Probleme und Hürden des heutigen Feminismus

Designer und Moderator Guido Maria Kretschmer hat dem SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe ein kurzes Interview bezüglich seiner neusten TV-Show „Deutschlands schönste Frau“ gegeben, welche jedoch keine essentielle Rolle spielt, da Kretschmer auf die Frage, ob er Feminist sei, eine bejahende Antwort gegeben, mit der Begründung, er habe lange die EMMA gelesen und fände es „traurig, daß Frauen noch immer nicht die gleichen Karrierechancen haben wie Männer“, was einer Zustimmung der Frauenquote gleicht. Nun werde ich mich nicht anmaßen, zu urteilen, wer sich nun FeministIn „schimpfen“ darf, und wer nicht, allerdings bedarf es einer kleinen Analyse, weshalb gerade die Bekundung zum reaktionären EMMA-Feminismus und die Bejahung der Frauenquote einen Teil des Feminismus ausmacht, ihm aber gleichermaßen auch im Wege steht.

Madame Alice Schwarzer war in ihrer frühen Zeit eventuell feministisch orientiert und hat ihre pedantische Interpretation als Wegweiserin des Feminismus‘ per se entwickelt, welches von allerlei Medien wohlwollend aufgenommen und verbreitet wird. Allerdings ist es gar nicht so leicht, den schwarzer’schen Feminismus zu formulieren, da formal seiner eigenen Selbstzuschreibung widerspricht. Man könnte den Schwarzerismus als eine Antwort auf die postliberale 68er-Bewegung verstehen, welcher ein Ventil für die aufkommende Sexualität beschreiben möchte. Einerseits bejaht Alice die offene Sexualität und instrumentalisiert sie gleichermaßen als Fundament für ihren Ismus. Andererseits wird jene positive Besetzung auch gleichermaßen als Schwert verwendet, um eine, in ihren Augen, „obszöne Auslegung“ jener gewonnenen Freiheiten zu bekämpfen. Sie scheint in dieser Aufarbeitung einen konservativen Weg einschlagen, welcher primär nicht zu beklagen wäre, da ein pluralistischer Feminismus funktionieren kann, gleichwohl Schwarzer diesen Weg in den letzten Jahren als Personifizierung der Weiblichkeit und des Kampfes der Frau entwickelte. Dabei erklärte sie nicht nur dem Sex an sich den Kampf, sondern auch jedwede Vermarktung und Selbstbestimmung bis hin zur (konsumorientierten) Kunst, welcher sich dahingehend sublimierte, den Feminismus im entristischen Sinne auszuhöhlen und nach eigenem Duktus zu definieren. Es mag (nur für mich?) paradox erscheinen, erstens für eine Selbstbestimmung zu kämpfen, gleichzeitig, also zweitens, jenes Recht wieder einzuschränken resp. eine Pseudo-Bekämpfung der Öffentlichkeit zu forcieren. Eine Kritik an die Pornographie ist in jedem Kontext gerechtfertigt, allerdings nicht in dem Maße wie Schwarzer sie formulierte. Nach ihrem Willen wäre jene Kunstform schon längst verbannt und in alle Ewigkeit verboten, wohlwissend, daß es auch eine feministische Interpretation der Pornographie gibt, sie diese aber für eine Verschleierung einer patriarchalen Sex-Industrie zu verstehen vermag. Diese Kritik ist verständlich, schießt aber am eigentlichen Ziel vorbei. Das Verbot der Pornographie käme einer radikalen Zensur der Meinungs- und Kunstfreiheit statt. Es ist richtig, gewisse Formen der Pornographie zu bekämpfen resp. ihr entgegenzuwirken, beispielsweise in der Unterstützung feministischer Pornos oder in der Entradikalisierung der kontrollierenden Männlichkeit.

Im selben Stile, nur entschieden selbstbestimmter und auch für mich diskrepanter zu kontern, ist ihr rigoroser Kampf gegen die Prostitution. Einerseits teile ich ihre Kritik dahingehend, daß sich auf diesem Markt ein widerlicher Menschenhandel etabliert, allerdings wird Schwarzers utopistische Vorstellung, ein Verbot resp. eine sanktionierende Strafverfolgung würde diese Metier auflösen, sich einer gefährlichen Realität stellen müssen. Das Hauptproblem beim Schwarzerismus ist die fehlende Erkenntnis der Wurzel, welche radikale Intention im Feminismus, im Kampf für die Befreiung der Frau*, aller Geschlechter, keimt. Die lieblose Bekämpfung von Prostitution und Pornographie mögen im ersten Moment für viele hoffnungsvoll erscheinen, erweisen sich bei Licht betrachtet aber als beschämender Fauxpas, der sich jeglicher Selbstreflexion verweigert; und da Schwarzer diesen Kurs Jahrzehnte schon fährt, ist ihre Interpretation des Feminismus schlicht ein reaktionärer Ballast, welcher der neuen Generation, speziell der NetzfeministInnen und Trans*- sowie Queer-AktivistInnen enorm schadet, da in ihr ein Weltbild haftet, welches sich mit dem Bild der Gesellschaft subtil angefreundet hat, und jenes nicht mehr in frage stellt, was ihr apodiktisches Scheitern zementiert, was sich ebenfalls in ihrem kruden Verständnis des islamischen Feminismus auszeichnet, dem sie jene Bezeichnung absprechen würde. Hier öffnet sich jene Diskrepanz, welche sich bereits beim schwarzerischen Pornographie-Verständnis offenbart, in dem eine Linie diktiert wird, welche unzerstörbar scheint. Dabei darf im progressiven Wandel nicht darüber hinweg gesehen werden, daß der Islam aktuell, teilweise zurecht, teilweise unbegründet, eine Kritik erfährt, die auch den Feminismus betrifft und kontrovers beantworten muß. Den Weg, den Islam ubiquitär zu verneinen respektive die Religion konträr des Feminismus zu stellen, erscheint auf dem ersten Blick legitim, eruiert allerdings in eine Sackgasse; eine Stagnation des Kampfes gleicht einer Niederlage. Eine religiös motivierte feministische Interpretation soll und muß die Frage der Gleichheit mit dem Glauben per se verbinden, ohne auf einer Seite eine Abstriche zu machen, und dies kann nur in völliger Offenheit und Toleranz funktionieren, ohne eine diktierte Wut, wie etwas zu deuten und anzuwenden ist, was sich mit folgendem Beispiel verdeutlichen läßt: einer muslimischen Frau darf und muß es freigestellt sein, ob sie vor der Eheschließung Geschlechtsverkehr hat, oder nicht, doch im selben Zug darf sie aus religiösen und, sehr wichtig, persönlichen Motiven jenen verweigern, um mit ihrem Glauben d‘accord zu laufen; solch ein Kompromiß kann nur dann funktionieren, wenn radikale Kräfte und Motive, die eine oder beide Seiten stören, bekämpft werden.

Von teils auch linken, aber besonders von liberalen Menschen kritisiert, ist die dämonisierte Frauenquote, die in ihrer Aufmachung kaum eine feministische Färbung hat, aber für jenen Kampf instrumentalisiert, aber auch bagatellisiert werden kann. Zunächst einmal steht die Frage im Raum, was die Quote zu bewerkstelligen hat, und dort stellt sie sich bereits selbst in Frage, was leider nicht viele FeministInnen zu erkennen mögen; durch die Zentralisierung auf die biologischen Geschlechter wird versucht ein (bürokratischer) Weg einzuschlagen, der eine Gleichberechtigung dahingehend zu erwirken hat, als daß ein Gleichgewicht hergestellt werden kann, das beim genaueren Betrachten aber mehr ökonomische Funktion hat, und den soziologischen Aspekt völlig ausblendet, bei der starren Fixierung auf die (biologische) Weiblichkeit. Dieser Weg scheint ein mißlungener Hilferuf zu sein, um zu bekennen, daß der Kapitalismus im Grunde genau das erreicht hat, wofür er steht und gerade staatseingreifender Maßnahmen ihn kaum zu zügeln vermögen, lediglich, die Weiterentwicklung resp. das Fortbestehen des Kap. künstlich in die Länge zieht. Die Quote scheint ein zynisches Geschenk, mehr, eine sarkastische Hand sein, die den Frauen gereicht wird, um zu verdeutlichen, wir lassen euch nicht im Stich, derweil die Frauen das höhnische Gelächter der Konzerne nicht wahrnehmen können. Was würde sich ändern, wird die Quote gesetzlich vorgeschrieben? Es würde final den Geschlechterkampf nur noch weitertreiben und eine neue Ebene erreichen, die sich kaum ökonomisch rechtfertigen kann. Diesbezüglich kann der Kampf der Befreiung der Frau*, der Geschlechter, nicht in der aktuellen Wirtschaftsphilosophie funktionieren, da durch das hierarchische Prinzip hier jede Gleichbehandlung resp. jeder Kampf der Gleichheit abgeblockt wird. Dabei, und das ist das groteske daran, darf die Frauenquote nicht als Kriegserklärung an das männliche Geschlecht gewertet werden; der Mann wird durch so eine Quote nicht gefährdet, im Gegenteil, er wird durch jene in eine Funktion zementiert, der er kaum mehr entweichen kann, derweil die Quote für die Frau eine (in-)direkte Kriegserklärung ist, in dem Sinne, als daß sie versucht zu vermitteln, die Gleichheit der Frauen könnte nur durch eine Quote bewerkstelligt werden, was einem Mittelfinger in richtung Feminismus gleicht, dieses Doppelspiel aber nichtmal linke Parteien erkennen, welche fast alle übereinstimmend für eine Quote stimmen. Einzig die Piratenpartei erkannte in ihren Anfangszeiten das Prinzip der Quote als ein Instrument der Diskriminierung; jene Partei, die schon früh für eine übergreifende Queerneß stritt und auch das (biologische) Geschlecht in frage stellten, kenterte sich selbst, gerade bei der Frage der Ökonomie, was einer perfiden Ironie gleicht. Leider wurde diese Idee der Piraten von keiner Partei aufgenommen, lediglich in Arbeitsgruppen untergeordnet, welche allerdings die Quote als unabdingbares Mittel des Kampfes für die Frau sehen.

Die eigentliche Grundproblematiken findet sich im kapitalistischen Patriarchat wieder, welcher jeden sozialen Eingriff, nicht zu unterscheiden ob ökonomischer, geschlechtspolitischer oder sozialer Natur, bekämpft und für nichtig erklärt, da es gegen die eigenen Prinzipien verstößt. Doch wie bereits Laurie Penny schrieb, ist ein progressiver Feminismus mit einem tobenden Kapitalismus nicht zu vereinen, da jener kein Interesse daran hat, irgendeine Gleichheit zu forcieren oder gar zu verstärken, da jenes Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell lediglich hierarchisch funktionieren kann und jedwede Zähmung eher einer Kapitulation gleicht, als der Versuch, entgegenzuwirken. Der schwarzer’sche Feminismus ist ein reaktionärer Klotz am Bein des Progressivismus, und die Frauenquote scheint mehr ein höhnisches Geschenk, sowie eine Kriegserklärung, an die Frau zu sein, bei dem sich ironischerweise gerade der Mann als Verlierer sieht. Und wer meint, Feminismus wäre in der heutigen Zeit nicht mehr nötig, erkennt die Situation nicht, oder mag sie nicht erkennen, denn der Kampf für die Freiheit der Geschlechter hört nicht bei einer vermeintlichen Gleichberechtigung auf, vielmehr setzt er hier an um genau jene gewonnene Felder radikal zu verteidigen, und, um den Wandel mitzubestimmen. Und liebe Männer und Frauen, die Angst vor dem bösen F-Wort haben: zuerst informieren, bevor Schwarzer und BILD nachplappern.


3 Antworten auf “Probleme und Hürden des heutigen Feminismus”


  1. 1 ethfiel 16. Februar 2015 um 8:55 Uhr

    Deinen Text finde ich großartig. Nur zwei Gedanken dazu: Die Quote ziehlt nicht direkt auf das biologische Geschlecht ab, sondern soll helfen die klassischen sozialen Hindernisse zu überwinden,die Personen betreffen, die vom Großteil der Bevölkerung als weiblich gelesen werden und die bis vor kurzem und in vielen Teilen der Bevölkerung noch immer durch die gängigen Zuschreibungen an Weiblichkeit Ausschlüsse aus bestimmten Bildungsbereichen erfahren (Nein, ich beziehe mich hier nicht auf Gesetze!)
    Zweitens, die Piratenpartei schien nur auf dem Papier biologisches Geschlecht überwinden zu wollen und Personen mit der körperlichen Ausprägung, die mehrheitlich als männlich gelesen wird vorzuziehen.

  2. 2 femelle 17. Februar 2015 um 22:14 Uhr

    Danke für die Worte und Antwort, @ethfiel.

    Du hast mit Deiner Antwort zur Quote recht, daß sie in kleinen Schritten eine Teilhabe resp. eine Gleichbehandlung erzielen kann, allerdings sehe ich zwei Probleme dahinter;
    1. stellt sich die Frage, inwiefern die „Frauenquote“ nun alle Frauen* einspannen kann, resp. wo vom Gesetze her eine Forcierung stattfinden kann, in dem ich die Befürchtung habe, daß queere Erkenntnisse keinen Zugang finden.
    2. wird solch eine Quote nur einen kurzfristigen Effekt haben, und, wie beschrieben, den Kampf nur verschieben.

  1. 1 [mädchenblog] Probleme und Hürden des heutigen Feminismus | netzlesen.de Pingback am 06. Februar 2015 um 2:41 Uhr

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