Waagenweitwurf

Seine Waage loswerden, das (der Öko in mir hofft: aufm Wertstoffhof) ausgesetzte Teil fotografieren und über sein Verhältnis zu dem Gerät bloggen; das ist so in etwa die Idee von #Waagnis, der Aktion, an der man momentan nicht vorbeikommt in der feministischen Blogsphäre.

Die einen loben es, die anderen kritisieren es, wieder andere sind gespalten. Ich glaube, ich gehöre zu letzteren.
Mein erster Gedanke war: „Cool! Ich hab sowieso nie kapiert, weshalb jede_r so ein Ding in der Wohnung hat.“ Ich hab nämlich keine. Seit ich vor über 10 Jahren bei meinen Eltern ausgezogen bin. In der WG hier gibt’s auch keine. Soweit ich weiß hatte ich auch noch nie Mitbewohner_innen, die je mit dem Gedanken gespielt hätten, eine anzuschaffen. Ich gehöre zu den Leuten, die immer (recht grob) schätzen müssen, wie viel sie wiegen, wenn man bei nem neuen Arzt oder ner neuen Ärztin ist. Ob ich zu- oder abnehme, merk ich daran, wenn Klamotten nicht mehr passen. Das ist dann aber eigentlich auch alles, was mich stört, wenn sich mein Gewicht ändert. Ich hab andere Komplexe.
Aber deswegen erscheint mir die Aktion eben auch nicht gerade revolutionär (und darum wird das hier auch keine Lebensbeichte über ein kompliziertes Verhältnis zur Waage). Sicher, ich bin der Meinung, ohne derartige Gewichtskontrolle lebt es sich leichter, vielleicht hilft’s auch der ein oder anderen, Körperwohlgefühl nicht mehr in Zahlen zu messen und wenn wer das Ding abschafft, hey, meinen Glückwunsch, weg damit, macht kaputt, was Euch kaputt macht!
Aber selbst damit identifizieren kann ich mich nicht.
Manches an Kritik teile ich – allein die Waage wegwerfen, kann’s nicht sein. Auch die teils recht unsensible Ausdrucksweise, wie Riotmango schon bemängelte:

da tauchten dann ungefähr so sätze auf wie ‘ich fühlte mich furchtbar, dabei war ich gar nicht dick’. meine lesart davon ist ungefähr so: “ich war gar nicht dick (also so wie diese ganzen dicken_fetten menschen), fühlte mich aber voll blöd. dabei gab es für das blöd-fühlen gar keinen grund (denn ich gehörte ja nicht zu diesen dicken_fetten menschen). wenn ich wirklich dick gewesen wäre, dann hätte ich ja wirklich einen grund gehabt, mich schlecht zu fühlen. aber ich war’s ja nicht. ich war völlig normal und fühlte mich trotzdem schlecht. wie ungerecht!”

ich weiß nicht, ob ihr mir folgen könnt (oder ob ich mich klar ausdrücke, mir fällt’s gerade schwer), aber für mich stecken da (mindestens implizit) krasse abgrenzungen drin. normen werden nur oberflächlich hinterfragt. dicke_fette menschen dienen immer noch als quasi-negative folie (weil: soooo dick war mensch ja gar nicht! und wurde *trotzdem* geärgert! wie fies!).

Andererseits bin ich großer Fan von Symbolen und der Meinung, daß Symbolhandlungen in ihrer Wirkung oft unterschätzt werden. Irgendwie auch hier.

Denn was hat diese Aktion uns bisher gebracht? Nun, erstmal so einige Leute, die mitgemacht haben, für die es vielleicht ein kleiner Startschuß für mehr Body Love ist. Vielleicht hat es für manche Feminist_innen auch was Kathartisches, zuzugeben, daß sie widerwillig eben doch mehr auf ihr Gewicht achten, als sie das gern würden.
Aber es hat vor allem eins gebracht: eine mords Diskussion.

Kaum ein feministisches Blog, das die Aktion nicht kommentiert. Sogar der Stern schreibt „Deutschland wirft die Waage weg“ (was ich dann doch für eine Übertreibung halte…).
Und wenn wir ehrlich sind, was die Fat-Positive-Debatte angeht – die haben wir dringend nötig! Wer’s nicht glaubt, kann sich (Achtung! Starke Nerven erforderlich! Am besten ein Kissen auf die Schreibtischplatte legen, Verletzungsgefahr und so) beispielsweise die Kommentare unter diesem Artikel in der Süddeutschen durchlesen.
Was bei der Aktion fehlt, wird in den Kritiken ergänzt, das Thema kocht, debattiert wird auf vielfältigste Weise, sehr viele interessante Aspekte werden angesprochen und „alte Hasen“ in diesem Thema bekommen (wieder/mehr) Aufmerksamkeit durch Weiterempfehlungen aufgrund dieser Debatte .
Und das Beste: der überall vorherrschende Konsens, daß eine Gewichtsdiktatur scheiße ist und nix mit „Gesundheit“ zu tun hat. Eine Debatte, in der man über sowas gar nicht mehr diskutieren muß. Schön!

Man könnte eigentlich sagen: Mission erfüllt! Was hätte man sich von der Aktion mehr erwarten können? Die wurde ja schließlich nicht gestartet mit dem utopischen Glauben, die Menschen würden von glückseliger Körperliebe überwältigt, sobald ihre Waage aufm Bauhof liegt.

Dennoch gibt es etwas, das ich kritisch sehe.
Ich kenne ein paar eßgestörte Menschen; als ich das erste Mal davon indirekt betroffen war, als eine gute Freundin mir erzählte, daß sie Bulimie hat, hab ich mich mit dem Thema erstmal intensiv beschäftigt. Weil mir die Gedankenwelt dahinter einfach völlig fremd war.
Was mir aber – bis heute – immer wieder auffällt, ist diese Fixiertheit bei Eßstörungen. Diese Fixiertheit auf Essen(splanung), auf Gewicht und Zahlen/Meßbarkeiten (Kalorien, Kilogramm, Weight Watchers-Punkte, Kleidergrößen, Bauch-/Hüft-cm, wie viele Stunden ohne Essen,…).

Und genau das begegnet mir in nicht zu wenigen dieser Blogposts zu #Waagnis. Auch, wenn manche freundlicherweise eine Triggerwarnung davorpacken – als (Ex- oder auch potentielle_r) Eßgestörte_r muß man sich ja momentan gerade durch einen regelrechten Triggerdschungel kämpfen, wenn man nicht auf die feministischen Blogs verzichten möchte!
Waage hier, Waage dort.
Sicher… man befindet sich immer auf dünnem Eis, wenn man dieses Thema anpackt.
Aber um die Menschen aufzufordern, sich nicht mehr von BMI&Co das Leben versauen zu lassen, braucht es keine Lebensbeichten über die eigene (mehr oder weniger vorhandene) Gewichtsfixiertheit, garniert mit Maßangaben („ich mit 1,70 und 65 kg“, „ich bin ja auch keine 90-60-90″ usw. – mal ehrlich, wen interessiert das?) und Normierungen („Wohlfühlgewicht“, „Übergewicht“, „es gab schließlich schon genügend andere körperliche Nachteile“, „Schweinshaxen“, „Problemzone“, …).
Ich will auch nicht wissen, wie viele Leser_innen sich gedanklich automatisch mit den in den Blogposts vorkommenden Angaben/Normvorstellungen vergleichen – wohl eher kein Effekt, den man sich erhofft hätte.

Ich würde mir wünschen, daß die Debatte weitergeht, auf jeden Fall! Und daß sie schnell von diesem „Waagenaussetzen“ wegkommt und sich Substantiellerem zuwendet, was wahrscheinlich auch irgendwie der Absicht der Initiatorinnen entspricht.

Nur halte ich es bei einer Aktion, bei der man eigentlich aus diesem Normierungs- und Meßkorsett Schema F des Diät- und „Schönheits“wahns ausbrechen will, für unerlässlich, daß man dann auch darauf achtet, dieses Schema wenigstens nicht gerade bei dieser Gelegenheit immer wieder zu reproduzieren!
Wenn ich drauf scheiß (oder es zumindest vorhabe), wie viel ich bei welcher Körpergröße wiege, wiegen werde oder gewogen habe – wieso muß ich der Welt dann genau das bitte auch noch bei einer Anti-Waagen-Aktion detailliert mitteilen?

Ich gebe ganz offen zu, daß es schon verführerisch ist, allein schon der Anschaulichkeit (hah!) wegen. Und ich habe auch nichts prinzipiell gegen derartige Blogposts.
Nur bei einer Aktion wie dieser mit massenhaft Blogartikeln zum Thema wäre es mehr als enttäuschend, dabei stehenzubleiben.

Aber halt mal genau so etwas wegzulassen, wäre doch schon mal eine nette kleine Übung, wie es sich ohne diese Messungen und Normen lebt. Man tut sich damit ja auch selbst einen Gefallen. Und der Sache auch. Sonst werden unsere Köpfe schon wieder nur mit Zahlen, Werten und Normen gefüllt. Die Normen und „Ideale“ werden einem schon überall anders präsentiert, kein Grund, unser sowieso schon ständig von allen Seiten attackiertes Selbsbewußtsein hier auch noch diesem Murks auszusetzen.


2 Antworten auf “Waagenweitwurf”


  1. 1 Koschti 19. Juni 2013 um 9:53 Uhr

    Och nö. Ich habe mir gerade so eine schöne neue Waage gekauft. ;)
    Man rennt ja nicht automatisch irgendwelchen Schönheitsidealen hinterher oder hat ein total kleines Selbstbewusstsein, nur weil man sein Gewicht im Blick behalten möchte. Das lasse ich mir auch nicht unterstellen.

    Ich bin weder dünn nach allgemeiner Vorstellung, noch habe ich jemals Diät gehalten. Ich weiß aber, dass ich wieder zunehme, wenn ich nicht ab und zu mal schaue, was gerade mit meinem Gewicht los ist. Als ich noch deutlich schwerer war, störte mich mein Gewicht so sehr, dass ich Bewegung als Quälerei empfand. Und Sport soll mir doch in erster Linie Spaß machen. Ich brauche das Austoben genauso wie Schokoladenkuchen. Die Waage hilft mir, dabei die Balance zu halten, die ich für mich als richtig und angenehm halte.

    Ich halte auch nichts davon, Schlanksein mit Schönheit, Gesundheit, Beliebtheit und Erfolg gleich zu setzen. Es gibt Menschen, die sind mit dem Gewicht, das ich persönlich als störend empfand, völlig zufrieden. Mir käme nie in den Sinn, sie deswegen zu kritisieren oder sogar zu belächeln und zu belehren.
    Es ist eine ganz persönliche Entscheidung, bei welchem Gewicht man sich wohl fühlt und ob man sein Gewicht messen möchte oder nicht.

  1. 1 Haasenburg, Marusha & Diffamierung von Inge Hannemann « Reality Rags Pingback am 17. Juni 2013 um 18:58 Uhr

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