Archiv der Kategorie 'geschlecht'

Schwimmen

Dieser Artikel ist im März 2016 in der Brav_a #7 erschienen. Die Brav_a {spanisch: tapfer, mutig, wild, wütend} ist ein queer-feministisches Zine im Stil einer Teenie-Zeitschrift.
Wie ich euch sicher nicht erklären muss, geht es im Text nicht um den Diss von allen Männern, oder die Behauptung alle Männer wären gleich, sondern um die Kritik von dominant performter Männlichkeit.

Ich habe Sport schon immer gehasst, denn beim Schulsport war ich immer die Letzte bei allem. Auch heute verabscheue ich Sport noch und bin sehr unsportlich. Nur Schwimmen mag ich und wegen guter Technik bin ich eine ganz gute Schwimmerin. Also natürlich nicht auf Leistungssportniveau, aber so, dass ich gut mit sportlichen Menschen mithalten kann. Einmal die Woche gehe ich mit einem Freund in die Schwimmhalle an der Landsberger Allee, dort, wo viele dieser sportlichen Menschen ihre Bahnen ziehen. Dieses Becken ist ein Biotop für männliches Dominanzverhalten, und jede Woche freue ich mich ein bisschen darauf, diese Rituale aus nächster Nähe erleben zu können. Dort, in diesem Moment, wenn die Menschen fast nackt sind, und von den allermeisten Merkmalen des sozialen Status, von Bildungsgrad, Beruf, Familienstand, sexuellen Vorlieben oder politischen Meinungen befreit sind, dort, wo Reden keine Rolle spielt, sondern jede Kommunikation auf die reine grobe Körpersprache reduziert ist, dort wird einem die Lächerlichkeit von dominant performter Männlichkeit besonders bewusst.

schwimmen

Erste Szene: Ich, die ich sehr unsportlich aussehe, mit meinem untrainierten Körper und meinem Bäuchlein, fange an zu schwimmen. Hinter mir ein Mann. Der Mann hinter mir drängelt und überholt mich schließlich, er schneidet mich knapp, vielleicht damit ich es auf jeden Fall mitbekomme, wie er mich überholt. Manchmal tritt er mich noch ein bisschen, was bilde ich mir auch ein in seiner Bahn zu schwimmen. Dann jedoch hat der Mann sich verschätzt, das Überholen war anstrengender, als er dachte, und ich bin schneller, als er dachte. Er fällt zurück und ich muss ihn schließlich wieder überholen. Während ich ihn überhole wird er noch einmal schneller, so dass es noch länger dauert und wir dabei noch eine dritte entgegenkommende Person stören. Das einzige Resultat dieser ganzen Aktion ist, dass es uns beide genervt und in unserem Schwimmrhythmus gestört hat. Manchmal wiederholt sich diese Situation mit derselben Person noch mehrere Male, bis ich meine 20 Bahnen geschwommen bin und aufhöre. (mehr…)

Kahlschlag 2015

laempelAnfang 2007 gab es noch einen großen medialen Aufstand, als Britney Spears sich die Haare abrasiert hatte.
Und heute? Scheint Kahlschlag auf dem Frauenschädel immer noch genauso provokant für die Umwelt zu sein.
Laura Nunziante hat sich von ihren Haaren verabschiedet und schreibt auf bento von den Reaktionen:

„Sag mal, bist du krank?“ Das ist die erste Nachricht, die ich auf Facebook erhalte, nachdem ich mein Profilbild geändert habe. „Du siehst aus, als hättest du ’ne Chemo hinter dir.“ Ein langjähriger Freund schreibt: “Läuft wohl nicht so mit den Typen, was?“
(…)
Ich werde auf der Straße mit einer KZ-Insassin verglichen. Ich werde gefragt, ob ich überhaupt noch „gefickt werde bei dem Aussehen.“ Eine ältere Frau fragt mich, warum ich mich über Krebskranke lustig mache.

Frau + rasierter Kopf = krank, mißhandelt, asexuell?
Bei Wikipedia wird interessanterweise eine Studie von Albert Mannes hingewiesen:

Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 von Albert Mannes von der Wharton Business School wird die Glatze gesellschaftlich mittlerweile anders beurteilt. Er fand heraus, dass die Glatze für Größe, Achtung und Macht steht. Unbehaarte wirken dominanter und kräftiger. Sie wurden im Experiment um durchschnittlich 2,5 cm größer eingeschätzt. Weitere Eigenschaften, die mit Glatze in Verbindung stehen sind Aggressivität, Männlichkeit, Wettbewerbsstärke und Erfolg. Dagegen wirken Toupets und überkämmte Haarlücken lächerlich.

Getestet wurde hier natürlich die Reaktion auf männliche Glatzenträger
Vielleicht gibt es in ein paar Jahren mal eine Studie, bei der den Probanden Bilder von Frauen mit/ohne Haupthaar vorgelegt werden – und bei der die Reaktionen dann hoffentlich etwas, ahem… differenzierter ausfallen als bei Laura.
Aber, wie diese so schön feststellt:

Es hat zwei Minuten gedauert, meine Haare abzurasieren. Denkmuster zu durchbrechen, dauert länger.

Respect

„Zeit Online“ erzählt die Geschichte von Otis Reddings Lied „Respect“ und wie Artetha Franklin ihn mit neuer Bedeutung auflud:

In der Tat übertraf Franklins Respect Reddings Original um Längen. Die Aufnahme wurzelte zwar im selben Südstaatensound. Arethas Stimme aber, unterstützt von einem Gospel-Backgroundchor, katapultierte den erdverhafteten Rhythm and Blues Reddings in spirituelle Höhen.

Entscheidend dafür, dass der Song zum Protestlied wurde, war indes noch etwas anderes: dass sie die Perspektive umkehrte. Dass hier eine Frau sang. Dass hier eine Frau Respekt verlangte von ihrem Mann. Sosehr Emanzipation und Gleichberechtigung Schlagwörter der Bürgerrechtsbewegung waren: Mit der Gleichstellung der Geschlechter war es oft auch unter den afroamerikanischen Aktivisten nicht weit her. Im Soul und Rhythm and Blues galt Gewalt in der Ehe nicht selten als Kavaliersdelikt; aus weiblicher Perspektive wurde sie viel beklagt und viel besungen.

Redding forderte Respekt aus der Position des Mächtigeren. Aretha Franklin sprach aus der Position der Benachteiligten. Erst durch diese Umkehrung eignete sich das Lied dazu, Verhältnisse jenseits der eigenen vier Wände mit anzuprangern.

Von Queen Bees und einem manipulierbaren Bienchenstaat, wie er im (Märchen-)Buche steht – Erwachsenwerden in Zeiten des Youtube-Kapitalismus

Es ist so einfach Licht und Schatten zu unterscheiden, wenn die Sonne vom wolkenlosen blauen Himmel brennt und die Augen dank Sonnenbrille nicht unangenehm geblendet werden. So lag ich vor einiger Zeit am Strand und suhlte mich in der südeuropäischen Sonne mal wieder genüsslich in meiner feministischen Wut über die neuesten Youtube-Videos der Lifestyle-Vloggerinnen Dagi Bee und Bibi mit den dazugehörigen Tweets ihrer treuen „Bienchen“ und „Bibinators“, wie sich die Fans selbst nennen. Wahrscheinlich wollte ich mir nur selbst beweisen, dass ich mein politisches Interesse nicht automatisch an der Rezeption des ordentlichen Rentner-All-In-Hotels abgegeben hatte. „Das darf doch wohl nicht wahr sein“, grummelte ich offenbar bereits bestens akklimatisiert in Rentner-Manier vor mich hin, „dass Heerscharen junger Mädchen diesen Queen Bees of Capitalism vollkommen unreflektiert wie ferngesteuerte Zombie-Bienchen mit der gleichen glattgebügelten Frisur hinterherfliegen. Wo sind denn bitte die rebellischen Biene Majas geblieben?!“. Vor kurzem waren solche Lifestyle-Formate in die Kritik geraten; ihnen wurde vorgeworfen die Fans moralisch fragwürdig durch Schleichwerbung auszubeuten. (mehr…)

Open call for artists

Folgendes Mail erreichte mich kürzlich und wurde mir erlaubt zu veröffentlichen:

Liebe Alle,

anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Münchener Trans*Tagung im nächsten Jahr (2016), wird es eine große Trans*- und Inter-Tagung für den deutschsprachigen Raum geben, für alle Menschen die sich für ein Leben jenseits der heteronormativen Welt interessieren.

Die 4-tägige Veranstaltung (Himmelfahrt Do 05.05.2016 bis So 08.05.2016) möchte Trans*Menschen, Intersexuelle Menschen und alle Menschen die sich für ein Leben jenseits der heteronormativen Welt interessieren, zusammen bringen und ist zum aktuellen Zeitpunk wie folgt strukturiert:
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SPITZ sucht Beiträge!

Was wir planen
„SPITZ“ – ein queeres Magazin. Das Ganze wird eine exemplarisch-selektive Dokumentation mit inhaltlichem Schwerpunkt auf (Selbst)repräsentation. Die Uneindeutigkeit und Vielfalt des Themas soll sich auch in Layout und Gestaltung widerspiegeln. Je nach Budget, das wir aufstellen können, wird das Magazin unterschiedlichste Materialien enthalten (Spiel mit Haptik und Gestaltung), je nach Beiträgen unterschiedlich umfangreich sein.

Wenn wir schon (noch) eine Diplomarbeit machen, dann soll es bitteschön ein geiles, heißes Teil werden, etwas, das man gerne aufhebt, herzeigt und immer wieder anschauen möchte!

Einfließen werden Portraits & Reportagen, freie Arbeiten, Interviews, literarische Texte, Illustrationen etc., teils von uns produziert und teils kuratiert.

Was wir suchen
Wir sind auf der Suche nach spannenden Beiträgen, die wir einbauen können!
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Pick-Up-Artists als maskulinistische Erscheinungsform

Das linke Magazin „konkret“ hat in seiner ersten Ausgabe des neuen Kalenderjahres die Pick-Up-Artists, die schon bereits hier zweimal besprochen wurde, auseinandergenommen und einen radikalen Schritt begangen. Die zuständige Autorin Iris Dankemeyer, welche das sexistische Phänomen unter dem Titel „Pannendienst“ beschrieb, interpretiert die Methodik nicht als Aufruf zur Vergewaltigung, sondern als Gebrauchsanleitung eines Amok. Den Männern wird in den Kursen beigebracht, daß die primären Emotionen kontraproduktiv und mittels bestimmter Taktiken, wie das Freeze-Out, der Wille der Frau manipuliert werden kann und soll, um an die Früchte zu gelangen, welche gepflückt werden möchten. Dabei, und das hat Iris Dankemeyer richtig erkannt, ist das „Projekt“ von Julien Blanc lediglich eine Personifizierung der eigentlichen Ungleichheit der Gesellschaft, in der die Schnellebigkeit und der ständige Leistungsdruck sich auch auf das Sexualleben auswirkt. Der gegenwärtige Sexismus, welcher in seiner modernen Auslebung meist einseitig agiert, die Frau betreffend, provoziert ein Bild, in der die Frau als etwas gepriesen wird, das als Ziel unerreichbar scheint und durch modische Attribute sexualisiert wird, derweil konservative Medien und Privatpersonen häufig skandieren, eine Frau habe mit der Wahl der Kleidung auch eine Mitverantwortung, falls es zu einem Übergriff kommt. Daß es nun gerade auch Kurse gibt, welche dieses Denken schulen und als ein regulären Bestandteil der Gesellschaft manifestieren soll, offenbart die eigentliche Reichweite, welche diese Problematik umspannt. Der Reiz des Sex‘ wird immer häufiger bagatellisiert und der Mann wird als ein „Jäger“ degradiert welcher nur dann Respekt von Gleichgesinnten erhalten wird, wenn sich seine Liste individuell füllt. (mehr…)

X (Dritte Option)

Fühlst Du Dich weiblich? Fühlst Du Dich männlich?

Zwei Fragen, welche primär wohl nichts außergewöhnliches sein mögen, doch breche man das tradierte Verständnis derer auf, vermag sich dahinter eine Kategorisierung zu verbergen, die Identitäten gleichsetzt. Diese zwanghafte Einordnung wird schon bei der Geburt vollzogen, in der ein blaues oder ein rosa Bändchen veranschaulichen soll, daß dieses Kind nun männlich oder weiblich ist. Die Frage ist allerdings: läßt sich das anhand von primären Geschlechtsmerkmalen festmachen? KritikerInnen kommen gerne mit dem Argument, daß die Geschlechtszuweisung rein biologischer Konnotation geschuldet ist, und sie nicht mit der sexuellen Identität gleichzusetzen wäre. Doch das ist ein Trugschluß, was den KritikerInnen selbst nicht klar zu sein scheint. Dafür müßte man erst einmal in Erfahrung bringen, was die Kriterien für eine Weiblichkeit und eine Männlichkeit wären, was allerdings äußert schwierig ist. Dabei ist es nicht damit gesagt, daß jeder Mensch, wer eine Gebärmutter hat, sei weiblich, und jeder Mensch, wer einen Phallus besitzt, wäre der Männlichkeit zuzuordnen. Die eigentliche Weiblich- und Männlichkeit unterliegt einem soziologischen Prozeß, welche Regeln etabliert, die es nur schwer zu brechen gilt, welche allerdings gerade die Einordnung zementiert und einen Individualismus schwer zuläßt, was sich in Diskriminierungen widerspiegelt. Dabei möchte ich noch gar nicht transsexuelle oder auch intersexuelle Menschen ansprechen; die Bindung, der „fließende Übergang“ zu den zwei Geschlechtern ist kaum mehr zu definieren, da einerseits die Grenzen in selbst definierter Regel sich anpassen, andererseits sie sich der Starrheit unterworfen, um so eine Abgrenzung zu schaffen. Dabei kann man einen schnellen, leichten Selbsttest machen, in dem man sich fragt, was man unter Weiblich- resp. Männlichkeit versteht; die meisten Antworten würden sich um Erscheinungsbilder drehen, und in diesem Kontext auch schon eigene Kategorien erschaffen, was das ganze Konzept der Zweigeschlechtigkeit ad absurdum führt. So werden lesbische Frauen, geben sie sich fern der von Gesellschaft zementierten Weiblichkeit, gerne als „maskulin“ angesehen, ihnen wird in dem „Vorwurf“ nun eine geformte Weiblichkeit genommen. Denselben Effekt haben wir bei schwulen Mitmenschen, die sich „feminin“ verhalten, ihnen somit eine Männlichkeit abgesprochen wird. (mehr…)

Herzliche Einladung an Schreibende

Das kam heute über einen feministischen Emailverteiler rein:

TEXTE gesucht zum Thema Frauen/Männer/ Körper auf der Bühne

FIFTITU% sucht Poetry/Prosa Texte (max. 1 A4 Seiten) zum Thema:

* Frauen/Männer/Körper auf Bühne

* Rap/Reimen/Texten ist für alle da! Für alle Kulturen und vor allem für alle Geschlechter. In den Texten sollen Wertungen nicht nur hinterfragt werden, sondern auch künstlerisch verändert werden.

* Die Texte sollen*im GLOSS Magazin abgedruckt werden. (Die Auswahl der Texte wird durch die GLOSS-Redaktion bestimmt.)

Einsendeschluss: Dienstag, 4.11.2014 / 24 Uhr
An: fiftitu /ät/ servus /./ at

Wir freuen uns auf eure Gedanken zum Thema.

Mit feministischen Grüßen
FIFTITU%
Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in OÖ

Rot. Oder doch blau?

Da war dieser Junge in dem Laden.

Die Schlange vor der Kasse war vergleichsmäßig lang, so lauschte ich diversen Gesprächen. Eines fand sofort mein Gehör, in dem eine Mutter einem Jungen einen Wunsch ausschlug. Normalerweise sollte man darüber keine Zeilen verlieren, allerdings war die Ausgangssituation sowie deren Verlauf nicht einer „gewöhnlichen“ Situation untergeordnet. Er wollte dieses rote Bändchen haben. Für seinen Arm. Die Antwort der Mutter: so etwas trägen lediglich Mädchen, und vor allem sei die rote Farbe ein Sinnbild des Femininen, so habe ihr Sohn sich von jenem fernzuhalten, um dort eine Grenze zu ziehen.

Diese Situation fungiert als Beispiel einer gesellschaftlichen Problematik, in der wohl nicht-verletzend gemeinte Richtlinien und Grenzen langfristig eine indirekte Transphobie und Diskriminierung nach sich zieht. Daß die blaue Farbe des Männlichen verpflichtend und die rote dem Weiblichen, mag der historische Konnotation geschuldet, jedoch dient diese Farbdiskriminierung nicht der Entwicklung eines Individuums. Die Aussage, es gäbe geschlechtsspezifische Farben, ermöglicht den jungen Mitmenschen keine gesunde Reflexion und schadet so der Entwicklung, auch die Persönlichkeit, da ein starres Verharren auf das Männliche und das Weibliche zerstörend wirken kann. Denn: primäre Geschlechtsmerkmale sind nicht gleichzusetzen mit der Geschlechtsidentität. (mehr…)