Archiv der Kategorie 'sexuelle gewalt'

Sexualstrafrecht

laempelDaß das bisherige deutsche Sexualstrafrecht Mängel aufweist, ist beileibe nichts neues, aber inzwischen immerhin auch dem Justizministerium aufgefallen (Triggerwarnung):

Justizminister Heiko Maas (SPD) will den Schutz der sexuellen Selbstbestimmung insbesondere von Frauen verbessern. Zu diesem Zweck will er Schutzlücken im Sexualstrafrecht schließen. So soll es künftig etwa strafbar sein, die Angst eines Opfers vor einem „empfindlichen Übel“ sexuell auszunutzen.

Der Justizminister hat jetzt einen Gesetzentwurf erarbeitet, der der taz vorliegt. Er hat 19 Seiten und wurde vorige Woche an die anderen Ministerien zur Ressort-Abstimmung geschickt. Kern des Entwurfs ist ein neuer Paragraf 179 im Strafgesetzbuch, der die Überschrift „Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung besonderer Umstände“ tragen soll. Neben der Ausnutzung der Angst des Opfers soll dort auch der überraschende sexuelle Angriff unter Strafe gestellt werden.

Schwammig genug, aber im Vergleich zu vorher ein Schritt nach vorne.
Nur warum nicht gleich richtig machen?
Denn auch die reformierte Gesetzeslage entspricht nicht der Istanbul-Konvention und weist Schutzlücken auf, die in anderen Ländern längts geschlossen wurden.
Die Rechtswissenschaftlerin Tatjana Hörnle legt im Interview mit Spektrum dar, daß man bei dem jetzigen Entwurf nicht stehen bleiben darf:

Das Schlagwort, unter dem diese Denkrichtung geführt wird, heißt: „Nein ist Nein“. Wenn also eine Person Ablehnung kommuniziert – sei es durch das Wort „Nein“, sei es durch Weinen oder Sonstiges –, dann hat eine sexuelle Handlung meiner Meinung nach strafbar zu sein.

Der jetzt vorliegende Entwurf dagegen hat eine andere Herangehensweise: Er definiert die Rahmenbedingungen, also die erweiterten Umstände, in denen die bedrängte Person sich befindet: ob sie schutzlos ist, ob sie betrunken ist und so weiter. Kurz: Ein „Nein“ reicht noch immer nicht aus.

Auch die taz hat Prof. Hörnle hierzu interviewt:

Grundfall des Sexualstrafrechts müsste sein, dass der Täter sich über den erkennbaren Willen des Opfers hinwegsetzt. Es darf keine Konstellationen geben, bei denen dies straffrei bleibt, nur weil zum Beispiel die Situation nicht einschüchternd genug war. Es ist meines Erachtens durchaus strafwürdig, wenn die Frau zwar Nein sagt, dann aber von der Situation überfordert ist, zu langsam reagiert oder die Dominanz des Mannes resignierend akzeptiert. In solchen Fällen bleibt der Mann aber auch nach dem Entwurf des Justizministers straffrei.

Kleiner Nachtrag zum internationalen Frauentag

Im Vorfeld des internationalen Frauentages dieses Jahr bin ich auf einen Artikel im SZ Magazin gestoßen, der mich sehr bewegt hat. Unter dem Titel „Herzschlag“ beschreibt die Autorin sehr persönlich, wie sie selbst Gewalt durch ihren Partner erlebt und wie sie es letztendlich geschafft hat, sich von ihm zu lösen.

Und da wurde mir wieder deutlich, wie komplex und gegenwärtig, jedoch wie wenig präsent das Thema häusliche Gewalt eigentlich noch ist. (mehr…)

How to kill a creeper!?

Folgende Anfrage nach Beiträgen erreichte mich per E-Mail:

ZINE- PROJECT: „how to kill a creeper!?“
contribute and join with your story!

hey sisters! i am putting together a little booklet about the crazy stories female-solo travelers encounter in their daily life when being confronted with “creepers” (men who act sexually harassing towards women). please write me and share your story with other women. the zine will be for free download and distribution.

o) tell a story which illustrates the stupidity of the creepers or a certain creeper you encountered.
o) tell us your tricks about how to deal with creepers
o) or share your wildest fantasy of what you wanted to do to a certain creeper
o ) or tell a story about how you really kicked some creepers ass (verbally or physically)
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Pick-Up-Artists als maskulinistische Erscheinungsform

Das linke Magazin „konkret“ hat in seiner ersten Ausgabe des neuen Kalenderjahres die Pick-Up-Artists, die schon bereits hier zweimal besprochen wurde, auseinandergenommen und einen radikalen Schritt begangen. Die zuständige Autorin Iris Dankemeyer, welche das sexistische Phänomen unter dem Titel „Pannendienst“ beschrieb, interpretiert die Methodik nicht als Aufruf zur Vergewaltigung, sondern als Gebrauchsanleitung eines Amok. Den Männern wird in den Kursen beigebracht, daß die primären Emotionen kontraproduktiv und mittels bestimmter Taktiken, wie das Freeze-Out, der Wille der Frau manipuliert werden kann und soll, um an die Früchte zu gelangen, welche gepflückt werden möchten. Dabei, und das hat Iris Dankemeyer richtig erkannt, ist das „Projekt“ von Julien Blanc lediglich eine Personifizierung der eigentlichen Ungleichheit der Gesellschaft, in der die Schnellebigkeit und der ständige Leistungsdruck sich auch auf das Sexualleben auswirkt. Der gegenwärtige Sexismus, welcher in seiner modernen Auslebung meist einseitig agiert, die Frau betreffend, provoziert ein Bild, in der die Frau als etwas gepriesen wird, das als Ziel unerreichbar scheint und durch modische Attribute sexualisiert wird, derweil konservative Medien und Privatpersonen häufig skandieren, eine Frau habe mit der Wahl der Kleidung auch eine Mitverantwortung, falls es zu einem Übergriff kommt. Daß es nun gerade auch Kurse gibt, welche dieses Denken schulen und als ein regulären Bestandteil der Gesellschaft manifestieren soll, offenbart die eigentliche Reichweite, welche diese Problematik umspannt. Der Reiz des Sex‘ wird immer häufiger bagatellisiert und der Mann wird als ein „Jäger“ degradiert welcher nur dann Respekt von Gleichgesinnten erhalten wird, wenn sich seine Liste individuell füllt. (mehr…)

Warum „Ausfrieren“ gefährlich ist

Die heutige taz interviewte den Psychologen Andreas Baranowski bezüglich der Thematik der sogenannten „Pickup-Artists“ und deren Methoden, Männern Anleitungen zu geben, wie man Frauen wohl „abschleppen“ könnte. Dazu möchte ich eine Aussage von besagtem Psychologen aufgreifen, welche eindrucksvoll zeigt, weshalb, und dies ist durchgehend die Argumentation in dem Interview, auch eine nonverbale sowie nicht-physische Herangehensweise eine stark subtile Diskriminierung in dem Sinne offenbart, als daß die Konsequenz daraus eine Hierarchie sublimiert, welche angeblich mit den Regeln des „Flirtens“ d‘accord läuft; die Rede ist von „Freezeout“. Diese Methode wird angewandt, wenn die Frau trotz emotionaler Nähen und Worten nicht bereit ist, den Coitus zu vollziehen. In dieser Situation solle sich der Mann bewußt entfernen und sich anderen Dingen widmen, beispielsweise der Arbeit am Laptop. Diese Distanz solle von einer emotionalen Kälte begleitet werden, die der Frau suggerieren soll, jene sei nun nichts mehr „wert“ und solange sie das Einverständnis für den Sex nicht gibt, sei sie „belanglos“. Der Psychologe in der taz meint, dies laufe mit Regeln des Flirtens konform und sei in dem Maße nicht „gefährlich“, wie die Medien stets die „Pickup-Artists“ beschreiben würde. (mehr…)

Frauenbild in Indien

Der Standard interviewt die Ärztin P. Chandra über die wandelnden Lebensumstände, denen Frauen in Indien begegnen und knüpft dabei absolut interessante Verbindungen, zwischen Wirtschaft, Gesetz und Geschichte – viele Dinge, die Durchschnittseurpoäer_innen wohl gar nicht so klar sind.

Chandra: Es gibt keine Gefahr mehr zu verhungern. Die Frauen müssen nicht mehr auf dem Feld arbeiten. Das Einkommen ist gestiegen, und mit dem wirtschaftlichen Vorteil der Männer sind auch ihre Forderungen gestiegen. In einer Beziehung hat in Indien immer der Mann die letzte Entscheidung. Auch bei einer Abtreibung.

Es gibt aber nun eine neue Regelung, dass sich eine Frau nach zwei Kindern ohne die Unterschrift des Mannes sterilisieren lassen kann. Das ist bereits ein Fortschritt, denn normalerweise müssen Frauen sogar bei der Verwaltung ihres eigenen Einkommens den Mann fragen. Das hat insofern Auswirkungen auf das Familienbudget, als in armen Gebieten viele Männer ein Alkoholproblem haben. Vor allem seit dem Ende der Prohibition in Tamil Nadu im Jahr 1977 greifen viele Männer zur Flasche. Da bleibt oft nur sehr wenig Geld für Nahrungsmittel.

derStandard.at: Woher kommt dann der Eindruck, dass Frauen weniger wert sind?

Chandra: Eine alte indische Volksgruppe, die Draviden, hatten bereits gleiche Rechte für Frauen. Vielleicht spielt der Einfluss der Muslime aus dem Norden des Landes eine Rolle. Denn selbst wenn es im Hinduismus heißt, dass die Frau ihrem Mann zu folgen hat, steht nirgendwo etwas von Versklavung.

Lesen!

Frauenkampftag 2014

Veranstaltungen und Demonstrationen zum Internationalen Frauenkampftag 20141:

Berlin
13:00 Uhr am Gesundbrunnen: Demonstration “Still loving Feminism!”
18:30 Uhr im SBZ Krähenfuß: Scree­ning und Dis­kus­si­on: „WON­DER WOMEN!

Graz
10:30 Uhr am KünstlerInnenhaus: Demonstration „Frauenauflauf

Hamburg
13:30 Uhr am Hachmannplatz: 8.März-Demo | 8-Mart Dünya Emekci Kadinlar Günü Yürüyüsü

Linz
11:00–00:00 Uhr, verschiedene Orte: Feminismus & Krawall – Protest · Performances · Interventionen · Konzerte

Nürnberg
13:00 Uhr am Weißen Turm: Infostände und Aktionen
15:30 Uhr am Weißen Turm: Demonstration

Salzburg
13:30 um am Alten Markt & Platzl: Kundgebung: “Frauenrechte sind nicht käuflich”. Weitere Termine.

Wien
15:00 Uhr, U6-Station Josefstädterstraße: Demonstration

Zürich
13:30 Uhr am Hechtplatz: Demonstration “Care-Arbeit kollektivieren. Kapitalismus entsorgen”

  1. wird laufend ergänzt [zurück]

Workshop für Betroffene sexueller Gewalt

Eine Gruppe aus Berlin von Menschen, die als Kinder/Jugendliche sexualisierte Gewalt erlebt haben, macht am 15.03.14 einen Workshop mit dem Titel: Tun wir uns zusammen: gegen sexuelle Gewalt! Gesellschaftliche Ursachen & Folgen – politische Strategien & Auswege

Instrumentalisierung sexualisierter Gewalt in der Tierrechtsbewegung

Inhaltswarnung: Thematisierung sexualisierter Gewalt. Ausschreibung des Wortes V*rg*w*lt*g*ng.

Hier geht es um die in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung häufig gebrauchten „Kinderschänder“- und V*rg*w*lt*g*ngsvergleiche, so wie den fast schon inflationären, sexualisierte Gewalt aufgreifenden Sprachgebrauch. Von der Zwangsbesamung von Kühen und Schweinen bis zum Reiten auf Pferden, es fällt ganz schnell der Begriff V*rg*w*lt*g*ng.

Ich spreche ausschließlich von „Tätern“. Mir ist bewusst, dass auch Frauen sexualisierte Gewalt ausüben und dies weit häufiger als angenommen. Der prozentuale Anteil ist allerdings so gering, so dass die Realität verzerrt würde, spräche ich von Täter_innen. Mir ist die damit einhergehende Problematik bewusst, dass sich einige, die Gewalt durch Frauen erlebt haben, unsichtbar fühlen können. Ich bin mit der jetzigen Lösung auch nicht wirklich zufrieden, sie erschien mir aber als das kleinere Übel.

Eine gekürzte Version dieses Textes ist im Dezember in der Zeitschrift Tierbefreiung (Nr. 81) erschienen.

Sexualisierte Gewalt ist keine gesellschaftliche Randerscheinung. Sexualisierte Gewalt ist allgegenwärtig. Je nach dem, wie eng oder weit die Definition des Begriffes gefasst ist, ist jede 4. bis 5. Frau und jeder 7. bis 9. Mann von sexualisierter Gewalt in der Kindheit betroffen[1] und jede 7. Frau erlebt sexualisierte Gewalt ab dem 16. Lebensjahr[2]. Viele sind auch mehrfach betroffen. Es geht um Verbrechen, die jeden Tag in der Mitte unserer Gesellschaft stattfinden und zwar in sehr vielen Fällen folgen- und straflos für die Täter.

Ich habe ab meinem 7. oder 8. Lebensjahr über mehrere Jahre sexualisierte Gewalt durch meinen Stiefvater erlebt. Ich schreibe also nicht stellvertretend für Betroffene, sondern als persönlich Betroffene. Das erste Mal wurde ich im Frühjahr 2007 mit einem dieser Vergleiche, zwischen Tierausbeutung und sexualisierter Gewalt, konfrontiert und es hat fünfeinhalb Jahre gedauert, bis ich es erstmals schaffte, das Thema anzusprechen. Das war im September 2012.

Ich gehe davon aus, dass den meisten, die Vergewaltigungsvergleiche verwenden, weder bewusst ist, wie tief verletzend diese Vergleiche sind (es geht hierbei nicht um Kritik am Mensch-Tier-Vergleich), noch was diese Vergleiche auslösen können oder wie groß die Dimension sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft ist. Ich hoffe, mit diesem Artikel für das Thema sensibilisieren zu können. Mir geht es nicht darum anzuprangern, sondern um die Bewusst- und Sichtbarmachung von Leid und erneuter Traumatisierung, die damit unbeabsichtigt ausgelöst werden.

Sexualisierte Gewalt als gesellschaftliches Phänomen

Besonders kennzeichnend im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt an Kindern ist die euphemistische Sprache, sowohl im alltäglichen Sprachgebrauch, als auch in den Medien. Es ist von MISSbrauch die Rede, so als gebe es auch einen nicht missbräuchlichen GEbrauch von Kindern. Auch wenn dieser Wortlaut sich so im Strafgesetzbuch findet, ist er stark bagatellisierend, relativierend und vertuschend, da die zugrunde liegenden Verbrechen nicht beim Namen genannt werden. Die gleichen Verbrechen an Erwachsenen heißen Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Dies ist vergleichbar mit den beschönigenden Bezeichnungen für das Ermorden von Tieren:
Schlachten, Keulen, Schächten etc., im Höchstfall Töten. Häufig wird die Bezeichnung „Kinderschänder“ gebraucht. Schänden kommt von Schande über jemanden bringen und wird umgangssprachlich synonym verwendet für entehren, entweihen, beschmutzen, besudeln. Sexuelle Nötigung und VerGEWALTigung sind Gewaltverbrechen und sollten beim Namen genannt werden.

Ich kann zwar nur für mich sprechen, weiß aber aus Erfahrung (Therapien, Selbsthilfegruppen), dass „wir Betroffenen“, so unterschiedlich wir sind, in vielem sehr ähnliche Empfindungen haben, wenn es um die Banalisierung und Relativierung sexualisierter Gewalt geht.

Hier geht es weiter Einige Beispiele aus der Tierrechtsbewegung

[Berlin] Theaterprojekt „Speak Out!“

Einladung für das selbstorganisierte Theaterprojekt „Speak Out!“ für Frauen*.

“When I dare to be powerful, to use my strength in the service of my vision, then it becomes less and less important whether I am afraid.”
- Audre Lorde

Die Idee
Die Idee des Theaterprojekts „Speak Out!“ ist es sich kollektiv dem Thema sexuellen Mißbrauch und Vergewaltigung aus einer künstlerischen, kreativen und politischen Perspektive zu nähern. Meistens trauen wir uns nicht über unsere Erfahrungen zu sprechen, weil wir gesilenced, stigmatisiert, kriminalisiert und für die erlebte Gewalt selbst verantwortlich gemacht werden. Dagegen wollen wir uns wehren und selbstbewusst die Perspektive und Stärke von uns Überlebenden sichtbar machen. Fight back and Speak Out!
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