mädchenblog 2016-04-03T16:54:18Z Copyright 2016 WordPress schokolade <![CDATA[Schwimmen]]> http://maedchenblog.blogsport.de/2016/04/03/schwimmen/ 2016-04-03T16:29:43Z 2016-04-03T16:29:43Z allgemein geschlecht sport Dieser Artikel ist im März 2016 in der Brav_a #7 erschienen. Die Brav_a {spanisch: tapfer, mutig, wild, wütend} ist ein queer-feministisches Zine im Stil einer Teenie-Zeitschrift.
Wie ich euch sicher nicht erklären muss, geht es im Text nicht um den Diss von allen Männern, oder die Behauptung alle Männer wären gleich, sondern um die Kritik von dominant performter Männlichkeit.

Ich habe Sport schon immer gehasst, denn beim Schulsport war ich immer die Letzte bei allem. Auch heute verabscheue ich Sport noch und bin sehr unsportlich. Nur Schwimmen mag ich und wegen guter Technik bin ich eine ganz gute Schwimmerin. Also natürlich nicht auf Leistungssportniveau, aber so, dass ich gut mit sportlichen Menschen mithalten kann. Einmal die Woche gehe ich mit einem Freund in die Schwimmhalle an der Landsberger Allee, dort, wo viele dieser sportlichen Menschen ihre Bahnen ziehen. Dieses Becken ist ein Biotop für männliches Dominanzverhalten, und jede Woche freue ich mich ein bisschen darauf, diese Rituale aus nächster Nähe erleben zu können. Dort, in diesem Moment, wenn die Menschen fast nackt sind, und von den allermeisten Merkmalen des sozialen Status, von Bildungsgrad, Beruf, Familienstand, sexuellen Vorlieben oder politischen Meinungen befreit sind, dort, wo Reden keine Rolle spielt, sondern jede Kommunikation auf die reine grobe Körpersprache reduziert ist, dort wird einem die Lächerlichkeit von dominant performter Männlichkeit besonders bewusst.

schwimmen

Erste Szene: Ich, die ich sehr unsportlich aussehe, mit meinem untrainierten Körper und meinem Bäuchlein, fange an zu schwimmen. Hinter mir ein Mann. Der Mann hinter mir drängelt und überholt mich schließlich, er schneidet mich knapp, vielleicht damit ich es auf jeden Fall mitbekomme, wie er mich überholt. Manchmal tritt er mich noch ein bisschen, was bilde ich mir auch ein in seiner Bahn zu schwimmen. Dann jedoch hat der Mann sich verschätzt, das Überholen war anstrengender, als er dachte, und ich bin schneller, als er dachte. Er fällt zurück und ich muss ihn schließlich wieder überholen. Während ich ihn überhole wird er noch einmal schneller, so dass es noch länger dauert und wir dabei noch eine dritte entgegenkommende Person stören. Das einzige Resultat dieser ganzen Aktion ist, dass es uns beide genervt und in unserem Schwimmrhythmus gestört hat. Manchmal wiederholt sich diese Situation mit derselben Person noch mehrere Male, bis ich meine 20 Bahnen geschwommen bin und aufhöre.

Andere Szene: Ein schneller Schwimmer könnte auch auf die Schnellschwimmerbahn wechseln. Doch er bleibt bei den langsameren Menschen und überholt sie ständig. Am Ende der Bahn wartet er dann, bis die Leute, die er gerade überholt hat, an ihm vorbei schwimmen, um sie dann wieder überholen zu können. Die Bahnen sind eng und er nervt alle, aber das ist egal, denn es ist seine Bahn und wir sind sein Hindernisparcours.

Ein Mann sitzt am Beckenrand, genau dort, wo die Schwimmer_innen anschlagen und umdrehen. Man kommt ihm unfreiwillig sehr nahe in diesem Moment. Er reckt seinen Oberköper, und wenn man zufällig in seine Richtung guckt, fängt man seinen Blick. Ganz offensichtlich guckt er, ob die anderen ihn und seinen durchtrainierten Körper auch richtig angucken.

Ein Mann schwimmt auf dem Rücken. Es gibt dafür eigentlich eine extra Bahn, aber weil er ein Mann ist, gehört diese Bahn ihm, und wenn er hier Rückenschwimmen, und dabei in der Mitte der Bahn schwimmen und seine Arme in beide Richtungen fast im rechten Winkel ausstrecken will, dann macht er das. Er schwimmt dazu auch noch sehr langsam, so dass er an ein schwimmendes Riesenfaultier erinnert. Habt ihr mal Videos von schwimmenden Faultieren gesehen? So würde es aussehen, wenn sie auf dem Rücken schwimmen würden. Wenn ich ihn überhole und versuche mich dafür ganz schmal zu machen, schlägt er mir noch mit seinen langen rechtwinkligen Armen auf den Rücken.

Ein Mann schwimmt. Dann hält er nach der Hälfte der Bahn an, weil er jetzt Lust hat sich zu recken. Es ist seine Bahn und er kann sich recken, wann er will, und wenn dann Menschen fast in ihn reinschwimmen und um ihn herumschwimmen müssen ist das nicht sein Problem. Einmal wurde ich Zeugin einer besonders ätzenden längeren Performance dieser Art. Dauernd hielt der Mann in der Mitte der Bahn an und guckt die heranschwimmende Person gelangweilt an und entschied sich erst im letzten Moment zur Seite zu paddeln. Er war nicht 14, wie man erwarten würde, sondern mindestens Ende 40 und hatte eine Frau dabei, die er offensichtlich damit beeindrucken wollte. Als lustige Ergänzung zu dieser Gegebenheit sah ich ihn ein paar Wochen später in der Hausprojekt-Küche einer Freundin wieder, er ist dort ein Mitbewohner. Es gibt nichts Sympathischeres als alte linke Macker, die offensichtlich soundsoviele Jahr in der linken Szene hinter sich haben, ohne sich jemals besonders intensiv mit ihrer Männlichkeit auseinandergesetzt zu haben…

Eigentlich sollte so ein Artikel damit enden, dass Lösungswege aufgezeigt werden. Aber was soll man hier schon für Tipps geben? Bei der Bademeisterin petzen? Ein eigenes FLTI*-Schwimmbad aufmachen? Nicht mehr schwimmen gehen? „Zurücktreten, bis es blutet“? (Zitat des Schwimmfreundes). Nein, ich denke, was man aus meinen subjektiven Anekdoten ziehen kann, ist die Beobachtung dieser konzentrierten, auf essenzielle Verhaltenmuster reduzierten Männlichkeit und die Schlussfolgerungen, dass a) es ist eigentlich weder machtvoll noch respekteinflößend oder „cool“, sondern nur peinlich, unglaublich peinlich… und b) ähnliche, meist etwas subtilere Verhaltensweisen begegnen uns jeden Tag im komplett bekleideten Leben, in der WG, im Beruf, in der Ausbildung oder dem Studium. Und sie zu erkennen, für das, was sie sind – (bewusste und unbewusste) peinliche Machtdemonstrationen – kann helfen, besser damit umzugehen. Sich nicht davon einschüchtern zu lassen und Gegenstrategien zu entwickeln.

von anonym

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Anja <![CDATA[Anti – Street Harrasment Woche 10. – 16. April 2016]]> http://maedchenblog.blogsport.de/2016/03/22/1629/ 2016-03-22T10:44:19Z 2016-03-22T10:44:19Z allgemein Wir sind wütend, weil wir nicht sicher sind auf unseren Straßen, wie es uns einschränkt, uns unserer Freiheit beraubt. Nicht erst jetzt, nachdem seit der Silvesternacht ganz Deutschland auf einmal Sexismus, Street Harassment, sexuelle Belästigung entdeckt hat. Wir sind wütend, weil sexuelle Belästigung nicht erst Silvester erfunden wurde, sondern schon immer vorhanden war. Wir sind wütend darüber, dass nicht endlich eine Auseinandersetzung mit den allgegenwärtigen Sexismen in unserer Gesellschaft stattfindet.

Stattdessen werden hegemoniale Männlichkeiten reproduziert, in denen wir entrechtet werden, indem uns der Diskurs, das Selbstbestimmungsrecht aus der Hand genommen wird. Wir werden instrumentalisiert für fremdenfeindliche, rassistische Propaganda, die Betroffene benutzt, um gegen Fremde zu hetzen. Wir wurden instrumentalisiert für das verschärfte Asylpaket II, bei dem kurzerhand der Schutz der Frauen vor Gewalt rausgeschmissen wurde, obwohl damit gegen die EU-Richtlinie 2013/33/EU des EU-Parlaments und des EU-Rates verstoßen wird. Unser Sexualstrafrecht ist nach wie vor nicht ratifiziert.

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dodo <![CDATA[Kahlschlag 2015]]> http://maedchenblog.blogsport.de/?p=1627 2015-12-21T10:58:16Z 2015-12-21T10:58:16Z körper geschlecht mode sexismus laempelAnfang 2007 gab es noch einen großen medialen Aufstand, als Britney Spears sich die Haare abrasiert hatte.
Und heute? Scheint Kahlschlag auf dem Frauenschädel immer noch genauso provokant für die Umwelt zu sein.
Laura Nunziante hat sich von ihren Haaren verabschiedet und schreibt auf bento von den Reaktionen:

„Sag mal, bist du krank?“ Das ist die erste Nachricht, die ich auf Facebook erhalte, nachdem ich mein Profilbild geändert habe. „Du siehst aus, als hättest du ’ne Chemo hinter dir.“ Ein langjähriger Freund schreibt: “Läuft wohl nicht so mit den Typen, was?“
(…)
Ich werde auf der Straße mit einer KZ-Insassin verglichen. Ich werde gefragt, ob ich überhaupt noch „gefickt werde bei dem Aussehen.“ Eine ältere Frau fragt mich, warum ich mich über Krebskranke lustig mache.

Frau + rasierter Kopf = krank, mißhandelt, asexuell?
Bei Wikipedia wird interessanterweise eine Studie von Albert Mannes hingewiesen:

Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 von Albert Mannes von der Wharton Business School wird die Glatze gesellschaftlich mittlerweile anders beurteilt. Er fand heraus, dass die Glatze für Größe, Achtung und Macht steht. Unbehaarte wirken dominanter und kräftiger. Sie wurden im Experiment um durchschnittlich 2,5 cm größer eingeschätzt. Weitere Eigenschaften, die mit Glatze in Verbindung stehen sind Aggressivität, Männlichkeit, Wettbewerbsstärke und Erfolg. Dagegen wirken Toupets und überkämmte Haarlücken lächerlich.

Getestet wurde hier natürlich die Reaktion auf männliche Glatzenträger
Vielleicht gibt es in ein paar Jahren mal eine Studie, bei der den Probanden Bilder von Frauen mit/ohne Haupthaar vorgelegt werden – und bei der die Reaktionen dann hoffentlich etwas, ahem… differenzierter ausfallen als bei Laura.
Aber, wie diese so schön feststellt:

Es hat zwei Minuten gedauert, meine Haare abzurasieren. Denkmuster zu durchbrechen, dauert länger.

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Anja <![CDATA[Hauptsache für die Tiere?]]> http://maedchenblog.blogsport.de/2015/10/06/hauptsache-fuer-die-tiere/ 2015-10-06T18:49:15Z 2015-10-06T18:49:15Z allgemein Die „Hauptsache-für-die-Tiere“ Fraktion hat wieder zugeschlagen. Zum Welttierschutztag erstellte Sabine M. Mairiedl ein Bild mit einem V*rg*w*lt*g*ngsvergleich. Leider erfuhr das Meme, wie zu erwarten, bei der „Hauptsache-für-die-Tiere“ Fraktion viel Zustimmung. Es gab aber auch viel Kritik, auch von Betroffenen sexualisierter Gewalt. Diese Kritik wurde jedoch nicht ernst genommen und abgewiegelt. Pikanterweise hat Sabine M. Mairiedl das kritisierte Bild nicht auf ihrer privaten Facebookseite veröffentlicht, sondern auf ihrer gewerblichen Seite, auf der – kostenpflichtig – vegane Jobs angeboten und gesucht werden können und dieser Seite enormen Zulauf und Aufmerksamkeit beschert hat. Sabine M. Mairiedl betreibt außerdem eine private Unterstützungsseite der Kampagne „One Billion Rising Deutschland“, auf der das Bild auch geteilt wurde. Diese private Unterstützungsseite ziert das offizielle Logo von One Billion Rising, so dass der Eindruck entsteht, es handele sich hier um eine offizielle Seite von One Billion Rising.

Bei VEGANmimikry ist ein ausführlicher Artikel dazu erschienen.

„Sabine M. Mairiedl begibt sich mit ihrer unsensiblen Ignoranz gegenüber Betroffenen sexualisierter Gewalt auf antiemanzipatorisches Terrain, um ihren monetären Interessen Vorschub zu gewähren. Ihre Argumentation ist antifeministisch, fast schon maskulinistisch. So wird auf dem Rücken Betroffener sexualisierter Gewalt Veganismus propagiert, jegliche Kritik an diesem sektionalen Austausch zweier Unterdrückungsformen mißachtet und nebenbei Werbung für ihren kostenpflichtigen Internetservice gemacht. Hauptsache für die Tiere. Hauptsache Publicity für ihre Seite Vegane Jobs.“

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Anja <![CDATA[Transfeindlichkeit und Transausschluss bei den Störenfriedas]]> http://maedchenblog.blogsport.de/2015/09/17/1624/ 2015-09-17T15:23:54Z 2015-09-17T15:23:54Z allgemein feminismus theorie Triggerwarnung: Transfeindlichkeit

Bei den Störenfriedsas wurde ein haarsträubend unsachlicher und polemischer Artikel zur Trans-Debatte veröffentlicht:

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Infrangibile haben auf den Artikel der Störenfriedas geantwortet:

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dodo <![CDATA[Respect]]> http://maedchenblog.blogsport.de/2015/08/30/respect/ 2015-08-30T01:12:59Z 2015-08-30T01:12:59Z feminismus geschlecht popkultur rassismus „Zeit Online“ erzählt die Geschichte von Otis Reddings Lied „Respect“ und wie Artetha Franklin ihn mit neuer Bedeutung auflud:

In der Tat übertraf Franklins Respect Reddings Original um Längen. Die Aufnahme wurzelte zwar im selben Südstaatensound. Arethas Stimme aber, unterstützt von einem Gospel-Backgroundchor, katapultierte den erdverhafteten Rhythm and Blues Reddings in spirituelle Höhen.

Entscheidend dafür, dass der Song zum Protestlied wurde, war indes noch etwas anderes: dass sie die Perspektive umkehrte. Dass hier eine Frau sang. Dass hier eine Frau Respekt verlangte von ihrem Mann. Sosehr Emanzipation und Gleichberechtigung Schlagwörter der Bürgerrechtsbewegung waren: Mit der Gleichstellung der Geschlechter war es oft auch unter den afroamerikanischen Aktivisten nicht weit her. Im Soul und Rhythm and Blues galt Gewalt in der Ehe nicht selten als Kavaliersdelikt; aus weiblicher Perspektive wurde sie viel beklagt und viel besungen.

Redding forderte Respekt aus der Position des Mächtigeren. Aretha Franklin sprach aus der Position der Benachteiligten. Erst durch diese Umkehrung eignete sich das Lied dazu, Verhältnisse jenseits der eigenen vier Wände mit anzuprangern.

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Anja <![CDATA[Warum Vergewaltigngs“witze“ nicht witzig sind]]> http://maedchenblog.blogsport.de/2015/08/11/1622/ 2015-08-11T13:29:51Z 2015-08-11T13:29:51Z allgemein Inhaltswarnung: Rape Culture

Warum Vergewaltigungs-Witze eine wirklich schlimme Sache sind und auch nicht passiv ‚abgelächelt‘ werden sollten. Die deutsche Übersetzung eines, recht bekannten, Kommentars auf Shakesville.

„Viele Leute beschuldigen Feminist_innen, sie würden denken, alle Männer seien Vergewaltiger. Das ist nicht wahr. Willst du wissen, wer glaubt, alle Männer seien Vergewaltiger? Vergewaltiger glauben das.“

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Fookaeri <![CDATA[Von Queen Bees und einem manipulierbaren Bienchenstaat, wie er im (Märchen-)Buche steht – Erwachsenwerden in Zeiten des Youtube-Kapitalismus]]> http://maedchenblog.blogsport.de/?p=1621 2015-08-07T09:19:24Z 2015-08-07T09:19:24Z allgemein netzwelt feminismus geschlecht popkultur kapitalismus Es ist so einfach Licht und Schatten zu unterscheiden, wenn die Sonne vom wolkenlosen blauen Himmel brennt und die Augen dank Sonnenbrille nicht unangenehm geblendet werden. So lag ich vor einiger Zeit am Strand und suhlte mich in der südeuropäischen Sonne mal wieder genüsslich in meiner feministischen Wut über die neuesten Youtube-Videos der Lifestyle-Vloggerinnen Dagi Bee und Bibi mit den dazugehörigen Tweets ihrer treuen „Bienchen“ und „Bibinators“, wie sich die Fans selbst nennen. Wahrscheinlich wollte ich mir nur selbst beweisen, dass ich mein politisches Interesse nicht automatisch an der Rezeption des ordentlichen Rentner-All-In-Hotels abgegeben hatte. „Das darf doch wohl nicht wahr sein“, grummelte ich offenbar bereits bestens akklimatisiert in Rentner-Manier vor mich hin, „dass Heerscharen junger Mädchen diesen Queen Bees of Capitalism vollkommen unreflektiert wie ferngesteuerte Zombie-Bienchen mit der gleichen glattgebügelten Frisur hinterherfliegen. Wo sind denn bitte die rebellischen Biene Majas geblieben?!“. Vor kurzem waren solche Lifestyle-Formate in die Kritik geraten; ihnen wurde vorgeworfen die Fans moralisch fragwürdig durch Schleichwerbung auszubeuten. Noch die letzten gelesenen Zeilen von Laurie Penny’s Buch „Fleischmarkt“ im Hinterkopf, summte es jetzt also unaufhörlich unangenehm in meinen Ohren:

„Ja, wir kaufen, mehr als alles andere werden wir gehorsam kaufen, was wir angeblich brauchen, um akzeptiert zu werden.“

Und so haute ich im Eifer des imaginierten Gefechts wahnsinnig rebellisch folgenden Tweet mit dem gerade trendenden Hashtag raus: „#IchDankkeDagiFür die tägliche Erinnerung, dass Feminismus (leider) immer noch nötig ist.“ Dann meinte ich noch einen oben drauf setzen zu müssen, indem ich Jan Böhmermanns Tweet mit folgendem Kommentar retweetete: „Genau so ist das…und Bibi ist mit Schuld an dem ganzen Schlamassel: ‚Kleine Mädchen wollen nicht, wie früher, Pippi Langstrumpf sein. Kleine Mädchen von heute wollen Annika sein.‘“. Mein politisches Gewissen hatte ich damit beruhigt und konnte den Rest des Urlaubs mit Essen, Schlafen, Surfen und Sonnen in wunderbar geordneten Verhältnissen verbringen. Gut zu wissen, wo man steht und wer die plakativen Gegner sind. Herrlich.
Doch zurück im grauen Deutschland waren Licht und Schatten verschwunden, ich hatte die Sonnenbrille abgesetzt, das Hirn wieder eingeschaltet und sah nur noch grauen Einheitsbrei. Zu allem Überfluss folgte mir seit meinen vermeintlich feministischen Twitter-Ergüssen der letzten Tage ein unschuldiges Bienchen, das unter anderem mit den klassischen „Dagi du bist die Beste und Schönste“ -Tweets vor sich hin summt.
Wie konnte das sein, hatte es sich etwa verflogen? War meine Botschaft missverständlich? Oder sollte die ganze „böse Bienenköniginnen – manipulierte Bienchen“-Nummer vielleicht doch nicht so ganz einfach sein?

Summ, summ, summ, Bienchen summ herum

Man muss schon zugeben: Die selbst geschaffene Bienchen-Symbolik im Dagi-Fankult ist in ihrer plakativen Eindeutigkeit sehr bestechend. Die Bienenkönigin (als einzig geschlechtsreifes Tier im Bienenvolk) schart die Arbeiterinnen um sich, steuert diese durch Pheromone und sorgt für ihr Wohlbefinden. Im Gegenzug bauen die Arbeiterinnen den Bienenstock auf und versorgen den Nachwuchs sowie die Königin selbst mit Nahrung. Vor dem Hintergrund der nun endlich auch breiter aufgegriffenen Kritik an intransparenter Werbung bei Youtube, Instagram und Co. erhält diese Eigensymbolik umso mehr Brisanz: Die böse Bienen-Königin manipuliert ihre kleinen Bienchen mit spärlichen und damit umso begehrteren Zeichen der Wahrnehmung und Anerkennung (in Form von Antworten, Folgen, Favorisieren und Retweeten), damit diese ihr bereitwillig folgen und sie mit möglichst vielen Einnahmen aus Werbung und Produktplatzierung versorgen. Doch auch wenn eine Debatte über den schmalen Grat zwischen intransparentem Sellout und notwendiger finanzieller Unterstützung zur Weiterentwicklung von Youtube-Formaten wichtig ist, hinkt der Bienchen-Vergleich an einer wesentlichen Stelle. Es sind nämlich keine willenlosen Bienchen, die ihrer Königin folgen, sondern zumeist junge Mädchen in der Pubertät, die sowohl über ein eigenes Gehirn als auch über einen eigenen Willen verfügen. Ja, wirklich. Sie sitzen und sprechen. Sie können denken und üben sich im Urteilen.

Mädchen und Frauen ausreichend eigenständige Willenskraft und Intellekt abzusprechen ist eine uralte Praktik patriarchaler Gesellschaften. Und immer wenn´s etwas kompliziert wird, wird diese Praktik offenbar gerne mal wieder aus der Mottenkiste gekramt. Zum Beispiel als es zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die Frage des Frauenwahlrechts ging. Hier wurde etwa heißt diskutiert, ob Frauen überhaupt über einen unabhängigen Willen verfügen; in einigen Ländern mussten Frauen im Gegensatz zu Männern ihre Schulbildung nachweisen, um wählen zu dürfen. Freilich, auch dieser Vergleich hinkt, denn die klassischen Bibi und Dagi Fans haben das Alter der Wahlberechtigung wohl noch nicht erreicht. Dass die Abwertung insbesondere von jungen weiblichen Youtube-Fans dennoch nach einem ganz ähnlichen Muster funktioniert, ist umso erstaunlicher. Denn die Entscheidung, welcher Lippenstift es nun beim nächsten Drogerie-Bummel werden soll, hat doch eigentlich weniger Tragweite als die Entscheidung, wie das Land regiert werden soll, in dem man lebt.

Raffgierige Täter_innen und treudoofe Opfer?

Bei der Frage, welche Bedeutung Youtube-Protagonist_innen für die Entwicklung heutiger Kinder und Jugendlicher haben (und vice versa), wird es also offenbar für einige gerade wieder etwas kompliziert. Die mediale Berichterstattung nähert sich dem Phänomen derzeit vor allem empört bis schockiert und versucht dabei betrügerische Täter_innen und naive Opfer dingfest zu machen. Auf Chip.de ist hier beispielsweise von „Knackjungen Barbies im Shoppingwahn“ und einer „treudoofen, zahlungswilligen Community“ die Rede. Frontal 21 kündigte ihre Sendung vom 02.06.2015 mit der Überschrift „Schleichwerbung im Netz – Gekaufte Blogger, manipulierte Kids“ an und präsentierte in dem entsprechenden Beitrag enttäuschte junge Youtube-Fans als betrogene, leichtgläubige „Opfer der heimlichen Werbeangriffe“. Zusammen mit der Bienchen-Symbolik-Steilvorlage liegt da der schnelle Griff in die Mottenkiste verführerisch nahe: Alles hirn- und willenlose kleine Mädchen, die einfach zu manipulieren und auszubeuten sind. Schuld sind also die geldgeilen Queen Bees mit ihren unmoralischen Machenschaften und ein wenig auch die dummen kleinen Mitläuferinnen (sofern Dummheit, vor allem in diesem Alter, selbst verantwortet sein kann), klare Sache. Tweet raushauen, wieder gut fühlen, fertig.

Jetzt muss ich aber selbst noch einmal kurz in die Mottenkiste greifen … liegt so verführerisch nahe…*wühl*…*kram*…Tadaaa: Wir sollten es mittlerweile eigentlich besser wissen. Das Narrativ eines bösen Führers mit manipulierbaren, gedankenlosen Mitläufern war nicht nur in Grimms „Der Rattenfänger von Hameln“ irgendwie zu spooky, um menschlich zu sein. Sondern dieses Narrativ sollte – Achtung: stumpfer Nazi-Vergleich! – auch die juristische und moralische Aufklärung der deutschen Verbrechen im zweiten Weltkrieg prägen und wesentlich behindern. „Der Nazi-Vergleich ist nun aber ganz schön weit hergeholt“, werden jetzt sicher viele denken, „was haben denn bitte Kosmetik-Hauls mit Politik und Gesellschaft zu tun?“. Ziemlich viel, behaupte ich, und da spricht jetzt vor allem die soziologisch interessierte Erziehungswissenschaftlerin aus mir.

Was Bienchen-Sein mit den großen Aufgaben des Erwachsenwerdens im Kapitalismus zu tun hat

Ergebnisse medienpädagogischer Forschung zeigen sehr deutlich, dass Kinder und Jugendliche nicht nur einfache Konsumenten von Medien und Medieninhalten sind, sondern dass sie diese aktiv nach ihren ganz persönlichen Bedürfnissen auswählen. Sie nutzen Medien und Medieninhalte nicht nur zum Entertainment, sondern zum Beispiel auch für die Bewältigung ihrer altersspezifischen Entwicklungsaufgaben. Entwicklungsaufgaben sind im Grunde Aufgaben, die jeder junge Mensch beim Erwachsenwerden meistern muss. Welche Entwicklungsaufgaben wie zu bewältigen sind, ist hochgradig durch die Gesellschaft bestimmt, in der Kinder und Jugendliche aufwachsen. Im Kern der Entwicklungsaufgabe geht es dabei einerseits um die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit sowie andererseits um soziale Integration. Oder anders formuliert: Es geht um die Entwicklung einer autonomen, aber gesellschaftskonformen Persönlichkeit. In westlichen Industriegesellschaften wie Deutschland wachsen Kinder und Jugendliche in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung auf, die marktgesteuert funktioniert, in der Konsum und Kapitalanhäufung wesentlich sind, in der Familien als Kern der Gesellschaft konzipiert werden (zumindest sofern die Eltern heterosexuell sind) und in der insbesondere der Frauenkörper als wesentliches Kontroll- und Machtzentrum fungiert. Und so ist es wenig erstaunlich, dass die hiesige Soziologie und Erziehungswissenschaft unter anderem „Binden“ und „Konsumieren“ als wesentliche Entwicklungsaufgaben identifiziert. Gesellschaftlich erwartetes Ziel ist es hier erstens, Fähigkeiten für eine spätere Familiengründung zu erwerben sowie zweitens, Fähigkeiten für die Rolle als Konsument_in einzuüben. Dazu gehört etwa die Entwicklung der eigenen Körper- und Geschlechtsidentität, die emotionale Ablösung von den Eltern und die Fähigkeit, tragfähige Bindungen zu Gleichaltrigen aufzubauen, die Entwicklung von sozialen Kontakten und Entlastungsstrategien sowie die Fähigkeit zum Umgang mit Wirtschafts-, Freizeit- und Medienangeboten (vgl. etwa Hurrelmann & Quenzel 2012, S. 28).

Vor diesem Hintergrund bieten mediale Protagonist_innen wie Dagi Bee und Bibi mit ihren Formaten wesentliche Ankerpunkte, die Orientierung schaffen können, wie das sleeke Fitting in eine kapitalistische Gesellschaft gelingen kann. Am Übergang zwischen Kindheit und Jugend ist der Ablösungsprozess von den Eltern in vollem Gange und damit aber auch der Verlust von Sicherheit sowie (wenn es gut gelaufen ist) bedingungsloser Akzeptanz. Sich in dieser Situation einer Community anzuschließen, die diese Verluste ein Stück weit auszugleichen vermag, halte ich daher keineswegs für dumm, vielleicht clever, auf jeden Fall aber pragmatisch. Versteht mich nicht falsch, ich will solche Youtube-Formate mit ihren zuweilen einseitigen, stereotypen Frauenbildern nicht unkritisch verteidigen. Ich will eine andere Perspektive anbieten, welche die vermeintlichen Opfer ernst nimmt.
Und schließlich wird bei Menschen im Unterschied zu Bienen zum Glück nicht schon mit der Versorgung als Larve vorbestimmt, ob sie einmal fremdgesteuerte Arbeitsbienen oder mächtige Königinnen werden. Emanzipation ist bei Menschen auch noch jenseits des Larven-Stadiums möglich und erschöpft sich nicht in „entweder fremdgesteuerte Arbeiterin oder autonome Königin“.

Meine urlaubstrunkenen Twitter-Ergüsse waren daher vielleicht nicht unbedingt missverständlich, dafür aber ziemlich dumm. Selbsterkenntnis und so… autsch. Also wieder zurücklehnen und die Entwicklung aus der Ferne mit einem gesunden Maß an Kritik beäugen? Nein. Aus meiner Sicht können wir uns zumindest nicht weiterhin in der Sonne fläzten und mit dem Finger auf die Anderen im Schatten zeigen. Denn die Schuldfrage stellt sich nun ein kleines bisschen unbequemer: Wie können wir eine medienunterstützte „Ausbeutung“ junger Menschen überhaupt moralisch anprangern, ohne die kapitalistische Gesellschaft an sich moralisch zu befragen, für die wir schließlich alle verantwortlich sind? Hier wird es nun tatsächlich kompliziert – und zwar für jede_n von uns.

Quellen
Penny, Laurie (2012): Fleischmarkt: Weibliche Körper im Kapitalismus. Hamburg: Verlag Lutz Schulenberg
Hurrelmann, Klaus; Quenzel, Gudrun (2012): Lebensphase Jugend: Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. 11., vollständig überarbeitete Auflage. Weinheim und München: Beltz Juventa

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dodo <![CDATA[„Arbeite mal an Deinem Männerbild!“]]> http://maedchenblog.blogsport.de/2015/08/01/arbeite-mal-an-deinem-maennerbild/ 2015-08-01T16:14:01Z 2015-08-01T16:14:01Z kurz und knapp Junge Kosovaren lernen Gewaltlosigkeit und ein neues Männerbild kennen:

„Ich dachte, so muss es sein. Ein Mann hat keine Gefühle. Ein Mann kennt keine Argumente. Er schlägt einfach zu.“

Jetzt ist Jetmir 18. Als er in der Schule erzählte, dass er seiner Mutter im Haushalt hilft, sagten seine Kumpels: „Du Memme. Davon wird man schwul.“ Jetmir antwortete: „Na und, Schwulsein ist doch nichts Schlimmes.“ Sie sahen ihn an, als habe er eine ansteckende Krankheit. Als Jetmir sich für ein Theaterstück die Lippen rot anmalte, schämte er sich. Aber da war der Vorsatz, die Drogen und Prügeleien aufzugeben: „Ich wollte lernen, ein echter Mann zu sein.“ Be a Man heißt die Initiative der Jugendorganisation Peer Educators Network (PEN), die Jetmirs Leben änderte.

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dodo <![CDATA[Transidentität keine Hormonstörung]]> http://maedchenblog.blogsport.de/2015/07/22/transidentitaet-keine-hormonstoerung/ 2015-07-22T04:01:43Z 2015-07-22T04:01:43Z kurz und knapp Eine neue US-Studie räumt nun endgültig mit der antiquierten Vorstellung auf, Transidentitäten rührten von einem hormonellen Ungleichgewicht her:

Wir konnten mit der rückständigen Annahme aufräumen, dass Transsexualität durch ein Hormonungleichgewicht hervorgerufen wird“, sagt Erstautorin Johanna Olsen. Entgegen früherer Annahmen hatten die Teilnehmer keine ungewöhnlichen Hormonspiegel.

Für den Hirnforscher Georg Kranz von der Medizinischen Universität Wien passt dieses Ergebnis gut ins Bild. Schließlich gehe man mittlerweile davon aus, dass sich die Anlagen zur Transidentität bereits im Mutterleib bilden und nicht umkehrbar sind: „Die geschlechtliche Prägung des Körpers – und damit auch die späteren Hormonwerte – und die des Gehirn geschehen zeitlich versetzt während der Schwangerschaft.“

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