Es heißt „Gender Studies“. Nicht Genderwahn. Vielen Dank.


(Bild von Erika Moen)

Top-Favorit für das Unwort des Jahres: „Genderwahn“.
Was immer das sein soll, es scheint die Leute zu beschäftigen. Persönlich würde ich es als „Angst vor Emanzipation von überalterten Geschlechterrollen“ bezeichnen, aber das ist nur so grob geraten. Um eine anständige Definition sollen sich Leute vom Fach kümmern, die haben da mehr Ahnung.
Keine Ahnung. Soziologen. Oder die netten Menschen von den Gender Studies.

Die haben nur zur Zeit anderes zu tun. Nämlich die irritierten Menschen im „Genderwahn“ zu beruhigen. Es scheint nötig zu sein (irgendwie krass, aber egal), die Gesellschaft dran zu erinnern: „Ey, ganz ruhig, wir sind harmlos. Wir wollen eigentlich nur in Ruhe forschen und denken (was unter dem derzeitigen Stress ja auch nicht einfach ist…). Und wenn wir Ergebnisse haben, teilen wir sie Euch mit. Das ist alles. Das ist unser Job.
Zu kontrollieren, was die Politik, die Presse, die Gesellschaft mit diesen Ergebnissen anstellt – ist nicht unser Job.“
Naja, das ist jetzt so aus dem Ärmel geschüttelt. Die Leutz vom Fach haben das natürlich eleganter formuliert.

Beispielsweise die deutsche Gesellschaft für Soziologie:

Die DGS erklärt den angegriffenen Kolleginnen und Kollegen ihre ausdrückliche Solidarität, ebenso wie allen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich derzeit rassistischen, homophoben und sexistischen Angriffen ausgesetzt sehen. Hasskampagnen stellen nicht nur eine schwerwiegende Zumutung für die einzelnen Kollegen und Kolleginnen dar. Sie verunmöglichen zudem eine zivilisierte, öffentliche Debatte über gesellschaftlich relevante Themen.

Oder auch die Fachgesellschaft Geschlechterstudien:

Es geht hier also nicht um die Diskussion von unterschiedlichen Thesen, die Wissenschaftlichkeit
ja gerade auszeichnet, sondern um die explizite Schädigung von Wissenschaft und Universität als Ort eines unbedingten Fragens und Verhandelns von Wirklichkeit, als Teil einer demokratischen, gerade dem
Nichtanerkannten und Prekären verpflichteten Gesellschaft. Dieser Gestus ist
Bestandteil eines aggressiven Anti – Feminismus bzw. Sexismus, welcher sich zurzeit in der öffentlichen Debatte über Gleichstellung und Vielfalt Gehör verschaffen möchte.

Hach, wie schön, daß es Profis gibt, die sich deutlich ausdrücken können.
Kann man auch ausdrucken und als Flyer verteilen, wer weiß, vielleicht hilft’s gegen den „Genderwahn“?

Also: ganz ruhig. Laßt die mal in Ruhe machen. Die sind harmlos, versprochen.
Einfach nicht stressen. Das sind auch nur Menschen, und Menschen machen Fehler. Insbesondere gestresste Menschen machen Fehler. Nicht gut. Wir haben schon genug seltsam-realitätsferne Statistiken und Theorien, gerade im Bereich Gender, ich glaub, da sind wir uns alle einig!
Ich hab so das Gefühl, wenn man die Genderwissenschaftler_innen mal in Ruhe ließe, könnten sie in Frieden gründlich arbeiten, solidere Ergebnisse erzielen, ihre Fehler korrigieren, etc. pp …
Ernsthaft: jetzt müssen sich die Gender-Denker_innen mit eigentlich unwichtigem Blödsinn auseinandersetzen, statt ihren Job zu erledigen. Statt Geschlechterrollen zu erforschen müssen sie erstmal die Trollherde überdenken, die auf sie zurennt und nervt.
Ich mein, so ne Trollstatistik ist ja echt nett, hab ich gern gelesen, aber ich fänd’s besser, wenn solche Menschen Zeit hätten, sich mit was anderem zu beschäftigen. „Wie kriegt man ein faires, geschlechtergerechtes Scheidungsrecht hin?“ zum Beispiel. Oder die Kitasache. Mutterschutz und Väterzeit angleichen, sowas. Gedöns halt.

Also: keine Angst, das sind nur Wissenschaftler_innen, fast schon Theoretiker_innen eigentlich. Die denken nur, das ist ihr Job, und der ist wichtig.
Und wenn ihr keinen Bock habt, Euch mit „Gender“ zu beschäftigen – ist okay. Müßt Ihr nicht, machen andere für Euch. Und das machen die gern, das ist ihr Job.

Fazit: eigentlich alles gut.

Peace!


2 Antworten auf “Es heißt „Gender Studies“. Nicht Genderwahn. Vielen Dank.”


  1. 1 MGTOW 03. März 2015 um 14:41 Uhr

    Wenn Menschen Gender Studies als Genderwahn bezeichnen, liegt das nicht zwingend an der Boshaftigkeit dieser Menschen.
    Ich bin promovierter Biologe und bin vor gut 3 Jahren über Gender Studies gestolpert. Damals habe ich ein paar Gender Arbeiten mit biologischen Hintergrund gelesen. Hauptsächlich kamen die aus Skandinavien.
    Ich verstehe bis heute nicht, wie die Genderwissenschaften arbeiten. Ich habe es auch aufgegeben, weil ich bisher keine Erklärung bekommen habe.
    Ich habe diverse Vorträge von deutschen und amerikanischen Genderwissenschaftlern gehört und dabei sind mir immer wieder die gleichen Punkte aufgefallen, die ich aus keiner anderen Wissenschaft kenne:

    1. Wenn ich Fragen zur Methodik gestellt habe (weil ich sie nicht verstanden habe), wurde dies als Kritik aufgefasst. In jeder Wissenschaft ist es völlig normal seine Methodik zu erklären und gegen Kritik zu verteidigen. Hier wurde immer wieder gesagt, dass diese Methodik weder erklärt noch verteidigt werden muss.
    Ich bin auch ein paar mal aus dem Publikum als homophob beschimpft worden, wenn ich Fragen gestellt habe.

    2. In der Regel ist der Männeranteil in Vorträgen von Genderwissenschaftlern sehr überschaubar. Nach dem Vortrag beginnt die Diskussion und es dürfen sich Leute aus dem Publikum mit Fragen zu Wort melden. Auch wenn ich mich fast als erster gemeldet habe und ich damit ganz weit oben auf der Liste stand, habe ich als Mann erst nach etlichen Frauen, die sich sehr viel später gemeldet hatten, das Mikro bekommen.

    3. Mir ist immer wieder die Nähe von Genderwissenschaftlern zur Politik (insbesondere zur SPD) aufgefallen. In Berlin war ich 2014 alleine auf zwei Vorträgen, die die SPD organisiert hat. Und ich bin nicht besonders häufig in Berlin.

    Mir ist es eigentlich egal geworden, woran die Genderwissenschaften forschen. Mir ist auch egal, wer sie bezahlt. Aber die Art der Wissenschaftler, die ich erlebt habe, und das dazugehörige Umfeld fand ich einfach arrogant und wissenschaftlich unprofessionell.
    Wenn der Rest der Genderwissenschaftler genauso ist, darf sich eine Wissenschaft nicht wundern, wenn sie von anderen Wissenschaften nicht verstanden wird und vielleicht sogar abgelehnt wird. Mal von der breiten Bevölkerung ganz abgesehen.

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Ableismus, Pseudo-Tabus und Gender Studies – Die Blogschau Pingback am 20. September 2014 um 8:01 Uhr

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