Fifty Shades of Grey – eine Begegnung

„Ich schlafe nicht. Ich ficke. Ich ficke hart.“

SPIEGEL ONLINE beklagt sich, der Film biete nur „Blümchensex, etwa acht Minuten“, moniert gleichermaßen allerdings, daß nichts „dezent“ sei, „nicht mal die Schleichwerbung“. Für die taz verbirgt sich eine subkutan verabreichte, politische Botschaft, da der besagte Vertrag „nur am Rande ein sexuelles Spiel [regelt].“ Und die FAZ meint, dieser „Unfug tut weh, fesselt aber kein bißchen.“ Nicht nur die Presse versucht sich zu übertrumpfen im degoutieren des Filmes, auch der Großteil der KinobesucherInnen, scheint ziemlich enttäuscht die eigentliche Thematik betreffend, und das Adjektiv „langweilig“ wird sich in dieser Hinsicht wohl bald der Inflation stellen. Da ich die Romane von Autorin E.L. James, welche die Verfilmung auch (mit-)produzierte, weder las noch zur Kenntnis nahm, kam ich nicht umher, ebenfalls einen Blick ins Lichtspielhaus zu werfen, um zu erfahren, ob all die negativen, geradezu vernichtenden Kritiken sich bewahrheiten, deren Ironie es ist, daß gar die positiven Attribute in den Rezensionen negativer Konnotation gleichen. So hatte ich zwar durch hiesige Berichterstattungen schon indirekt ein Bild geformt, was meine Erwartungen gleichermaßen immens herunterschraubte, ich mir aber dennoch stets gesagt habe, dem Film als eigenständiges Werk eine Chance zu geben, um mir ein eigen Bild zu machen. So war ich heute im lokalen Kino. Und ich habe überlebt.

Der wütenden Meute wohl verpflichtend, war ich über das nahezu menschenleere Kino überrascht, was mich nun zuhause wohl zum Gedanken bringt, daß der Großteil der KritikerInnen entweder den Film gar nicht sahen, und ihn auf Basis anderer Meinungen vorurteilsbelastend madig redeten, oder sich schlicht im Internet eine Kopie zogen resp. streamten. Ich allerdings zahlte brav meine 8,50 EUR, gönnte mir gar eine kleine Portion Popcorn, welche ich nicht anrühren werde und nahm mir, während Filmvorschauen über die Leinwand flimmerten, immer vor, eine ordentliche Rezension zu schreiben, und versuchen, eine neutrale Basis zu schaffen, ohne allerdings meine Meinung zu leugnen. Während mir der neuste Film des Teams hinter „District 9″ präsentiert wurde, blickte ich sachte umher, um einen kleinen Überblick der BesucherInnen zu erhaschen. Nicht einmal zehn, höchstens 15 Leute saßen im größten Saal, die wohl wie ich nun erfahren werden, was es mit dem „SM-Drama“ (gala.de) nun wirklich auf sich hat. Es liegt nun gar nicht in meiner Absicht, eine kurze Inhaltsangabe niederzuschreiben, auch, um etwaige Spoiler zu vermeiden, gleichwohl ich dennoch konstatieren muß, daß Leute, die den Film noch sehen wollen, die weiteren Zeilen eventuell meiden sollten, da ich bestimmte Szenen durchaus genauer besprechen werde. Um Alt-CineastInnen ein klein wenig zu provozieren, könnte man durchaus anbringen, daß Alfred Hitchcock wohl seine kleine Freude mit dem Film gehabt hätte, obschon jenes Werk weder dramaturgisch, noch filmisch, noch narrativ an die Klassiker des Altmeisters herankommt. Dennoch präsentiert sich „Fifty Shades of Grey“ als ein modernes Kammerspiel, welches es zwar zuläßt, alternative resp. Nebenstränge zu konstruieren, diese aber stets zur Hauptlinie zurückführen und der Fokus die ganzen zwei Stunden über im Grunde auf Anastasia und Christian Grey liegt. Um SPIEGEL ONLINE kurz beizupflichten, ja, es ist dahingehend wahr, daß die knisternde Erotik ausbleibt und auch im Kontext der Vorstellungen hinter einem Film, welcher anscheinend SM als Grundthematik auserkoren, radikal unterläuft, was aber nicht als Schwäche gewertet werden darf, sondern als Stilmittel und gleichermaßen auch falsche PR für das Werk. Die „andere Seite“ des Christian Grey bleibt zentral an die Story verhaftet, und wird auch in zwei expliziten Szenen, welche zur „Vorfreude“, und eine dritte, welcher der „Bestrafung“, und gleichermaßen auch stärksten Szene, durchaus thematisiert; dennoch, und hier hat der Film sehr viel verschenkt, vertraut er zusehr auf seine aalglatte Hochglanzoptik, welche die vermeintliche Arroganz und Distanziertheit Greys darstellen, ohne sich narrativ darauf einzulassen, was zur Folge hat, daß die Studentin für englische Literatur, Anastasia, eine Rolle einnimmt, die kaum eine Bindung zum Publikum aufbauen kann, man ihr sich dennoch anvertraut, die Entwicklung des Charakters aber nicht ins Gewicht fällt, da die (in)direkte Konkurrenz zu Grey außen vorbleibt. Dennoch bedarf es einer kleinen Würdigung von Anastasia, da sie die verlorene Autonomie im Kosmos Greys im letzten Moment konterkariert, und einen Hinweis entsendet, was sich im feministischen Duktus durchaus positiv verwirklichen kann, die Intention des Films aber anders gewichtet ist, und es somit nicht wirklich um eine (bewilligte) Unterdrückung handelt, weil eben Grey stets, auch im Handel außerhalb seines Kosmos, eine lauwarme Distanz wahrt, und stets die Option offenläßt, auszusteigen.

Das eigentliche Metier, was der Film betritt, ist die Personifizierung einer Kontrollfunktion, sowie, und das wird eventuell ein paar Leute verstören, es zu lesen, welche „mehr“ Sex erwarteten und dahingehend enttäuscht wurden, wird eine frauenfreundliche Fokussierung auf die weibliche Sexualität gelegt, obschon Grey stets versucht zu betonen, es gehe primär um sein Verlangen, sowie um die Befriedigung seiner Lust. Jene Fokussierung zeichnet sich durch eine, ja, man kann sagen schon zarte, aber auch sehr strikte, Stimulierung der weiblichen Lust, die gerade in der wortwörtlichen Gefangenschaft einer Explosion gleicht, was Anastasias zwiespältiges Verhältnis erklären könnte. Allerdings offenbart sich hier ein starkes Manko: noch nie wurde der Sex, welcher gerade in diesem Film eine essentielle Rolle spielt, wenn auch nur subtil, und nicht in direkter Konfrontation, und es somit eine Kapitulation vor dem Genre ist; noch nie wurde Sex im Film so unromantisch, unerotisch und statisch inszeniert, selbst wenn die Lust Anastasias anzusehen ist, der Funke springt nicht über. Ein Grund für diese Tristesse ist das wechselnde Verhältnis der Farbdramaturgie; außerhalb der Welt von Grey gleicht sie, wie bereits erwähnt, einer aalglatten, und daher auch so befremdlich wirkenden Oberfläche, welche in den intimen Momenten beibehalten wird, es aber dort versucht wird, durch das subtile Spiel erotischer Farben eine Alternative zu schaffen, der Film aber durchgehend, metaphorische Zweideutigkeit nun eventuell beabsichtigt, wie geleckt erscheint. Der zweite Grund ist das stets distanzierte, persönliche Gespräch zwischen den beiden ProtagonistInnen, wo der Sex wie ein radikaler Konter erscheint, und das wohl auch beabsichtigt, die emotionale Bindung zum Publikum aber nicht entwickelt werden kann, was auch den größten Fehler dahingehend markiert, den der Film machte: gerade die kühle Atmosphäre, und die stagnierten Charaktere erlauben es nicht, dem Publikum die einladende Hand zu reichen; nein, es bleibt stets distanziert, wie ein dritter Beobachter, der das Geschehen wie durch eine Nacherzählung wahrnimmt, obwohl er gerade im tiefen Geheimnis des Grey live vor Ort war. Denn auch mit Nahaufnahmen geizt der Film nicht. Was allerdings keine Entschuldigung darstellen soll. Diese Distanziertheit hat leider zur folge, daß der zwei Stunden lange Film sehr langwierig erscheint und man den (vertrauten?) Gesprächen nur noch mühselig folgen kann und will. Auch ich, Hand aufs Herz, spielte mehrmals mit dem Gedanken, den Saal zu verlassen, allerdings aus dem Grunde der schieren Langeweile, da es die Regisseurin nicht schaffte, dem Werk Leben einzuhauchen. Das geschah viel zu spät. Leider sehr viel zu spät; im fast ausklingenden dritten FILMakt (sic!) scheint sich Grey zu öffnen und Anastasia ein klein wenig an seinem Sein teilzuhaben, diese Entwicklung allerdings eskaliert: Anastasia forderte von ihm, ihr die schwerste Strafe zu verabreichen, damit sie verstehen kann, was Grey antreibt, resp. wieso er eine (verletzende) Kontrolle übernehmen möchte – und muß. Jene Strafe, welche erneut im Kosmos Greys stattfindet, ließ mich fesseln, da es eine Wut darstellte, die beide Personen betraf. Gleichzeitig aber auch verdeutlicht, daß auch eine gewollt unterwürfige Frau eine Grenze zu ziehen hat und muß. Da hier die Lust primär in der Ausführung des Mannes, Grey, sich zu sublimieren hat, und die Frau, Anastasia, sich dieser wütenden Lust zu beugen hat, dies auch tat, bis zum letzten Hieb, es aber dann den Bruch der Beziehung markierte und final im Aufzug ein Ende fand, welcher einst den Anfang markierte.

Der Wirbel um „Fifty Shades of Grey“ ist auf viele Weisen nicht gerechtfertigt und erzeugt auch durch diese Quelle weitere negative Kritiken. Der Film ist kein Arsenal vieler SM-Praktiken, auch kein pornographisches Machwerk à la Lars von Trier, auch wenn es explizite, aber feministische, sprich frauenpositive, Sexszenen gibt, die allerdings die Wirkung nicht erzielen können, was vieler Punkte geschuldet ist. Auch narrativ vermag der Film im Sande verlaufen, da er wie ein viel zu langer Prolog für den eigentlichen Hauptfilm darstellt, da hier subtil gesetzte Fährten entweder nicht weiterverfolgt – oder radikal untergraben werden. Um es filmwissenschaftlich zu formulieren, ist das Werk wohl eine Versuch, dem Sadomaso ein Gesicht zu geben, gleichermaßen aber auch versucht, die Persönlichkeit in das Zentrum zu hieven, was wohl Kriterien eines Dramas erfüllt. Und das ist es wohl auch – ein Drama. Ein Drama für die Hauptdarstellerin, ein Drama für die Zuschauer. Ihn allerdings langweilig zu nennen, wäre nicht ganz fair, da der Film kein totaler Reinfall war. Er krankt nur sehr an einer nicht ausgereiften Narration und nimmt sehr viel Anlauf, dessen Ziel wir aber nicht erblicken können. Dakota Johnson als Anastasia und Jamie Dornan als Chris Grey versuchen stetig, ihrer Rolle gerecht zu werden, scheitern aber an dem dramaturgischen Mangel der Entwicklung, was keine Schuld der SchauspielerInnen ist. Und die subtile Musik von Danny Elfman könnte man auch positiv erwähnen, die immerhin versucht, eine (musikalische) Erotik zu erzeugen, die aber in der Luft haften bleibt, da der Zuschauer es nicht schafft, sie einzuatmen. Im Kern scheiterte „Fifty Shades of Grey“ an seinem eigenen Anspruch, dem er nie gerecht zu wurde – und das heißt nun nicht, daß zu wenige SM-Szenen beinhaltet waren. Auch ein Übermaß hätte den Film nicht gerettet. Im Gegenteil. Vielleicht wird in der Fortsetzung einiges aufgeklärt. Gespannt kann man durchaus sein, wer Interesse daran hat. Auch wenn nicht mein Lieblingsfilm, werde ich mir auch die Fortsetzung im Kino anschauen. Für 8,50 EUR. Diesmal ohne Popcorn.


5 Antworten auf “Fifty Shades of Grey – eine Begegnung”


  1. 1 Miss Black 24. Februar 2015 um 12:31 Uhr

    Deine Rezension erstaunt mich doch sehr. Insbesondere wüsste ich nicht, wo dieser Film „frauenpositive Sexszenen“ enthält. https://volksverpetzer.de/2015/02/50-shades-of-abuse-missbraucht-aber-sexy/

  2. 2 nummer.drei 24. Februar 2015 um 13:17 Uhr

    Es tut mir leid, aber wie eigentlich jedes Mal sitze ich mit einem verwirrten Gesicht vor deinem Text und frage mich und auch dich: Was willst du uns damit eigentlich sagen? Worum geht es dir?

  3. 3 sv 27. Februar 2015 um 12:08 Uhr

    „Im Kern scheiterte „Fifty Shades of Grey“ an seinem eigenen Anspruch, dem er nie gerecht zu wurde“ --> Ich denke er erfüllt seinen Anspruch sehr gut, nämlich massenweise sensationsgeile Menschen ins Kino zu locken, für die Hochglanzverfilmung einer schlecht gemachten Twilight-Fanfiction. Das ganze als feministisch zu betrachten, so weit würde ich allerdings nicht gehen. Es ist nach wie vor höchst grenzwertig und nach wie vor eine Missbrauchsgeschichte.

  4. 4 utrumque 25. März 2015 um 15:20 Uhr

    ich sehe weder sexpositivismus noch feminismus. die folgenden artikel bringen die kernelement der dargestellten beziehung m.e. wunderbar auf den punkt
    *inhaltswarnung! beschreibung psychischer und verbaler gewalt sowie manipulation und misshandlungen in beziehungen*

    http://jennytrout.com/?p=3007
    http://www.liberonetwork.com/relationships/50-shades-of-abuse/

  1. 1 [mädchenblog] Fifty Shades of Grey – eine Begegnung | netzlesen.de Pingback am 18. Februar 2015 um 21:01 Uhr

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