Mein Bauch gehört mir // Gegen christlichen Fundamentalismus

In den letzten Wochen wurde hier schon über den „Marsch der 1000 Kreuze“ in Salzburg berichtet. Dort gab es kleine, aber wirkungsvolle Gegenaktionen, die die Christ_innen ganz schön aufgeregt haben. Auch in Berlin wird es am 20.09.2008 einen solchen Marsch fundamentalistischer Abtreibungsgegner_innen geben, und damit auch die Berliner Fundis nicht ganz unbehelligt bleiben, gibt es ein Bündnis von feministischen, antisexistischen und antifaschistischen Gruppen, dessen Aufruf zur Gegenkundgebung ich hier dokumentiere:

Kundgebung: „Mein Bauch gehört mir // Gegen christlichen Fundamentalismus“
Am 20.09.2008, 11.30 Uhr auf dem Platz vor dem Roten Rathaus (Berlin, Neptunbrunnen)

Abtreibungsverbot (§218) abschaffen / Gegen christlichen Fundamentalismus

Für den 20. September 2008 mobilisieren der Bundesverband Lebensrecht und einige andere Organisationen zu einem „Schweigemarsch“ mit dem Titel „1000 Kreuze für das Leben“. Wir rufen dazu auf, diesem laut und mit vielfältigen Aktionen entgegenzutreten.

Die beteiligten Gruppen dieses „Schweigemarsches“ bezeichnen sich als Lebenschützerinnen und Lebensschützer, bekannter sind sie unter „Pro Life“. Dabei geht es ihnen auf der Grundlage eines christlich-fundamentalistischen Weltbildes um das Verbot und die Bestrafung von Abtreibungen. Sie sprechen allen Frauen das Recht ab, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Sie lehnen jeden Schwangerschaftsabbruch als „vorgeburtliche Kindstötung“ ab. Statistisch unhaltbare Angaben über die Anzahl der Abtreibungen in der BRD sowie die wissenschaftlich umstrittene Konstruktion der Krankheit „Post-Abortion-Syndrom“ sollen Frauen moralisch unter Druck setzen und einschüchtern, sowie den Staat dazu bringen, die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch weiter einzuschränken.

Im Gegensatz zu einer verbreiteten Meinung ist Schwangerschaftsabbruch in der BRD weiterhin eine Straftat, die nur unter bestimmten Voraussetzungen nicht strafrechtlich verfolgt wird. So z.B. wenn Embryo oder Frau medizinisch bzw. gesellschaftlich nicht den körperlichen oder geistigen Normen entsprechen – diese Regelung kann als Form der Eugenik angesehen werden. Nachdem 1995 der §218 im Strafgesetzbuch letztmalig neu geregelt wurde, brach die Debatte um Abtreibung in der BRD ab. Wir fordern hingegen weiterhin, dass jede Frau selbst über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden kann. Wir wollen eine Gesellschaft, in der Abtreibungen kein gesundheitliches, rechtliches oder ökonomisches Problem für Frauen darstellen und ohne Eingriff oder die Belehrung des Staates und der Angst vor dem moralischen Stigma zugänglich sind.

Die so genannten Lebensschützer_innen sind Teil des christlichen Fundamentalismus in der BRD. Wie alle religiösen Fundamentalismen arbeiten auch sie hin auf eine gesellschaftliche Dominanz ihrer Dogmen, etwa Familienzentriertheit, Heterosexualität, Schicksals- und Obrigkeitsergebenheit. Ihr diesjähriger Auftritt in Berlin gewinnt auch deshalb an Relevanz, weil er von der im Januar 2008 gegründeten AUF-Partei (Arbeit, Umwelt und Familie) unterstützt wird. Sie will mit Großkampagnen nach dem Vorbild christlicher Fundamentalist_innen in den USA, Südamerika und Afrika auftreten. In den USA beinhalten die „Kampagnen“ unter anderem Blockaden von Kliniken, aber auch gewalttätige Übergriffe gegen sowohl Ärzt_innen als auch Frauen, die abtreiben wollen. Auch in der BRD und Österreich werden Frauen, die Abtreibungskliniken aufsuchen, heute bereits durch „Gehsteigberatung“ eingeschüchtert und bedrängt und Ärzt_innen als „Massentöter“ diffamiert. Der „Schweigemarsch“ in Berlin wird der erste öffentliche Auftritt für die AUF-Partei sein.

Weder christliche Moralvorstellungen noch staatliche Zugriffe dürfen über das Leben und die Körper von Menschen bestimmen.
Deshalb rufen wir dazu auf, die Inszenierung der sog. Lebensschützer_innen als „Schweige- und Trauermarsch“ (dunkle Kleidung und weiße Kreuze) zu stören (bunte Kleidung und emanzipatorische Sprüche).

Aufrufer_innen:
ak linker feminismus, ANA autonome Antifa Neukölln, antisexistische Praxenkonferenz II, Antisexismusbündnis Berlin, f.a.q. antisexistischer Infoladen, feministische FrauenLesben Liste FU-Berlin, Forschungsgruppe Christlicher Fundamentalismus, Frauen- und Queer Referate AStA TU Berlin, GAP Berlin, Schwarzer Kanal

Aufrufer_innen:

ak linker feminismus, ANA – autonome Antifa Neukölln, Antisexismusbündnis Berlin, Antisexistische Praxen-Konferenz II, f.a.q. antisexistischer Infoladen, Forschungsgruppe Christlicher Fundamentalismus, Frauen- und Queer-Referate AStA TU Berlin, GAP Berlin, feministische FrauenLesbenListe FU Berlin, Schwarzer Kanal

http://no218nofundis.wordpress.com

In diesem Sinne und auf bald in Berlin:
Kein Gott – Kein Staat – Kein Patriarchat!


20 Antworten auf “Mein Bauch gehört mir // Gegen christlichen Fundamentalismus”


  1. 1 chica 06. September 2008 um 2:07 Uhr

    Ein Original-Dokument zur Position der Rechten zum Thema Abtreibung und Überschneidungen mit Positionen der Christen ist der Aufruf zur Solidarität mit EuroProLife der extremen Rechten hier.

  2. 2 lira 07. September 2008 um 12:25 Uhr

    Hallo,
    bitte verbessert doch euren letzten Satz in kein Gott- kein Staat kein !! Patriarchat!! also mit r, ein beliebter Fehler, der immer wieder gerne gemacht wird, aber wenn er dann auf einem Transparent zu lesen ist, dann doch nicht gut kommt.
    Viele Grüsse von Michaela.

  3. 3 Julinoir 07. September 2008 um 13:21 Uhr

    Oha, danke für den Hinweis und die Spende eines „r“!
    schöne grüße

  4. 4 dodo 08. September 2008 um 9:51 Uhr

    Im Prinzip prima Sache, aber ich finde es immer wieder, naja, doof, daß alles in einen Topf geworfen wird.
    Sicher sind Hardcore-Christen der Lieblingsfeind von pro-choicern, aber noch lange nicht alle abtreibungsgegner sind christen, genausowenig wie alle christen abtreibungsgegner sind etc.

  5. 5 crashintoahouse 08. September 2008 um 10:20 Uhr

    dodo, wer ist denn abtreibungsgegner und ist nicht reaktionär-konservativ, bzw. gehört nicht zu einer solchen gruppe?
    ist es überhaupt relevant, ob es sich bei der zu kritisierenden gruppe um christen oder pro-life-leute handelt? sie vereint doch eines: menschen das recht auf freiheit und selbstbestimmung abzuerkennen. und genau darauf zielt der protest hier ab.
    völlig anders sieht der fall aus, wenn eine organisation ungewollt schwangeren frauen andere mögliche wege als eine abtreibung aufzeigt. aber das tut auch pro-familia.
    es ist letzlich immer zu verurteilen, wenn hilfesuchende frauen, oder auch solche, die sich bereits entschieden haben, unter den druck einer interessengemeinschaft geraten.

  6. 6 dodo 08. September 2008 um 10:38 Uhr

    abtreibungsgegner finden sich überall, in sämtlichen religionen und auch unter atheisten. ich finde die fokussierung auf christen lediglich ziemlich verkürzt.

  7. 7 crashintoahouse 08. September 2008 um 11:21 Uhr

    kann ich gut nachvollziehn, der protest gegen fremdbestimmung und für radikale aufklärung darf sich natürlich nicht nur auf eine gruppe, die das falsche will, konzentrieren.
    aber die einstellung von fundi-christen wird dadurch, dass sie von einigen nichtchristen geteilt wird, nicht weniger falsch.
    außerdem waren es ja leute mit christlich-fundamentalistischen hintergrund, die diesen schweigemarsch („1000 Kreuze für das Leben“) initiiert haben.
    der gegenprotest könnte die chance nutzen, sich aus seiner rolle als bloße reaktion weiterzuentwickeln und ein universaleres zeichen gegen aufklärungsgegner zu setzen. die frage ist, ob ein intensiver angriff auf einen partiellen aspekt des themas in der außenwirkung nicht effektiver ist, um die trottel und ihre inhalte zu entlarven.

  8. 8 Indyleser_in 08. September 2008 um 12:21 Uhr

    Auf Indymedia is jetzt auch dazu ein recht guter Übersichtsartikel erschienen. Die Diskussion, die sich da in den Kommentaren gebildet hat, ist aber mehr so ekelhaft.

  9. 9 Indyleser_in 08. September 2008 um 12:31 Uhr
  10. 10 Julinoir 08. September 2008 um 13:39 Uhr

    @Dodo:
    so ganz nachvollziehen kann ich deinen einwand jetzt nicht.
    1. wie crashinotahouse schon schrieb, handelt es sich um einen Demo gegen leute, die ganz klar christlich-fundamentalsiitsch sind. insofern ist eine auseinandersetzung mit deren ideologie notwendig.
    2. zeigt dir ein kurzer blick auf die deutsche lebensschützer_innen szene, das es sich dort zu einem ganz überwiegenden Teil um christ_innen handelt, die ihre abtreibungsgegenerschaft auch genau so begründen. anschlussfähig ist das sowohl in richtung cdu als auch in richtung nazis.
    3. ist die ausgestaltung des §218, wie wir ihn heute haben, auf die lobbyarbeit von christ_innen sowie die christliche orientierung des bundesverfassungsgerichts zurückzuführen. christliche und staatliche interessen und ideologien fallen keineswegs in eins, wenn es z.B. um Stammzellforschung oder Eugenik geht, widersprechen sie sich auch mal. Die Repressionen gegen bestimmte Frauen, die abtreiben wollen, sind aber in beider Sinne (mir ist schon klar, dass Staat nicht gleich Staat ist, aber als verkürzte Aussage in nem Kommentar find ich es ok)
    4. (… und hier muss ich dir unterstellen, dass du den Aufruf nicht richtig gelesen hast) geht es uns keineswegs „nur“ um christliche Abtreibungsgegner_innen, sondern eben auch um eine Kritik an staatlicher Herrschaft.
    Und: Ja, ja, ja, wir wollen mehr Debatten um Selbstbestimmung, 218, Feminismus und den ganzen Rest!

    @indyleser_in:
    ja, die Kommentare in dem Artikel sind erschreckend. Warum jemensch mit vermeintlich Linken über das das Recht auf Selbstbestimmung über den Körper diskutieren muss, oder warum mögliche Väter nicht gefragt werden müssen, wenn eine abtreiben will, ist mir schleierhaft und lässt Böses über den Zustand der Linken ahnen.

  11. 11 Different 09. September 2008 um 0:45 Uhr

    oder warum mögliche Väter nicht gefragt werden müssen, wenn eine abtreiben will

    Naja, was heißt müssen, es wär meist wohl schon besser mit dem Partner vorher darüber reden würde statt ihn einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen. Ändert natürlich nichts daran, dass es letztendlich die Entscheidung der Frau sein muss.

  12. 12 laylah 09. September 2008 um 1:11 Uhr

    different: wieso ist das „besser“?

  13. 13 Different 09. September 2008 um 1:44 Uhr

    Mir fällt keine befriedigende Antwort auf diese Frage ein hinter der ich in einer möglicherweise folgenden Diskussion stehen könnte, also schreib ich lieber gar keine. Ich weiß es nicht.

  14. 14 laylah 09. September 2008 um 11:40 Uhr

    wenn man kein argument für eine aussage hat, wäre es vllt sinnvoll, diese zurückzuziehen, findest du nicht?

  15. 15 Johannes Ripalda 20. September 2008 um 21:42 Uhr

    Jeder Mensch hat das fundamentalste aller Menschenrechte: zu leben. Auch das ungeborene Kind. Ich wünsch dir, dass auch du einmal echte Liebe erfährst in deinem Leben: „Ich liebe dich“ = „Es ist gut, dass es dich gibt!“

  16. 16 anti-christ 21. September 2008 um 0:04 Uhr

    Das „Recht auf Leben“ interessiert bei Menschenfeinden wie Dir doch nur solange es sich um einen überhaupt nicht lebensfähigen Zellhaufen handelt. Sobald ein Mensch geboren ist, schert sich keine Sau mehr drum, ob er lebt oder stirbt. Weltweit sterben die meisten Kinder deshalb schon in den ersten Lebensmonaten. Könnte auch skandalisiert werden von selbsternannten Lebensschützern, wird es aber nicht. Warum? Weil man Tote durch Hunger und leicht heilbare Krankheiten nicht so leicht instrumentalisiern kann, um Frauen zu unterdrücken.

  1. 1 20.9. vs §218 - stand der dinge « im*moment*vorbei Pingback am 08. September 2008 um 23:47 Uhr
  2. 2 Abtreibungsverbot abschaffen « f*cking queers Pingback am 11. September 2008 um 13:26 Uhr
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