Archiv der Kategorie 'körper'

Internet & Lookism

Mit freundlicher Genehmigung hier ein von mir (frei) auf deutsch übersetzter Artikel von Caitlin Seida, Journalistin seit 2006, deren Texte schon bei Livestrong.com, The Daily Puppy, and Case to Case, u. a. erschienen; thanx a lot!

Als mich Fremde wegen meines Gewichts aufzogen, war das eine Lektion für mich – was Internetgrausamkeit, gemeine Frauen und sich Wehren angeht.
Von Caitlin Seida.
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Eines Tages loggte ich mich auf mein Facebookkonto ein und fand eine Nachricht einer Freundin vor. „Du bist eine Internetberühmtheit!“, hieß es darin. Dazu ein Link zu einer sehr öffentlichen Seite, deren einziger Zweck es ist, Bilder von Leuten zu veröffentlichen, über deren Aussehen man sich lustig machen kann. Und da war ich, in voller Pracht – ein Bild von mir, als meine Heldin Lara Croft verkleidet: Tomb Raider, für Halloween – aber über dem Bild ein Schriftzug mit den Worten „Fridge Raider“ (dt. „Gefrierschrank-Plünderer“).

Lustigerweise war ich anfangs gar nicht ärgerlich. Tatsächlich fand ich es sogar irgendwie amüsant. Wer lacht nicht über unglückliche Schnappschüsse irgendwie daneben gekleideter Fremder? Ich hab sowas sicherlich schon zuvor getan; diese Art anonymer Spott ist ein Motor für das Internet. Es gibt ganze Websites nur für die Abbildung seltsamer Modemißgriffe von zufälligen Leuten. Und wie ich sind die meisten dieser Leute fett.

Prinzipiell sehe ich meine Körpergröße nicht als positiv oder negativ – es ist, wie es ist. Ich esse richtig (meistens) und ich treibe Sport (nicht gerade wenig) und das macht keinen großen Unterschied wegen eines polyzystischen Ovarsyndroms und einer beeinträchtigten Schilddrüse. Ich bin kräftig, flexibel und mein Doktor versichert mir eine gute Gesundheit, aber es bleibt die Tatsache: ich bin fülliger als jemand von meiner Größe es sonst sein sollte.

Nichts davon hatte mit meiner Entscheidung, mich als Lara Croft zu verkleiden, zu tun; sie ist eine der tollsten kick-ass Videospielcharaktere ever. Croft ist weiblich, aber gefährlich, gut gebildet und athletisch – und sie ist einfach wiederzuerkennen, was ein Halloweenkostüm recht einfach macht. Das Bild war spätabends aufgenommen, ich hatte schon ein rotes Gesicht von der Hitze, mein Make-Up war runtergeschwitzt und mir fehlte ein anständiger Büstenhalter (ein Problem, mit dem sich die Pixelversion von Croft nie auseinandersetzen mußte). Aber ich hatte Spaß, und wenn ich mir das Bild auf der Website so ansah, dachte ich, das wäre ersichtlich.

Also lachte ich zunächst darüber – aber dann las ich die Kommentare.
Fatshaming Triggerwarnung
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Snowden setzt der Feministin den Aluhut auf

Vorweg: ich bin kein an TOR mitarbeitender IT-Freak. Bewege mich aber oft genug im Netz, um nach dem Bekanntwerden dieser ganzen Überwachungen nachdenklich zu sein und vorsichtiger vorzugehen.

Immer mal wieder stolpert man über Berichte zur Pille danach, Abschaffung der Rezeptpflicht für Deutschland. Sowas hat man wegen der Wahl ja auch im Hinterkopf. Und wie man in Resteuropa meist wesentlich einfacher an die Dinger kommt.

Beispielsweise hab ich eine gute Freundin, die nach Österreich ausgewandert ist (nein, nicht deswegen). Die Feministin denkt: die könnt ich doch eigentlich mal fragen. Wäre ja optimal im Notfall, also wenn man die Dinger wirklich mal braucht, eventuell nur eine Tür weiter ins Badezimmer zu müssen und diese Pille so schnell wie möglich in sich hineinzubefördern.
Als konservative Netzfeministin würd ich normalerweise Kontakt über E-Mail aufnehmen. Evtl. tät’s auch ne SMS. Oder ich könnt sie auch eh mal wieder anrufen.

Dann liest man irgendwo (tazblog? Find’s wohl eh nicht mehr. Selber groß, selber suchen), was für ein Bullshit dieses „Wir brauchen Überwachung wegen den Terroristen“ ist. Daß die Terroristensuche/-überwachung minimalen Anteil an der Sache hat. Und daß sich der aller-, allergrößte Teil der Überwachung von Internet, Handy, Telefon und sämtlichen Mischformen um Drogenkonsum und -handel dreht.

Jetzt mag man über die Prioritätensetzung streiten, aber darauf will ich gar nicht hinaus.
Nur kann man sich ja jetzt jedenfalls recht einfach vorstellen, nach welchen Schlüsselworten die so suchen und womit man einfach im Filter landen MUSS.

Beispielsweise, wenn ich meiner österreichischen Freundin Bescheid geb, sie soll mir ein rezeptpflichtiges Medikament, an das ich hier nicht so leicht komme, über die Grenze schicken…? Extra Pech auch für Leute, die das bei Freundinnen versuchen, die in den Niederlanden leben? Oder der Türkei? Da ist die Pille danach übrigens rezeptfrei.

Aluhut

Nennt mich paranoid, aber ich weiß nicht, ob die Idee jetzt noch so gut ist. Ich laß es.

…da dachte man eigentlich, man würde im Alter so der Typ „verrückte Katzenlady“ werden (nur wären mir Hunde lieber), aber manchmal geht es auch eher in die Richtung „einsame Verschwörungstheoretikerin“, die sich mit anderen alten Säcken im Internet drüber unterhält, ob Myspace jetzt die Mondlandung verhindert hat oder ob ich lieber mit einem feministischen Geheimorden aus meinen Sims die Revolution auslösen soll.

Also falls diesen Blog als Logo einmal eine Simone de Beauvoir mit Aluhut zieren sollte: ich habe Euch gewarnt. Sorgen machen müßt Ihr Euch erst, wenn Ihr bis dahin zur Autor_innenschaft gehört.

Rezension und Diskussionbeitrag zu: Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter (2013): Queer und (Anti-)Kapitalismus

queer und (anti-)kapitalismus
Quelle: Ankündigungsseite des Verlags

Seit relativ kurzer Zeit findet im Rahmen einer grundsätzlichen kritischen Reflexion von ‚queer‘ neben der Auseinandersetzung mit bspw. critical whiteness, fat pride oder Femme-Kritiken an der genderqueer-Norm innerhalb der Bewegung auch die Rückbindung der Diskussionen und Politiken an kapitalismuskritische und Kapitalismus verneinende Positionen statt. Es gab dazu bisher kaum explizite und die komplette Diskussion umfassende Literatur – bis jetzt: Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter legen „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ vor, das vor wenigen Tagen im Rahmen der theorie.org-Reihe erschienen ist. (mehr…)

A Hard Day‘s Night

I Should Have Known Better

Guten Abend, liebe Stadt, ich bin da, was geht ab?
Das Übliche – Clubs, Bars, Kino, Fastfood Restaurants. Tanzen, trinken, rauchen, reden, lachen, diskutieren, erholen, abschalten, auftanken. Sich gut fühlen, lebendig, glücklich, stark, schön, beschwipst, befreit. Freund*innen sehen, einfach zusammen sein. Das gute Leben. Das Gute leben.

Tell Me Why

Angerempelt werden. Beschimpfungen über mich ergehen lassen. Angestarrt werden. Mich „anmiezen“ lassen. Beleidigungen hören. Angegrapscht , auf Skalen bewertet, Verfolgt werden. Schlagfertige Sprüche zu Hause überlegen.
Abend gelaufen. Opfer sein.

Any Time At All

„Ich bin kein Opfer!“, denke ich während ich meinen Schlüssel als Waffe in der Hand halte.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich mich auf dem Heimweg ständig umdrehe.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich dem Gegenüber immer wieder erkläre, warum ich meine Nummer nicht gebe.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn mir die Tränen in den Augen stehen.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich mich mit Händen und Füßen wehren muss.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich davon laufe.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich dunkle Gegenden und Straßen vermeide.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich den Blick senke, weil mir jemand entgegenkommt.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich immer wieder „Nein“ sage und sagen muss.

I’ll Cry Instead

„Ich bin kein Opfer!“, sage ich, weil ich es satt habe, mich wertlos oder hässlich zu fühlen, als verfügbar zu gelten, zur Bewertung frei zu stehen, mich zu fragen, wie viel Schuld ich an solchen Vorfällen habe, mich nachts nicht sorglos bewegen zu können.

Und ich will kein Opfer sein.

Things We Said Today

Seid endlich still, geht weg. Ich weiß wo die nächste Diskothek ist, aber ich will es euch nicht sagen, und ich komme auch nicht mit. Wo ich wohne, fragt ihr und die letzte gequälte Höflichkeit ist aufgebraucht. Ihr kennt Körpersprache, ihr kennt Distanz und ihr kennt das Wort „Nein“. Ihr missachtet es absichtlich und ihr verachtet mich. Ihr wollt nicht wirklich meine Nummer, nicht mit mir reden, mich nicht kennenlernen, mich nicht einfach nur küssen oder mit mir schlafen. Ihr wollt mich bedrohen, meinen Wert untergraben, mich klein sehen und zeigen wem die Straße gehört, Macht demonstrieren.

When I Get Home

Und dann schafft ihr es. Ich muss mich beschützen. Bestimmte Veranstaltungen umgehen, Schutzräume finden, euch die Straße überlassen. Zumindest eine Weile, um Kraft zu tanken. Wenn man ständig hört und zu spüren bekommt, man sei nichts wert, fängt man es irgendwann an zu glauben. Also Urlaub von der Straße um sich zu besinnen wer man ist? Das kann es doch auch nicht sein. „Ich bin kein Opfer!“

You Can’t Do That

Also weitermachen. Ertragen! Kämpfen. Solidarität einfordern. Aufklären. Sich engagieren. Und sich endlich wieder stark fühlen. Kein Opfer sein! Das Gute leben.
Bis zum nächsten Abend, der nächsten Kreuzung, der nächsten Begegnung, dem nächsten Blick, Spruch, Übergriff, der nächsten Beleidigung, Ohnmacht.

I’ll Be Back

Gute Nacht, liebe Stadt. Du machst mich müde, hilflos und taub. Morgen früh werde ich aufwachen und wieder wissen: Ich bin kein Opfer. Aber erst mal Urlaub.

It’s been a hard day’s night.

Mädchenblog – Linkspam im Juli

Der Inhalt vom Grrrlzine Wolverette #5 ist jetzt komplett auch online und schließt mit einem Interview mit den fabelhaften Geffen³:

Reizende Rundungen macht klar, daß Fat Shaming sehr real ist – und spricht in diesem Kontext auch das „Dünnenprivileg“ an.

Nochmal coole Musik: absolut empfehenswerter Samstagabendbeat bei der Mädchenmannschaft mit Hope Masike!<3

Im September findet in Berlin „Jugend hackt“ statt – und es werden noch Mädels gesucht, die mitmachen!

Und wieder Musik: Bitch Magazine präsentiert eine feine Auswahl von feministischer Musik. Und stellt fest:

All of this points to something big: It’s been a good year for not only women in music, but feminism in music.

Die Journalist_innen-Legende Helen Thomas, bekannt und gefürchtet wegen ihrer aggressiv-kritischen Fragen, ist mit 92 Jahren in Washington gestorben.

Rebelcat86 ist genervt von dem Druck, sich eine „Bikinifigur“ zulegen zu müssen – schließlich sollte es beim Badengehen um Entspannung und Genuß gehen! Also: Fuck the beach body!!

Die wunderbare Antje Schrupp <3 geht der Frage nach, ob es wirklich so ist, daß Frauen sich weniger für Politik interessieren und davon weniger Ahnung haben als Männer und stellt fest:

Die Medien berichten vor allem über das, was Männer tun und was Männer interessant finden, dann wird das, worüber die Medien berichten, für das relevante Wissen über Politik gehalten und zur Grundlage für Fragen gemacht, die dann – Überraschung! – Männer “richtiger” beantworten als Frauen.

– welch wunderbarer Satz, der die Situation haarscharf auf den Punkt bringt!

Heather Corinna beleuchtet auf Scarleteen die häufigsten Kondom-Patzer – und wie sich die vermeiden lassen!

Pille danach – vielleicht bald gratis & rezeptfrei in Ba-Wü und NRW?

Reality Rags hat es schon erwähnt und in den Kommentaren bei der Mädchenmannschaft wurde mehr Action zum Thema gefordert – also gut: in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen hat man vor, die Pille danach kostenlos und rezeptfrei zu machen!
Die Amis haben’s ja vorgemacht und auch hierzulande ist eine rezeptfreie Abgabe der Pille danach dringend geboten; in Österreich geht das schließlich auch (und nicht nur da).
Noch ist es nicht sowiet, daß wir jubeln könnten – die Länderinitiativen sind ja noch nicht durch:

Im Südwesten habe das Landeskabinett den Vorstoß bereits gebilligt, in Nordrhein-Westfalen werde ein entsprechender Beschluss am kommenden Dienstag erwartet.
(…)
Sollte die Mehrheit der Länderkammer dem Antrag zustimmen, muss sich der Bundestag damit befassen. Allerdings lehnt die schwarz-gelbe Regierungsmehrheit bislang eine Freigabe der Pille danach ab.

Die Sache ist also noch lange nicht in trockenen Tüchern!

Und genau deswegen sollte Druck gemacht werden – die Aufhebung der Rezeptpflicht wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg, endlich den Frauen die Entscheidungsmacht über ihren eigenen Körper zuzugestehen!

Lass wachsen

Behaarte Frauenachseln – damit hat Nena schon in den 80ern Aufsehen erregt
Nenas Achsel

Und so viel hat sich ja inzwischen nicht geändert. Eher im Gegenteil, inzwischen sieht man so gut wie gar keine Frau mehr mit behaarten Achseln oder Beinen. Auch bei Männern nimmt der Trend zu, sich der Achselbehaarung zu entledigen. Immer öfter wird auch die männliche Brust enthaart. Allerdings – wenn ein Mann sich diese Stellen nicht rasiert, wird das nicht großartig kommentiert oder als eklig empfunden. Anders bei Frauen.
Selbst die Intimzone ist nicht mehr sicher vor dem zunehmenden Enthaarungstrend. Bisher dachte ich zwar immer, daß das zwar viele machen, aber viele auch nicht und es eigentlich wurscht ist, bis letzten Sommer ein 1-Night-Stand beim Auspacken – ich weiß nicht, schockiert oder zumindest stark überrascht auf meinen Busch reagierte. Er hatte schlichtweg nicht damit gerechnet, daß es noch Frauen gibt, die untenrum nicht haarlos sind. Letztendlich war’s eh scheißegal, aber der Kerl brauchte doch tatsächlich einen Augenblick, um das zu verdauen.
Aber die Muschi kriegen in der Regel ja sowieso eigentlich nur ein paar Auserwählte zu sehen.
Bei Beinen oder Achseln ist das was anderes, wenn man die im Sommer nicht mit langen Hosen und Ärmeln verstecken will.
Ich bin 30, und schon zu meiner Teenagerzeit wurde derartige Körperbehaarung bei Frauen eher abschätzig betrachtet.
Und wenn dann heutzutage ein junges Mädchen sich traut, die Haare dort einfach stehenzulassen, dann find ich das echt mutig!
Camille traut sich das (Artikel auf the f-bomb, gefunden bei der Mädchenmannschaft) – und ich könnte mir vorstellen, daß der „Haarlos-Standard“ in Kalifornien, wo sie wohnt, noch krasser ist als hier.

I love my armpit hair. At the moment, it’s my special little not-so-secret that I can smile about without having to explain to others. I am very proud of my hair and that I decided to let it grow out now, as a teenager, instead of saving that experience for when I’m an adult and don’t have quite so much to lose socially. I asked myself, why wait? If I really want to practice what I preach, then I’m not going to submit to this double standard any longer. And besides, what do I have to lose anyway?

That is my choice. It feels like the right thing to do for me, and it does not mean that girls who choose to shave their legs and armpits are any less feminist. I don’t have a problem with that, so long as they’re aware that shaving is something women are unfairly expected to do in order to be attractive by today’s beauty standards. Same with makeup. I care that girls know they can survive and look just fine without it, that they don’t need makeup, shaving, or validation from others saying they’re beautiful to know that they’re whole, complete, and perfect. Personally, I just don’t have time to be constantly applying, reapplying, shaving, and worrying about tiny, prickly hairs pushing through my skin that I wouldn’t have to deal with if I just didn’t shave at all. I’d rather sleep in.

Waagenweitwurf

Seine Waage loswerden, das (der Öko in mir hofft: aufm Wertstoffhof) ausgesetzte Teil fotografieren und über sein Verhältnis zu dem Gerät bloggen; das ist so in etwa die Idee von #Waagnis, der Aktion, an der man momentan nicht vorbeikommt in der feministischen Blogsphäre.

Die einen loben es, die anderen kritisieren es, wieder andere sind gespalten. Ich glaube, ich gehöre zu letzteren.
Mein erster Gedanke war: „Cool! Ich hab sowieso nie kapiert, weshalb jede_r so ein Ding in der Wohnung hat.“ Ich hab nämlich keine. Seit ich vor über 10 Jahren bei meinen Eltern ausgezogen bin. In der WG hier gibt’s auch keine. Soweit ich weiß hatte ich auch noch nie Mitbewohner_innen, die je mit dem Gedanken gespielt hätten, eine anzuschaffen. Ich gehöre zu den Leuten, die immer (recht grob) schätzen müssen, wie viel sie wiegen, wenn man bei nem neuen Arzt oder ner neuen Ärztin ist. Ob ich zu- oder abnehme, merk ich daran, wenn Klamotten nicht mehr passen. Das ist dann aber eigentlich auch alles, was mich stört, wenn sich mein Gewicht ändert. Ich hab andere Komplexe.
Aber deswegen erscheint mir die Aktion eben auch nicht gerade revolutionär (und darum wird das hier auch keine Lebensbeichte über ein kompliziertes Verhältnis zur Waage). Sicher, ich bin der Meinung, ohne derartige Gewichtskontrolle lebt es sich leichter, vielleicht hilft’s auch der ein oder anderen, Körperwohlgefühl nicht mehr in Zahlen zu messen und wenn wer das Ding abschafft, hey, meinen Glückwunsch, weg damit, macht kaputt, was Euch kaputt macht!
Aber selbst damit identifizieren kann ich mich nicht.
Manches an Kritik teile ich – allein die Waage wegwerfen, kann’s nicht sein. Auch die teils recht unsensible Ausdrucksweise, wie Riotmango schon bemängelte:

da tauchten dann ungefähr so sätze auf wie ‘ich fühlte mich furchtbar, dabei war ich gar nicht dick’. meine lesart davon ist ungefähr so: “ich war gar nicht dick (also so wie diese ganzen dicken_fetten menschen), fühlte mich aber voll blöd. dabei gab es für das blöd-fühlen gar keinen grund (denn ich gehörte ja nicht zu diesen dicken_fetten menschen). wenn ich wirklich dick gewesen wäre, dann hätte ich ja wirklich einen grund gehabt, mich schlecht zu fühlen. aber ich war’s ja nicht. ich war völlig normal und fühlte mich trotzdem schlecht. wie ungerecht!”

ich weiß nicht, ob ihr mir folgen könnt (oder ob ich mich klar ausdrücke, mir fällt’s gerade schwer), aber für mich stecken da (mindestens implizit) krasse abgrenzungen drin. normen werden nur oberflächlich hinterfragt. dicke_fette menschen dienen immer noch als quasi-negative folie (weil: soooo dick war mensch ja gar nicht! und wurde *trotzdem* geärgert! wie fies!).

Andererseits bin ich großer Fan von Symbolen und der Meinung, daß Symbolhandlungen in ihrer Wirkung oft unterschätzt werden. Irgendwie auch hier. (mehr…)

Pille danach in den USA – zukünftig rezeptfrei und ohne Altersbeschränkung

Da wird immer so gern auf die „prüden Amis“ geschimpft und vor „amerikanischen Verhältnissen“ gewarnt – aber manche dieser Verhältnisse wünscht man sich hierzulande auch ganz dringend: beschränkungsloser Zugang zur Pille danach beispielsweise.

Der Hersteller der Pille muss nun noch den formellen Antrag auf einen rezeptfreien Verkauf ohne Altersbeschränkung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA stellen. Sobald dieser Antrag eingegangen sei, werde die FDA „ihn umgehend genehmigen“, hieß es in einer Erklärung. Dann könne die „Pille danach“ ohne jede Beschränkung in den USA verkauft werden.

Hier werden sich bis auf weiteres wohl stattdessen Szenen wiederholen wie die von Nicole von Horst letztens geschilderten.

Femen, ruhe in Frieden

Kontrovers waren die Femen ja schon immer. Aber ich muß ehrlich zugeben, daß die Femen-Aktionen eine Zeit lang ein bißchen Hoffnung nährten, hatten sie es doch erfolgreich geschafft, den Feminismus immer wieder in die Medien zu schubsen.
Aber dann kam die Aktion auf der Herbertstraße mit diesem unsäglichen „Arbeit macht frei“-Schild, immer mehr bescheuerte Aussagen und letztens ein dem gesamten Islam (inklusive der muslimischen Frauen, auch den feministischen) geltenden Rundumschlag. Und mit der Reaktion von Femen auf Kritik müßten die Damen eigentlich jetzt wirklich für viele gestorben sein.
Wie sie generell mit Kritik umgehen, wußte man spätestens seit ihrer Reaktion auf die Kritik von evibes: mit unglaublichem Mangel an Reflektionsvermögen.
Bei der aktuellen Debatte wird an ihren Entgegnungen eine Ignoranz, eine riesen Menge Paternalismus und, man möchte fast schon sagen, Größenwahn deutlich, daß sich einem die Fußnägel aufrollen:

Für Shevchenko ist sie wegen dieses Stück Stoffs eine Sklavin, die befreit gehört. „Das Kopftuch ist vergleichbar mit einem Konzentrationslager“, sagt die Aktivistin. „Nein“, entgegnet Ulusoy, ihre Verhüllung sei für sie als Kind zunächst „das Symbol des Erwachsenwerdens gewesen, heute unterstützt es meinen Charakter“. Außerdem sei es ja nicht an ihrem Kopf festgenagelt, sie könne es jederzeit hinterfragen. Also auch ablegen. „Solche Frauen hatten doch nie die Wahl. Sie kennen den Unterschied zwischen Freiheit und Unfreiheit nicht“, kritisiert die Femen-Aktivistin.

Wie anmaßend das ist und wie so eine Menge feministischer Aktivist_innen muslimischen Glaubens abgewatscht werden, wird in einem absolut lesenswerten Interview mit Kübra Gümüsay in dieStandard deutlich:

Wir brauchen natürlich AktivistInnen, die aufstehen und sagen „So geht das nicht!“. Ich würde bei den Femen-Protesten für Amina mitmachen, wenn ich wüsste, dass es tatsächlich um Inhalte geht. Aber sich vor eine Moschee der Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft zu stellen, die überhaupt keinen Bezug zu Tunesien hat und die noch dazu in vielen islamischen Ländern verfolgt wird – das war für mich ein Signal, dass es weder um Inhalte geht, noch darum, effektiv und zielgerichtet Amina Tyler zu helfen. Es geht nur um ein Tamtam und Medienaufmerksamkeit.

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