Kleiner Nachtrag zum internationalen Frauentag

Im Vorfeld des internationalen Frauentages dieses Jahr bin ich auf einen Artikel im SZ Magazin gestoßen, der mich sehr bewegt hat. Unter dem Titel „Herzschlag“ beschreibt die Autorin sehr persönlich, wie sie selbst Gewalt durch ihren Partner erlebt und wie sie es letztendlich geschafft hat, sich von ihm zu lösen.

Und da wurde mir wieder deutlich, wie komplex und gegenwärtig, jedoch wie wenig präsent das Thema häusliche Gewalt eigentlich noch ist.

Wenn Frauen und Mädchen Gewalt erleben (und es ist in Deutschland jede vierte Frau, die bereits einmal Gewalt in einer Beziehung erlitten hat!), sitzen sie oft in einer mehrdimensionalen Zwickmühle. Oft ist der eigene Partner oder ein anderes Familienmitglied der Täter und sie haben bis zu Letzt die Hoffnung, dass die von ihnen eigentlich geliebte Person sich doch noch ändert. Sollten sie dann tatsächlich doch die Kraft finden und zur Polizei oder einer anderen Hilfestelle gehen, stehen die nächsten Hürden bevor. Oft sind es männliche Beamte, die die Anzeige aufnehmen und von denen sie sich vielleicht kritisch beäugt und nicht ernst genommen fühlen. Dann die Scham des erlittenen Unrechts, das sie, wenn sie sich anderen öffnet und „drüber reden“ wieder und wieder durchleben müssen – obwohl sie diese Erinnerungen doch eigentlich nur vergessen möchten. Und nicht zu Letzt die Angst: Was passiert, wenn der Täter vom Gang zur Polizei erfährt? Und sich dann auf noch grausamere Weise, vielleicht sogar an den Kindern, rächt? Wohnt man in einer Kleinstadt, ist der Buschfunk schnell und die Gefahr, dass der rettende Sprung in die Freiheit nicht lange unbemerkt bleibt, groß.

Wichtig ist zu erkennen: Häusliche Gewalt ist kein Phänomen einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht oder Einkommensklasse. Es kann jeden treffen und die Ohnmacht, die die Frauen verspüren ist die gleiche – egal ob als Anwältin, Verkäuferin, Wissenschaftlerin oder Köchin.

Und genauso so unterschiedlich wie die Frauen, denen es passiert, sind die Formen, in denen sich gewaltvolles und übergriffiges Verhalten äußern kann. Dabei reicht die Spannweite von Schlägen und Tritten, über Drohungen und Kontrolle des Geldes bis zu der bewussten Unterbindung von sozialen Kontakten nach außen. Diese Verhaltensweisen sind Ausdruck von Macht und sollen einschüchtern, handlungsunfähig machen.

Es gibt keine Erklärung und keine Entschuldigung für das gewaltvolle Verhalten. Es taucht willkürlich auf und ist für die Person, die gerade die Zielscheibe des Angriffs darstellt, weder zu kontrollieren, noch zu stoppen. Die Schuldfrage wird viel zu oft von den Personen die Gewalt erfahren auf sich selbst bezogen beantwortet: sind sie nicht selber die Ursache des Verhaltens? Haben sie die Schläge nicht erst provoziert und damit verdient?

Immer entsteht so das Gefühl der Hilflosigkeit und des ausgeliefert seins. Verhaltensmöglichkeiten, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien und die eigene Lähmungsstarre zu durchbrechen, fehlen. Denn über das Gefühl der Angst und der Scham und über das, was diese Frauen erlebt haben, können sie mit niemandem sprechen. Könne sich niemanden anvertrauen. Und sie haben auch noch keine Frau von Gewalterfahrungen und ihrem Umgang damit sprechen hören. Müssen sich selbst ins kalte Wasser werfen.

Dieses Gefühl wird sich langfristig nur ändern, wenn das Thema häuslicher Gewalt weiter ins Licht der Öffentlichkeit gerückt und breit diskutiert wird. Denn Gewalt geht uns alle an und gerade wenn sie hinter verschlossenen Türen passiert, muss dafür gesorgt werden, dass vorhandene Beratungs- und Unterstützungsangebote bekannt werden und von den Frauen wahrgenommen werden können. Es muss ein Klima des Hinschauens geschaffen werden, in dem sich Frauen mit Gewalterfahrungen nicht mehr sprachlos fühlen müssen.

Dazu ist mir diese Kampagne aufgefallen: Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES und die Kreativagentur HEYMANN BRANDT DE GELMINI haben einen Film zum Thema häusliche Gewalt an Frauen gedreht. Mit „Schaust du hin? – Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ soll Zivilcourage gestärkt und die Gesellschaft für dieses komplexe Thema sensibilisiert werden. Daneben hat die Kampagne natürlich auch das Ziel, vorhandene Hilfsangebote zu sichern und für ihre finanzielle Ausstattung zu sorgen.

Der im Fokus der Kampagne stehende Film zeigt nicht direkt die Gewalt an Frauen und Mädchen, sondern setzt sich mit dem Gefühl auseinander, das durch Nötigung, Erniedrigung und Unterdrückung entsteht und tiefe Wunden in der Seele hinterlässt.

Den kompletten Film findet ihr hier:

Allen Frauen soll dies ein Ansporn sein: wehrt euch, seid mutig und vor allem – ihr seid nicht allein!


1 Antwort auf “Kleiner Nachtrag zum internationalen Frauentag”


  1. 1 Anja 24. März 2015 um 6:00 Uhr

    Frauen die Anzeige erstatten können verlangen mit einer Beamtin zu sprechen.

    Danke für den Hinweis auf die Kampagne von Terres des Femmes, die ich bislang noch nicht kannte.

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