Prostitutionsgesetz – worum geht es eigentlich im Kern?

Ich glaube, ich habe immer noch nicht alle (interessanten) Beiträge zu dieser Debatte gelesen und sie ist auch noch lange nicht abgeschlossen.
Unter einem der besseren Texte zum Thema kann man eine spannende und vergleichsweise ungemein respektvolle Diskussion lesen (soll nicht heißen, daß da nur Highlights drunter sind, aber wer zum Vergleich mal im SpOn-Forum zum Thema lesen will… naja), wenn man sich die Zeit nimmt.
Ich bin erst mittendrin, aber immerhin bis zu diesem schönen Kommentar von Carmen Amicitiae:

Wir fordern gleiche Rechte, wie alle anderen arbeitenden Menschen auch. Wir wollen unsere Geschäfte durchführen dürfen, wo andere das auch dürfen – nicht “zum Schutze der Jugend und der öffentlichen Ordnung” durch Sperrbezirke beschränkt werden. Wir wollen, dass für uns die Abgabenordnung gilt, wie für alle anderen Menschen auch – nicht Sonderbesteuerungsverfahren à la Düsseldorfer Verfahren. Wir wollen, dass die Polizei uns gegenüber die gleichen Rechte hat, wie anderen Menschen gegenüber auch – und nicht einfach anlaßlos zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Maschinengewehren in unsere Räume stürmen kann. Wir wollen, dass der Betrieb unserer Arbeitsstätten nach der Gewerbeordnung reguliert wird, nicht nach dem Dortmunder Modell. Wir wollen, dass unsere Kunden unsere Dienstleistungen nach den Regeln des Marktes kaufen können und nicht nach dem Schwedischen Modell kriminalisiert werden.

Wäre Prostitution als Beruf anerkannt (ob normal oder unnormal), bräuchte es all diese Sonderverfahren und Modelle nicht. Prostitution wäre dann nicht etwa “dereguliert”, wie Alice Schwarzer behauptet, sondern genauso reguliert wie andere Berufe auch – gleichgestellt. Das ist sie trotz Legalität nicht und DAS ist der Kern der Debatte.

Gerne möchte ich ihr zustimmen – nur, wenn sich alle Beteiligten der Debatte auf ebendiesen Kern geeinigt hätten, wären wir wohl schon weiter.


10 Antworten auf “Prostitutionsgesetz – worum geht es eigentlich im Kern?”


  1. 1 AppelKatha 19. Dezember 2013 um 21:22 Uhr

    Ist es denn normal, dass sich Männer Frauen (und manchmal auch Männer)kaufen? Will eine Frau einen Mann, der Frauen als Ware sieht? Der bezahlt und die Frau muss (in den meisten Fällen) machen was er will?

  2. 2 dodo 19. Dezember 2013 um 23:36 Uhr

    Hi!
    Ich versuch mal, darauf zu antworten…

    - „Normalität“ ist so eine Sache, mit der sich sehr schwer argumentieren läßt; vor allem, weil „Normalistät“ halt auch sehr subjektiv ist
    - niemand kann irgendeinen anderen Menschen kaufen; auch nicht in der Prostitution. Prostitution ist eine Dienstleistung – genausowenig wie Prostituierte sich oder ihren Körper „verkaufen“, genausowenig verkauft sich ein_e Masseur/in, die wohl auch oft recht Unappetitliches in die Finger bekommt und im Zweifelsfall dann auch mal ablehnt (bzw – auch eine stinknormale Massage wirkt allein schon oft wegen dem Druck und der Bauchlage etc. erotisch; viele Männer kriegen dabei eine Erektion, auch wenn es sich um eine von der AOK verschriebene superseriöse Massage handelt. U.a. ein Grund, weshalb ich jetzt mal bei dem Massagevergleichsbeispiel bleibe)

    => die Prostituierte kann genau wie die Masseuse einen Kunden ablehnen. Sicher gibt es bei beiden gewisse Zwänge wie Finanzen. Wird die Prostituierte (oder meinetwegen auch die Masseuse) körperlichm Zwang ausgesetzt, handelt es sich in beiden Fällen um eine Straftat. Um dieselbe. Die ist sehr illegal.
    Nur: wer wird eher die Polizei rufen? Eine Frau, die „legale“ Kunden empfangen hat oder eine Frau, die „illegale“ Kunden hat?

    - Auf die zweite Frage würde ich mit Nein antworten. Weder die Prostituierten noch ihr Körper wird als „Ware“ betrachtet oder gehandelt (auch wenn’s so schön griffig klingt, ist es ein, gelinde gesagt, enorm ungenauer, unpassender Begriff. Vorstellen könnt ich mir das höchstens bei Nekrophilie und über diese Legalisierung spricht ja nun wohl wirklich niemand)
    Denn der Kunde kann weder mit dem Menschen noch dem Körper umgehen, als sei er immateriell. Es sei denn wir grifen „Ware“ eben im marxschen(?) Sinn auf, als „produziertes Gut“ – und das ist ja nunmal nicht Körper oder Mensch, sondern eben sexuelle Befriedigung.

    - wie kommen Sie darauf, daß die Frau IN DEN MEISTEN Fällen tun MUSS, was der Freier will? Dazu gibt es keine Zahlen. Es gibt Schätzungen der Prohibuitionsseite und Schätzungen der Prostitutionsseite, beide gegründet auf Erfahrungswert.
    Und der unterscheidet sich naturgemäß genauso drastisch voneinander we die Zahlen, die hinten bei rauskommen:
    Menschen mit guten Erfahrungen als Prostituierte_r bewegen sich in anderen Milieus, haben eine andere Einstellung dazu, mögen ihren Beruf eher und sind selbstbewußter und organisierter, erfahren so auch mehr Solidarität und Unterstützung untereinander, siehe Doña Carmen, Hydra etc.
    Und klar haben die ganz andere Erfahrungen als Aussteiger_innen (wären die halbwegs zufrieden gewesen, gab es ja offensichtlich Probleme, da kann genausowenig eine objektive Einstellung herkommen wie bei „happy Huren“) oder vor allem auch Polizeibeamt_innen, die – eben auch naturgemäß – eher die Problemfälle zu Gesicht bekommen!

    Persönlich geh ich erstmal vom Mittelfeld aus, bis irgendwer mal brauchbare Zahlen liefern kann. Ist aber nicht der Fall momentan.

  3. 3 Sina 21. Dezember 2013 um 16:01 Uhr

    Ob nun viele Sexarbeiterinnen ihren Job gerne machen oder nicht (meiner Erfahrung nach viel mehr, als einem die Medien vermitteln wollen), geht doch eigentlich am Punkt vorbei. Es sollte darum gehen, wie man die Lebensbedingungen ALLER Sexarbeiter/innen so wie Menschenhandelsopfern verbessern kann. Und da sind sich die meisten Fachstellen und Sozialarbeiter für Sexarbeit/Migration/Menschenhandel einig: NICHT mit der Bestrafung von Kunden und traumatisierenden Razzien, sondern mit der Anerkennung von Sexarbeiter/innen als gleichberechtigte Teilnehmende am Arbeitsleben und Gesellschaft. Hier eine Linkliste dazu:

    http://sinamore6.blogspot.com/2013/12/fachstellen-und-sozialarbeiterinnen.html

  4. 4 Sina 21. Dezember 2013 um 16:05 Uhr

    @ AppelKatha: Es ist in der Prostitution nicht normal, dass der Kunde alles machen darf was er will. Das sind Wunschvorstellungen von Vergewaltigern. Jede Sexarbeiterin hat ein bestimmtes Angebot, sie sagt was sie macht und was nicht. Dies wird manchmal auch dem jeweiligen Kunden je nach Sympathie angepasst. Ausdrücke wie „Frauen kaufen“ sind falsch und schädlich, da so Männern signalisiert wird, sie könnten tatsächlich alles mit einem machen.

  5. 5 Sina 21. Dezember 2013 um 19:39 Uhr

    Ob nun viele Sexarbeiterinnen ihren Job gerne machen oder nicht (meiner Erfahrung nach viel mehr, als einem die Medien vermitteln wollen), geht doch eigentlich am Punkt vorbei. Es sollte darum gehen, wie man die Lebensbedingungen ALLER Sexarbeiter/innen so wie Menschenhandelsopfern verbessern kann. Und da sind sich die meisten Fachstellen und Sozialarbeiter für Sexarbeit/Migration/Menschenhandel einig: NICHT mit der Bestrafung von Kunden und traumatisierenden Razzien, sondern mit der Anerkennung von Sexarbeiter/innen als legitime Teilnehmende am Arbeitsleben. Hier eine Linkliste dazu:

    http://sinamore6.blogspot.com/2013/12/fachstellen-und-sozialarbeiterinnen.html

  6. 6 appelkatha 31. Dezember 2013 um 22:01 Uhr

    Sorry, aber das ist für mich neoliberales Geschwätz. Ich habe in einer Beratungsstelle für vergewaltigte & belästigte Frauen gearbeitet und habe da ganz andere Erfahrungen gemacht. Wir haben z.T. Zwangsprostituierte beraten, die in ganz legalen „FKK-Clubs“ anschaffen mussten und durch die täglichen Vergewaltigungen schwer traumatisiert waren.
    Ich weiß, es ist heute hipp pro „SexarbeiterIn“ zu sein (witzig, hier die Männer so schön mitzunehmen, die zu 99% auch wieder nur von Männern gekauft werden), aber für mich hat Prostitution etwas mit Macht und patriachalen Strukturen zu tun und widerspricht meiner Vorstellung von einer gleichberechtigten Gesellschaft.

  7. 7 Lea 06. Januar 2014 um 11:37 Uhr

    Die Frage, um die in jeder Debatte alle kreisen – manchmal sogar, ohne dass sie ausgesprochen wird –, ist doch „Ist Sexarbeit eine Arbeit, die mit den moralischen Grundwerten unserer Gesellschaft vereinbar ist?“ Steht Sexarbeit im Einklang mit dem Grundgesetz?

    Dass ein [Achtung, Klischee!] CSU-naher konservativer Kirchenknochen aus der süddeutschen Provinz darauf (vielleicht) anders antwortet als eine sich den Grünen verbunden fühlende aufgeschlossene junge Frau aus Berlin-Mitte, ist ja ohne viel Fantasie vorstellbar, oder?
    Bevor man aber diese erste Frage nicht explizit diskutiert (bestenfalls natürlich konsensuell beantwortet) hat, nützt doch jede Debatte zwischen aktiver/m SexarbeiterIn, die/der ihren/seinen Job gern macht und selbst über sich bestimmen will, und irgendeiner/m PolitikerIn, die/der letztlich die Entscheidung mitbestimmt, mal ganz genau gar nichts!

    Die gesamte „Sie werfen freiwillige SexarbeiterIn und Zwangsprostituierte in eine Topf“-Debatte ist erst der ZWEITE Schritt (den die Medien wieder einmal vor dem ersten gegangen sind). Wie kann denn der konservative CSU-Mann antworten, wie soll er gar seine Meinung ändern können, wenn der erste Schritt einfach übersprungen wird?

  8. 8 E. 28. Januar 2014 um 23:55 Uhr

    Dem Text kann ich überhaupt nicht zustimmen, obwohl ich selber im Gewerbe arbeite – und es auch weiterhin tun möchte. Prostitution ist ein verdammt hartes Geschäft, in dem ganz gewiss nicht alle freiwillig arbeiten und viele untergehen. Natürlich gibt es auch Frauen, die selbstständig und selbstbewusst in diesem Beruf arbeiten und dies auch weiterhin möchten (wie ich), aber ich denke, dass eine weitere Lockerung der bestehenden Gesetze die Probleme eher noch verschärfen würde. Es wäre wichtig, vernünftige Regeln für Betreiber aufzustellen und endliche einheitliche Gesetze für ganz Deutschland zu schaffen.

  9. 9 dodo 06. Februar 2014 um 18:52 Uhr

    @appelkatha:
    “ Ich habe in einer Beratungsstelle für vergewaltigte & belästigte Frauen gearbeitet und habe da ganz andere Erfahrungen gemacht.“
    Ja eben. Die zufriedenen Prostituierten werden sich bei Deiner Beratungsstelle auch nicht melden.

    Mir wäre es wichtig, daß erstmal halbwegs verwertbare Zahlen auf dem Tisch legen – bis dahin ist alles nur subjektive Spekulation. Wie wollen wir wissen, wie man den Huren helfen kann, welche Maßnahmen sinnvoll sind, wenn wir noch nicht mal wirklich schätzen können, wie viele Prostituierte wie und unter welchen Bedingungen arbeiten? Einfach mal Zahlen annehmen (wahlweise die der einen oder anderen Seite – nur liegen die Schätzungen da stets WEIT auseinander, so daß man im Endeffekt NIX weiß) und dann try & error? Halte ich nicht für gut.

  10. 10 Daisy 12. März 2014 um 9:52 Uhr

    Prostitution ist eine Dienstleistung – genausowenig wie Prostituierte sich oder ihren Körper „verkaufen“, genausowenig verkauft sich ein_e Masseur/in, die wohl auch oft recht Unappetitliches in die Finger bekommt und im Zweifelsfall dann auch mal ablehnt

    Den Vergleich mit der Masseurin finde ich gut. Da sieht man sehr gut, unter welch verschiedenen Bedingungen beide arbeiten müssen und wie sehr es den Prostituierten schwer gemacht wird.

    Mir stößt vor allem auf, dass, nur um vermeintlich moralisch Böses zu bekämpfen, da alles andere gleich mitverwurstet wird, von Mafia, Drogen bis hin zu Menschenhandel. Ich frage mich, wann es ein Emma-Titelblatt gibt mit Promis, die sich gegen die sklavenartigen Zustände von bulgarischen Reinemachefrauen, Pflegerinnen und Bettelbanden-Opfer aussprechen. Die sind nicht weniger von Menschenhandel, Zwang und Gewalt bedroht, werden von der Emma-Aktion aber ausgeschlossen.
    Das zieht nicht so gut, da geht’s nicht um SEX, aber sex sells, ne?

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