Lehrer*innen-Dresscode? Hauptsache konform.

laempel < - Lehrer Lämpel. Auch ihm brachte stilsichere Kleidung leider keinen Respekt ein.

Eine schweizer Schule hat doch eher merkwürdige Vorschriften für das äußere Erscheinungsbild der Lehrkräfte erlassen.
Und wir reden hier nicht von „Bitte keine Hotpants tragen“, auf den Iro verzichten oder ähnlichen Selbstverständlichkeiten. Es geht dabei nicht nur um die Kleidung (bis hin zu den Socken…!), sondern es wird auch gefordert, den Körper doch bitte den momentanen „Schönheits“normen anzupassen:

Spaghettiträger sind ein klares No-Go. Die Träger von Tops oder Kleidern sollen mindestens drei Finger breit sein, wobei auf jeden Fall die Achseln zu rasieren sind. Die Zurschaustellung von Körperhaaren gehört sich auch für Herren nicht – ärmellose Shirts sind kein ausreichendes Outfit.
(…)
Shorts: Ein ganz klares No-Go. Für Frauen mit gepflegten Beinen können Bermudas in Ausnahmefällen gehen, Männer sollten ihre Beine jedoch grundsätzlich zur Gänze bedecken.
(…)
«Je mehr Bart ein Mann trägt, desto gepflegter muss sein Outfit sein.» Als unpassend und unhygienisch wurden lange Bärte bewertet.

Zusammenfassend könnte man sagen, daß individuelles Aussehen nicht erwünscht ist, bzw. doch bitte einzugrenzen sei. Schmuck? Ja, aber nichts Auffälliges, das klappert.
Lippenstift? Dezent bitte.
Bärte? Die sollten dann aber gestutzt sein!
Besonders happig, da Bärte eben nicht nur ein Mode-Accessoire sind:

Die Ansichten darüber, was mit dem Bart zu geschehen habe, unterscheiden sich von Kultur zu Kultur beträchtlich; von der jeweiligen Norm abweichende Barttracht gilt oft als Zeichen von Ungepflegtheit oder Fremdheit.

(Hervorhebung von mir.)
Und genau dieses Wort „Ungepflegtheit“ wird eben – nicht nur kulturell und schon gar nicht nur bei Bärten – recht willkürlich, je nach momentanem Mehrheitstrend, „definiert“.
Daß der Begriff hier auch recht blödsinnig ist, scheint aber niemandem aufzufall – ein echter Vollbart will nämlich erst recht gepflegt werden und die wenigsten Lehrkörper werden sich dabei an ZZ Top orientieren. Ein Bart ist nicht dann unhygienisch, wenn er lang ist, sondern, wenn er nicht gewaschen wird. Wenn allerdings Essensreste drinhängen, dann ist das bei einem „gepflegt getrimmten“ Schnäuzer nicht automatisch reinlich. Stichwort „Rotzstopper“…
Und Bein- oder Achselbehaarung ist bei der Körperpflege (waschen, eincremen, wasweißich) auch nicht im Weg. Aber egal, wie gepflegt man wirklich ist – man hat die Körperbehaarung gefälligst nicht zur Schau zu stellen. Die ist pfui. Warum auch immer.

Es geht hier ja eigentlich nicht um einen Dress Code, denn der eigene Körper ist kein „Dress“, sondern Teil der eigenen Person, von der jetzt gefordert wird, eben diesen Körper so zu verändern, wie es dem Mehrheitsgeschmack der Lehrerkonferenz entspricht.

Es geht auch um den generellen Trend unserer Gesellschaft, eine Norm zu erstellen und die Individuen zur Anpassung zu drängen (und „Nicht-Passende“ dann auszusortieren, auszuschließen) statt den Versuch zu wagen, ein Umfeld zu schaffen, in dem jede*r sein einzigartig-individuelles, gern auch mal skurriles Potential zu entfalten, damit dieser Mensch sich nicht scheut, ungewöhnlich-originelle Ideen aus seinem ureigenen Selbst nach außen zu tragen, sei es nun verbal oder textil.
Da ist es nicht ermunternd, wenn Lehrer*innen in ihrer Vorbildfunktion ein Buhei um die tägliche Modenschau machen und über „gedeckte Naturtöne“ diskutieren und einen Typen zu bezahlen, der Dinge von sich gibt wie „Brogues mit kernigen Ledersohlen geben eine rustikale Note“.
Ähm.
So soll Autorität emntstehen? Und was zum Geier sind überhaupt Brogues und wieso sollte man das wissen? (Diese Brogues mal ausgenommen, das sind die einzigen, die ich bis dahin kannte)
Man könnte auch jemanden bezahlen, der einem was über Integration von Schüler_innen mit Behinderung, Lernschwächen oder Kinderarmut und die Konsequenzen für die Bildung erzählt…. (nur so ne Idee…)

Es ist eine spitzfindige Konzentration auf den äußeren Schein, das „Auftreten“, die Selbst-, oder besser: Fremdinszenierung des persönlichen Erscheinungsbildes. Einheitsnorm statt Vielfalt. Äußerlichkeit statt, naja… Wissensvermittlung. Sind ja Lehrer*innen, also eigentlich dazu da, den Schüler*innen zu Inhalten, Zusammenhängen, Wissen, Ideengestaltungen, etc. zu verhelfen.
Stattdessen wird den Schüler*innen beigebracht, was „wirklich wichtig“ ist: äußerliche Anpassung an eine mehr oder weniger willkürliche Norm.

Es ist auch interessnterweise keine verpflichtend- offizielle Vorschrift, so deutlich trauen sie sich das dann doch nicht:

Dieser von Lehrerinnen und Lehrern selbst formulierte, fakultative Dresscode ist kein Regelwerk, das, einmal formuliert und verabschiedet, auf längere Zeit unverändert bleibt, sondern eine Diskussionsbasis, die regelmässig überprüft werden soll und dabei helfen kann, etwas bewusster eine zum Beruf des Pädagogen passende Kleidung von Freizeitklamotten zu unterscheiden.

De facto wird dann aber jede_r, der*die sich nicht an die Norm hält, wohl ständig deswegen blöd angequatscht, das ist ja schlißelich das Konzept.
„Gruppenzwang“ könnte man sagen. Oder eben „Diskussionsbasis“, die dann regelmäßig von den Fashion-Blockwarten „überprüft“ wird.
Nun bin ich hier nicht betroffen, aber die Vorstellung, daß jemand im Beruf ständig damit rechnen muß, daß sein*ihr Aussehen, ihr Körper bewertet wird, klingt für mich nicht nach einer angenehmen Arbeitsatmosphäre. Und die Tatsache, daß jemandes Körperbehaarung im Lehrerkollegium zum Diskussionsthema wird, halte ich für recht übergriffig.

Klar kann man sagen: wird ja nur angesprochen, die zwingt ja niemand. Aber auch ohne verbindliches Regelwerk wird hier unnötigerweise Druck ausgeübt, sich gefälligst der Norm anzupassen.
Und da ist der Tenor dann schon sehr deutlich:

In der Schule geht es um die Vermittlung von Wissen und Werten. Etwas Konservativismus kann also nicht schaden. Lehrer, die sich und ihre Aufgabe ernst nehmen, kleiden sich darum so, dass ihre Kleidung Autorität und ein Mass an traditioneller Klasse ausstrahlt.

Lehrerinnen wie Lehrern muss dringend dazu geraten werden, auf die gängigen Elemente der Freizeitgarderobe oder Sportswear zu verzichten, mit denen sich die grosse Mehrheit der Auszubildenden heute täglich kleidet. Nur so ist auch optisch eine gewisse Differenzierung zu erreichen, die dem Respekt gegenüber den Pädagogen zuträglich ist.

Jaja, Vermittlung von Wissen und Werten. Da fragt man sich doch glatt, mit welcher Art von oberflächlich-formalem „Werten“ hier die jungen Generation eigentlich indoktriniert wird mit einem solchen Zirkus.

Auch aus Schüler*inneperspektive stellt sich die Frage, was bei der Wissensvermittlung wertvoller, nutzbringender ist. Setze ich mich in der Schulstunde mit einem individuellen Menschen mit all seinen (äßerlichen und innerlichen) „Macken“ auseinander und lerne dabei, mit einer vielgestaltigen Bandbreite von Autoritätspersonen umzugehen – oder wird mir vermittelt, daß da ein „als seriöser Lehrer verkleideter“ Mensch vor mir sitzt (sowas merkt man schließlich, die Schüler*innen sind ja nicht blöd), daß Individualität und das „Außer-Ordentliche“ abgeschliffen wird, um sich stets einer sich mit dem Zeitgeist immer wieder ändernden Trendwellennorm zu unterwerfen, anstatt einzigartige, bunte Wesensarten als Quelle unvergleichlichen Ideenreichtums kennenzulernen.

Jetzt bin ich natürlich eine alte Kuh, die ihren Schulabschluß im Jahr 2002 hinter sich gebracht hat. Und ja, ich erinnere mich noch gut an Lehrkräfte, bei denen mir einfach kein Lob über die Lippen kommen will.
Doch nach der Lektüre dieses NZZ-Textes bin ich ehrlich dankbar. Sogar für meine Französischlehrerin, die auch bei Schnee in einer Birkenstock-Wollsocken- Kombi ankam.
Ja, ich bin dankbar, daß meine Lehrjahre von teils recht schrulligen Charakterköpfen gestaltet wurde und mir so auch der Umgang mit menschlicher Vielfalt beigebracht wurde.

Die engen schwarzen Lederhosen meiner Mathelehrerin (nicht mal in der verklemmt-schwäbischen Provinz ein Skandal) hielt sie nicht davon ab, auch bei Matheidioten wie mir engagiert, kreativ und einfallsreich die Mitternachtsformel einzuhämmern.

Die zugegebenermaßen süß-aufdringliche Parfümwolke der Korektorin blieb sogar allen in sehr angenehmer Erinnerung – kündete der Duft doch fast immer an, daß die Frau in die Klasse kommt und eine Freistunde verkündet, weil der*die Lehrer*n krank war.

Eine andere Lehrkraft war sich nicht zu schade, an Halloween mit Fledermausohrringen aufzutauchen („Unfortunately I couldn‘t find my pumpkin costume.“) und vor Weihnachten ganz selbstverständlich mit einem Rentier-Plüschgeweih auf dem Kopf durch das Schulgebäude zu laufen – um ihren Zöglingen nicht nur die englische Sprache, sondern auch die amerikanische Geselligkeitskultur beizubringen.

Dankbar bin auch ich für meinen Englisch-Leistungskurs Lehrer mit seinen teils schon arg verratzten Tweed-Jacketts (und Bart!), dessen authentischer „Casual British Country House“-Stil zusammen mit trocken-englischem Humor eine_n gedanklich und gefühlsmäßig in eine Lernatmosphäre versetzte, in der es einem dann auch ganz selbstverständlich vorkam, mit Inbrunst den Skye Boat Song zu singen – hätte man diesen Herrn nach Empfehlung des schweizer „Stilexperten“ eingekleidet, er hätte ausgesehen wie ein Käsperle. Also schlichtweg unglaubwürdig. Und somit nicht ernstzunehmen. Ja, wie soll man den Lehrkörper denn auch für voll nehmen, wenn er sich statt Pädagogik diesem Blödsinn widmet?

Man kann sich Autorität nicht anziehen.
Man muß sie sich aneignen, erarbeiten, whatever. Ja, das kann man dann auch mit Kleidung ausdrücken.
Auch Respekt verdient man sich nicht über ein schickes Outfit. Die Lehrkraft, die mich fachlich, aber auch menschlich am meisten beeindruckt hat, hatte eine Vorliebe für zu kleine Leggings mit 80er-Jahre-Muster…

Aber eine Witzfigur bleibt auch in seriös-stylischen Kleidern eine Witzfigur.
Man könnte beispielsweise auch Claudia Roth in ein Merkel-Kostüm stecken, aber wer zum Geier würde dann sagen, sie würde nun viel mehr „traditionelle Klasse ausstrahlen“?
Und ein Mensch mit vorbildlicher und überzeugender Kompetenz strahlt letzten Endes auch in sommerlichen Bermudas Autorität aus. Denn – holla – das ist eigentlich deren Job. Die Schüler zumindest soweit zu animieren, daß sie sich auf die Aufgabenstellung konzentrieren statt auf seine Beine (die die Schüler*innen wahrscheinlich sowieso nicht interessieren).

Würde man den „Stilexperten“ durch eine*n, ich weiß nicht… „Substanzberater*in“ ersetzen, würde vielleicht die innere Überzeugung, die Fächer, die einem so am Herzen liegen, daß man sich durchs Lehramtsstudium gequält hat, durch Glaubwürdigkeit, Engagement und dem Auftreten als Individuum wesentlich mehr Autrorität erzeugen als ein stylisches Sakko mit passenden Socken.


2 Antworten auf “Lehrer*innen-Dresscode? Hauptsache konform.”


  1. 1 catsan 24. November 2014 um 21:22 Uhr

    „In der Schule geht es um die Vermittlung von Wissen und Werten. Etwas Konservativismus kann also nicht schaden.“

    Hier ist der Punkt, wo ich (metaphorisch natürlich) den Flammenwerfer greife. „Konservativ“ ist Schule sogar mit den besten Lehrern wirklich genug, jedenfalls nach der Grundschule.

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