ (also gut schwimmen zu lernen, find ich auch super wichtig, daß man überhaupt schwimmen kann) widmen könnte.
Genau deshalb finde ich es auch gut, daß das Urteil ihr immerhin einen „Burkini“ zugesteht.
Überhaupt, „Burkini“ bringt mich gedanklich unweigerlich auf „Burka“, und wenn ich an meine eigenen „Traumata“ und auch gefühlte Nacktheit (wenn auch in anderem Sinne) denke, will ich nicht wissen, wie sich zum Beispiel halt auch eine Burka tragende Frau (eine Minderheit, klar, aber Minderheiten außer Acht lassen ist nicht gut, ehrlich nicht) fühlen muß, wenn sie (eigentlich) schwimmen (lernen) will, wie viele Scham/Angst/Nacktheitsgefühle sie überwinden müßte, würde sie, keine Ahnung, zum Beispiel zum Üben am nächstbesten Baggersee auftaucht, wo dann halt sicher auch fremde Männer halbnackt rumturnen. Die Glotzerei auf Burka bzw. Burkini oder auch sonst ist eh unvermeidbar. Das heißt auch: kein Raum für sie, den sie so einfach nutzen könnte wie „Nicht-Verschleierte“. Und auch sonst wird man unweigerlich permanent von Leuten angestiert, die man weder kennt noch gerade kennenlernen will – und die kriegen live und in Farbe die ungelenken oder womöglich auch ersten Schwimmversuche mit. Das ist dann aber echt kein Umfeld, das irgendwen motiviert, es weiter zu nutzen, selbst wenn man schon schwimmen könnte….
„Inklusion“ ist manchmal echt nicht einfach.

Ich mußte mich allerdings auch wundern, weshalb in den zahlreichen Artikeln zum Thema (jeweils mehr oder weniger patriarchalisch angehaucht) nichts von diesem doch recht entscheidenden Dilemma, in dem sich nicht wenige Frauen* nunmal befinden, gelesen. Auch nicht in den noch zahlreicheren Kommentaren darunter, die ich mir angetan habe…

Bei der großen Feminist_innen-Postille, die ja eigentlich generell viel zu Kopftuch und Islam(ismus) schreibt, ist dieses Dilemma aber genausowenig groß Thema wie wo anders. Sollte es aber sein. Seid anders! Traut Euch was, Mensch! Fangt damit am besten ab jetzt an, liebe Emmas! Ich sag schon mal überoptimistisch danke? Ja mei, die Hoffnung stirbt zuletzt, gell.

Fazit:
Es ist vor allem auffällig, daß generell mal wieder lieber abstraktere/theoretische Themen wie „Kopftuch als Unterdrückung“ oder „Islamismus“ diskutiert und analysiert werden, als einfach mal mit den Betroffenen (d.h. zum Beispiel Frauen/Mädchen, die das Tuch eben NICHT ablegen wollen, und das eben nicht aufgrund von religiösem/elterlichem/familiärem Druck. Echt, die gibt’s!) zu sprechen oder diese zu Wort kommen lassen – am besten dann halt auch ohne peinlich-vorurteilsbelastete Suggestivfragen, sonst wird das nix.
Aber so immerhin auf einer menschlicheren Ebene zu kommunizieren, von (verletztlichem) Individuum zu (verletztlichem) Individuum. Auch wenn’s unangenehm ist, sich selbst (u. evtl. auch andere?) so zu sehen.

_____________________

Edit: Falls es Verwirrung gibt: ja, der Text war anfangs anders/kürzer, ich hab den nachträglich noch ausgebaut, ich Laberbacke.


3 Antworten auf “Kopftuch. Und so.”


  1. 1 dirk 01. Oktober 2013 um 15:24 Uhr

    Nur mal zwei Punkte mir spontan eingefallen sind.

    Ist getrennter Sportunterricht nicht das wogegen die vorrangegangen Generationen „gekämpft“ haben (also die Abschaffung geschlechtsgetrennten Unterrichts)?

    Außerdem sehe ich eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatz wenn ein Geschlecht auf Grund der Befindlichkeiten des anderen ausgeschlossen wird. Wobei ich die Gründe durchaus nachvollziehen kann.

  2. 2 irrlicht 03. Oktober 2013 um 16:27 Uhr

    Hä? Aber wer wird denn ausgeschlossen? Ist ja nicht so, dass wer fordert, nur ein Geschlecht Schwimmen lernen dürfte.

    Und zu geschlechtergetrenntem Unterricht stehen ja auch nicht alle FeministInnen gleich, da kommt es schon sehr darauf an (Frauen-MINT-Studiengänge zum Beispiel, um sexistische Demotivation zu verringern).
    Persönlich bin ich auch froh, dass bei uns auch Sport/Schwimmen getrennt war (ausser in der Grundschule… aber Kinder und Jugendliche sind da schon ein Unterschied, find ich).
    Da gibt’s ja auch von der Benotung her ganz andere Tabellen für Jungs und Mädels – und gerade Schwimmen, wo man doch eher wenig anhat (Burkini ist wohl die Ausnahme), das wär für mich auch superirritierend und unangenehm gewesen. Gleichstellung sollte ja auch nicht mit dem Unwohlsein einzelner erkauft werden, dann hätte das seinen Sinn verfehlt.

    Ich versteh auch den Aufstand nicht… an unserer Schule wurden einfach 2 Klassen zusammen unterrichtet, damits genug LehrerInnen gibt und es sich lohnt. Wo soll da das Problem sein, frag ich mich.

  1. 1 Mansplaining, Polizeigewalt & Kopftuch « Reality Rags Pingback am 03. Oktober 2013 um 23:34 Uhr

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