Archiv der Kategorie 'theorie'

Esst was ihr wollt!

Bei Antispe Dresden erschienen.

Unterstützung statt Zwang und Ausgrenzung bei Essproblemen

Über die Zusammenhänge von „Essstörungen“, sexistischen Verhältnissen, Pathologisierung, Veganismus und die Möglichkeiten des Umgangs mit Betroffenen in und außerhalb der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung
Von M., 12.6.14

Essen ist wichtig für alle von uns. Besorgung, Auswahl, Zubereitung, Verzehren und Verdauung von Nahrungsmitteln sind ein Dauerthema in unserem Leben. Essen beschäftigt uns tagtäglich und lebenslang. Es ist nicht nur überlebenswichtig, sondern erfüllt verschiedenste Funktionen in unserem Alltag. Essen kann Sättigung und das Stillen von körperlichen und seelischen Bedürfnissen bedeuten. Es hat in allen Kulturen eine soziale Bedeutung und bietet vielfältigste Gelegenheiten für Zusammenkünfte. Es kann befriedigend, tröstend, erfüllend sein.

Essen kann aber auch Belastung, Stress, Angst, Ekel und Druck mit sich bringen und mit unersättlichem Hunger, nicht zu stillendem Verlangen oder zwanghafter Beschäftigung einhergehen.Es gibt unzählige Probleme im Bereich Essen und Ernährung. Politische, moralische und ökologische sowie gelegentlich gesundheitliche Fragestellungen dazu werden hin und wieder in der Tierrechts-, Tierbefreiungsbewegung thematisiert. Andere hingegen, wie schwierige Beziehungen zum Essen, bisher nicht.

Die Probleme und Schwierigkeiten in der Beziehung zum Essen und damit zusammenhängend zum Körper, die einigen Menschen gemacht werden, werden folgend als politisch thematisiert.

Die Position, aus der die Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgt, geschieht aus einer feministischen, wissenschafts- und psychiatriekritischen Betroffenenperspektivei heraus. Die in der Literatur zum Thema übliche Expert*innenperspektive wird abgelehnt und spielt im Text nur eine Rolle, wenn damit einhergehende grundlegende Annahmen und Methoden kritisiert werden. Ausgangspunkt ist die Kritik an Pathologisierung und Psychiatrisierung von Menschen, deren Wahrnehmung und Verhaltensweisen, die auch sogenannte Essstörungen und psychiatrische Diagnosen generell einbezieht. Damit soll der bevormundende Blick auf und der Umgang mit Menschen, die besondere Körperbeziehungen und Beziehungen zum Essen bis hin zu großen Essproblemen haben, vermieden werden. Es soll eine Gegenposition zu den üblichen verbreiteten Ansichten und Abhandlungen über „Essstörungen“ entstehen, die betreffende Menschen als passive Leidende darstellen, die durch ihre „Krankheit“ nicht in der Lage seien, ihre Situation „richtig“ einzuschätzen und daher unfähig seien, selbst Ursachen und Auswege dafür zu finden. Im Mittelpunkt steht die Erfahrungswelt, die Lebensrealität und die Unterstützung Betroffener. Sie stellen hier die kompetenteste Instanz zu den Einordnungen und Bewertungen sowie der Konsequenzen ihres Zustandes, ihrer Wahrnehmung und Verhaltensweisen dar.

Gesellschaftliche Hintergründe und die theoretische Grundlage der Herangehensweise ans Thema werden zuerst erläutert. Anschließend wird dargestellt, weshalb die Thematisierung von Problemen mit Essen im Allgemeinen und mit Veganismus im Besonderen in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung wichtig ist, bevor radikale Konzepte des Umgangs mit Betroffenen thematisiert werden. Da die Länge des Textes begrenzt, das behandelte Thema jedoch hochkomplex ist, sind viele Aspekte nur angerissen und fallen entsprechend kurz aus. Einige Themen im Zusammenhang mit Essproblemen, wie Therapien und andere Möglichkeiten, mit den Essproblemen umgehen oder sie bewältigen zu können, sind nicht Bestandteil des Textes. Er ist an Freund*innen, Angehörige und Unterstützer*innen gerichtet und enthält keine Anleitungen oder Ratschläge zur Bewältigung der Essprobleme für Betroffene, sondern soll die Verschärfung der Probleme durch die Verhältnisse und Mitmenschen verhindern helfen. Literatur, die nützliche Hilfestellungen für einen erträglicheren Umgang mit Essen und sich selbst enthält, ist unten aufgeführt.

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Feministisches Blog backstage & Forenkommentare

Reality Rags über Referers und Links, über Maskulisten, Feminist_innen und Kommentarforen. Und Networking.

Die Maskulisten versuchen übrigens auch gern, ihr Revier mit Pingbacks zu markieren. Deshalb verlink ich da aber auch nicht hin, noch schalte ich deren Pingbacks frei. Auch bei freigeschalteten Kommentaren mit Links dorthin wird der Link entfernt. Wer hier „Zensur!“ schreit, traut den Besuchern meiner Seite offensichtlich nicht den Gebrauch von Suchmaschinen zu. Trotz anders lautender Gerüchte ist man in deutschsprachigen Landen vergleichsweise wenig von „Zensur im Netz“™ betroffen und kann sich bei Interesse jederzeit sonstwo im Internet informieren, das muß man nicht auf meiner Seite tun, die ich verantworten muß. Der Aufwand, sich eine angemessenere Umgebung als mein Blog zu suchen, um Maskulismus und anderen -ismen zu frönen, ist meiner Meinung nach zumutbar. Und ich halte mich auch für vergleichsweise tolerant.
Kann man übrigens sein Blog auch danach ausrichten.

Kopftuch. Und so.

Auf Tea-riffic zerlegt und kommentiert Heng recht geduldig einen weinerlichen Eintrag eines Menschen, der nach einem (vermeintlichen?) Flirt auf der Straße eine Nummer gekriegt hat, mit der man(n) bei wem ganz anderen landete.
Und der ein schöner Beleg dafür ist, mit welcher Sorte Typen sich die Frauen*welt so im Alltag rumschlagen muß.
Irgendwie hat frau (hallo Sozialisation!) bei sowas dann auch schon automatisch Street Harassment und Stalker im Hinterkopf.

In einem der Kommentare wird was Interessantes angesprochen: die Verfasserin des Kommenatrs schildert, daß sie vor ständigem Angesprochenwerden weitgehend geschützt ist, seit sie das Kopftuch trägt.
Nur hin und wieder rassistische Kommentare, aber wenigstens kein massives Anbaggern mehr. Tja… sie hat sich einfach auch damit auseinandersetzen müssen, was „aushaltbarer“ ist.

Und das muß eigentlich nunmal jede für sich entscheiden.
Der Fokus liegt hier übrigens auf den Worten „jede für sich“.
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Wieso wählen „Frauen“ Merkel? Ein verzweifelter Versuch

Eigentlich wär’s wurscht, aber auffällig ist es schon. Und man will die Deutung ja nicht ganz den Schirrmachers dieser Welt überlassen.
Ich kenn persönlich vom direkten Umfeld her doch eher weniger CDU-Wähler. Dennoch.
Eine mir nahestehende Person weiblichen Geschlechts (outen kann man sowas ja nicht!) hat ein Kreuzchen für Angie gemacht. Warum, weiß eigentlich keiner. Ihre politischen Ansichten haben mit denen Merkels eigentlich nichts zu tun.
Aber irgendwie identifiziert sie sich mit ihr. Nicht wegen gleicher Geschlechtsteile. Obwohl…. Merkel erscheint ihr als Mensch. Mit Menschen hat man mehr Nachsehen als mit Politiker_innen.
Merkel und sie, sie spielen gezwungenermaßen mehr oder weniger die gleiche Rolle im Leben. Beide, um im Patriarchat zu (über)leben. Viele von ihnen sind selber „Mutti“, die sparen muß und wie man’s macht, alles mault. Und die Erfolge will auch keiner anerkennen. Man brauch auch keine Kinder haben, es gibt auch „WG-Muttis“. Manchmal fühlt sich jede mal so oder so ähnlich. Es wird ja auch ständig auf jede Frau die „Mutti“ projeziert. Kleine Hunde sind „Kindersatz“, nett zu Kindern zu sein liegt an „mütterlichen Gefühlen“, wer dem Süßen einen Erkältungstee bringt, zeigt Mutterinstinkt (und dann motzt der Patient, wenn die Medizin zu bitter ist, kennt „frau“ ja) und im Alter braucht man sich gar nicht mehr gegen den Stempel wehren wollen: man ist eine Oma. Auch ohne Nachkommen oder sich je in irgendeiner Weise „mütterlich“ verhalten zu haben. Da kann man sich auch noch so ungroßmütterlich wie’s nur geht verhalten für viele ist man trotzdem eine Oma.
Merkel spielt diese Rolle aus. Sie konnte Mädchen und sie kann Mutti. Meinetwegen hat sie vielleicht auch das Potential zu einer „weisen Alten“, wär ja mal ein schöner Gegenentwurf zu „Oma“. Aber soweit sind wir noch nicht, da bin ich mir recht sicher.
Bis dahin spielt sie weiter „Mutti“, die vielleicht auch mal nachgibt, aber irgendwie halt auch nur ein Pflaster aufkleben kann und einem erzält, daß es doch gar nicht so schlimm wehtut. Dieser aber durchaus irgendwie tröstende Vorhergehensweise erliegen scheints auch genug konservative Herren. Jedem in Not ist es wohl intuitiv erstmal lieber wenn Mutti kommt und pustet als die ganzen „Hilfe! Ab zum Arzt“ kreischenden Leute (hoffentlich waren keine Sanitäter drunter) in die Nähe zu lassen.
Und da beißt sich womöglich die Katze in den Schwanz.

Karma’s a bitch & Gender Roles will bite you in the ass.

Care-Work in der Femina Politica

Rezension von:
FEMINA POLITICA
Heft 1/2013 (ISSN: 1433-6359)
Link zur Zeitschrift

Die „Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft“ ist seit mehr als zwei Jahrzehnten eine verlässliche Größe in Bezug auf aktuelle Debatten. Kapitalismuskritik und Postkoloniale Theorie spielen von Anfang an zentrale Rollen. Mit dem aktuellen Heft – 1/2013 – liegt eine weitere Ausgabe mit ökonomischem Schwerpunkt vor. Daneben finden in den Rubriken „Forum“ und „Tagespolitik“ Beiträge zu aktuellen Debatten und politischem Aktivismus Platz. In dieser Ausgabe werden so unter anderem die „deutsche Beschneidungsdebatte“, das Streiten der österreichischen Flüchtlinge und die Position der Minenarbeiterinnen bei den Streiks in Südafrika diskutiert. Aktuelle „Kurznachrichten“ mit Konferenzeinladungen sowie „Rezensionen“ runden den Band ab. (mehr…)

Rezension und Diskussionbeitrag zu: Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter (2013): Queer und (Anti-)Kapitalismus

queer und (anti-)kapitalismus
Quelle: Ankündigungsseite des Verlags

Seit relativ kurzer Zeit findet im Rahmen einer grundsätzlichen kritischen Reflexion von ‚queer‘ neben der Auseinandersetzung mit bspw. critical whiteness, fat pride oder Femme-Kritiken an der genderqueer-Norm innerhalb der Bewegung auch die Rückbindung der Diskussionen und Politiken an kapitalismuskritische und Kapitalismus verneinende Positionen statt. Es gab dazu bisher kaum explizite und die komplette Diskussion umfassende Literatur – bis jetzt: Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter legen „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ vor, das vor wenigen Tagen im Rahmen der theorie.org-Reihe erschienen ist. (mehr…)

Wann ist eine Demokratie eine Demokratie? – aktuelle Kämpfe gegen Rassismus und zu queer-feministischen Debatten. Eine Rezension

Duygu Gürsel, Zülfukar Çetin & Allmende e.V. (Hg.)
Wer Macht Demo_kratie? Kritische Beiträge zu Migration und Machtverhältnissen
edition assemblage, 256 Seiten, 16.80 Euro, ISBN 978-3-942885-34-8
Infos zum Buch: Verlagsseite

„Wer MACHT Demo_kratie?“ ist soeben im Verlag Edition Assemblage erschienen. Der von Duygu Gürsel, Zülfukar Çetin und dem Allmende e.V. herausgegebene Band, leistet vieles – insbesondere schafft er es, Aktivismus und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden. Das zeigt sich thematisch und in der Wahl der Beitragenden: So kommen angesehene Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen gleichermaßen und gleichberechtigt zu Wort.

Wer macht Demokratie? Ist aktuell in der Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Frage. Ist noch von Demokratie zu sprechen, wenn große Teile der erwachsenen Bevölkerung zwar in den Städten und Bundesländern leben und somit guter oder schlechter Politik unterworfen sind, aber selbst nicht wählen dürfen? Warum dürfen nicht einfach alle die Menschen, die an einem Ort leben, auch gleichberechtigt politisch und gesellschaftlich gestalten? Derzeit dürfen viele Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland nicht wählen – viele Menschen mit Migrationshintergrund. Noch krasser ist die Situation von Flüchtlingen, denen massive Gewalt und oft furchtbare Lebensbedingungen in Lagern zugemutet werden, ihnen aber von der bundesdeutschen Gesellschaft die Möglichkeiten genommen werden, dagegen zu kämpfen.

Es geht also um MACHT, nicht allein Macht von Institutionen, die, wie das deutsche Staatsangehörigenrecht, noch auf die deutsche Kaiserzeit zurückgehen. Es geht um weiße Vormacht, um Ausschluss und partiellen Einschluss. Es geht um Rassismus.

Der insgesamt 17 Beiträge enthaltende Sammelband ist in sechs Teile untergliedert, in denen einerseits rassistische Verhältnisse analysiert werden. Gerade die Teile „Queer und Gender“, „Flüchtlingspolitik“ ziehen Verbindungen zu aktuellen Kämpfen und Querverbindungen zu queer-feministischem Streiten. Fünf Beiträge sind in englischer Sprache – auch sie sind gut verständlich. (mehr…)

„Den Frauen überlegen sein.“

Ein münchner Malerlehrling überfällt drei Frauen mit einem Messer, um sie zu vergewaltigen. Die gute Nachricht: die Frauen wehren sich erfolgreich und der 22jährige steht nun vor Gericht.
Dieser Fall ist exemplarisch für eine Verwaltigungskultur und macht wieder mal deutlich, daß es bei Vergewaltigung mitnichten um Sex geht. Nein, es geht um Machtausübung.
Auf den Punkt bringt es die Antwort des Angeklagten auf die Frage des Richters, worum es ihm den bei den Übergriffen ging:

„Den Frauen überlegen sein“

Seattle Rape Culture Graffity
(Graffity in Seattle)

Es wird hier deutlich, daß es sich bei Vergewaltigern nicht unbedingt um gestörte, verzweifelte Einzelgänger handelt, die Vergewaltigung als ihre einzige Möglichkeit sehen, an Sex zu kommen. Denn dieser Typ hatte zuvor durchaus ein reges Sexualleben:

Der Vorsitzende Richter Thomas Denz wunderte sich, dass ein beinahe noch Jugendlicher auf solch brutale Weise versucht, sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Doch der Trieb war nicht sein einziges Motiv. Armin H. hatte schon etwa ein Dutzend Freundinnen, und zehn Mal war er auch im Bordell.

So unverständlich und traurig das sein mag, aber Puffbesuche sind, genau wie Promiskuität, absolut im Rahmen durchschnittlichen männlichen Sexualverhaltens.

Dennoch geistert überall das Bild durch die Gesellschaft, daß Vergewaltiger abartige Monster à la Armin Meiwes oder Marc Dutroux seien. Das ist ganz praktisch, denn dann brauch man sich nicht mit ihm als Mitmensch identifizieren, man kann den Täter entmenschlichen und als verrückt-perversen Einzelfall sehen, als Ausnahme, als Sonderfall, als „Biest“. Als etwas, das nichts mit einem selbst und dem eigenen Alltagsleben zu tun hat. Ein Abartiger halt, der ausgeflippt ist. Da muß man sich keine Gedanken machen, Verantwortung für die gesellschaftliche Haltung, die Übergriffe fördert, übernehmen. Wie bequem.

Aber so verhält es sich leider nicht. Vergewaltiger kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sind normale Menschen. „Normal“ in dem Sinne, daß sie einer Norm folgen, die in unserer patriarchalen Gesellschaft ganz selbstverständlich ist: die Einbildung, seine Männlichkeit dadurch definieren zu müssen, daß man Frauen abwertet, um sich selbst als Mann aufzuwerten. Frauen nicht als Menschen zu sehen, sondern als Objekte, die zur eigenen Triebbefriedigung da sind. Die Einbildung, daß man das Recht hätte, Frauen nach Belieben zu benutzen. (mehr…)

Theorie und mehr im Mai

Da unsere Termine-Seite sich inzwischen eher auf regelmäßige Events spezialisiert hat, gibt es jetzt mal wieder hier ein paar queere und feministische Veranstaltungstipps für das kommende Wochenende und danach:

Zum vierten Mal startet dieses Jahr vom 9. bis 12. Mai das GenderCamp in Hüll bei Hamburg, ein BarCamp rund um Feminismus, Queer, Gender und Netzkultur.

In Hamburg selbst geht es am Freitagabend (10.5.) beim „Aufstand aus der Küche“ mit Silvia Federici um Reproduktionsarbeit aus feministisch-marxistischer Perspektive:

veranstaltungsflyer, für textversion bitte klicken

Am selben Wochenende findet vom 10.-12. Mai in Bonn das Queer*Fem_fest – Kritische Tage zu den Geschlechterverhältnissen mit einem spannenden Programm statt.

In Weimar gibt es 16.05. bis zum 01.06. die Veranstaltungsreihe zum Internationalen Tag gegen Homophobie – idaho. Dabei wird es unter anderem Filme, Vorträge, Diskussionen, Workshops, Büchertische und Live Musik geben.

In Berlin schließlich hat das Missy Magazin für den 20. Mai unter dem Titel “ There is more to sexism than meets the eye“ mit Angela McRobbie, Nana Adusei-Poku, Anne Wizorek, Jasmin Mittag, Sookee und Margarita Tsomou eine illustre Runde zusammengestellt.

Femen, ruhe in Frieden

Kontrovers waren die Femen ja schon immer. Aber ich muß ehrlich zugeben, daß die Femen-Aktionen eine Zeit lang ein bißchen Hoffnung nährten, hatten sie es doch erfolgreich geschafft, den Feminismus immer wieder in die Medien zu schubsen.
Aber dann kam die Aktion auf der Herbertstraße mit diesem unsäglichen „Arbeit macht frei“-Schild, immer mehr bescheuerte Aussagen und letztens ein dem gesamten Islam (inklusive der muslimischen Frauen, auch den feministischen) geltenden Rundumschlag. Und mit der Reaktion von Femen auf Kritik müßten die Damen eigentlich jetzt wirklich für viele gestorben sein.
Wie sie generell mit Kritik umgehen, wußte man spätestens seit ihrer Reaktion auf die Kritik von evibes: mit unglaublichem Mangel an Reflektionsvermögen.
Bei der aktuellen Debatte wird an ihren Entgegnungen eine Ignoranz, eine riesen Menge Paternalismus und, man möchte fast schon sagen, Größenwahn deutlich, daß sich einem die Fußnägel aufrollen:

Für Shevchenko ist sie wegen dieses Stück Stoffs eine Sklavin, die befreit gehört. „Das Kopftuch ist vergleichbar mit einem Konzentrationslager“, sagt die Aktivistin. „Nein“, entgegnet Ulusoy, ihre Verhüllung sei für sie als Kind zunächst „das Symbol des Erwachsenwerdens gewesen, heute unterstützt es meinen Charakter“. Außerdem sei es ja nicht an ihrem Kopf festgenagelt, sie könne es jederzeit hinterfragen. Also auch ablegen. „Solche Frauen hatten doch nie die Wahl. Sie kennen den Unterschied zwischen Freiheit und Unfreiheit nicht“, kritisiert die Femen-Aktivistin.

Wie anmaßend das ist und wie so eine Menge feministischer Aktivist_innen muslimischen Glaubens abgewatscht werden, wird in einem absolut lesenswerten Interview mit Kübra Gümüsay in dieStandard deutlich:

Wir brauchen natürlich AktivistInnen, die aufstehen und sagen „So geht das nicht!“. Ich würde bei den Femen-Protesten für Amina mitmachen, wenn ich wüsste, dass es tatsächlich um Inhalte geht. Aber sich vor eine Moschee der Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft zu stellen, die überhaupt keinen Bezug zu Tunesien hat und die noch dazu in vielen islamischen Ländern verfolgt wird – das war für mich ein Signal, dass es weder um Inhalte geht, noch darum, effektiv und zielgerichtet Amina Tyler zu helfen. Es geht nur um ein Tamtam und Medienaufmerksamkeit.

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