Archiv der Kategorie 'sexuelle gewalt'

A Hard Day‘s Night

I Should Have Known Better

Guten Abend, liebe Stadt, ich bin da, was geht ab?
Das Übliche – Clubs, Bars, Kino, Fastfood Restaurants. Tanzen, trinken, rauchen, reden, lachen, diskutieren, erholen, abschalten, auftanken. Sich gut fühlen, lebendig, glücklich, stark, schön, beschwipst, befreit. Freund*innen sehen, einfach zusammen sein. Das gute Leben. Das Gute leben.

Tell Me Why

Angerempelt werden. Beschimpfungen über mich ergehen lassen. Angestarrt werden. Mich „anmiezen“ lassen. Beleidigungen hören. Angegrapscht , auf Skalen bewertet, Verfolgt werden. Schlagfertige Sprüche zu Hause überlegen.
Abend gelaufen. Opfer sein.

Any Time At All

„Ich bin kein Opfer!“, denke ich während ich meinen Schlüssel als Waffe in der Hand halte.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich mich auf dem Heimweg ständig umdrehe.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich dem Gegenüber immer wieder erkläre, warum ich meine Nummer nicht gebe.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn mir die Tränen in den Augen stehen.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich mich mit Händen und Füßen wehren muss.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich davon laufe.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich dunkle Gegenden und Straßen vermeide.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich den Blick senke, weil mir jemand entgegenkommt.
„Ich bin kein Opfer!“, wenn ich immer wieder „Nein“ sage und sagen muss.

I’ll Cry Instead

„Ich bin kein Opfer!“, sage ich, weil ich es satt habe, mich wertlos oder hässlich zu fühlen, als verfügbar zu gelten, zur Bewertung frei zu stehen, mich zu fragen, wie viel Schuld ich an solchen Vorfällen habe, mich nachts nicht sorglos bewegen zu können.

Und ich will kein Opfer sein.

Things We Said Today

Seid endlich still, geht weg. Ich weiß wo die nächste Diskothek ist, aber ich will es euch nicht sagen, und ich komme auch nicht mit. Wo ich wohne, fragt ihr und die letzte gequälte Höflichkeit ist aufgebraucht. Ihr kennt Körpersprache, ihr kennt Distanz und ihr kennt das Wort „Nein“. Ihr missachtet es absichtlich und ihr verachtet mich. Ihr wollt nicht wirklich meine Nummer, nicht mit mir reden, mich nicht kennenlernen, mich nicht einfach nur küssen oder mit mir schlafen. Ihr wollt mich bedrohen, meinen Wert untergraben, mich klein sehen und zeigen wem die Straße gehört, Macht demonstrieren.

When I Get Home

Und dann schafft ihr es. Ich muss mich beschützen. Bestimmte Veranstaltungen umgehen, Schutzräume finden, euch die Straße überlassen. Zumindest eine Weile, um Kraft zu tanken. Wenn man ständig hört und zu spüren bekommt, man sei nichts wert, fängt man es irgendwann an zu glauben. Also Urlaub von der Straße um sich zu besinnen wer man ist? Das kann es doch auch nicht sein. „Ich bin kein Opfer!“

You Can’t Do That

Also weitermachen. Ertragen! Kämpfen. Solidarität einfordern. Aufklären. Sich engagieren. Und sich endlich wieder stark fühlen. Kein Opfer sein! Das Gute leben.
Bis zum nächsten Abend, der nächsten Kreuzung, der nächsten Begegnung, dem nächsten Blick, Spruch, Übergriff, der nächsten Beleidigung, Ohnmacht.

I’ll Be Back

Gute Nacht, liebe Stadt. Du machst mich müde, hilflos und taub. Morgen früh werde ich aufwachen und wieder wissen: Ich bin kein Opfer. Aber erst mal Urlaub.

It’s been a hard day’s night.

„Den Frauen überlegen sein.“

Ein münchner Malerlehrling überfällt drei Frauen mit einem Messer, um sie zu vergewaltigen. Die gute Nachricht: die Frauen wehren sich erfolgreich und der 22jährige steht nun vor Gericht.
Dieser Fall ist exemplarisch für eine Verwaltigungskultur und macht wieder mal deutlich, daß es bei Vergewaltigung mitnichten um Sex geht. Nein, es geht um Machtausübung.
Auf den Punkt bringt es die Antwort des Angeklagten auf die Frage des Richters, worum es ihm den bei den Übergriffen ging:

„Den Frauen überlegen sein“

Seattle Rape Culture Graffity
(Graffity in Seattle)

Es wird hier deutlich, daß es sich bei Vergewaltigern nicht unbedingt um gestörte, verzweifelte Einzelgänger handelt, die Vergewaltigung als ihre einzige Möglichkeit sehen, an Sex zu kommen. Denn dieser Typ hatte zuvor durchaus ein reges Sexualleben:

Der Vorsitzende Richter Thomas Denz wunderte sich, dass ein beinahe noch Jugendlicher auf solch brutale Weise versucht, sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Doch der Trieb war nicht sein einziges Motiv. Armin H. hatte schon etwa ein Dutzend Freundinnen, und zehn Mal war er auch im Bordell.

So unverständlich und traurig das sein mag, aber Puffbesuche sind, genau wie Promiskuität, absolut im Rahmen durchschnittlichen männlichen Sexualverhaltens.

Dennoch geistert überall das Bild durch die Gesellschaft, daß Vergewaltiger abartige Monster à la Armin Meiwes oder Marc Dutroux seien. Das ist ganz praktisch, denn dann brauch man sich nicht mit ihm als Mitmensch identifizieren, man kann den Täter entmenschlichen und als verrückt-perversen Einzelfall sehen, als Ausnahme, als Sonderfall, als „Biest“. Als etwas, das nichts mit einem selbst und dem eigenen Alltagsleben zu tun hat. Ein Abartiger halt, der ausgeflippt ist. Da muß man sich keine Gedanken machen, Verantwortung für die gesellschaftliche Haltung, die Übergriffe fördert, übernehmen. Wie bequem.

Aber so verhält es sich leider nicht. Vergewaltiger kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sind normale Menschen. „Normal“ in dem Sinne, daß sie einer Norm folgen, die in unserer patriarchalen Gesellschaft ganz selbstverständlich ist: die Einbildung, seine Männlichkeit dadurch definieren zu müssen, daß man Frauen abwertet, um sich selbst als Mann aufzuwerten. Frauen nicht als Menschen zu sehen, sondern als Objekte, die zur eigenen Triebbefriedigung da sind. Die Einbildung, daß man das Recht hätte, Frauen nach Belieben zu benutzen. (mehr…)

Opfer-Täter-Umkehr, die xte

Beschissene Kindheit, mit 16 in ein Kinderbordell verfrachtet, Krebsdiagnose – und auch noch vom Justizapparat als „Ex-Prostituierte“ gedemütigt. Normalerweise langt eins davon, um fürs ganze Leben bedient zu sein. Mandy Kopp muß aber mit allem davon zurecht kommen. Und hat jetzt ein Buch darüber geschrieben.

Zusammen mit einer Freundin wurde sie auf der Straße in Leipzig aufgegriffen und in eine Mädchen-WG gebracht. Die „WG“ entpuppte sich als Bordell, ein Entkommen war unmöglich.

Die Freier waren mutmaßlich Teil jener Personen und Geschehnisse, die unter dem Begriff „Sachsensumpf“ zusammengefasst werden.

Aufgeklärt ist dieser Sachsensumpf bis heute nicht. Zwar ist Mandys Zuhälter von damals verurteilt worden (4 Jahre und 2 Monate), aber vieles bleibt im Dunkeln.
Zunächst fühlte sie sich noch halbwegs sicher, bis die Staatsanwaltschaft Dresden sie 2008 als Zeugin lud.

Ihrer Bitte um Zeugenschutz wurde nicht entsprochen. „Sie wurde ohne Begründung mit einem Satz abgelehnt“, sagt Kopp. Name und Anschrift wurden bekannt.

„Für mich stand in dem Moment fest: lieber offensiv als defensiv.“ Der beste Schutz sei die Öffentlichkeit.

Dennoch stigmatisiert sie die Justiz als „Ex-Prostituierte“, wogegen Mandy Kopp sich erfolglos wehrte.

Und damit nicht genug: sie und ein weiteres Opfer aus dem „Jasmin“ erkannten einige ihrer Vergewaltiger wieder – und sind jetzt wegen Falschaussage angeklagt.

Die Taten der Freier und des Zuhälters sind mittlerweile verjährt, das eigentliche Opfer von damals ist die Angeklagte von heute.

Doch der erste Anlauf scheiterte – weil Mandy Kopp und ihre Mitangeklagte Beatrix E. vor Gericht zusammengebrochen waren. Der Staatsanwalt bot ihnen sogar Straffreiheit an, wenn sie öffentlich erklärten, sich bei der Identifizierung der Freier geirrt zu haben. Beide Frauen blieben bei ihren Aussagen und lehnten Deals ab. Wann der Prozess fortgeführt wird, steht noch nicht fest.

Leicht läßt es sich arrogant auf Länder wie Indien herabblicken, wo Vergewaltigung und Justiz unter einer Decke stecken, leicht ist angenommen, daß bei „uns“, im ach so „zivilisierten“ Deutschland sowas nicht passieren kann. Bis man dann eben selbst als einst anerkanntes Opfer wie Mandy Kopp zu spüren bekommt, wie man noch nachträglich stigmatisiert wird und Widerstand kommt, wenn man von den mutmaßlich „hochrangigen“ Tätern wiederum zum Opfer gemacht wird. Nur diesmal mit Hilfe der Justiz.

Keine Opfer zweiter Klasse

Bei den Tätern ist man sich schnell einig, daß deren Verhalten (z. B. bei häuslicher Gewalt, Belästigung, etc.) falsch ist, daß es verurteilt gehört. Daß die Verurteilungen aber auch vor den Opfern dieser Zustände nicht halt macht, ist auch bekannt – zu kurzer Rock, zur falschen Zeit allein unterwegs,… die übliche Victim Blaming – Palette, die jede_n trifft.
Und dennoch werden Unterschiede unter den Opfern gemacht – besonders, wenn es sich um Leute handelt, die nicht dem gewünschten Opferklischee mit „passendem Verhalten“ handelt.
Das konnte man schon gut bei Natascha Kampusch sehen, die sich eben nicht als das schwache, demütige Opfer vermarkten ließ, sondern in die Offensive ging und sich lieber selbst vermarktet, als das anderen zu überlassen.
Solche Opfer sind unbequem – es ist für viele leichter, einem verschüchterten, rettungsbedürftigen Hascherl Mitleid und Solidarität entgegenzubringen, als einer Frau, die sich eben nicht als gebrochen, sondern als starke Persönlichkeit präsentiert.
Viruletta spricht noch andere Betroffene an, die eben nicht in das Opferklischeebild passen. Beispielsweise Prostituierte, die zwar überdurchschnittlich oft sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, aber kaum Solidarität erfahren, sei es doch „milieubedingt“. In anderen Worten, da geht es irgendwie okay. Sind ja nur Sexarbeiterinnen. Die müssen doch mit sowas rechnen. Und irgendwie „sind sie ja auch dazu da“, so die nicht allzu seltene Meinung – ein Klassiker“argument“ für Prostitution ist immer noch „Ist doch besser, sie gehen zu Professionellen und leben da ihre Triebe aus, als daß sie wen vergewaltigen!“
Es wird ein Graben aufgemacht zwischen „guten Opfern“, die ins Bild passen, und „schlechten Opfern“, die irgendwie selbst daran schuld hätten, unserer Unterstützung nicht „würdig“ seien, „Schmuddelopfer“ sozusagen.
Die „selber schuld“-Klatsche kriegen vor allem auch die Betroffenen von häuslicher Gewalt zu spüren, die sich erstmal nicht vom Täter trennen, sondern bei ihm bleiben. Da können wir uns noch so sehr wünschen, sie würden ausbrechen aus dem gewalttätigen Umfeld – viele tun es nicht. Wegen der Kinder, wegen oft jahrelang aufgebauten (psychischen oder finanziellen) Abhängigkeiten, aus Liebe, aus vielen Gründen. Und verhalten sich dabei nicht so, wie man das gerne hätte.
Doch auch diese Opfer verdienen genauso viel Solidarität, schließlich sind ihre Gewalterfahrungen deswegen nicht minder schlimm. Sie brauchen genauso viel Unterstützung und eben auch die Zusicherung, daß NICHTS von dem, was sie getan haben oder tun, Gewalt an ihnen rechtfertigt:

Solidarität darf nicht dort aufhören, wo die Betroffenen eigenmächtige Entscheidungen treffen. Auch wenn sie den Unterstützenden missfallen. (…) Kein einziger davon muss den Unterstützenden logisch erscheinen. (…) Wichtig ist, dass die Betroffenen trotzdem weiterhin auf Unterstützung zählen können. Dass sie weiterhin über die Gewalt reden können, ohne dafür sanktioniert zu werden. Dass ihnen weiterhin bewusst gehalten wird, dass die Schuld für die Gewalt nicht bei ihnen liegt. Und zwar unter keinen Umständen.

Die Täter*innen bleiben Täter*innen. Die Gewalt, die sie ausüben wird nicht weniger schlimm, je länger sie ertragen wird. Dass sie ertragen wird, entschuldigt oder verharmlost das gewalttätige Verhalten in keinster Weise.

…und was ist mit den Tätern?

Sandra Charlotte Reichert hat einen sehr engagierten und interessanten Blick auf die rape culture geworfen: jede_r kennt Opfer von Vergewaltigungen und sexualisierten Belästigungen, persönlich oder durch Geschichten, die Presse, you name it. Nicht erst seit #aufschrei weiß man, daß insbesondere Frauen in hohem Maße betroffen sind. Auch, daß der Täter in den allermeisten dieser Fälle aus dem engen Umfeld kommen.
Doch wenn jede_r irgendwie irgendwo ein Opfer von Belästigung oder gar Schlimmerem kennt – wo sind dann die Täter, die sich doch in unserem Umfeld befinden müßten? Zu jedem bedrängten Opfer gehört ein Täter, zu jeder Vergewaltigung ein Vergewaltiger.

(…)rapists are somewhat of a unicorn: everybody has heard of them, but nobody has ever met one. But maybe we only think that we never met one, because many of them who are don’t seem to know they are one themselves.
(…)
But again, when you ask mothers, sisters, aunts, girlfriends, wives: none of them thinks they are related to rapists or men who assault women. Ask your dad, your brother, your uncle, your boyfriend, your husband, your neighbor. Nobody seems to know a rapist, let alone be one. Nobody seems to know a man who would push a woman’s boundaries, who would use his position to abuse her, her trust.

Sandra kritisiert, daß es unter Männern oft selbstverständlich ist, vermeintliche „Grauzonen“ auszunutzen: (Triggerwarnung) (mehr…)

Der Sexismus der Sexismusdebatte

„Auch wir Männer sind von Sexismus betroffen!“
„Was darf MANN denn dann überhaupt noch? Ist flirten jetzt schon verboten?“
„Wie wäre es denn umgekehrt?“
„Meine Güte, wir haben doch echt andere Probleme, nämlich xyz“
„Alles künstlich dramatisiert, Hallo, wir haben doch eine Kanzlerin!“

Zum Kotzen? Zum Kotzen!

Nachzulesen auf Twitter, auf Facebook, auf all den Blogs, in denen derzeit diskutiert wird.
Und das ist auch schon das Kernproblem: Es wird diskutiert. Nirgends ist es für uns Betroffene möglich, uns einfach auszutauschen, gehört, ernst genommen zu werden, unsere Geschichten zu erzählen. Stattdessen gibt es Gegenwind. Gegenwind für etwas, was ein Fakt ist: Weit über 60.000 Tweets und die Erinnerung im Kopf und Herzen nahezu jeder Frau: Ja, genau so etwas ist mir auch schon passiert.

Es. ist. passiert. (mehr…)

„Brüderles“ sind überall

Worum es bei der aktuellen Aufregung um Rainer Brüderle eigentlich gehen sollte, schreibt Ninia LaGrande ganz treffend – nämlich nicht um die spezielle Beziehung zwischen männlichen Politikern und weiblichen Journalisten, sondern darum zu erkennen, daß dies Teil des alltäglichen Sexismus ist, den jede Frau mehr oder weniger auszuhalten hat:

Das Vergnügen mit solchen „Komplimenten“ haben Frauen nicht nur einmal im Jahr und nicht nur mit alten, einsamen Männern. Sexismus passiert jeden Tag. Überall. Und in jeder Gesellschaftsschicht.

In der Geschichte um Rainer Brüderle geht es nicht um Rainer Brüderle. Es geht darum, dass ich jedes Mal, wenn ich abends/nachts nach Hause komme, meine Mutter anrufe, wenn ich den dunklen Weg zur Haustür gehen muss, weil ich mir einbilde, dass mir dann nichts passieren könnte. Es geht darum, dass ich im Zug meine Sitznachbarn sofort abchecke und versuche in eine Art Gefahrensystem einzuordnen. Das ist absolut oberflächlich und bescheuert. Aber ich mache es trotzdem. Ganz automatisch. Es geht darum, dass ich keine einzige Frau kenne, die nicht ein mulmiges Gefühl hat, wenn sie nachts im Dunklen allein irgendwo langgeht.

Via Drop the thought

Und wie verbreitet Sexismus ist, läßt sich schön bei den Kommentaren hier nachlesen, die sind sogar fürs Spiegelforum unterirdisch. Es ist unglaublich, wie viele Leute sich angegriffen fühlen in ihrem vermeintlichen „Recht“, Frauen ins Dekolletée zu starren, nachdem ihnen im Artikel erklärt wurde, daß das unter Belästigung fällt.

Müssen Taxifahrerinnen sich etwa begrapschen lassen?

Eine Taxifahrerin lehnt die Beförderung eines Fahrgastes ab, der sie bei einer vorherigen Fahrt sexuell belästigt hat: bald darauf folgt die Kündigung, sie sei nicht „hart genug für diesen Beruf“.

Grundsätzlich unterliegen alle Taxifahrer einer Beförderungspflicht, von der es jedoch Ausnahmen gibt: etwa wenn ein Fahrgast eine ansteckende Krankheit hat, gefährliche Gegenstände mit sich führt oder wenn eine vorhersehbare Gefährdungssituation besteht. „Wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist, darf ein Taxifahrer einen Fahrgast ablehnen“, sagt Frank Kuhle vom Landesverband Bayerischer Taxi- und Mietwagenunternehmen.

Gekündigt wurde der Fahrerin trotzdem.
Wenigstens hat die Polizei, bei der die Belästigung angezeigt wurde, eine andere Einstellung:

Die Deggendorfer Polizei hegt keinen Zweifel, dass diese Voraussetzung bei Klier erfüllt war. Die Beamten ermitteln wegen „Beleidigung auf sexueller Basis“, demnächst geht der Fall an die Staatsanwaltschaft. Taxifahrer seien keine Fußabstreifer und Frauen kein Freiwild, sagt der Polizeichef. Durch die Kündigung werde „ein völlig falsches Signal“ an die Bevölkerung gesendet.

Auch wenn deren Vorschlag, für Kameras oder vorübergehend gespeicherte Fotos von Fahrgästen wohl kaum den weiblichen Taxifahrern helfen wird, solange deren Chef_innen solche Übergriffe als normalen Teil des Geschäfts zu entschuldigen versuchen.
Diese Taxifahrerin versucht zumindest, sich juristisch zu wehren:

Sie ist bereits auf Jobsuche, demnächst wird sie vor das Arbeitsgericht ziehen. Nicht um ihre bisherige Arbeitsstelle zurückzubekommen, sondern weil sie sich ungerecht behandelt fühlt.

Via Mädchenmannschaft

Thailand, my love

Das Sextourismus existiert, weiß inzwischen fast jeder Bundesbürger. Doch welches Ausmaß er hat, ist kaum jemandem begreiflich. Wenn man heute von Menschenrechtsverletzungen spricht, denken die meisten an staatliche Gewalt, an Folterkeller und niedergeknüppelte Demonstranten. Doch was, wenn auch private Personen im großen Stil Menschenrechte mit Füßen treten?
Deutschland gilt, zumindest in einigen wichtigen Bereichen, als ein Staat, der Menschenrechte einhält und verteidigt (siehe letzter Amnesty International Bericht). Die meisten Bürger sind sich zumindest rudimentär ihrer Rechte bewusst. Aber mit den Rechten von anderen, nicht-deutschen Bürgern nimmt man es oft nicht so genau.

Beispiel Thailand.

Seit Jahrzehnten gilt Thailand, insbesondere die Metropolen Phuket, Pattaya und Bangkok als landschaftlich reizvolle Gegend mit Tropenklima – wo man ungestört Menschenrechte und insbesondere Frauen- und Kinderrechte mit Füßen treten kann. Laut dem nehemia team (www.nehemia-team.org), einer christlichen Hilfsorganisation, reisen rund eine Viertelmillion Deutsche jedes Jahr ins tropische Thailand; die meisten von ihnen kommen, damit sie „hübsche und sanftmütige Thai-Ladys“ kennen lernen und noch mehr. Es gibt sogar Internetforen, in denen der beste Sexurlaub diskutiert und empfohlen wird (http://www.travel-funblog.com/). Thailand hat den inoffiziellen Status des „Sextouristenparadieses“ schon seit Jahren inne (auch die Emma hat davon berichtet *), viele Deutsche haben sicherlich davon schon gehört. Sie haben sich scheinbar damit abgefunden. Vergewaltigte und ermordete Bardamen, missbrauchte, gefolterte Kinder und allein gelassene Waisen in den Städten und verarmten Dörfern scheinen aus unserem Bewusstsein abzurücken.

Jeder hat schon einmal davon gehört…

Doch auf die Lage in Thailand haben deutsche (und generell westliche) Touristen maßgeblich direkten Einfluss, es ist kein komplexer und indirekter Grund, der Thailand zum Zentrum von Menschenrechtsverletzungen macht. Es sind die „farang“, die weißen Männer, die diese Taten begehen. Es sind Männer, denen europäische Frauen zu viel „Aufwand“ machen; sie mögen keine Frauen, die ihre Rechte kennen, gleichberechtigt leben wollen; Frauen, über die man nicht einfach verfügen kann.

Was ist mit den Ehen?

Betrachtet man den Sextourismus, muss man sich auch zwangsläufig fragen, wie es den Frauen geht, die über ein sog. Heiratsinstitut einen Mann aus dem Westen heiraten. In der Dokumentation „Bride Trafficking Unveiled“ * gehen Joel Mishcon und Laura Barry dem Heiratsgeschäft auf den Grund. Viele der Frauen heiraten einen Mann, ohne irgendeine Ahnung zu haben, was sie tatsächlich erwartet. Barry weist darauf hin, dass die Frauen romantische, rollenorientierte Vorstellungen von Männern haben. Natürlich spielt das sexistische Konzept der Muntehe und der „Eroberung“ einer Frau durch den Mann in der thailändischen Gesellschaft eine wesentliche Rolle, so dass die Frauen überhaupt erst in die Position kommen, missbraucht zu werden. Der Druck für eine thailändische Frau, ihre Familie mitzuversorgen ist enorm, sie sind ihrer Familie „etwas schuldig“, sie müssen sich um Eltern und Verwandte kümmern. Das ist der Nährboden für Abhängigkeit. Die meisten farang wissen das oder haben zumindest Ahnung davon, wollen es aber offensichtlich nicht sehen. Die Unterwürfigkeit, Schweigsamkeit und Selbstkasteiung der Frauen wird als „Familienfreundlichkeit“, „echte Weiblichkeit“ und „Unkompliziertheit“ ausgelegt.
Die Institution Ehe, an sich schon aus historischer Sicht ein Konzept der Unterdrückung, ist in diesem Fall also auch unter dem Gesichtspunkt des Menschenhandels zu betrachten. So wie junge Frauen aus der Ukraine oder aus Bulgarien mit versprochenen Kellnerjobs nach Deutschland gelockt werden, um dann als Zwangsprostituierte in Bordellen zu landen, wird jungen Frauen in Thailand ein Leben wie ein Hollywoodfilm von den Agenturen versprochen. Doch anstatt dessen wartet oft ein Leben voller Gewalt auf sie. Die Männer sind, wie auch in der Dokumentation angesprochen wird, oft alkoholsüchtig und dominant und im schlimmsten Fall körperlich und psychisch gewalttätig; ihre thailändischen Frauen werden wie Leibeigene behandelt. Nichts könnte einer Romanze unähnlicher sein.
Leider sind mir bei meiner Recherche keine Zahlen oder Schätzungen zur Verfügung gestanden, wie viele „mail order brides“ (aus aller Welt und insbesondere Thailand) hierzulande misshandelt werden. Aber schon allein die Viertelmillion Thailand-Touristen machen einen stutzig. Seit Jahrzehnten wissen wir, was in Thailand und damit auch in Deutschland passiert und wer maßgeblich dafür mitverantwortlich ist. Doch nichts geschieht. Es scheint keine rechtliche Maßregelung für Sextourismus zu geben.

* http://www.emma.de/ressorts/artikel/prostitution/bad-men-in-paradise/
* http://www.youtube.com/watch?v=Kk0jhl70TRU

Proteste nach Vergewaltigung in Indien

(Triggerwarnung)
Nach einer brutalen Vergewaltigung gab es Ausschreitungen bei Massenprotesten in Neu-Delhi:

Die Polizei setzte am Samstag Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke gegen die Demonstranten ein, die zu Tausenden auf den Präsidentenpalast zumarschierten.
(…)
Die junge Frau war vor einer Woche fast eine Stunde lang von mehreren Tätern missbraucht und anschließend aus einem fahrenden Bus auf eine belebte Straße in der indischen Hauptstadt geworfen worden. Sie kämpft im Krankenhaus ums Überleben. Fünf Menschen wurden festgenommen. Die Demonstranten, die meisten von ihnen Studenten, forderten die Todesstrafe für die Beschuldigten und verschärfte Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz von Frauen.

Nun, die Todesstrafe wird wohl kaum zu einem frauenfreundlichen Umfeld und der Umkehrung der rape society führen… und „verschäfte Sicherheitsmaßnahmen“ klingen irgendwie gruslig, da hilft der Zusatz „zum Schutz von Frauen“ auch nicht mehr viel… was für Bullshit wurde schon „zum Schutz der Frauen“ aus paternalistischen Gehirnen gequält: Burka schützen ja angeblich auch vor unbändigem männlichem Sexualtrieb, kein Rezept für die Pille danach soll frau vor sich selbst schützen und weiterer Murks, Beispiele gibt’s genug.
Aber immerhin haben sich zig Leute offen gegen Vergewaltigungen positioniert und da besteht doch die Hoffnung auf fruchtbare Diskussionen, Projekte, etc., die wirklich etwas ändern!

Und hierzulande? Wo bleiben die Proteste? Die Demos? Anlässe gibt’s genug, rape culture haben wir auch hier. Nachdem Kachelmann und neue Freundin von „Opfer-Abo“ und ähnlichem Käse sprachen, haben sich vor dem Gericht immerhin so einige Leute eingefunden, um das nicht unkommentiert stehen zu lassen.
Aber muß erst ein derartiges Drama wie der Kachelmannprozeß mit all seinen Winkelzügen und unschönen Mediensperenzchen mit zusätzlichem Zurückschießen daherkommen, damit protestiert wird? Sind die großen Medienspektakel und Celebrityskandale die einzigen Motivationsanfacher für Aktionen gegen sexualisierte Gewalt?
Schließlich gibt es (leider) genügend weniger spektakuläre Prozesse (von der Dunkelziffer gar nicht zu sprechen!), Vergewaltigungsopfer, deren Umfeld und Trauma eben nicht so viel hergeben für die Presse. Warum nicht da genauso protestieren, aktiv werden, informeren,… alle Vergewaltigungsopfer, jedes einzelne, sollte einen anspornen, die unsägliche rape culture -Situation aus der Welt schaffen zu wollen – statt auf der nächsten großen Empörungswelle einfach mitzusurfen, bis diese wieder abebbt. Denn eine rape culture zu Fall zu bringen, ist kein einzelnes, großes Projekt, geleitet von irgendeiner Gallionsfigur. Es sind auch vieleviele kleine Projekte nötig, von Selbstkritik, Flyern, Diskussionsgruppen, am besten nie endend, bis es in den Köpfen der Leute endlich angekommen ist, daß Vergewaltigung nichts ist, was in einer Gesellschaft toleriert werden darf.